Zahnpflege: ein Muss auch für Hunde!

Zahnpflege_ein_MussDie Folgen fehlender Mundhygiene bei Vierbeinern sind wesentlich schwerer als man sich allgemein vorstellt. Chronische Erkrankungen von Zähnen und Zahnhalteapparat verursachen nicht nur quälende Schmerzen, Zahn- und Knochenverlust, sondern schädigen längerfristig auch Herz, Nieren und Leber. Außerdem werden auch Tumore in der Maulhöhle viel später entdeckt, da mit der fehlenden Zahnpflege auch die Kontrolle der Maulhöhle unterbleibt. Die „mein HAUSTIER“-Redaktion hat den Spezialisten für Tier-Zahnheilkunde, Mag. Matthias Schweda von der Veterinärmedizinischen Universität Wien, zu den Themen „Gesunderhaltung von Hundezähnen“ und „Tumorerkrankungen in der Maulhöhle“ befragt.

Mit welchen Problemen werden Sie als Hundezahnarzt besonders oft konfrontiert?
Mag. Schweda: Zahnsteinbildung, Gingivitis und Parodontitis sind sicherlich die häufigsten Probleme. Es ist leider eine traurige Tatsache, dass schon 80 Prozent aller Hunde über vier Jahren an Parodontitis leiden; es ist dies eine Entzündung des gesamten Zahnhalteapparates, die mit einer massiven Knochenentzündung einhergeht. Da die Gingivitis, also die Zahnfleischentzündung, der erste Grad einer Parodontitis ist, ist es sehr wichtig, diese Erkrankung unverzüglich zu behandeln. Denn beim gesunden Tier verschließt die Gingiva (Zahnfleisch) den restlichen Zahnhalteapparat. Wenn sich das Zahnfleisch zurückzieht, kann die Entzündung weiter in den Zahnhalteapparat – bis in den Alveolarknochen – vordringen. Die Gingivitis im Anfangsstadium kann man möglicherweise mit geringem Behandlungsaufwand stoppen, danach ist im fortgeschrittenen Stadium eine vollständige Heilung leider nicht mehr möglich. Da sehr oft die Zahnsteinbildung für die Gingivitis verantwortlich gemacht werden kann, ist die Entfernung des Zahnsteins zielführend.

Wie erfolgt die Behandlung der Gingivitis?
Mag. Schweda: Der erste Behandlungsschritt ist die Durchführung einer Mundhygiene. Dabei wird die Maulhöhle mit chlorhexidinhältigen Lösungen gespült und die Zähne mit Ultraschallscalern vom Zahnstein befreit und gereinigt. Anschließend wird die Zahnoberfläche noch poliert, damit in Zukunft die Anheftung von Plaque (Zahnbelag) erschwert wird. Nach einer genauen Sondierung jedes einzelnen Zahnes werden vorhandene Zahntaschen gereinigt, kürretiert und – falls vorhanden – entzündlich gewucherte Zahnfleischteile chirurgisch entfernt. Dadurch wird die physiologische Form wieder hergestellt, so dass die Selbstreinigung der Zähne wieder funktionieren kann. Wenn die Taschen zu tief sind – sie sollten bei Hunden nicht tiefer als 3mm sein – können nur noch aufwändige chirurgische Techniken vor einem Zahnverlust schützen. Nach der abgeschlossenen Sanierung des Gebisses wird noch eine an der Zahnoberfläche haftende Chlorhexidinpaste aufgetragen. Wenn jedoch auch schon weite Teile des Knochens von der Entzündung betroffen sind, muss eine Antibiotika-Behandlung erfolgen. In leichten Fällen kann Salbeitee unterstützend helfen. Nach ungefähr einer Woche ist die Maulhöhle abgeheilt und von da an ist es wichtig, dass der Hundehalter seinem Vierbeiner regelmäßig die Zähne putzt.

Womit darf man Hunden die Zähne putzen?
Mag. Schweda: Zur Hundezahnpflege sollte man besonders weiche Zahnbürsten – im Zoofachhandel und beim Tierarzt erhältlich – verwenden, damit das Zahnfleisch nicht irritiert oder gar verletzt wird. Denn die Zähne des Hundes haben größere Abstände zueinander als die des Menschen, weshalb das Zahnfleisch beim Hund zwangsläufig mehr Kontakt mit der Zahnbürste hat. Da Hunde Zahnpasta abschlucken, darf keine für den menschlichen Gebrauch bestimmte Zahncreme verwendet werden. Es gibt spezielle Hundezahnpasten, aber man kann auch einfach Wasser und Schlemmkreide (Nicht bei Katzen anwenden!) verwenden.

