Welche Hunde-Ausbildung ist die richtige?

Individuelle Entscheidungen für jedes Mensch-Hund-Team sind wichtig!

Anita war eine fröhliche und verspielte junge Labradorhündin. Nur an einem einzigen Ort fühlte sie sich offensichtlich überhaupt nicht wohl, erschien unsicher und ließ ihr gewohntes Temperament vollends vermissen: der Ausbildungsplatz, den ihre Besitzerin wöchentlich mit ihr besuchte, um Anita später die von den Züchtern ans Herz gelegte rassetypische Jagdhundeausbildung zukommen zu lassen.

Eigentlich wäre sie mit ihrer jungen Hündin viel lieber schwimmen oder wandern gegangen, aber die anstehenden Prüfungen, die den Grundstein für Anitas Karriere in der Rasseszene legen sollten, rückten näher. Die Zeit drängte, Anita aber reagierte zunehmend gestresst und sendete die üblichen Signale: Sie zog sich deutlich spürbar zurück, reagierte bei Begegnungen mit fremden Menschen und Hunden öfter unsicher und aggressiv und zeigte immer wieder Übersprungshandlungen, wie zum Beispiel sich hektisch in den eigenen Schwanz zu beißen. Ihre Besitzerin aber konnte diese scheinbar sinnlosen Verhaltensweisen ebenso wenig deuten wie die anderen Symptome und verfolgte mehr oder weniger unbeeindruckt davon das selbstgesteckte Ziel. Am Ende stand die verschenkte Chance auf eine stabile Bindung und den Aufbau einer dauerhaft erfüllenden Partnerschaft zwischen Mensch und Tier.

Ungeliebtes Training kann zum schädlichen Stressfaktor werden

Die Möglichkeiten, unseren besten Freund auf vier Pfoten auszubilden, zu beschäftigen oder – last not least – auch „nur“ zu einem verlässlichen Lebenspartner zu erziehen, erscheinen nahezu unendlich. Angebote, Meinungen und Ratschläge sind unüberschaubar. Aber nicht alles ist für jedes Mensch-Hund-Team geeignet und umsetzbar. Um das Richtige für uns und unseren vierbeinigen Partner zu finden, scheint ein gutes Bauchgefühl manchmal der beste Wegweiser – dem dann freilich auch der Mut folgen muss, sich den unzähligen „guten Ratschlägen“ vermeintlicher Rasse- und Hundekenner gegebenenfalls zu widersetzen und unbeeindruckt den eigenen Weg zu gehen. Für manche Hundebesitzer mag das selbstverständlich klingen – für viele andere ist es der vielleicht notwendige Anstoß, diesbezügliche Probleme in der eigenen Beziehung zu seinem Vierbeiner zu erkennen und entsprechende Veränderungen herbeizuführen. Denn allzu schnell können unbefriedigende Situationen in diesem Bereich zu einer chronischen Stress-Situation führen, die am Ende den gesamten Organismus schwächt: Das biologische Gleichgewicht gerät aus dem Lot, und insbesondere wegen eines durch Stress geschwächten Immunsystems steigt die Anfälligkeit für vielerlei Krankheiten.

Tatsächlich spielen biologische Grundlagen auch im Training eine große Rolle! Hormonelle Botenstoffe wie Oxytocin oder Serotonin, Dopamin oder Adrenalin setzen im Organismus von Mensch und Hund gleichermaßen unterschiedliche Vorgänge in Gang und sorgen für Entspannung, Motivation und Lernbereitschaft, oder auch für Stress und Aggression. Diese Zusammenhänge zu hinterfragen und am eigenen Hund oder auch an sich selbst zu beobachten, kann in der Hundeausbildung und vor allem bei der Wahl der optimalen Trainingsmethoden für individuelle Hundepersönlichkeiten und ihre Menschen von großem Nutzen sein.

