Zur Freiheit geführt – Das Jagdverhalten umlenken

Jagen ist ein Instinkt. Ein Trieb, sagen viele, aber aktuell spricht man von „Verhalten“ anstatt von „Trieben“.

Warum Jagen?

Ursprünglich entspricht Jagen den Notwendigkeiten und Bedürfnissen des Hundes: Unser Haushund stammt vom Wolf ab, und für diesen war und ist Jagen schlicht überlebensnotwendig – um sich und seine Familie zu ernähren, um fit und fortpflanzungsfähig zu bleiben, um den Nachwuchs gut zu versorgen. Jagen ist ein genetisch herausgearbeitetes Verhalten, um die Art zu erhalten. Der Mensch hat durch Zuchtauswahlkriterien zahlreiche, sehr unterschiedliche Hunderassen für verschiedene Aufgaben geschaffen: Jagdhunde zum Beispiel, um ihr Jagdverhalten für sich zu nutzen. Oder er hat die Auswahl so getroffen, dass andere Merkmale in den Vordergrund rücken und bestimmte Rassen so weit weniger Jagdverhalten zeigen. So tragen unsere Haushunde heute Rasse- und innerhalb der Rasse auch Charakterabhängig noch immer ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Jagdverhalten in sich. Natürlich besteht für die meisten unserer Haushunde nicht mehr die Notwendigkeit zu jagen, um sich zu ernähren, aber das hat ihr genetisches Programm noch nicht bemerkt. Deshalb kann sich auch der mit drei Mahlzeiten täglich gut versorgte, leicht übergewichtige Hund in der Stadt für ein plötzlich auftauchendes Eichhörnchen begeistern. Wichtig ist jedenfalls zu verstehen, dass Jagen für Hunde etwas völlig Natürliches ist. Erst in unserer Gesellschaft und mit den Maßstäben der modernen Welt betrachtet wird es zu etwas Unerwünschtem. Für unsere Hunde ist und kann jagen nicht „falsch“ sein.

Jagdsequenzen

Jagen besteht nicht nur aus Hinterherlaufen und Töten, sondern aus mehreren sogenannten Jagdsequenzen, die Hunde keineswegs immer in gleicher Art und Weise zeigen. Sie sind abhängig von Rasse, Individualcharakter, Alter und Erfahrungen in unterschiedlichen Ausprägungen bei letztlich allen Jägern zu beobachten. Am Beginn steht das Orientieren, Schauen, Schnüffeln, Orten. Wurde geortet, folgt das Fixieren der Beute – wiederum gefolgt von Anschleichen, Hetzen, Packen, Töten und dem Verzehr der Beute. Jagen in seiner Gesamtheit beinhaltet also viele verschiedene Handlungen.

Jogger, Radfahrer, Kinder – Wann Spiel? Wann Jagd?

Sieht man nun genauer hin, kann man erkennen, dass Hunde zumindest Teile dieser Sequenzen im Alltag auch ohne Wild vor der Nase zeigen: zum Beispiel in der Begegnung mit Joggern, Radfahrern oder – ganz heikel – mit Kindern. Viele Unfälle resultieren aus nicht erkannten Jagdsequenzen. Im Garten tobende Kinder können Auslöser für Jagdverhalten beim Hund sein. Der Hund kann hier nicht moralisch zwischen falsch und richtig unterscheiden, sondern seine Jagdsequenzen werden durch Schlüsselreize – das sind Reize, die genetisch veranlagtes Verhalten auslösen – wie zum Beispiel durch Schreien und eine schnelle Bewegung oder Rückwärtsfallen ausgelöst und laufen dann einfach ab, ohne dass der Hund bewusst darauf Einfluss nehmen kann. Wann das lustige Spiel endet und das Jagdverhalten beginnt, ist pauschal schwer festzulegen. Spätestens aber, wenn der Hund ein Objekt mit seinem Blick intensiv fixiert, darf und sollte man der Situation Aufmerksamkeit widmen. Fixieren zeigt eine gewisse Spannung an, die ein weiteres Verhalten ankündigt – möglicherweise Anschleichen, Hetzen …

Wie gehe ich mit dem Jagdverhalten meines Hundes NICHT um?

