Von der Wildnis in die Zivilisation

Zahm oder domestiziert?

Eichhörnchen-Bub Fridolin war nicht einmal handtellergroß, als er unter einem Baum liegend von einem tierfreundlichen Ehepaar bemerkt wurde. Da sich seine Mutter auch nach mehreren Stunden nicht um ihn gekümmert hatte und das Eichhörnchen-Baby bereits sehr schwach war, beschloss das Ehepaar, den kleinen Eichkater aufzuziehen. Fridolin gedieh prächtig, hatte keinerlei Scheu vor den menschlichen Pflegeeltern, spielte mit ihnen und ruinierte so manches im Haus, was der Liebe seiner Pflegeeltern zu ihm jedoch keinen Abbruch tat. Fridolin durfte sich in deren großem Haus frei bewegen, und das Ehepaar hoffte, dass das rotpelzige Pflegekind sein ganzes Leben bei ihnen verbringen würde. Aber es kam anders: Kaum war aus Fridolin ein schöner Eichkater geworden, verhielt er sich zwar seinen Pflegeeltern gegenüber nach wie vor zahm, entwickelte aber in seinem deutlich wahrnehmbaren Drang nach Freiheit eine regelrechte Zerstörungswut. Obwohl der Abschied schwerfiel, wurde Fridolin wieder ausgewildert. Das angeführte Beispiel zeigt, dass ein zahmes Wildtier noch längst kein Haustier ist. Zwischen Zähmung und Domestikation eines Tieres liegen – genetische – Welten.

Die Domestikation von Tieren begann schon in der Jungsteinzeit. Als die Menschen sesshaft wurden und Ackerbau betrieben, wurden einige Tiere zu Haustieren. Dabei gab es zwei Wege: Entweder wurde der Mensch aktiv, zähmte beispielsweise Pferde und Kühe und hielt sie in Gattern. Oder die Tiere kamen von selbst – so dürfte es bei Wölfen, den späteren Hunden, und bei Katzen gewesen sein. Aus dem Zusammenleben ergaben sich zahlreiche Veränderungen. Denn um domestiziert werden zu können, muss eine Tierart etliche Kriterien erfüllen. Tierärztin Tanja Warter hat  Prof. Dr. Marcus Clauss von der Universität Zürich zu diesem Thema befragt.

mein HAUSTIER: Im „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry bittet der Fuchs darum, er möge gezähmt werden. Aber Füchse sind bis heute keine Haustiere. Warum nicht? 

Prof. Clauss: Im Volksmund ist es so, dass die Begriffe Zähmung und Domestikation ziemlich austauschbar verwendet werden. Wissenschaftlich betrachtet gibt es klare Unterschiede. Zähmen bedeutet, dass man mit einem Einzeltier soweit kommt, dass es sich an den Menschen gewöhnt, die Fluchtdistanz verringert, keine Angst mehr hat, vielleicht sogar Kooperationen zeigt. Im Gegensatz dazu bedeutet domestizieren, dass ich das Genom einer Tierart so verändere, dass ich immer wieder mit Individuen dieser Tierart züchten kann und entweder bewusst oder unbewusst dabei selektiere. Das ist mit Füchsen nicht passiert.

Wie kann man denn unbewusst selektieren? 

Unbewusst bedeutet Folgendes: Ich halte eine Gruppe von Tieren unter bestimmten Bedingungen. Manche Tiere werden sterben, andere überleben und reproduzieren sich. So vermehren sich automatisch nur diejenigen, die mit der Haltung zurechtkommen. Ich habe aber nichts absichtlich gemacht und trotzdem eine Selektion in Gang gebracht. Bewusste Selektion schaut anders aus. Ein gutes Beispiel ist eine Rassekaninchenschau, wo gekört wird. Das heißt, es wird festgelegt, dass nur mit jenen Tieren gezüchtet werden darf, die einem bestimmten Standard entsprechen. Jene Tiere aber, die provokant gesagt die Flecken an den falschen Stellen haben, werden von der Zucht ausgeschlossen.

Was muss eine Tierart mitbringen, damit sie domestiziert werden kann? 

Dazu gibt es eine ganze Reihe von Kriterien, die unterschiedlich gewichtet werden. Der amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond hat es so zusammengefasst: Das Tier muss nützlich für den Menschen sein, es muss Menschen und die Annehmlichkeiten des Zusammenlebens grundsätzlich mögen, darf nicht leicht in Panik verfallen, sollte früh geschlechtsreif werden, leicht zu ernähren und leicht zu halten sein und bestenfalls eine Hierarchie akzeptieren.

Haben Sie ein Beispiel, wo Domestikation nicht gelungen ist?  

