Vierbeiner im Spital

Der stationäre Patient in der Kleintierchirurgie Enzo und sein Frauchen haben die Ambulanz der Kleintierchirurgie aufgesucht und nach einer ausführlichen klinischorthopädischen Untersuchung steht fest, dass der Boxerrüde operiert werden muss. Am vereinbarten OP-Tag gibt Enzos Besitzerin morgens um acht Uhr ihren vierbeinigen Freund vertrauensvoll in die Obhut der Kleintierchirurgie. Auch wenn sie ihren vierjährigen Rüden im OP-Team um Prof. Britta Vidoni in den besten Händen weiß, und Enzo – aufgeweckt und neugierig – sich ganz selbstverständlich an der Seite des Pflegers auf die Station führen lässt, lassen sich die Gedanken nicht verdrängen: Was passiert, wenn die Tür sich schließt? „mein HAUSTIER“ hat im Gespräch mit Dr. Armin Pirker genauer nachgefragt.

Frage: Was ist die übliche Vorgangsweise, wenn ein Patient an der Klinik aufgenommen wird?
Dr. Pirker: Wenn der Hund bei uns auf der Station eintrifft, wird ihm nach einer liebevollen Begrüßung zunächst ein Venenzugang gelegt, zum einen, um ggf. noch eine Blutuntersuchung vor der Narkose durchzuführen, zum anderen, um später die Anästhesie schonend einleiten zu können. Wir versuchen, den OP-Plan so optimal wie möglich mit kurzen Wartezeiten für die Patienten zu gestalten. Ca. 60 Minuten vor der Operation wird der Patient von der Station in die Anästhesie-Vorbereitung gebracht und dort noch einmal klinisch untersucht. Dann beginnt mit einer Injektion über den Venenzugang die Einleitung der Narkose. Sobald das Tier schläft, wird es intubiert und künstlich beatmet. Damit ist sichergestellt, dass der Patient während der gesamten Operation ausreichend Sauerstoff erhält. Die Narkose selbst wird, wie auch in der Humanmedizin, mit einem Narkosegas erhalten. Je nach Indikation werden verschiedene Methoden kombiniert. Wenn zum Beispiel wie bei Enzo eine Operation an einer Hinterextremität durchgeführt wird, arbeiten wir oft mit einer Epiduralanästhesie, einem Kreuzstich. Diese lokale Schmerzblockade senkt die notwendige Gesamtmenge des verabreichten Narkosemittels beträchtlich und trägt damit ebenso zur Schonung des Patienten bei.

Richtet sich die Methode der Anästhesie immer nach der Art der Operation?
Dr. Pirker: Ja, wir führen hier eine Anästhesie ähnlich wie in der Humanmedizin durch. Sie ist auf den individuellen Patienten abgestimmt. Während der gesamten OP ist ein Anästhesist vor Ort, um den Zustand des Patienten am Narkoseturm zu überwachen.

Häufig gestellte Fragen sind sicher „Kann ich nicht bei ihm bleiben, bis er schläft? Oder bei ihm sein, wenn er aufwacht?“
Dr. Pirker: Wir versuchen immer, die Gesamtsituation für den Hund und den Besitzer optimal zu managen. 99% unserer vierbeinigen Patienten haben die Ruhe weg, was auch für mich immer wieder verblüffend ist. Fremde Umgebung, fremde Leute, klinische Handgriffe – in der Regel finden unsere Patienten das alles total in Ordnung und sind ruhig und entspannt dabei. In vielen Fällen sind die Patientenbesitzer vor einer Operation ihres Lieblings nicht annähernd so gelassen wie ihre vierbeinigen Freunde. Diese Unruhe spüren die Tiere! Sie merken, dass Herrchen oder Frauchen nervös sind und lassen sich von dieser Nervosität auch anstecken. Aus diesem Grund und weil sich ein OP-Termin durch einen hereinkommenden Notfall auch verzögern kann, werden die Patienten an der Kleintierklinik der VetmedUni Wien in der Regel bereits vor der Operation stationär aufgenommen und gehen munter bzw. geh- und stehfähig wieder zurück zu ihren Besitzern. Natürlich ist auch dieses System im Bedarfsfall flexibel. Besonders bei aggressiven Patienten ist manchmal das Handling nur sehr eingeschränkt möglich, und die Anwesenheit der Besitzer in der Einschlaf- bzw. Aufwachphase unbedingt notwendig.

