Wenn Meerschweinchen Zahnschmerzen haben

Meerschweinchen_ZahnwehMeerschweinchen zeigen Schmerzen üblicherweise durch eine Änderung im Fressverhalten und ihrer Kaugewohnheiten an, wobei die Schmerzen oft durch einen krankhaften Prozess in der Maulhöhle ausgelöst werden. Das Problem für den behandelnden Tierarzt ist jedoch, dass die kleine Maulhöhle eines Meerschweinchens nur eingeschränkt zugänglich und nicht leicht einsehbar ist. Um genauer zu untersuchen und für die Behandlung muss das Tierchen narkotisiert werden. Da bei Meerschweinchen leider auch ein erhöhtes Narkose-Risiko besteht, wird häufig versucht, die Zähne im Wachzustand zu korrigieren oder in einer nur kurzen Narkose oberflächliche Zahnerkrankungen zu behandeln. Sehr oft liegt die Ursache für Zahnschmerzen jedoch in der Reservekrone (entspricht der Zahnwurzel) und ist somit bei der herkömmlichen Untersuchung der Maulhöhle nicht sichtbar.

Häufige Zahnerkrankungen

Schneidezähne und Backenzähne sind ungefähr gleich oft von Erkrankungen und Missbildungen betroffen. Aber viele Veränderungen im Bereich der Schneidezähne haben ihre Grundursache im Backenzahnbereich. So weisen zum Beispiel schräg abgenutzte Schneidezähne oft auf einen schmerzhaften Prozess der Backenzähne hin. Gut feststellbar bei der Besichtigung der Maulhöhle ist die Brü- ckenbildung der ersten Backenzähne des Unterkiefers über die Zunge. Davon betroffene Meerschweinchen können nicht mehr schlucken und würden ohne Behandlung am vollen Futternapf verhungern. Weitere Veränderungen im Backenzahnbereich, die bei der Besichtigung der Maulhöhle ersichtlich werden, sind eine asymmetrische Abnutzung, eine abnorme Schrägstellung der Kauflächen, Zahnspitzenbildungen sowie Zahnfrakturen. Im Gegensatz dazu können ursächliche Zahnveränderungen wie eine Makrodontie, ein Wurzelherd oder eine Zahnfraktur nur sehr selten durch die Besichtigung der Maulhöhle entdeckt werden. Unter Makrodontie versteht man einen Zahn, der im Vergleich zu seiner physiologischen Form (meist gut vergleichbar mit dem Zahn der anderen Körperseite) deutlich vergrößert ist, und ein mechanisches Problem für den Zahnabrieb darstellt. Die Makrodontie ist entweder erworben oder schon angeboren. Davon betroffene Zähne werden übergroß und sind stark entzündet und schmerzhaft. Während Probleme im Schneidezahnbereich auch schon bei der Besichtigung der Maulhöhle festgestellt werden, können die oben genannten ursächlichen Zahnerkrankungen nur mit bildgebenden Verfahren diagnostiziert werden.

Klinische Studie beweist Notwendigkeit der Computertomographie (CT)

In einer klinischen Studie an der Zahnklinik der Veterinärmedizinischen Universität Wien wurde an 66 Meerschweinchen untersucht inwieweit bei Zahnerkrankungen die Computertomographie zur sicheren Diagnosestellung nicht nur beiträgt, sondern unumgänglich ist. Die Meerschweinchen mit Schmerzen wurden zuerst im Wachzustand einer videoendoskopischen Untersuchung unterzogen und danach einer Computertomographie zugeführt. Denn anders als im Schneidezahnbereich, wo bei einer knöchernen Auftreibung in Verbindung mit einer Zahnfraktur, einer Makrodontie oder einer Zahnlockerung in Verbindung mit eitrigem Ausfluss auch schon bei der Besichtigung der Mundhöhle die Verdachtsdiagnose „Infektion der Zahnwurzel“ gestellt werden kann, ist dies in der Backenzahnregion nicht möglich – hier kann die Computertomographie Klarheit schaffen.

Vorteile der Computertomographie

Da der sichtbare Kronenbereich weniger als ein Drittel des ganzen Zahnes ausmacht, spielen sich 85 Prozent der schmerzhaften Zahnprobleme im Reservekronenbereich und damit unter dem Zahnfleisch ab und sind erst mit einer CT-Untersuchung feststellbar. Diese überlegene Untersuchungstechnik wird in Narkose durchgeführt und ist – verglichen mit der Röntgenuntersuchung – wegen der kürzeren Untersuchungszeit weniger belastend für die Tierchen. Die Umwandlung in eine dreidimensionale Rekonstruktion bietet zusätzlich eine hervorragende Orientierungsmöglichkeit für den operierenden Spezialisten und gibt darüber hinaus Auskunft, welche Tiere von einer Operation profitieren würden und welche nicht. Das Ergebnis der klinischen Studie kann dahingehend zusammengefasst werden, dass die alleinige Besichtigung der Mundhöhle nicht ausreicht, um beim Meerschweinchen ursächlich relevante Zahnveränderungen wie pathologische Prozesse unter dem Zahnfleisch und im Bereich der Backenzähne zu diagnostizieren, sondern eine computertomographische Untersuchung unumgänglich ist, um eine zuverlässige Diagnose zu stellen und das wahre Ausmaß der Erkrankung zu zeigen. Wichtig: Die Untersuchung mittels Computertomographie ist durchaus erschwinglich: Der Preis für die computertomographische Untersuchung des Meerschweinchenkopfes beträgt derzeit an der Universitätsklinik 120 Euro.