Was nach Operationen zu beachten ist

Häusliche Pflege und mögliche Wundheilungsstörungen

Endlich ist es soweit: Cara hat die notwendige Operation bestens überstanden und darf die Klinik verlassen. Dank eines komplikationslosen Eingriffs und liebevoller Fürsorge durch die Pfleger kommt sie ihrer Besitzerin mit herzerfrischender Fröhlichkeit entgegen. Für „Frauchen“ beginnt jetzt die große Aufgabe, Cara sicher durch die Wundheilungsphase nach der Operation zu führen und damit einen nicht unwesentlichen Teil zur Genesung ihres Vierbeiners zu leisten.

Optimale Nachsorge unerlässlich

Caras Zweibeinerin hat bereits Erfahrung mit diesen Situationen und weiß, dass sie sich jetzt trotz der Wiedersehensfreude und ihrer Erleichterung zunächst auf das Gespräch mit dem Chirurgen konzentrieren muss, der nicht nur den Verlauf der Operation kurz schildern wird, sondern vor allem die notwendigen Informationen für die weitere häusliche Pflege und Medikamentengabe gibt. All diese Anweisungen müssen kompromisslos befolgt werden, denn die optimale Nachsorge ist ein wesentlicher Aspekt für den Gesamt-erfolg einer Operation. „Nach einem erfolgreich verlaufenen chirurgischen Eingriff muss der Besitzer gewissenhaft umsetzen, was der Tierarzt ihm aufgetragen hat“, bestätigt Dr. Brigitte Degasperi von der Kleintierchirurgie der Veterinärmedizinischen Universität Wien. „Dazu gehören Leinenzwang, eingeschränkte Bewegung und Halskrausenpflicht, solange Hund oder Katze nicht absolut lückenlos unter Kontrolle sind. Darüber hinaus ist eine zweimal tägliche Wundkontrolle auf übermäßige Schwellung, Rötung oder Aufgehen der Nähe durch den Besitzer notwendig. Bei Auffälligkeiten gilt es frühzeitig zu reagieren.“ Was in diesem Fall wie bei allen anderen medizinischen Fragen auch bedeutet, Kontakt mit dem behandelnden Tierarzt aufzunehmen und keineswegs selbstständig eine „Wundersalbe“ nach der anderen zu erproben. Diesen Aspekt unterstreicht auch die Chirurgin der Universitätsklinik: „Eine normale Wunde braucht weder Salbe noch Puder noch eine lokale antibiotische Therapie oder was auch immer. Sie soll nicht nass oder schmutzig werden, das heißt, sie muss auch vor Regen geschützt werden, und sie darf keinesfalls beleckt werden. Außer der zweimal täglichen Wundkontrolle sind keine weiteren Maßnahmen notwendig!“

Zweimal täglich Wundkontrolle

Bei diesen Kontrollen, die es gewissenhaft bei guten Lichtverhältnissen – notfalls mit Hilfe einer Taschenlampe – durchzuführen gilt, steht der Besitzer immer wieder vor der Schwierigkeit, Veränderungen im Bereich der Wunde möglichst richtig einzuschätzen. Tägliche Dokumentationsfotos, die man der leichteren Vergleichbarkeit halber am Smartphone in einem eigenen Ordner sammeln kann, helfen, den Heilungsprozess objektiv zu beurteilen: So lassen sich einerseits überschießende, unnötige Sorgen im Keim ersticken, andererseits fallen Problemstellen so möglicherweise deutlich früher auf. Die Reihe möglicher Komplikationen während der Wundheilungsphase ist lang und reicht von einem möglichen Aufgehen der Naht (Nahtdehiszenz) über Flüssigkeitsansammlung (Serom) bis zur Wundinfektion. All diese Probleme sind im Rahmen der täglichen Wundkontrollen unübersehbar.

Nahtdehiszenz

„Eine Komplikation, die unmittelbar tierärztlich versorgt werden muss, ist die Nahtdehiszenz. Das bedeutet, dass die Naht, die die Wunde verschließt, aufgeht“, erklärt Dr. Brigitte Degasperi. „Der Besitzer sieht, dass die Wundränder nicht mehr aneinanderstoßen und dass eine klaffende Wunde entsteht. Dieses Problem kann verschiedene Ursachen haben: In den meisten Fällen hat das Tier an der Wunde gekratzt oder geschleckt, wenn der Besitzer nur einen kurzen Moment abwesend war und die Halskragenpflicht nicht konsequent beachtet wurde. Katzen sind in diesem Punkt schlauer als Hunde und lassen Wunden eher in Ruhe, aber darauf darf man sich nicht verlassen! Die Öffnung der äußeren Hautnaht ist eine Komplikation, die die Wundheilung verlängert und in vielen Fällen eine Wundinfektion nach sich zieht. Diese Komplikation einer Nahtöffnung muss sich nicht unbedingt durch eine Blutung bemerkbar machen.“