Können Sie auch Zahnputz-Fingerlinge für Hunde empfehlen?
Mag. Schweda: Fingerlinge zum Zähneputzen empfehle ich schon deshalb nicht, weil ihre Verwendung eine Gefahr für den Tierhalter darstellt. Man kann niemals ausschließen, dass bei der Berührung eines Zahnes oder einer wunden Stelle an der Maulschleimhaut ein plötzlicher Schmerz auftritt und das Tier dann reflexartig zubeißt.

Und was ist Ihre Meinung zu im Handel erhältlichen Zahnpflege-Kau-Stix?
Mag. Schweda: Ich stehe diesen Produkten, z.B. Dentastix, absolut positiv gegenüber; sie haben tatsächlich zahnreinigende Wirkung. Das Prinzip ist folgendes: Die Struktur des Kau-Stix hält den ersten Biss aus ohne auseinanderzubrechen, der Hund zieht den Zahn wieder heraus und dabei erfolgt die Reinigung. Erst beim wiederholten Zubeißen bricht das Stangerl und Geschmacksstoffe werden frei. Dentastix enthalten außerdem Substanzen, die das im Speichel enthaltene Kalzium binden und so die Zahnsteinbildung verlangsamen. Auf diese Weise bleibt Zahnbelag länger weich und kann beim Kauen und natürlich auch mit der Zahnbürste gut entfernt werden, wohingegen Zahnstein nur vom Tierarzt entfernt werden kann.

Wie oft sollte man dem Hund die Zähne putzen?
Mag. Schweda: Da die Selbstreinigungsfunktion der Zähne beim Hund größer ist als beim Menschen, reicht es, dem Hund jeden zweiten Tag die Zähne zu putzen und an den Tagen dazwischen ein Zahnpflege-Kau-Stix kauen zu lassen.

Gibt es einen Zusammenhang von schlechter Zahnpflege und Tumoren im Maul?
Mag. Schweda: Tumorerkrankungen in der Maulhöhle beim Hund werden meist erst in einem sehr spätem Stadium erkannt, nämlich nach WHO (Weltgesundheitsorganisation) im Stadium drei bis fünf, was bedeutet, dass es sich schon um einen sehr großen – häufig größer als 4cm – Tumor handelt, der meistens schon Metastasen (Tochtergeschwülste) in den Regionallymphknoten gebildet hat. Im Gegensatz dazu bemerken Hundebesitzer, die Ihrem Vierbeiner regelmäßig die Zähne pflegen, Tumore bereits viel früher – nämlich zu einem Zeitpunkt, zu dem die Tumore noch klein sind und oft noch nicht metastasiert haben. Und natürlich sind Tumore im Frühstadium auch besser zu therapieren. Das regelmäßige Putzen der Hundezähne hat also abgesehen von der Zahngesundheit noch einen Zusatznutzen, nämlich die regelmäßige Kontrolle der Maulhöhle. Man darf auch nicht vergessen, dass eine schlechte Mundhygiene zur chronischen Parodontitis führt und chronische Entzündungen nicht nur das Entstehen von Tumoren begünstigen – Entzündungszellen können sich in Tumorzellen verwandeln –, sondern auch das Tumorwachstum vorantreiben. In einer sauberen, gepflegten Maulhöhle ohne Entzündungen wächst ein Tumor möglicherweise langsamer.

Sind Tumoren in der Maulhöhle häufiger gutartig oder bösartig?
Mag. Schweda: Im Gegensatz zur Katze, bei der 90 Prozent aller Tumoren in der Maulhöhle bösartig sind, überwiegen beim Hund die gutartigen Geschwülste. Und hier allen voran die Epuliden – Geschwülste, die vom Zahnhalteapparat ausgehen und der teilweisen Entfernung des rechten Unterkiefers allgemein als Zahnfleisch-Wucherungen bekannt sind. Besonders häufig findet man Epuliden beim Boxer, hier kann man von einer Rassen-Disposition sprechen. Probleme treten meist erst dann auf, wenn die Epulis sich entzündet oder so groß wird, dass der Hund draufbeißt oder Schwierigkeiten beim Fressen und beim Kieferschluss hat. Epuliden teilen sich in drei Gruppen ein, wovon eine leider bösartig ist und zu einer massiven Knocheninvasion im Bereich des Tumors führt. Es muss dann gemeinsam mit dem Tumor auch der Zahn und der Knochen an dieser Stelle entfernt werden, um den Zahnhalteapparat, von dem der Tumor ja ausgeht, zu zerstören. Allen Epuliden gemein ist jedoch, dass sie nicht metastasieren und nur lokal Schaden anrichten.

