Wissenschaftliche Erkenntnisse über Fettleibigkeit

Übergewicht hat Konsequenzen – auch beim Tier!

Übergewicht und Fettleibigkeit, in der Fachsprache als Adipositas bezeichnet, ist  insbesondere in den hoch entwickelten westlichen Industrienationen heute eines der verbreitetesten und folgenreichsten gesundheitlichen Probleme. Unser moderner Lebensstil mit wenig körperlicher Bewegung und falschen Essgewohnheiten provoziert diese Problematik – ein Schicksal, das inzwischen längst auch unsere vierbeinigen Freunde mit uns teilen, die in enger Partnerschaft mit dem Menschen seinen Alltag und seine Lebensgewohnheiten teilen. Übergewicht aber bleibt auch bei Hund und Katze nicht ohne Folgen, sondern hat schwerwiegende Konsequenzen. „mein HAUSTIER“ sprach mit Privatdozentin Dr. med. vet. Petra Kölle von der Medizinischen Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München über diese Problematik.

mein HAUSTIER: Übergewicht und Adipositas sind auch beim Tier heute leider keine Ausnahme mehr, sondern weit verbreitet. Wie viele Tiere sind davon betroffen?

Privatdozentin Dr. Petra Kölle: Es betrifft fast die Hälfte der Tiere – Hunde und Katzen gleichermaßen. Adipositas ist ein sensibles Thema. Tierärzte sprechen Besitzer nicht gerne darauf an, weil sie den Patientenbesitzern nicht zu nahe treten möchten, und auch Tierbesitzer meiden und verdrängen das Thema – oft aus Scham und mit kreativen Ausreden, aber damit ist am Ende niemandem geholfen. Übergewicht zu thematisieren und zu behandeln, ist wichtig, weil es dem Tier nach einer Gewichtsreduktion  deutlich besser geht und sich die Lebensqualität entscheidend verbessert. Es geht nicht darum, Schuldgefühle hervorzurufen, sondern sachlich und objektiv zum Wohle für das Tier zu arbeiten.

Wie sind Übergewicht und Adipositas bei Hund und Katze definiert?

Als Übergewicht bezeichnet man jede Abweichung vom Idealgewicht nach oben. Von Fettsucht bzw. Adipositas spricht man, wenn das Körpergewicht mehr als 20 Prozent über dem Normalgewicht liegt. Wir arbeiten in der Diagnostik zudem mit einem standardisierten System, dem sogenannten BCS (Body Condition Score)-System, mit den Stufen eins bis neun. In dieser Skala liegt das Idealgewicht etwa bei 5, was aber durchaus auch rasseabhängig ist, bei Windhunden beispielsweise wird man meistens bei Stufe 4 vom Idealgewicht sprechen. Stufe 6 bedeutet leichtes Übergewicht (ca. 10 Prozent), die Stufen 8 und 9 entsprechen einer  schweren Fettsucht, was man als einen krankhaften Zustand betrachten kann. Im Körper gibt es dann weit mehr Entzündungshormone, der Stoffwechsel insgesamt ist gestört: Das Tier leidet meistens an einem metabolischen Syndrom und darüber hinaus häufig bereits an weiteren Erkrankungen: Dazu gehören Diabetes, der bei der Katze fast immer mit Übergewicht korreliert ist, Gelenksprobleme  oder eine übermäßige Belastung des Herz-Kreislauf-Systems.

Das bedeutet, die Übergewichtigkeit bzw. Fettsucht ist beim Tier mit ähnlichen Risiken verbunden wie beim Menschen …

Leider sehen nur wenige Besitzer die Notwendigkeit, dass ihr Tier abnehmen sollte. Der typische Fall ist die dicke Katze, die sich auf Grund ihres Körperumfangs nicht mehr putzen kann und daher alle zwei Wochen eine Blasenentzündung hat. Beim übergewichtigen Hund sind Blasensteine ein häufiges Problem. Zudem ist das Risiko für bestimmte Tumorarten signifikant erhöht. Beim Menschen ist dies nachgewiesen. Wir beobachten es in der tiermedizinischen Onkologie ebenso, und auch hier ist in Studien nachgewiesen, dass Fettleibigkeit das Risiko der Metastasenbildung deutlich erhöht. Vor allem: Fettleibigkeit kostet Lebenszeit! Eine Langzeitstudie zeigt, dass schlank gehaltene Tiere eine bis zu zwei Jahre höhere Lebenserwartung haben als fettleibige, und auch gesünder alt werden. Zudem haben die Tiere mehr Lebensfreude, und wir beobachten auch bei unseren Patienten, dass die Lebensqualität deutlich steigt, sobald die Tiere abnehmen.

Gibt es außer Überfütterung auch andere Ursachen für Adipositas beim Tier?

Ja, durchaus! Bei kastrierten Tieren stellt sich der Stoffwechsel um, und man sollte die Kalorienzufuhr nach der Kastration vorbeugend um 10 bis 20 Prozent reduzieren. Bestimmte Rassen wie beispielsweise der Labrador neigen eher zur Fettleibigkeit als andere. Natürlich spielt auch das zunehmende Alter des Tieres eine große Rolle, denn der Energieverbrauch wird mit den Jahren geringer. Darüber hinaus können hormonelle Ursachen zu einer starken Übergewichtigkeit führen, aber auch die Einnahme bestimmter Medikamente. Patienten, die Kortison oder antiepileptische Medikamente einnehmen müssen, können – wenn die Fütterung gleich bleibt und die Energiezufuhr nicht reduziert wird – dramatisch zunehmen.

Wie ist der therapeutische Ansatz?

Zunächst gilt es herauszufinden, warum das Tier übergewichtig ist. Zu einer genauen Anamnese gehören u.a. eine computergestützte Rationsüberprüfung der Fütterung und die Frage nach dem Bewegungsausmaß. Dabei kann man die eine oder andere Überraschung erleben, wo die überflüssigen Kalorien herkommen. Das Öl fürs Fell ist oft überdosiert, und auch Kauprodukte sind ein großes Thema. Bei einem Dackel beispielsweise deckt ein kleiner Kauknochen 40 Prozent des Tagesbedarfs. Das bedeutet, an Tagen, an denen der Hund einen Kauknochen bekommt, müsste man das normale Futter fast um die Hälfte reduzieren. Der wichtigste Schritt der Therapie liegt in einer kalorienreduzierten Ernährung. Das können kommerzielle Reduktionsdiäten sein, aber auch selbstgekochte Rationen mit proteinreichem, magerem Fleisch wie Hühnchen oder Fisch. Vermehrte Bewegung kann die diätetische Therapie effizient unterstützen. Schwimmen ist optimal, weil die Wärmeabgabe und damit der Energieverbrauch des Körpers erhöht werden. Natürlich gibt es auch den Ansatz einer medikamentösen Therapie mit Appetitzüglern, aber diese sind nach dem Absetzen zumeist mit einem Jo-Jo-Effekt  verbunden. Ein Umdenken in der Ernährung und eine langfristige Umstellung sind wesentlich erfolgversprechender und bei Hund und Katze auch wesentlich einfacher durchzuführen als beim Menschen – sie bedienen sich nicht selbst im Supermarkt oder am Kühlschrank!

Frau Privatdozentin Kölle, herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview geführt von Mag. Kerstin Piribauer

Priv. Doz. Dr. med.vet. Petra Kölle
Oberärztin Ernährungsberatung
Medizinische Kleintierklinik der
Ludwig-Maximilians-Universität München