Lernen als intensiv gelebte gemeinsame Zeit

Die ideale Beschäftigungsmöglichkeit und Ausbildungsmethode, die nicht nur für den Hund, sondern auch für den Menschen passen muss, zu finden, ist nicht immer leicht. Das eine einfache Patentrezept gibt es nicht, sondern auch sehr viele persönliche Faktoren spielen eine große Rolle. Nicht nur die Hunde treten mit verschiedenen Voraussetzungen in unser Leben, sondern auch unsere eigenen Interessen und Prioritäten verlagern sich. So bunt und vielfältig wie das Leben selbst ist, so flexibel sollten wir uns auch in der Auswahl unserer Hundeaktivitäten verhalten – und vielleicht auch ganz einfach einmal den Interessen des Hundes folgen, über die wir bei intensiver Beobachtung so einiges erfahren können. Denn das Wichtigste ist, dass Mensch und Hund gleichermaßen Freude am gemeinsamen Tun haben!

Manchmal ist es auch das eigene berufliche Umfeld, das den entscheidenden Anstoß gibt, eine bestimmte Richtung der Hundeausbildung einzuschlagen. Am Ende könnte dann die Idealkombination stehen, dass ein für die Therapiehunde-Ausbildung geeigneter Vierbeiner zum wertvollen Assistenten in Pflege- oder Gesundheitsberufen wird. Und manchmal ist es ganz einfach auch der Zufall, der den Weg in Richtung erfolgreicher Gemeinsamkeit weist – und vor allem auch die Offenheit, mit der wir diesem Zufall begegnen. Wer sagt, dass der so ruhig und gemütlich wirkende Berner-Sennen-Hund keine Freude an einem Agility-Parcour hätte, oder der sogenannte Gebrauchshund Boxer sich nicht im Dog Dancing wohlfühlen würde? Am Ende müssen keine Wettbewerbserfolge stehen, sondern die gemeinschaftlichen Unternehmungen müssen Mensch und Hund gleichermaßen Spaß bereiten und zur wertvollen, intensiv miteinander gelebten Zeit werden. „Wenn Du liebst, was Du tust, musst Du nie wieder arbeiten“ ist ein vielzitierter Rat im menschlichen Umfeld, der heute in einer Zeit tendenzieller Überbeschäftigung von Hunden immer öfter auch für Freizeitaktivitäten von Tierbesitzern gilt.

Als verlässlicher Partner authentisch bleiben

Dass Hundeausbildung sich immer an beiden Persönlichkeiten orientieren muss, an Mensch und Hund, bestätigt auch die Wiener Verhaltensbiologin Iris Schöberl: „Wenn man mit einem Mensch-Hund-Team arbeitet, sollte man immer das Team sehen und darf sich als Trainer nicht allein auf den Hund fokussieren. Es nutzt nichts, den Hund zu trainieren, aber die Persönlichkeit des Halters sowie die Beziehungsdynamik außen vor zu lassen. Wir müssen systemisch arbeiten, Emotionen und Persönlichkeitsbilder einbeziehen.“

Ob der Hund die Beschäftigung selbst aussucht, das berufliche Umfeld Einfluss nimmt oder der Zufall nachhilft: Das eigene Bauchgefühl ist meist wichtiger als jede Theorie! Und auch der traditionelle Ausbildungsplatz ist lange nicht der einzige Ort, wo Spiel und Sport zuhause sein können. Ein gemeinsamer Ausflug in Wald und Flur bietet ebenso unzählige Möglichkeiten für Such- und Schnüffelspiele, für Geschicklichkeitsübungen und Gehorsamsspiele, die die Bindung stärken und zur gemeinsam verbrachten „Quality Time“ werden – im Idealfall ohne Smartphone und ohne verzichtbaren Small Talk! Die richtige Beschäftigung und Ausbildungsmethode für den Hund gefunden zu haben, heißt immer auch, in jedem Moment das zu tun, wovon man selbst überzeugt ist! Der sicherste Weg, selbst authentisch zu bleiben und genau damit dem Hund ein verlässlicher Partner zu sein, dem er vertrauensvoll durchs Leben folgt …

von Mag. Kerstin Piribauer