Wissenswertes über das Immunsystem

Wissenswertes_ueber_das_ImmunsystemKaum ein anderer Teil des Organismus wird so oft thematisiert wie das Immunsystem: sei es in den vielen mehr oder weniger (un-) qualifizierten Diskussionen über das Für und Wider von Impfungen, oder sei es mit zahllosen Tipps zur Stärkung der Abwehrkräfte. „mein HAUSTIER“ sprach mit Dr. Michael Leschnik von der Veterinärmedizinischen Universität Wien darüber, wie das Immunsystem funktioniert und welche Aufgaben es hat.

Umgangssprachlich wird das Immunsystem oft als „Körper-Polizei“ bezeichnet. Was ist die vorrangige Aufgabe des Immunsystems?

Dr. Michael Leschnik: Dem Immunsystem kommt zunächst eine Überwachungsaufgabe und darüber hinaus im übertragenen Sinne auch eine Exekutionsaufgabe zu. Dabei soll es Eindringlinge von außen ebenso wie Veränderungen im Körper erkennen und möglichst früh bekämpfen. Zumeist denkt man in erster Linie daran, dass das Immunsystem sich mit Erregern, die von außen auf den Organismen eindringen, mit Fremdeiweißstoffen von Viren, Bakterien oder Pilzen, auseinandersetzt. Dabei wird oft vergessen, dass dem Immunsystem auch eine wesentliche Rolle bei der Tumorentstehung und -vermeidung zukommt. Man weiß heute, dass beim Tier ebenso wie beim Menschen im Laufe des Lebens schon sehr früh immer wieder Tumorzellen entstehen, die vom Immunsystem eliminiert werden, bevor eine Krebserkrankung daraus entsteht.

Was ist das nun eigentlich, das Immunsystem? Wir haben es ja nicht mit einem greifbaren einzelnen Organ zu tun, aber doch mit einer absolut unverzichtbaren Körperfunktion?

Dr. Michael Leschnik: Dieses System, das aus relativ vielen ineinandergreifenden Teilen besteht, ist sehr komplex und durchläuft eine Entwicklung, die bereits beim Welpen einsetzt, der keineswegs mit einem fertig ausgestatteten Immunsystem auf die Welt kommt. Die Immunzellen sind bei der Geburt nur bis zu einem gewissen Grad und mit teils unvollständiger Funktion vorhanden, und zudem hat das Immunsystem eines neugeborenen Welpen natürlich noch nicht viel erlebt. Es gibt zunächst einmal nahezu kein Immungedächtnis. Darum muss der Welpe in den ersten ein bis zwei Lebenstagen mit der Muttermilch die mütterlichen Antikörper bekommen. Das ist ein wichtiger Vorgang, denn nur in den ersten Lebenstagen können diese Antikörper über die Schleimhaut des Magen-Darm-Traktes in das Blutsystem des Welpen gelangen. Diese Antikörper der Mutter wirken teilweise bis in die 12. oder 13. Lebenswoche hinein und werden dann langsam abgebaut, während das Immunsystem mit der Bildung eigener Antikörper gegen die Erreger, mit denen es sich auseinandersetzt, beginnt.

Wie kann man sich diese Antikörper vorstellen?

Dr. Michael Leschnik: Das sind kleine Eiweißstoffe, die in der Regel Y-förmig ausschauen. Jeder Antikörper bildet mit diesem Ypsilon eine eigene Struktur, die zu einem bestimmten möglichen Eindringling passt. Das bedeutet, dass bestimmte Antikörper auch nur gegen bestimmte Erreger wirken. Trifft ein derartiger Antikörper nun auf seinen passenden Erreger, wirkt er wie ein Klebstoff. Er bindet an diesen Erreger, markiert ihn sozusagen, und diese Markierung wird schließlich zum Signal für die Aktivierung des weiteren Immunsystems. Ist der Erreger eliminiert, stoppt das Immunsystem die Produktion des entsprechenden Antikörpers schon nach kurzer Zeit, denn er wird ja aktuell nicht mehr benötigt. Aber es erinnert sich für eine gewisse Zeit an diesen Antikörper, und wenn der Organismus dann erneut mit dem entsprechenden Erreger konfrontiert würde, würde dieser Antikörper sehr viel schneller und in sehr großem Ausmaß gebildet werden. Das ist der Effekt, den wir uns bei der Impfung zunutze machen. Mit der Impfung präsentieren wir dem Immunsystem abgetötete oder abgeschwächte Erreger. Dann bildet das Immunsystem Antikörper und spätestens nach der 2. oder 3. Impfung, also am Ende der Grundimmunisierung, erfolgt eine wesentlich stärkere, schnellere und umfangreichere Immunantwort. Diese Antikörper bestehen dann je nach Impfung und Erkrankung einige Monate bis einige Jahre. Das ist das Grundprinzip einer Impfung, die damit einen Schutz gegen einen natürlichen Erreger bietet, der in den Organismus eindringen könnte.

