Wenn Meerschweinchen immer dünner werden

An Überfunktion der Schilddrüse denken

Meerschweinchen sind von Natur aus pfiffige, fröhliche Tierchen, die gesellig veranlagt sind und gerne kommunizieren; sowohl miteinander als auch mit ihren Besit- zern. Sie werden schnell zutraulich, hören bald auf ihren Namen und machen viel Freude. Umso größer ist die Bestürzung, wenn eines dieser Tierchen krank wird. Da wir immer wieder Anfragen von Lesern bekommen, in denen Sorge über eine kontinuierliche Gewichtsabnahme des Meerschweinchens zum Ausdruck gebracht wird, haben wir den Spezialisten für kleine Heimtiere der Veterinärmedizinischen Universität Wien, Dr. Frank Künzel, zum Thema befragt.

Frage: Herr Dr. Künzel, was kann die Ursache dafür sein, wenn Meerschweinchen immer dünner werden?

Dr. Künzel: Eine mögliche Ursache für fortschreitenden Gewichtsverlust beim Meerschweinchen ist eine Überfunktion der Schilddrüse. Typisch dafür ist, dass das Tier abnimmt, obwohl es mit großem Appetit frisst und oft sogar Heißhunger zeigt.

Welche Symptome fallen dem Tierbesitzer bei dieser Erkrankung sonst noch auf?

Dr. Künzel: Dem Tierhalter fallen Veränderungen im Verhalten des Meerschweinchens auf. Meerschweinchen mit Schilddrüsenüberfunktion werden hyperaktiv, sind nervös und zeigen heftige Abwehrbewegungen, wenn Sie festgehalten werden. Sie nehmen für diese Tierart abnorme Körperstellungen ein, schlafen zum Beispiel in Seitenlage und lassen sich nur schwer wecken. Auffallend ist auch, dass sich das erkrankte Tierchen von der Gruppe absondert, obwohl doch gerade Meerschweinchen Herdentiere sind. Auch das struppige, teils verfilzte Haarkleid springt ins Auge. Aber der Hauptgrund für den Tierarztbesuch ist in den meisten Fällen die kontinuierliche Abmagerung des Tieres.

Wie kann der Tierarzt die Diagnose„Schilddrüsenüberfunktion“ stellen?

Dr. Künzel: Der Tierarzt erhebt zuerst einen Tastbefund. Da die Ursache der Überfunktion häufig ein oder mehrere Tumore der Schilddrüse sind, ist an der Unterseite des Halses eine Geschwulst zu spüren; diese kann von kleinerbsengroß bis hühnereigroß sein. Außerdem fällt dem Tierarzt auf, dass das Tier zu schnell atmet, die Anzahl der Herzschläge pro Minute zu hoch ist und der Puls abnorm kräftig ist. Dem Meerschweinchen muss Blut abgenommen werden, damit die Menge des Schilddrüsenhormons – man spricht vom Gesamt-T4 – bestimmt werden kann. Zur Bestimmung dieses Hormons gibt es verschiedene Methoden, aber es ist wichtig, dass für die Untersuchungen immer die gleiche Methode mit dazu existierenden Referenzwerten für Meerschweinchen angewendet wird; dies ist zum Beispiel im Zentrallabor der Veterinärmedizinischen Universität möglich.

Sind diese Tumore an der Schilddrüse eher gutartig oder bösartig?

Dr. Künzel: Untersuchungen hier an der Universität haben ergeben, dass sich der Prozentsatz der gutartigen Tumore an der Schilddrüse mit den bösartigen die Waage hält; es handelt sich in ungefähr 50 Prozent der Fälle um Adenome und in 50 Prozent um Karzinome, also Krebsgeschwülste.

Sind davon Meerschweinchen in jedem Alter betroffen?

Dr. Künzel: Nein, nicht in jedem Alter, sondern erst Tiere ab dem Alter von drei bis vier Jahren, also mittelalte bis ältere Tiere.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Dr. Künzel: Wir haben drei Möglichkeiten: Die medikamentöse Therapie, die Operation und die Radiojodtherapie. Nach dem heutigen Wissensstand und den Erfahrungswerten, die wir derzeit haben, ist jedoch in den meisten Fällen der medikamentösen Therapie der Vorzug zu geben. Die einmal oder zweimal tägliche Gabe von Tabletten mit dem Wirkstoff „Felimazole“ hemmt die Überproduktion des Schilddrüsenhormons und betroffene Meerschweinchen zeigen meist eine rasche Besserung. Die Tabletten müssen lebenslang verabreicht werden und anfangs müssen regelmäßige tierärztliche Kontrollen im Abstand von zwei bis drei Wochen eingehalten werden. Da Meerschweinchen mit Schilddrüsenüberfunktion häufig erst in weit fortgeschrittenem Krankheitszustand zum Tierarzt gebracht werden, kann die medikamentöse Einstellung schwierig und eine Überweisung in eine Spezialklinik nötig sein. Für die operative Entfernung der Schilddrüse gibt es nur wenig Erfahrungswerte, die Operation birgt zahlreiche Risiken. Gründe dafür sind: Das Narkoserisiko bei den geschwächten Meerschweinchen ist hoch und da die Schilddrüse ein gut durchblutetes Organ ist, besteht auch die Gefahr des Verblutens. Gegen die Operation spricht auch, dass versprengte Tumorherde – zum Beispiel im Brustkorb – nicht erfasst werden und es daher nach der überstandenen Operation zu Rückfällen kommen kann. Die Szintigraphie ermöglicht die grafische Darstellung veränderten Schilddrüsengewebes. Dazu wird radioaktives Pertechnetium intravenös injiziert. Es reichert sich im Tumor an und man sieht, wie viele „aktive Knoten“ vorhanden sind. Die Radiojodtherapie erfolgt gleich im Anschluss an die Szintigraphie. Die Erfahrungen mit dieser Behandlung beim Meerschweinchen sind noch gering, die Ergebnisse sind jedoch vielversprechend. Ein Nachteil dieser Methode ist, dass die Tiere nach der Behandlung bis zu zwei Wochen stationär an der Klinik bleiben müssen, bis ihre radioaktive Ausstrahlung den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwert wieder unterschreitet. Zusammenfassend kann man sagen, dass die medikamentöse Therapie der Schilddrüsenüberfunktion beim Meerschweinchen in der Praxis gut etabliert ist, da sie schnelle Erfolge zeigt sowie kostengünstig und risikoarm ist.