Nachdem Jagdverhalten eine angeborene, genetisch vorgegebene Eigenschaft ist, kann man sie weder wirklich verbieten noch abgewöhnen. Natürlich kann man den Hund mit Druck daran hindern zu jagen, sozusagen also einen schweren Deckel auf das Problem drücken. An seinem Bedürfnis und seinem starken Drang, dieses Bedürfnis zu befriedigen, an der Anspannung im Körper und allen damit verbunden ausgeschütteten Hormonen ändert ein Verbot aber rein gar nichts. Die grundlegende Motivation wird bestehen bleiben, denn Hinterherhetzen löst im Körper Hormonfluten aus, die stark belohnend wirken – auch wenn die Beute nicht erwischt wird! Selbstbelohnend nennt man das Gefühl, das der Hund während der Aktion empfindet. Es ist also vollkommen überflüssig, dem Hund zu sagen, dass sein Verhalten falsch und böse war. Sein Körper hat ihm bereits während der Handlung etwas ganz anderes gesagt und war dabei viel deutlicher, mit dem Erfolg, dass der Hund nächstes Mal in einer ähnlichen Situation genauso wieder handeln wird.

Verrutscht der Deckel dann einmal, oder wird gerade nicht ausreichend Druck ausgeübt, tritt das unerwünschte Verhalten unverändert auf – unter Umständen verstärkt in Addition der vorher unterdrückten Bedürfnisse. Seien Sie also durchaus skeptisch, wenn Ihnen jemand anbietet, Ihrem Hund das Jagen abzugewöhnen, oder Ihnen zeigen will, wie Sie es verbieten können.

Wie gehe ich damit um?

Wenn nun ein Verbot nicht sinnvoll und ein Abgewöhnen nicht möglich ist, was kann man dann tun? Leopold Dekrout, Direktor der Hundeschule „Hundefragen“, hat sich sehr ausgiebig mit diesem Thema auseinandergesetzt. Er hat recherchiert und war vor allem auch mit etlichen Jägern und ihren Hunden unterwegs, um einen praktikablen und erfolgreichen Weg zu finden, mit diesem Verhalten umzugehen. Das Ergebnis: Kooperation ist ein Schlüsselwort! Für all unsere Hunde, egal welcher Rasse sie angehören, ist es sinnvoll und notwendig, mit uns zu kooperieren, auch wenn manche von ihnen es nicht zu wissen scheinen oder aufgrund ihrer Lebensumstände bisher noch nicht richtig erkannt haben. Das Bedürfnis zu Jagen kann man nicht verbieten, aber sehr wohl etwas Gemeinsames daraus entstehen lassen! Das zeigt dem Hund, dass sich Kooperation mit uns auszahlt. Gemeinsam wird es ihm noch mehr Spaß bringen, und er wird sich dafür entscheiden, mehr mit uns gemeinsame Sache zu machen und weniger alleine. Zeitgleich erfährt der Hund, dass wir seine Bedürfnisse erkennen und darauf eingehen, was wiederum die freiwillige Kooperation mit uns enorm fördert.

Das Training

Leopold Dekrout hat seinem Kurs „Zur Freiheit geführt“ praxisnah und alltagstauglich aufgebaut. Neben einem theoretischen Teil stehen praktische Stunden am Hundeschulgelände, in denen man unter kontrollierten Bedingungen die entsprechenden Werkzeuge aufbaut und einübt, sowie Einheiten draußen am Feld oder im Wald. Es geht darum, die Bedürfnisse des Hundes zu erkennen und aktiv zu stillen – aber eben in einem Rahmen, der sich mit unseren Vorstellungen und mit gesellschaftlichen Regeln deckt. Praktisch bedeutet das, den Hund seine individuellen Bedürfnisse auch ausleben zu lassen. Das kann bei dem einen in erster Linie das Laufen, das Hinterherhetzen sein. Wir zeigen dem Hund, dass wir nicht jeden Hasen jagen können, bringen ihn aber gleich nach der Situation in eine von uns kontrollierbare Situation, in der er einem Ersatzobjekt nachrennen kann. Besteht schon eine gute Bindung zwischen Mensch und Hund, kann zum Beispiel an langer Leine Distanz geschaffen werden, um ihn dann, wenn er etwas ortet, zu uns rennen zu lassen und ein besonderes Spielzeug zu werfen, das der Hund nun „jagen“ kann. Das Bedürfnis Laufen bzw. Hinter-etwas-herrennen wird also mit uns gemeinsam zufriedenstellend gestillt. Ein anderer Hund kann es als belohnender empfinden die Nase einzusetzen und damit eine Spur zu verfolgen. Wenn er weiß, dass wir ihm eine Spur zeigen werden, kann er wiederum lernen, dass er nicht jederzeit jeder Spur hinterherläuft und uns aus seiner Aufmerksamkeit streicht. Es kann eine richtig gute und spannende Sache sein, wenn wir mit ihm gemeinsam eine Spur verfolgen, was ihm wesentlich mehr Spaß machen wird als im Alleingang unterwegs zu sein. Und wieder haben wir damit sein Bedürfnis erkannt und gestillt – und waren maßgeblich mit dabei! Damit das funktioniert, muss eine starke Bindung des Hundes an uns aufgebaut werden. Auch das gelingt durch positive Arbeit, mit Freude und Spaß leichter, besser und nachhaltiger als durch Druck, Strafe oder Schmerzreize.