Was passiert nun im Körper, wenn es zum Kontakt mit einem derartigen Erreger kommt? Wie entfaltet das Immunsystem seine Abwehrkräfte?

Dr. Michael Leschnik: Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, dass die Immunreaktion sowohl in den Flüssigkeiten, z.B. im Blut, und im Gewebe des Körpers stattfindet als auch schon an der Körperoberfläche. Es gibt eigene Immunzellen und Antikörper, die im Bereich der Schleimhautoberflächen aktiv sind, aber die sind sozusagen nur die erste Barriere, die das Immunsystem aufstellt, um den Eindringling abzuwehren. Dahinter stehen die Komponenten des Immunsystems, die sich über den Blutstrom sehr schnell im ganzen Körper verteilen und überall wirksam werden können. Manche Viren, die wir bei Hund und Katze kennen, werden über die Schleimhäute aufgenommen. Diese Schleimhautbarriere aber kann extrem schnell überwunden werden. Diese erste Abwehr auf der Schleimhaut führt insbesondere bei den Viren dazu, dass sie zuerst einmal von einem Antikörper erkannt, markiert und dem Immunsystem präsentiert werden. Unter Umständen können sie aber auch jetzt noch nicht vernichtet werden. Es entsteht eine Art Kampf zwischen den einzelnen Fraktionen des Immunsystems und dem Eindringling, der natürlich auch nicht untätig bleibt. Er will sich ja vermehren und nicht vernichtet werden, also bildet er Mechanismen aus, um dem Immunsystem entweder zu entkommen, sich unsichtbar zu machen oder so auszusehen, als wäre er immer schon da und ein Teil des Körpers. Je nachdem, wann das Immunsystem den Erreger eliminieren kann, entwickelt sich am Ende die Krankheit oder auch nicht. Kann das Immunsystem den Erreger sehr früh eliminieren, passiert nichts, was von außen sichtbar wäre, aber der Organismus bildet natürlich die entsprechenden Antikörper. Erkrankt der Organismus und wird wieder gesund, hat auch das Immunsystem die Auseinandersetzung gewonnen. Gelingt das nicht, endet das ganze entweder mit einer bleibenden Erkrankung oder im schlimmsten Fall mit dem Tod.

Heißt das, dass das Immunsystem für diesen lebensschützenden Kampf noch wesentlich mehr als die Antikörper benötigt?

Dr. Michael Leschnik: Das erste sind die Antikörper, das zweite die Zellen, die sogenannte zelluläre Abwehr. Darüber hinaus gibt es weitere zahlreiche Teile der Immunantwort auf chemischer Basis. So bilden die Abwehrzellen beispielsweise Eiweißstoffe, die direkt auf den Erreger wirken, die ihn zum Beispiel unbeweglich machen oder zerstören können. Die beiden großen Teile der Immunantwort aber arbeiten immer miteinander. Die Antikörper werden ja bereits von den Immunzellen gebildet. Darüber hinaus gibt es andere Zellen, die vorrangig Fresseigenschaften haben, die die Erreger also direkt aufnehmen und vernichten, Zellen, die Markierungseigenschaften haben, oder Zellen, die Substanzen produzieren, die den Erregern schaden. Das ist ein spannendes Zusammenspiel: Jede der Zellarten des Immunsystems hat verschiedene Funktionen.

Warum ergibt das Blutbild bei einer Entzündung erhöhte Werte der weißen Blutkörperchen, der Leukozyten?

Dr. Michael Leschnik: Die erhöhten Werte entstehen, weil sich die Immunzellen bei einer Entzündung vermehren – wobei wir ganz am Anfang der Erkrankung im Blut sogar weniger Leukozyten haben können. Man kann sich das so vorstellen: Der Körper befindet sich sozusagen in einem friedlichen Dämmerschlaf. Plötzlich passiert irgendwas, zum Beispiel in der Lunge. Dann wandern zuerst einmal viele Immunzellen aus dem Blutstrom in die Lunge. Zu diesem Zeitpunkt, am Beginn der Erkrankung, der meist von akutem Fieber begleitet wird, findet man im Blut daher sogar weniger Immunzellen. Jetzt aber wird das Knochenmark, das beim erwachsenen Tier für die Bildung dieser Immunzellen im Körper verantwortlich ist, diese Zellen vermehrt produzieren. Vom Knochenmark gelangen die neu gebildeten Zellen in den Blutstrom, wo wir jetzt sehr viele junge Immunzellen finden. Im Laufe der Erkrankung nach ein paar Tagen finden wir dann die typische hohe Anzahl der weißen Blutkörperchen.

Dieser gesamte Ablauf der Immunabwehr kann aber auch empfindlich gestört werden. Was kann dazu führen, dass das Immunsystem nicht optimal arbeitet?

