Yoga für Hunde

Entspannend und gesundheitsfördernd

Unsere Hunde sind uns unendlich nah. Wir wissen heute täglich mehr über die intensive Beziehung zwischen Mensch und Hund, die die Domestikation hervorgebracht hat, und wir leben diese Beziehung in vielerlei Facetten. Oft ist der Vorwurf der Vermenschlichung nicht weit und in mancherlei Hinsicht vielleicht auch berechtigt, aber so lange diese „Vermenschlichung“ auf den gemeinsamen biologischen Grundlagen basiert, die Mensch und Hund verbinden, ist sie nicht nur gerechtfertigt, sondern Teil einer intensiven Beziehung zweier denkender und fühlender Lebewesen. Wir teilen unser Leben mit unseren Hunden, und natürlich auch unseren Lebensstil – mit allen Risiken und Nebenwirkungen, den der Alltag mit seinen beständig steigenden Anforderungen mit sich bringt. Wir Menschen suchen bewusst nach Möglichkeiten der Entspannung, nach Momenten der Konzentration und Achtsamkeit uns selbst gegenüber – Aspekte, die auch das ihrige zum Wohlbefinden unserer vierbeinigen Partner beitragen können – zum Beispiel durch Hundeyoga! Bettina Specht, Hundetrainerin und Leiterin einer Hundeschule in Tirol, leistet mit ihrem neuen Projekt „Vier Pfoten Asanas“ – Asanas sind die ruhenden Körperstellungen im Yoga – Pionierarbeit in diesem Bereich.

Im Gespräch mit „mein HAUSTIER“ erklärt sie, warum Hundeyoga mehr als Akrobatik ist und zu einer sinnstiftenden Bewegungs- und Beschäftigungsform für Hunde werden kann.

mein HAUSTIER: Hundeyoga gehört heute noch nicht unbedingt zum Standardangebot in Hundeschulen. Sie leisten mit „Vier Pfoten Asanas“ da gerade Pionierarbeit. Wie entstand die Idee? Was ist Hundeyoga?

Bettina Specht: Ich habe vor einigen Jahren selbst mit Yoga angefangen und nach den ersten anstrengenden Stunden gespürt, dass es mir guttut. Da ich ursprünglich Diplomvolkswirtin bin, suche ich immer nach wissenschaftlichen Belegen und bin in verschiedenen Studien auf viele Zusammenhänge gestoßen. So ist heute beispielsweise bewiesen, dass eine Muskelverspannung im Nacken weitreichende Konsequenzen für den Organismus hat: Die Muskelverspannung drückt auf die Halswirbelsäule, die ihrerseits wiederum Druck auf das Rückenmark ausübt. Damit gerät der Organismus in einen Alarmzustand. Stresshormone werden ausgeschüttet, die nicht nur das Immunsystem negativ beeinflussen, sondern die auch die Arbeit der Mitochondrien, die oft als die „Kraftwerke unserer Zellen“ bezeichnet werden, beinträchtigen und damit letztlich den gesamten Organismus schädigen. Yoga hilft zum Beispiel, solche Verspannungen zu lösen. Man findet immer mehr Punkte, warum Yoga uns Menschen nützt. Plötzlich wurde mir dann bewusst, dass auch unsere Hunde immer wieder die ein oder andere Yogaposition einnehmen. Der „herabschauende Hund“ ist eine der bekanntesten Yogapositionen, die man selbst in den ersten Stunden kennenlernt. Die Kombination „herabschauender Hund“ und Stützposition wird vom gesunden Hund häufig nach dem Schlafen gezeigt. Zudem entspricht der „herabschauende Hund“ auch der Vorderkörpertiefstellung, die zu den Calming Signals gehört, die ihrerseits der Deeskalation und Selbstberuhigung dienen. Somit nutzen Hunde diese typische Position offensichtlich auch als eine Möglichkeit, um Stresssituationen zu bewältigen und zu entspannen.

Das sind also Körperhaltungen, die zum natürlichen Ausdrucksverhalten unserer Hunde gehören?

Ja! Aber ich habe in meiner Arbeit als Hundetrainerin viele Angsthunde begleitet und mir fiel auf, dass gerade diese Hunde diese Positionen gar nicht mehr zeigen und sie zudem auch eher unter Muskelverspannungen und -verkürzungen leiden, was man beispielsweise auch bei vielen Hunden in Tierheimen beobachten kann. Damals fragte ich mich, ob ich Angsthunden vielleicht mit diesen Übungen helfen könnte. Vielleicht würde es ihnen guttun, wenn sie wieder anfangen, sich zu strecken und so wieder ein neues Gefühl für ihren Körper zu entwickeln? Und ja: Nachdem sie diese Positionen erlernt hatten, zeigten sie das Strecken immer öfter von selber, für mich ein Indiz, dass es ihnen guttut. Außerdem lehrt uns ein Blick in die Geschichte, dass die Yogis offensichtlich die entspannenden Positionen von Tieren abgeschaut haben und versuchten, das nachzumachen. Darum haben viele Yogapositionen Tiernamen. Wir können uns heute gut vorstellen, wie man vor tausenden von Jahren Tiere betrachtete. Man beobachtete, in welchen Positionen sie entspannt waren, und entschloss sich, das auch zu probieren. Das ist für mich ein Indiz, dass Yoga Tieren nicht fremd ist, sondern dass sie das können. Der nächste Schritt ist dann logischerweise der, dass Hund und Mensch gemeinsam etwas machen und beide davon profitieren: beispielsweise Mensch und Hund im Vierfüßlerstand. Eine hervorragende Trainingsmethode ist hier das Lernen durch Nachahmung. Über die Aufforderung „Mach’s wie ich“ kann man dem Hund vielerlei Positionen beibringen. Ich habe das damals in den Gruppen unserer Hundeschule gemacht, und alle hatten viel Spaß. Inzwischen gibt es zu diesem Thema unsere Homepage, Intensivwochen und Webinare für Hundehalter, wir arbeiten an Yo-gakarten und einem Buch. Yogapositionen können auch zielgerichtet zur Muskelentspannung und Muskelkräftigung beitragen. Manchmal gibt es Überschneidungen mit der Physiotherapie, beispielsweise die liegende Position beim Hund, die wir im Yoga die „kleine Kobra“ nennen und die bei Physiotherapeuten Froschposition heißt. Das ist Standardprogramm, um die Hüftmuskulatur zu dehnen. Ich sehe zunehmend, dass dieses Thema wichtig für unsere Hunde ist.