Geparde könnte man gut für die Jagd einsetzen. Aber ein Gepard hat in der Gegenwart von Artgenossen so viel Stress, dass er weniger Geschlechtshormone ausschüttet und sich schlecht reproduziert, wenn man ihn in Gruppen hält. Das ist keine gute Voraussetzung. Es muss also möglich sein, eine ausreichend große Menge Tiere auf einem Haufen halten zu können, die damit auch klarkommen und sich vermehren. Da hat man mit Einzelgängern Probleme. Oder nehmen wir Elche. Elche sind von ihrem Naturell her extrem angenehme Tiere, die keine Probleme mit Menschen haben. Sie sind Wiederkäuer wie Kühe, geben Milch, und man kann das Fleisch essen. Aber: Das Problem bei Elchen ist wie bei allen Hirschartigen eines: Wenn sie in die Brunft kommen, werden sie verrückt. Ein Elch in der Brunft greift sogar Menschen an, weil er plötzlich überall Konkurrenten sieht. Auch den Pfleger, mit dem er im Rest des Jahres bestens auskommt, attackiert er. Im Vergleich dazu sind Stiere umgängliche, beherrschbare Wiederkäuer.

Domestizieren bedeutet, dass ich das Genom einer Tierart so verändere, dass ich immer wieder mit Individuen dieser Tierart züchten und dabei selektieren kann.

Aber man könnte den brunftigen Elch doch vorübergehend wegsperren?  

Schwierig. Und es kommt noch etwas hinzu, das Elchhaltung auf Bauernhöfen unmöglich macht. Der Elch ist ein reiner Laubfresser. Das kommt vergleichsweise selten vor bei den Wiederkäuern. Da wird es logistisch total schwierig, das Futter zu besorgen. Gras und Heu kann ich kaufen, aber Laub nicht. Es gibt keinen Markt dafür. Ein erwachsener Elch braucht 20 bis 25 Kilogramm frisches Laub am Tag. Nehmen Sie mal einen Zweig, zupfen Sie die Blätter ab und legen das auf die Waage. Sie werden wahnsinnig, wenn sie 25 Kilogramm am Tag irgendwo herbekommen müssen.

Lässt sich überhaupt klar definieren, ab wann eine Tierart domestiziert ist? 

Mir ist nicht bekannt, dass es ein Schiedsgericht gebe, das einem Tier das Qualitätssiegel gibt: Ja, ab jetzt bist du domestiziert. Das Genom muss sich in irgendeiner Form im Vergleich zur Wildform verändert haben, sehr häufig geht das mit Veränderung in Fellfarbe, im Fellmuster, in der Körperform einher und auch mit Veränderungen im Verhalten.

Sind domestizierte Tiere automatisch einigermaßen zahm? 

Ich würde sagen, es ist davon abhängig, weshalb eine Tierart domestiziert wurde. Nehmen wir die Pelztiere, die ganz klar domestiziert sind, weil nur jene zur Zucht kommen, die eine gute Pelzqualität haben. Das heißt überhaupt nicht, dass diese Tiere verhaltensmäßig an etwas angepasst sind. Da war das Ziel ein völlig anderes als wenn ich sage, ich selektiere Border Collies darauf, dass sie mit mir zusammen besonders gut Schafe treiben. Ich kann bei der Selektion stärker auf Verhaltensweisen oder auf Äußerlichkeiten fokussieren. Entsprechend unterschiedlich fallen die Ergebnisse aus.

Gibt es aktuell noch Bestrebungen, eine Tierart neu zu domestizieren?  

Es gab vor einer Weile mal den Verdacht, eine spezielle Raupenart könne Plastik verdauen. Dann hätte sicher wer angefangen, sie zu domestizieren. Wenn man einen neuen Nutzen entdeckt, wird man auch neue Tierarten domestizieren. Plastik verdauen, das wäre schon ein Renner, wenn man so ein Tier finden würde.

Aber nur, weil man etwas hält und züchtet, ist es noch nicht domestiziert. Das ist ja das, was Zoos machen. Die halten viele Tiere, immer mit dem Ziel der Vermehrung, aber auch mit dem Ziel, die Domestikation nicht passieren zu lassen. Das ist vielleicht noch schwieriger als eine Domestikation.

Herr Professor Clauss, herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview geführt von Tierärztin Tanja Warter

Prof. Dr. Marcus Clauss

Tierarzt und wissenschaftlicher Abteilungsleiter der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere an der Vetsuisse Fakultät der Universität Zürich.

Der Experte nimmt unter anderem Unterschiede zwischen Wild- und Haustieren unter die Lupe. Zum Thema „Warum halten wir keine Eichhörnchen als Haustiere“ spricht Clauss beim ANIMALICUM, dem Tier & Wir-Kongress am 16. und 17. März 2018 in Bregenz am Bodensee.

Infos unter www.animalicum.com