Dr. Michael Leschnik: Zum einen gibt es angeborene Erkrankungen, die dazu führen, dass die Immunzellen auf Grund genetischer Effekte nicht ordnungsgemäß arbeiten. Dabei werden bestimmte Zellen in zu geringem Ausmaß gebildet oder sie funktionieren nicht. Eine andere Möglichkeit wäre, dass das Immunsystem überlastet ist: Entweder ist ein Erreger da, den es nicht gut bekämpfen kann, oder der Organismus ist gleichzeitig mit mehreren Erregern konfrontiert. Dann bricht das Immunsystem mehr oder weniger zusammen, da das Knochenmark nicht unendlich viele Zellen bilden kann. Zudem gibt es eine in den letzten Jahrzehnten immer häufiger auftretende Fehlfunktion, bei der das Immunsystem über- oder fehlreagiert. Dabei entstehen aus den unterschiedlichsten Gründen plötzlich Immunreaktionen gegen eigene Körperzellen, das bezeichnet man als Autoimmunreaktion. Davon kann jedes Gewebe betroffen werden. In der Regel entstehen aus einer Autoimmunreaktion schwerwiegende Erkrankungen, die einer intensiven Behandlung bedürfen. Auch Allergien gehören zu den Folgen eines fehlgeleiteten Immunsystems. Hier findet plötzlich eine ganz massive Reaktion gegen ein sogenanntes Allergen, also gegen eine Substanz oder einen Teil einer Substanz statt, die an sich gar nicht schädlich sein muss, aber das fehlgeleitete Immunsystem entscheidet, das sei ein Eindringling und der müsse bekämpft werden. Im Grunde kann jede banale Aktivierung des Immunsystems solche Reaktionen auslösen, einfache Infektionen, chemische Substanzen, teilweise auch Medikamente, und natürlich möglicherweise auch eine Impfung. Letztlich lassen sich die Auslöser oft nicht beweisen, und man kann natürlich deswegen nicht sagen, Impfungen seien prinzipiell schlecht, es gäbe so viele Immunreaktionen. Eine beweisbare Tatsache hingegen ist, dass die Anzahl der schwerwiegenden Infektionserkrankungen durch die Impfungen deutlich zurückgegangen ist.

Das Immunsystem stärken – das ist heute schon ein nahezu sprichwörtlicher Begriff. Was bedeutet das eigentlich?

Dr. Michael Leschnik: Das Immunsystem stärken wir am besten dadurch, dass wir es immer aktiv halten. Ein komplett steriles Umfeld schwächt das Immunsystem, deshalb ist die Auseinandersetzung mit der Umwelt und auch mit Krankheiten nicht unbedingt etwas Negatives. Chemische Substanzen, die dem Immunsystem im Krankheitsfall helfen, sind beispielsweise klassische Medikamente – zum Beispiel Antibiotika –, die den Erreger abschwächen oder auch abtöten. Vitamine oder Spurenelemente unterstützen den für das Immunsystem notwendigen Stoffwechsel und können vor allem dann, wenn das System geschwächt ist, unterstützend wirken. Aber ein ohnehin gut funktionierendes Immunsystem, das muss man ehrlicherweise sagen, können wir durch die Gabe irgendwelcher Zusatzpräparate kaum noch verbessern. Das Immunsystem stärken funktioniert dann, wenn dieses nicht ganz auf der Höhe ist. Natürlich ist chronischer Stress, dem das Tier nicht entkommen kann, negativ zu beurteilen. Kurzfristiger Stress hingegen aktiviert und muss nicht prinzipiell schädlich sein, wenn das Ganze in Maßen abläuft. Auch eine Infektion ist Stress für den Körper, die aber beispielsweise bei der Impfung das Immunsystem aktiviert und trainiert. Ein trainiertes Immunsystem reagiert schneller und effektiver, während ein überlastetes Immunsystem genau das Gegenteil tut. Es ist nicht immer leicht, den richtigen Weg zu finden. Wir müssen fatale und letale Krankheiten, die eventuell auch für den Menschen gefährlich sind, bei unseren Tieren vermeiden, aber wir sollten auch nur gegen die Erkrankungen impfen, die wirklich vorkommen und die relevant für das einzelne Tier sind. Viele Impfungen halten richtig durchgeführt länger als ein Jahr, so dass nicht zwingend jedes Jahr gegen alle Erkrankungen geimpft werden muss. Voraussetzung ist natürlich, das Tier lebt nicht in einer Re- gion, wo diese Krankheit besonders häufig auftritt. Im Grunde muss für jeden Patienten eine Einzelentscheidung getroffen werden.

Herr Dr. Leschnik, herzlichen Dank für das Gespräch!
Interview geführt von Mag. Kerstin Piribauer