Verändert Rassezucht das Hundegehirn?

Neue Forschungsmethode ermöglicht erste Antworten

Dass die gezielte Zucht die Kopfform unserer Hunde massiv verändert und damit die augenscheinlichsten Merkmale unterschiedlicher Hunderassen kreiert, ist bei Züchtern, Hundebesitzern und Tierärzten gleichermaßen ein viel diskutiertes Thema. Aus medizinischer Sicht standen dabei bisher vor allem die Kurzköpfigkeit (Brachyzephalie) und die daraus folgenden verengten Atemwege der betroffenen Hunde im Mittelpunkt, die die Lebensqualität massiv beeinträchtigen können. Derzeit geht ein internationales Forscherteam, in dem mit Univ.-Prof. Dr. med. vet. Eberhard Ludewig auch die Klinische Abteilung für Bildgebende Diagnostik der Veterinärmedizinischen Universität Wien vertreten ist, der Frage nach, inwieweit sich die zuchtbedingten Umbildungen der Kopfform darüber hinaus auf das Gehirn der Hunde auswirken.

„mein HAUSTIER“ sprach mit dem Projektleiter Dr. Björn Nitzsche vom Veterinär-Anatomischen Institut der Universität Leipzig über die bisherigen Ergebnisse und das aktuelle Wissen in diesem Bereich.

mein HAUSTIER: Herr Dr. Nitzsche, Sie haben mit Ihrer Erforschung von Lage, Form und Größe des Hundegehirns Neuland betreten und aktuell einen „digitalen Hirnatlas“ für den Hund erstellt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Dr. med. vet. Björn Nitzsche: Dieser Hirnatlas gibt uns die Möglichkeit, verschiedene Areale im Gehirn der Hunde zu vermessen und nachfolgend Lage, Form und Größe des Gehirns bei verschiedenen Hunderassen vergleichend zu untersuchen. Wir haben zunächst MRT (Magnetresonanztomographie)-Bilder des Hirns von 16 verschiedenen Hunderassen zusammengelegt, so dass das eine MRT-Bild, das sich daraus ergibt, diese verschiedenen Rassen repräsentiert. Mit Hilfe computergestützter Berechnungsmodelle aus der Humanmedizin konnten wir daraus dann einen echten Atlas erstellen. Das heißt, wir haben verschiedene Hirnareale digital markiert, so dass wir diese einzelnen Areale des Gehirns nun räumlich und voluminös bestimmen und die Ergebnisse unterschiedlicher Individuen eben vergleichen können.

Dahinter steht die Frage, inwieweit zuchtbedingte Veränderungen der Kopfform den Aufbau des Hundegehirns beeinflussen. Kann man denn zum Beispiel beim Wolf von einer Art „Urform“ des Hundehirns sprechen?

Ich würde das andersherum betrachten: Durch die Zucht ist die Frage entstanden, wie weit wir die Möglichkeiten der Veränderung beim Hund ausgereizt haben. Wenn man die Varianzen anschaut, weiß man noch nicht, wie die Urform aussah. Zudem ist die Spezies Hund eine domestizierte Form, der Wolf ist etwas anderes. Wir haben gesehen, dass in einer homogenen Rasse, in unserem Fall aktuell beim Beagle, die Varianz der Größenverhältnisse nur ein Zehntel so groß ist wie in einer gemischtrassigen Hundegruppe.

Können Sie denn schon sagen, in welchen Bereichen des Gehirns die größten Unterschiede zu finden sind?

Unsere Ergebnisse zeigen, dass in einer homogenen Hunderasse der Frontallappen (Vorderhirn, Stirnlappen) im Gehirn, der sowohl die Bewegung als auch das Sozialverhalten steuert, von allen untersuchten Gehirnarealen am stärksten variiert. Demgegenüber schwankt in einer gemischten Hundepopulation, die die gesamte Spezies repräsentiert, die Größe des Balkens, der den Informationsaustausch zwischen linker und rechter Gehirnhälfte ermöglicht, am stärksten. Das hat Einflusse auf die Koordination, das Kommunikationsverhalten und das soziale Miteinander und erklärt, warum wir verschiedene Rassen haben, denen bestimmte Eigenschaften hinsichtlich Ihres Verhaltens zugeschrieben werden. Jetzt haben wir einen Hinweis auf einen der möglichen Gründe dafür.

Kann man da bereits weitere Einflüsse beschreiben, die diese Unterschiede auf das Individuum haben?

Das wäre derzeit noch sehr hypothetisch. Wir könnten auf die unterschiedlichsten Dinge stoßen, beispielsweise auf Veränderungen in der Amygdala (Mandelkernkomplex), die u.a. Einflüsse auf emotionsgesteuertes Verhalten wie Angst oder Aggression haben könnten. Das ist sehr komplex. Im Prinzip verfolgen wir zwei große Fragestellungen: Die eine sind die rassebedingten Veränderungen: Wir wissen, wie sich bei kurzköpfigen Hunden im Vergleich zu langnasigen der Gesichtsschädel umbildet, und man muss annehmen, dass sich auch der Kopfschädel verändert. Der Pekinese ist beispielsweise weit gewölbter als der Schäferhund. Daraus folgende Auswirkungen auf das Gehirn sind bisher unbekannt. Wir liefern die Methode, um das systematisch zu untersuchen. Die zweite Fragestellung steht in Zusammenhang mit den sogenannten Kampfhunderassen. Mit dieser Bezeichnung hat man sich auf bestimmte Rassen festgelegt: nach Bauchgefühl und Erfahrung. Welche rassespezifischen Veränderungen liegen dort aber wirklich im Gehirn vor? Diese Fragen sollen adäquat beantwortet werden. Dazu untersucht die Emory Universität in Atlanta, USA auch wache Hunde im funktionalen MRT. Wir liefern mit unserem Hirnatlas das Koordinatensystem, um derartige Untersuchungen vergleichbar zu machen. Diese Methode hat das Potenzial, wesentliche Fragen über die Einflüsse selektiver Zucht auf das Gehirn verschiedener Rassen nachvollziehbar zu beantworten und liefert darüber hinaus zukünftig auch die Möglichkeit, funktionelle Untersuchungen zum Verhalten reproduzierbar zu gestalten.

Vermutlich wird man in diesem Zusammenhang auch Merkmale des Gehirns untersuchen, die die Lebensqualität der Hunde massiv beeinträchtigen. Denken wir beispielsweise an den Cavalier King Charles Spaniel. Hunde dieser Rasse leiden vermehrt unter einer Zirkulationsstörung der Gehirnflüssigkeit. Ist das ein Thema Ihrer Forschung?

Diese Problematik beim Cavalier King Charles ist eine der Fragestellungen, an der wir aktuell arbeiten und zu der wir voraussichtlich im kommenden Herbst Ergebnisse präsentieren können. Wir sind jetzt in der Lage weiterzuarbeiten und das, was die Humanmedizin vorgelegt hat, in der Tiermedizin zu nutzen – insbesondere auch, um in all diesen Fragen rechtssicher und weniger emotional, sondern faktenorientiert argumentieren zu können.

Herr Dr. Nitzsche, herzlichen Dank für das Gespräch.
Interview geführt von Mag. Kerstin Piribauer

Dr. med.vet. Björn Nitzsche
Veterinär-Anatomisches Institut
Universität Leipzig