Wichtig auch über die Verhaltenstherapie von Angsthunden und die Körperentspannung hinaus?

Durchaus! Der Bewegungsraum unserer Hunde wird zunehmend eingeschränkt. Es gibt immer mehr Leinenpflicht, immer weniger Freilaufzonen. Ich kann die Politik nicht verändern, aber ich kann versuchen, etwas anderes zu bieten, was man auch Zuhause oder ortsunabhängig machen kann. Ich möchte den Menschen einfach eine andere Bewegungsmöglichkeit an die Hand geben, die jeder umsetzen kann.

Das ist keine große Akrobatik, sondern einfach eine Motivation, den Hund und sich selbst mehr zu bewegen. Man kann das auf der Wiese, im Schnee, überall machen. Wenn der Freilauf in den nächsten Jahren nicht mehr so prickelnd ist, bieten wir eben etwas anderes an. Die politischen Entscheidungen haben diese Entwicklung sicher begünstigt.

Sie erwähnten schon die Notwendigkeit wissenschaftlicher Belege. Können wir Forschungsergebnisse, die sich auf die Wirkungen von Yoga beim Menschen beziehen, auf den Hund übertragen?

Viele Ergebnisse der Angst- und Stressforschung für den Menschen kommen aus Tierexperimenten. Gerade im Bereich der Neurophysiologie und der Abläufe im Gehirn hat man Ergebnisse aus Tierversuchen auf das Säugetier Mensch übertragen. Das ist berechtigt, da das limbische System, der Teil des Gehirns, der unsere Emotionen verarbeitet und Gefühle hervorruft, bei allen Säugetieren gleich ist, und so ist auch die Rückübertragung vom Menschen auf den Hund berechtigt. Wenn Verspannungen gelöst werden, werden zumindest aus diesem Grund auch keine Stresshormone mehr produziert, das gilt für alle Säugetiere, und daher kann man dieses Wissen auch vom Menschen auf den Hund übertragen. Ein anderes Beispiel in diesem Zusammenhang ist die Neuroplastizität: Die Yogapositionen fordern auch das Gehirn, wodurch neue Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen entstehen. Menschen und Hunde, die immer wieder gefordert werden, sei es durch Denkspiele oder durch Turnen, werden auch älter, wie wir wissen. Zudem ist in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen, dass die Konzentration des dämpfenden Botenstoffes GABA im Gehirn durch Yoga erhöht wird.

… was ebenso Einfluss auf das Schmerz-empfinden wie auf die innere Ausgeglichenheit hat. Ähnliche Auswirkungen wurden auch für die Meditation nachgewiesen, die ja ebenso ein wesentlicher Bestandteil im Yoga ist. Können Hunde meditieren?

Das ist eine große Frage … Es gibt ein tolles Buch von Stefan Kirchhoff über Straßenhunde. Dort beschreibt er, dass gerade Hunde, die vom Menschen unbeeinflusst sind, oft stundenlang einfach liegen und gucken – sie schlafen nicht, sondern sie gucken. Vielleicht ist das eine Art meditativer Zustand, in den sie geraten, wenn sie es denn dürfen und können. Zahlreiche Fotos zeigen, dass Hunde, die die Möglichkeit haben, in einen derartigen meditativen Zustand kommen. Ich denke, man kann es so bezeichnen – und wahrscheinlich können sie Stress damit besser abstreifen als wir. Sicher ist: Wenn wir in einem Raum meditieren und der Hund dabei ist, ergibt sich eine Stimmungsübertragung. Wenn wir in diesen bestimmten Raum gehen, wissen die Hunde bereits, um was es geht und entspannen sich deutlich – das ist in unserer Zeit eine tolle Geschichte auch für unsere Hunde. Wir erleben heute alle mehr Belastung. Lärm, Bürostress, das Handy – all das stresst unseren Hund genauso wie uns. Wir dürfen die Stimmungsübertragung auch hier nicht unterschätzen. Wenn Hund und Mensch bei einem Spaziergang zum Beispiel eine stressige Situation meistern müssen, was gibt es besseres, als dann auf die nächste Wiese zu gehen und gemeinsam zu entspannen? So bekommen wir den Kopf frei – das ist es, was Yoga leisten kann!

Liebe Frau Specht, herzlichen Dank für das Gespräch.

Interview geführt von Mag. Kerstin Piribauer


Bettina Specht
Hundetrainerin
www.vierpfotenasanas.at
www.hundeschule-tirol.at