Aktive Blutung und Bluterguss

„Eine aktive Blutung aus der Operationswunde sollte sicher nicht stattfinden“, warnt Dr. Brigitte Degasperi. „Eine aktive Blutung bedeutet immer, dass etwas aufgerissen ist, und bedarf einer sofortigen tierärztlichen Behandlung – auch wenn nur kleine Blutgefäße davon betroffen sind, was sich durch eine diffuse Blutung im  Wundbereich zeigt. Von dieser Problematik abzugrenzen ist der Bluterguss. Dabei ist die Haut in der Umgebung der Wunde rot-blau verfärbt. Das sind Einblutungen in die Unterhaut, die entweder während der Operation stattgefunden haben können oder sich erst nachher herausbilden, weil eventuell eine gewisse Spannung im Wundbereich herrscht oder der Chirurg die Haut verschieben musste, um den Defekt zu schließen. Diese Verfärbungen können nach Rücksprache mit dem Tierarzt mit einer Salbe, die die Blutauflösung unterstützt, behandelt werden – wobei zu beachten ist, dass die Salbe nicht mit der unmittelbaren Naht in Berührung kommt. Auf eine Kühlung des betroffenen Bereichs sollte man eher verzichten. Kühlung verringert zwar den Schmerz, aber sie bewirkt auch eine Kontraktion, ein Zusammenziehen der Blutgefäße. Das hat wiederum zur Folge, dass weniger Blut zum Wundbereich hin und wieder weg transportiert werden kann, was aber notwendig ist, damit die Resorptionsprozesse stattfinden können: Das Blut soll ja abgebaut werden! Bei einem Bluterguss wird sich die Rotfärbung bald bläulich-gelblich verändern und dann nach einigen Tagen weg sein.“

Serom und Abszess

Eine der häufigsten Komplikationen der Wundheilung nach einer Operation ist das Serom – so der Fachausdruck für die Ansammlung von Wundflüssigkeit in einem Hohlraum, die als mehr oder weniger massive Schwellung sichtbar wird. Ein Serom entsteht meist innerhalb der ersten Tage nach dem Eingriff, kann sich aber auch noch nach einer Woche und in seltenen Fällen sogar noch nach der Nahtentfernung bilden. Dr. Brigitte Degasperi erklärt, wie es zu dieser Komplikation kommt: „Diese Flüssigkeit wird von den Zellen abgesondert und verstärkt produziert, wenn das Gewebe aneinander reibt. Wenn im Wundbereich ein Hohlraum geblieben ist, der nicht abgenäht werden konnte, und in diesem Gebiet zusätzlich viel Bewegung herrscht, sammelt sich die vermehrt produzierte Flüssigkeit in diesem Hohlraum. Besonders gefährdete Regionen dafür sind beispielsweise der Bereich hinter dem Ellbogengelenk, bei der Kniefalte oder am Hals, wo die Wunde bei jedem Schritt bzw. bei jedem Kopfwenden oder Fressen bewegt wird. Kommt es zu einer Infektion dieser Wundflüssigkeit, entwickelt sich aus dem Serom ein Abszess.

Daher sollte man ein Serom auch nicht mehrmals punktieren, denn jedes Mal besteht die Gefahr, eine Infektion auszulösen. Zudem wird ein andauerndes Punktieren das Problem nicht lösen, denn wenn ich aus einem mit Flüssigkeit gefüllten Hohlraum die Flüssigkeit entferne, müsste ich einen Druckverband anlegen, um eine neuerliche Füllung zu verhindern. Das ist aber an vielen Körperstellen nicht möglich und zudem unangenehm für den Patienten. Sinnvoller sind ein konsequentes Ruhighalten des Tieres und warme Umschläge mit dem Ziel, dass der Körper die Wundflüssigkeit selbstständig abbaut. Dieser Prozess benötigt mindestens 14 Tage. Ist diese konservative Therapie nicht erfolgreich, kann für drei bis fünf Tage eine Drainage gelegt werden, was natürlich wieder ein kleiner chirurgischer Eingriff ist.“

Wundinfektion

Sowohl eine Nahtöffnung als auch ein Serom können eine Wundinfektion als weitere Komplikation nach sich ziehen. Darüber hinaus birgt die Wundpflege selbst ein Risiko für eine bakterielle Infektion – insbesondere wenn dabei auf Einweghandschuhe verzichtet wird. Der größte Risikofaktor aber ist, dass das Tier die Wunde beleckt, wenn entgegen der Anweisungen auf die schützende Halskrause verzichtet wird. „Jede Wunde, die nicht innerhalb von 30 Tagen abgeheilt ist – und das ist eine lange Zeit! – ist chirurgisch betrachtet von einer Wundinfektion betroffen“, erläutert Dr. Brigitte Degasperi. „Die Therapie hängt zum einen von der Größe der Wunde, zum anderen vom Gesamtzustand des Patienten ab. Bei einem Diabetiker oder bei einem älteren Tier, das bereits durch eine andere Krankheit geschwächt ist, muss man eher systemisch therapieren als bei einem zweijährigen gesunden Hund, bei dem sich ein kleiner Schnitt von vielleicht drei Zentimetern geöffnet hat. Dieser Patient wird eine offene Wundbehandlung mit einer regelmäßigen Spülung als lokale Therapie gut vertragen.“

Ruhe und Bewegungseinschränkung beste Prävention

Die beste Prävention gegen all diese Komplikationen ist neben einer lückenlosen Kontrolle des Patienten absolute Ruhe in den Tagen und Wochen nach einer Operation! Leinenpflicht allein im Freien macht wenig Sinn, wenn unser bester Freund, der sich dank optimaler Betreuung in der Klinik schnell wieder wohl fühlt, in den eigenen vier Wänden treppauf, treppab lebhaft seinem Alltag nachgeht. Zu einer idealen postoperativen Betreuung des Patienten gehört zwingend ein ruhiger Platz mit eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten, an dem Mensch und Hund in den ersten Tagen nach der Operation die Zeit gemeinsam störungsfrei verbringen können – zumindest bis zur Nahtentfernung! „Je nach Umfang des Eingriffs und Größe der OP-Wunde kann Ruhighalten dabei durchaus bettlägerig bedeuten“, sagt Dr. Brigitte Degasperi und ergänzt: „Wir dürfen von unseren Tieren nicht mehr erwarten als von uns selbst. Warum sollen ein Hund oder eine Katze nicht eine Woche krank sein und eine Wundheilung brauchen? Auf was hinauf sollen diese Prozesse bei ihnen schneller ablaufen als bei uns?“

Von Mag. Kerstin Piribauer