Tumorerkrankungen beim Hund

Nicht vorhersehbar und häufig tödlich

Wussten Sie, dass ein bösartiger Tumor eine der drei häufigsten Todesursachen bei unseren Hunden ist? Leider ist das so. Wie bei uns Menschen sind Tumoren eine unvorhersehbare Erkrankung. Kommen sie in der Haut vor, dann kann man sie manchmal recht früh sehen oder fühlen, aber an anderen Stellen werden sie häufig erst gefunden, wenn sie zu Problemen führen. Und diese können vielfältig und nicht immer eindeutig sein.

Unspezifische Symptome erschweren Diagnose

Aus einer einzelnen veränderten und mit freiem Auge nicht sichtbaren Zelle, die sich ungebremst vermehrt, wächst ein Tumor, der sich mitunter zentimeterweit ausdehnt und umliegende gesunde Zellen verdrängt und vernichtet. Das kostet unverhältnismäßig viel Energie und stört die normalen Körperfunktionen. Wozu führt dies? Häufig zu Schwäche, Gewichtsverlust und Müdigkeit. Uneindeutige Symptome, die auch bei anderen Erkrankungen häufig vorkommen. Andere Symptome ergeben sich aus Funktionsverlusten der einzelnen Organe, wenn Tumore in diesen wachsen. Zum Beispiel verminderte Nieren- oder Leberfunktion mit einem Verlust der Entgiftungsfunktion, die dann zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall führen können, genauso wie Tumoren im Bereich des Magendarmtraktes. Gehirntumoren führen zu unterschiedlichen neurologischen Ausfällen wie Verhaltensstörungen mit Aggressivität, Gangproblemen und epileptischen Anfällen.

Schmerzen, die aus dem Wachstum von Tumoren resultieren können, zeigen sich manchmal nur darin, dass sich unsere Hunde zurückziehen, können aber auch zu deutlichen Zeichen wie schwerer Lahmheit bei Knochentumoren führen. Manche Tumoren produzieren Substanzen, die zu Stoffwechselstörungen führen. Ein Beispiel wäre das Insulinom, ein bösartiger Tumor in der Bauchspeicheldrüse. Dieser produziert eine dem Insulin ähnliche Substanz, die den Blutzuckerspiegel senkt. Bei Anstrengung oder Aufregung kommt es dann zu plötzlicher Schwäche bis Kollaps und epilepsieähnlichen Anfällen.

Andere, wie eine bösartige Form des Analbeuteltumors, können den Kalziumspiegel im Blut erhöhen. Folge ist, dass diese Hunde plötzlich immer mehr Harn produzieren und viel mehr trinken. So unterschiedlich die Folgeerscheinungen des Tumorwachstums aber auch sind, zu Beginn sind die Anzeichen meistens sehr mild, und es dauert ein wenig, bis uns bewusst wird, dass etwas nicht stimmt. Und dann, wenn man zum Tierarzt geht, kann es bei unklaren Symptomen auch noch etwas dauern, bis endlich der Auslöser gefunden wird. Und in dieser ganzen Zeit vermehren sich die Tumorzellen weiter, und der Tumor wächst. Je bösartiger ein Tumor ist, umso schneller wächst er.

Verbreitung der Tumorzellen über Blut- und Lymphgefäße

Und je bösartiger und größer ein Tumor ist, umso eher besitzt er die Fähigkeit, in kleinste Blut- oder Lymphgefäße einzuwachsen. Und diese dienen dann als Straßennetz, mit dessen Hilfe sich einzelne Tumorzellen im gesamten Körper verteilen können. Sie gründen dann in der Umgebung oder weit entfernt neue Siedlungen. Diese neuen Tumorinseln nennt man Metastasen. Am häufigsten findet man sie in der Lunge und den Lymphknoten. Ist das wichtig? Leider ja. Denn zum einen erzeugen diese Metastasen neue Organstörungen, Komplikationen und Schmerzen. Und zum anderen verändern sich Therapiestrategie und Überlebenszeit dramatisch, wenn es bereits zur Metastasenbildung gekommen ist. Manchmal ist es gar nicht der eigentliche bösartige Tumor, der zu Erkrankungssymptomen führt, sondern nur die Metastasen.

Tumoren entstehen spontan

Das klingt jetzt alles furchtbar, und so stellt sich natürlich die Frage, ob man dies nicht verhindern kann. Leider nein. Die meisten bösartigen Tumoren beim Hund entstehen spontan. Im Lauf des Lebens müssen die einzelnen Zellen in unseren Körpern ständig ausgetauscht und erneuert werden. Präzise vermehren sich die Zellen so, dass Lücken geschlossen, aber nicht zu viel Gewebe gebildet wird. Abermillionen von Zellteilungen sind dafür erforderlich. Eine unglaubliche Leistung mit höchster Präzision. Aber so perfekt das Wunder Körper auch arbeitet, es ist nicht fehlerfrei. Immer wieder entstehen bei der Erneuerung Zellen mit defektem Erbgut, aus denen Tumore entstehen könnten. Diese werden von unserem Immunsystem erkannt, zerstört und unschädlich gemacht. Ähnliche Störungen können auch durch vermehrte Strahlung, wie zum Beispiel übermäßige Sonnenstrahlung an unpigmentierter und unbehaarter Haut, oder durch Umweltgifte auftreten. Aber auch hier sorgt normalerweise das Immunsystem dafür, dass nichts passiert. Wenn aber eine defekte Zelle nicht erkannt wird, bei der das veränderte Erbmaterial zu einem ungebremsten Wachstum führt, dann entsteht vielleicht ein Tumor. Und je älter ein Körper, umso größer das Risiko. Verhindern kann man dies nicht. Aber man kann den Körper unterstützen, damit weniger Fehler auftreten und das Immunsystem gestärkt ist. Ein bewegungsreicher Lebensstil und gesunde Ernährung helfen.