Bei einigen Eingriffen muss der Hund über Nacht oder einige Tage in der Klinik bleiben. Was sind die vorrangigen Gründe für einen stationären Aufenthalt?
Dr. Pirker: Wir versuchen generell, die Tiere so früh wie möglich nach Hause zu entlassen. Ein hauptlimitierender Faktor dabei ist Schmerz, den man auf verschiedene Weise beeinflussen kann. Postoperative Schmerzen nach orthopädischen Operationen, bei denen am Knochen gearbeitet wurde, oder aber auch größere Weichteiloperationen können oft nicht mit einfachen Schmerztabletten behandelt werden. In diesen Fällen ist es notwendig, über einen intravenösen Zugang stark schmerzstillende Medikamente wie z.B. Opiate zu verabreichen. Diese Schmerzmittel kann man dem Besitzer nicht einfach mitgeben, das ist einerseits rechtlich nicht zulässig und andererseits gefährlich, weil man das Tier mit einer Überdosierung ernsthaft gefährden könnte. Solange der Patient solche Medikamente braucht, muss er stationär in der Klinik bleiben. Nach Unfällen hingegen muss man oft warten, bis der Eingriff überhaupt vorgenommen werden kann. Ein Tier mit einem gebrochenen Fuß und einer zusätzlichen massiven Lungenschädigung kann nicht gleich operiert werden, die Narkose würde ihm eventuell das Leben kosten. Ein derartiger Patient muss zuerst stabilisiert werden, was ebenfalls einen stationären Aufenthalt notwendig macht. Auch Patienten nach Wirbelsäulenoperationen, z.B. nach Bandscheibenvorfällen, müssen zumindest so lange stationär bleiben, bis sie selbstständig Harn absetzen können.

Wie gestaltet sich während dieser Zeit der klinische Alltag für den Patienten?
Dr. Pirker: Rund um die Uhr ist immer jemand da! Neben unseren Ärzten haben wir ein großes Team an Tierpflegern, darüber hinaus Mitarbeiter in verschiedenen Ausbildungsphasen. Morgens gegen sieben Uhr übernimmt das Tages-Team die Patienten vom Nachtdienst. Die Boxen werden gereinigt und die Liegeplätze frisch hergerichtet. Danach kommen die Patienten einzeln zur stationären Untersuchung. Dabei erhebt der Stationsarzt die aktuellen Untersuchungsbefunde und verabreicht die in der Morgenvisite besprochene medikamentöse Therapie. Die Verbände werden gewechselt, neue Venenzugänge gelegt oder nicht mehr notwendige entfernt. Im Laufe des Vormittags bekommen die Patienten ihr erstes Fressen, am Abend gibt’s eine zweite Mahlzeit. Auch das Futter ist individuell auf den Patienten abgestimmt. Nach bestimmten Operationen ist eine Diät erforderlich. Natürlich ist es auch möglich, dem Tier Futtermittel mitzugeben – beispielsweise wenn ein Hund gebarft wird. Viele Patienten haben nach Operationen einen erhöhten Kalorienbedarf, damit die Heilung optimal verlaufen kann, aber Tiere nach Eingriffen im Bauchbereich wollen manchmal nach der Operation nicht fressen. Dann wird mit Handfütterung oder Ernährungssonden gearbeitet. Jeder einzelne Patient bekommt täglich drei oder vier kurze Spaziergänge am Klinikgelände. Tiere, die gelähmt sind oder nicht gehen können, werden mit Unterstützung in die Wiese gesetzt. Nur, wenn das aus medizinischen Gründen wirklich nicht möglich ist, bekommen sie in der Station einen Katheder, um den Harn abzuleiten.

Einige stationäre Patienten werden auch physiotherapeutisch betreut…
Dr. Pirker: Ja! Die Physiotherapie beginnt bei speziellen orthopädischen Operationen bereits unmittelbar nach der OP mit einfachen Bewegungsübungen. Natürlich kann man den Hund nicht am Tag 1 ins Unterwasserlaufband stellen, aber gerade bei Wirbelsäulenpatienten, z.B. bei Dackellähme, muss mit der Nervenstimulation so früh wie möglich nach der OP begonnen werden.

Sind Besuche des Besitzers für den Patienten möglich und sinnvoll?
Dr. Pirker: Für das Tier, das ein bis zwei Nächte bei uns verbringt, raten wir von Besuchen eher ab. Die Patienten sind in der Regel relativ entspannt und finden sich in der Situation gut zurecht. Wenn der Besitzer zu Besuch kommt, ist die Erwartungshaltung klarerweise groß, und dem Hund fehlt das Verständnis dafür, dass er nach dem Besuch nicht mitgehen darf. Natürlich gibt es auch Fälle, wo wir verstärkt auf die Mitarbeit des Besitzers setzen. Patienten, die mit ihrer Motivation kämpfen und bei denen es ums Überleben geht, brauchen ihren Besitzer als Motivation, um aus dieser Lethargie herauszukommen. Je kritischer die Situation des Patienten ist, desto notwendiger brauchen wir die Unterstützung des Besitzers..