Wie hoch ist der Prozentsatz an bösartigen Tumoren?
Mag. Schweda: Ungefähr 30 Prozent der Maulhöhlen-Tumoren beim Hund sind bösartig Read More Here. Besonders bösartig ist das orale Melanom. Entgegen der gängigen Meinung, dass jedes Melanom schwarz sein muss, sind ein Drittel der oralen Melanome nicht schwarz gefärbt, sondern haben die Farbe normaler Schleimhaut. Man kann also nicht einfach durch bloßes Hinschauen sagen, um welchen Tumor es sich handelt. Und ganz sicher ist nicht jeder Tumor in der Maulhöhle ein Grund den Hund gleich einzuschläfern. Leider haben die meisten Melanome zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung bereits metastasiert, was eine umfangreiche Behandlung erforderlich macht. Ich kann deswegen nur wiederum auf die Wichtigkeit der Früherkennung hinweisen. So sollte auch bei der jährlichen Impf-Untersuchung die Maulhöhle gründlich angeschaut werden und jeder Tierarzt sollte den Hundehalter auf die Folgen fehlender Zahnpflege aufmerksam machen.

Was fällt Hundehaltern auf, wenn das Tier an einem oralen Melanom leidet?
Mag. Schweda: Da der Tumor dem Hund kaum Schmerzen bereitet, fällt dem Besitzer lange nichts auf. Erst wenn der Tumor bereits so groß ist, dass der Hund aus dem Maul blutet oder fürchterlich aus dem Maul stinkt, fällt das dem Besitzer auf und hat zur Folge, dass dieser dem Hund ins Maul schaut. Manchen Hundehaltern fällt auch auf, dass der Hund langsamer und müder, vielleicht „älter“ wird – auch das kann ein Hinweis auf ein Tumorgeschehen sein.

Wie wird das orale Melanom behandelt?
Mag. Schweda: Die zielführendste Therapie ist die chirurgische Entfernung des Tumors, die leider hier im Kopfbereich nicht komplikationslos ist. Es ist sehr wichtig, dass vor der Operation durch genaue diagnostische Methoden, wie Computertomographie, die Tumor-Abgrenzung für die operative Planung dargestellt wird. Besonders schwierig sind Operationen im Bereich des Oberkiefers, da der Operationsbereich durch Auge und Nase eingeschränkt wird. Manchmal muss auch ein Auge mit entfernt werden. Etwas einfacher wird es, wenn sich das Tumorgeschehen und somit die Operation im Bereich des Unterkiefers abspielt. Hier können auch größere Stücke vom Kieferknochen entfernt werden, was von den betroffenen Tieren gut vertragen wird und zur Heilung führen kann. Prinzipiell kann man sagen, je weiter vorne im Kiefer sich der Tumor befindet, umso größer sind die Heilungs-Chancen. Wenn es jedoch nicht möglich ist, den ganzen Tumor zu entfernen, muss man so viel vom Tumor wegschneiden, wie es die Situation erlaubt, um die Tumorlast für den Organismus zu verringern. Danach kommen Chemotherapie und Bestrahlung zum Einsatz, wobei oft die Chemotherapie auf die Metastasen und die Bestrahlung auf den Primärtumor wirken. Neu ist die Immuntherapie gegen Melanome, die nach der Operation zum Einsatz kommt. Die Melanom-Vakzine dürfen nur zertifizierte onkologische Zentren, wie zum Beispiel die Veterinärmedizinische Universität Wien, anbieten und sie muss für jeden Patienten einzeln und individuell bestellt werden. Vier Gaben im Abstand von zwei Wochen und eine Nachimpfung nach einem halben Jahr sind nötig. Der Preis für vier Dosen beträgt um die 1300 Euro. Eine Kombination der Melanom-Vakzine mit Chemotherapie und Bestrahlung ist möglich.

Welche Lebensqualität haben betroffene Hunde nach der Therapie?
Mag. Schweda: Wir streben an, dass die Vierbeiner diese Lebenserwartung, die sie ohne Melanom gehabt hätten, auch jetzt erreichen. Aber selbstverständlich muss die Lebensfreude erhalten bleiben, wofür sich palliative Methoden anbieten. Da bei der Operation sehr genau und minimal-invasiv gearbeitet wird, haben die Hunde eine kurze Rekonvaleszenz und die Erfolge sind gut.