Kein Patentrezept für Therapie

Was können wir aber nun tun, wenn ein bösartiger Tumor auftritt? Hier gibt es leider kein Patentrezept, das für alle Tumorarten gültig ist. Bevor die Therapie geplant wird, wird bei den meisten bösartigen Tumorarten nach Metastasen gesucht. Wenn diese in Röntgen, Ultraschall oder Computertomographie nicht zu finden sind, dann wird wenn möglich als erstes versucht, den Tumor in einer Operation zu entfernen. Im Anschluss muss der entfernte Tumor auf jeden Fall von einem Pathologen untersucht werden. Ist er wirklich bösartig? Um welche Art von Tumor handelt es sich? Wurde auch sicher alles erwischt, oder besteht das Risiko, dass noch unsichtbare Reste zurückgeblieben sind? Wie aggressiv ist er? Besteht das Risiko von Metastasenbildung, auch wenn keine zu sehen waren? Und erst, wenn es Antworten zu diesen Fragen gibt, dann kann man weiter entscheiden. Im besten Fall ist mit der Operation alles erledigt. Tumor entfernt und Patient geheilt. Wenn aber nicht operiert werden kann, der Tumor nicht vollständig entfernbar oder mit Metastasen zu rechnen ist, dann sind weitere Therapien notwendig. Zumeist bedeutet dies, dass damit keine Heilung, sondern nur mehr eine Lebensverlängerung möglich ist. Wenn nur eine Körperstelle betroffen ist, dann wird häufig eine Bestrahlungstherapie angewendet. Typische Beispiele hierfür sind Haut-, Nasen- oder Gehirntumoren. Die Bestrahlung wird in mehreren Sitzungen in Narkose über ein bis drei Wochen durchgeführt. Wenn mehrere Stellen im Körper betroffen sind, also vor allem im Fall möglicher Metastasen, dann ist eine Chemotherapie oder eine ähnliche Therapieform notwendig. Beispiele hierfür sind früh metastasierende Tumoren wie Brustdrüsen-, Schilddrüsen- oder Knochenkrebs. Von Blutzellen ausgehende Tumoren wie Leukämien oder Lymphome werden meistens nur mit Chemotherapie behandelt. Wie erfolgreich die Therapie am Ende ist, hängt vor allem von der Art des Tumors ab. Das können nur wenige Wochen oder auch Jahre sein. Leider gibt es auch bösartige Tumoren, die auf keine Therapie ansprechen. Andere sprechen zu Beginn zum Glück gut an und werden kleiner oder verschwinden ganz. Mit der Zeit aber werden Tumorzellen häufig resistent gegen die Therapie und vermehren sich wieder. Eine neue Therapievariante ist notwendig. Und irgendwann wirkt dann keine Therapie mehr, und der Kampf ist verloren. 

Lebensqualität des Patienten hat Priorität

Im Vordergrund steht bei allen weiterführenden Therapien nicht die maximale Lebensverlängerung um jeden Preis, sondern die Lebensqualität der Patienten. Die Zeit, die erkämpft wird, soll möglichst genossen werden können. Daher sind bei Chemotherapie und Co. auch Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall unerwünscht. Ich bin Tierarzt und arbeite in der Kleintieronkologie, ich sehe und behandle jedes Jahr viele Hunde und Katzen mit bösartigen Tumorerkrankungen. Nicht für alle Patienten kommen alle möglichen Therapieformen wirklich in Frage, und nicht immer sind diese erfolgreich. Aber glauben Sie mir, dass bei sorgfältiger Aufklärung der Tierhalter und gewissenhafter Auswahl der Therapieformen so gut wie alle Patienten von weiterführenden Therapien profitieren und diese keinesfalls nur das Leiden unserer Patienten verlängern.

Und zum Abschluss muss ein Punkt leider noch erläutert werden. All dies kostet natürlich Geld. Je nach Erkrankung und notwendigen Therapien können schnell Kosten auftreten, welche die 1.000-Euro-Grenze überschreiten. Bestrahlungstherapien beim Hund kosten zwischen 2.000 und 4.000 Euro. Chemotherapien kosten meistens von 1.500 Euro aufwärts. Bei komplizierten Fällen müssen diese vielleicht kombiniert werden. Sollten sie einen Hund zu Hause haben, dann wünsche ich diesem, dass er gesund alt wird und all dies nicht braucht. Wenn sie einen jungen Hund haben, dann sollten Sie sich dennoch für den Fall der Fälle eine finanzielle Vorsorge – zum Beispiel eine Tierkrankenversicherung – überlegen.

Dr.med.vet. Maximilian Pagitz
Klinische Abteilung für Interne Medizin, Department für Kleintiere und Pferde, Veterinärmedizinische Universität Wien