Wir müssen lernen, die Körpersprache des Hundes zu lesen, um den Beginn des Jagens mit den ersten Sequenzen wahrzunehmen, beispielsweise es als Orientieren und Orten erkennen, wenn der Hund abrupt stehenbleibt und die Nase in die Luft streckt. Ist er erst einmal alleine hinter Wild her, waren wir viel zu spät dran, haben etwas davor übersehen und können nur mehr Management betreiben – oder über Hilfsmittel ein natürliches Verhalten korrigieren, was wiederum die so notwendige Bindung negativ beeinflusst. Es sei also von technischen Wunderlösungen wie einem Sprühhalsband abgeraten, weil es das Jagdverhalten vielleicht unterbricht, den Hund aber keine Alternative lehrt. Zudem nutzt sich der Schreckreiz bei einem derart starken Bedürfnis oft ab, denn die Hormone stärken den Körper gegen den Schreck, so dass das Halsband irgendwann keine Wirkung mehr zeigt.

Ein weiterer wichtiger Punkt im Kurs ist der Aufbau eines positiven Abbruch- oder Umorientierungssignals in den ersten Einheiten. Dieses soll als Notanker dienen, wenn wir einmal abgelenkt waren und die Zeichen des Hundes übersehen haben. Wird ein solches Signal positiv und mit Freude aufgebaut, findet eine weitaus schnellere Automatisierung statt. Der Hund lernt damit Alternativverhalten: Statt sofort nach vorne zu starten, kann er seine Menschen einbeziehen und abwarten, was sie ihm dazu anbieten. Manche Hunde können regelrecht nach der Kooperation und dem gemeinsamen Agieren fragen.

Was lernt der Hund im Training?

Der Hund lernt zumeist sehr schnell, dass es ihm Vorteile bringt, mit dem Menschen zu kommunizieren und die Kooperation mit ihm zu suchen. Achtsamkeit ist ein wichtiges Stichwort in diesem Zusammenhang: Der Hund lernt, dass es sich lohnt, seine Menschen durch Achtsamkeit auf sie miteinzubeziehen, und er lernt, dass seine Menschen ihm die notwendige Achtsamkeit entgegenbringen, seine Bedürfnisse erkennen und etwas im Angebot haben, diese zu stillen. Der Hundehalter wiederum lernt, dass er kein rein reagierendes Anhängsel seines jagenden Hundes ist, sondern wie er sich einbringen kann, wie er Teil des Ganzen und Auslöser für spannende gemeinsame Erlebnisse mit seinem Hund werden kann. Er lernt im richtigen Maß Achtsamkeit zu schenken – und selbstverständlich viel über die Körpersprache seines Hundes.

Und das Training hat erstaunliche Nebeneffekte hinsichtlich der Förderung und des Aufbaus einer intensiven Bindung zwischen Hund und Mensch. Die gegenseitige Achtsamkeit wird auf beiden Seiten zur Selbstverständlichkeit – und das in allen Situationen. Es wirkt sich nicht nur auf das Jagen aus, sondern schlägt überraschend weite Wellen in den gesamten Alltag mit unseren Hunden: ein positiver Weg, wieder entspannte gemeinsame Spaziergänge zu genießen und den Hund quasi in die Freiheit zu führen.

Eine genaue Trainingsanleitung finden Sie bei Leopold Dekrout in seinem gleichnamigen Kurs „Zur Freiheit geführt“ in der Hundeschule „Hundefragen“

www.hundefragen.at


Marcus Killer
Assistenztrainer in der Hundeschule „Hundefragen“
www.hundefragen.at