Therapeutisches Taping an Hunden und Pferden

Mittlerweile sind sie in Sportsendungen ein vertrautes Bild, die lustigen bunten Streifen, die die Sportler an verschiedenen Stellen auf ihrem Körper kleben haben. Blaue Streifen am Handgelenk, rosa und grün im Nacken; Schulter, Ellbogen, Knie und Fuß – es gibt eigentlich keine sichtbare Stelle, an denen das farbige Klebeband nicht eingesetzt wird. Aber was steckt dahinter? Ist das nur Deko? Eine Modeerscheinung? Oder haben die Sportler einen Nutzen davon? Und wenn, kann man das auch bei Tieren einsetzen? Hat es dort denselben Effekt? Und was ist mit dem Fell? Stört das nicht? Fragen über Fragen, denen wir auf den Grund gehen werden.

Kinesiotaping – die Geschichte

Auch wenn sie hübsch aussehen sind die bunten Klebestreifen natürlich nicht nur Deko, sondern die Erfindung des japanischen Kinesiologen Dr. Kenzo Kase. Mit dem Kinesiotaping entwickelte er 1973 eine Therapie, die mit Hilfe von Klebestreifen (Tape) auf der Haut die Selbstheilungskräfte des Körpers bei Verletzungen des Bewegungsapparats unterstützen sollte. Seine Idee war, mit Hilfe des Tapes die Durchblutung und den Lymphabfluss zu erhöhen, um Entzündungen schneller zu heilen. Zudem sollte es Gelenke und Muskelfunktion unterstützen. Das Tape musste dafür bestimmte Bedingungen erfüllen: Es dürfte auf der Haut nicht stören, sondern sollte vielmehr mit dem Körper arbeiten. Dafür musste das Tape ähnliche Eigenschaften besitzen wie die Haut, gut verträglich sein und Nässe aushalten können. Auf dieser Basis entwickelte Dr. Kase gemeinsam mit einer japanischen Firma das Tape „Kinesiotape“. Es besteht aus einer dünnen, leichten Baumwolle, in die in Längsrichtung elastische Fasern eingearbeitet sind, so dass es längs und schrägelastisch ist. Wie die Haut ist es atmungsaktiv und besitzt eine Dehnbarkeit von 130 bis 140 %. Es besitzt eine hautverträgliche Polyacrylkleberschicht, die mit der Dehnungsrichtung längs in Wellen aufgebracht ist.

Als Kinesiologe beschäftigte sich Dr. Kase auch mit der Kraft der Farben. Deshalb gab es sein Tape in 5 Farben: rot, blau, beige, schwarz und weiß. Je nach Erkrankung konnte das Tape der Farbe eingesetzt werden, das am besten passte. Das rote Tape stand als „warme Farbe“ für Energie und Kraft, Blau sorgte als „kalte Farbe“ für Kühle und Erfrischung, Schwarz und Weiß sind zwar neutrale Farben, das schwarze Tape sollte aber über die anderen Farben geklebt werden, um deren Wirkung zu unterstützen. Auch das Beige Tape ist neutral, sollte aber als natürliche Hautfarbe bei empfindlichen Menschen am „leichtesten“ sein. Aber an diese Farblehre muss man wohl glauben.

Dr. Kases Erfolg mit seiner Therapie verbreitete sich schnell rund um den Globus. Viele Physiotherapeuten benutzen heute das Taping als Ergänzung zu ihrer Arbeit. Und natürlich ist auch die Industrie auf den Zug aufgesprungen. Es gibt unzählige Tapes auf dem Markt, die das Original von Dr. Kase kopieren. Die Farbenlehre wurde dabei erweitert – es gibt sogar Zebra- und Leopardenmuster. Man bekommt Tapes sogar im Supermarkt und im Discounter. Allerdings sind darunter viele minderwertige Produkte, die keine Baumwolle, sondern Kunstfasern und minderwertigen Kleber verwenden. „Kinesiotaping“ darf man diese Therapie übrigens nur nennen, wenn man Dr. Kases Originaltape benutzt, denn der Kinesiologe hat sich den Begriff schützen lassen.

Die Wirkung des Tapes

Dr. Kases Idee, die Rehabilitation des Körpers durch sein Tape zu unterstützen, kann man stark vereinfacht so erklären: In der richtigen Dehnung aufgebracht, „faltet“ das Tape die Haut des

Patienten und hebt sie sozusagen ab. Dadurch wird der Raum unter der Haut vergrößert, was sowohl die Durchblutung als auch den Fluss der Lymphflüssigkeit erhöht. Erhöhte Durchblutung sorgt dafür, dass Strukturen besser mit notwendigen Stoffen versorgt werden, die gebraucht werden. Erhöhter Lymphfluss lässt beispielsweise Schwellungen, Entzündungen oder Blutergüsse schneller abbauen und abtransportieren.

Auf medizinischer Ebene allerdings bewirkt das Tape sehr viel mehr im Körper. Dazu muss man verstehen, dass alles, wirklich alles in unserem Körper über Nerven gesteuert und kontrolliert wird. Das Nervensystem sorgt dafür, dass wir gehen und stehen können, anstatt von der Schwerkraft angezogen zu Boden zu sinken. Es sorgt für Muskelauf- und -abbau und steuert alle Organfunktionen. Es lässt uns sehen und hören und schlägt Alarm, wenn unser Körper oder auch nur einzelne Strukturen in Gefahr geraten, ernsthaft verletzt zu werden.

Für diese Arbeit besitzt das Nervensystem „Kontrolleinheiten“, die Reize von außen aufnehmen. Diese Kontrolleinheiten heißen „Rezeptoren“ und sie sind überall in unserem Körper zu finden – tausendfach. Diese Rezeptoren würden einen schlechten Job machen, würden sie nicht auch auf das aufgebrachte Tape reagieren. Sie nehmen die Dehnung der Haut wahr und reagieren darauf: Die Blutgefäße weiten sich, der Blutfluss wird erhöht, die Muskeln folgen der Hautdehnung und arbeiten entweder weniger oder stärker, je nachdem wie und wo das Tape aufgebracht wird. Das führt dazu, dass ein Tape den Muskelaufbau entweder unterstützen oder – anders angewendet – einen Muskel entspannen und damit Verspannungen lösen kann. Das Tape kann durch bestimmte Techniken Schmerzen lindern und Gelenke über Bänder und Sehnen stabilisieren und schützen. Damit stellt ein gut angewendetes Taping ein wirklich wertvolles Instrument zur Behandlung und Unterstützung des Bewegungsapparates dar.

Kann man dieses Prinzip einfach auf Tiere übertragen?

Das Nervensystem der Tiere ist dem unseren recht ähnlich. Deshalb ist die Wirkungsweise des Tapings ebenso auf unsere Haustiere übertragbar. Da Katzen, Kaninchen und Co einen Tapestreifen aber höchstens wenige Sekunden dulden würden, lässt sich diese Therapie am besten bei Hund und Pferd einsetzen.

Auch hier kann das Tape die Selbstheilungskräfte des Körpers unterstützen und die Rehabilitation nach Verletzungen beschleunigen. Es ist anwendbar bei Schwellungen und Blutergüssen sowie zur Entlastung vorgeschädigter Sehnen und zur fokussierten Schmerzlinderung. Das Taping kann den Muskelaufbau unterstützen und verkrampfte Muskeln entspannen helfen. Somit ist das Tape auch gut einsetzbar, um im Training gezielt Übungen effektiver zu gestalten – ob bei Hunden im Training oder bei Pferden im Reitsport.

Doch natürlich gibt es bei Tieren ein wesentliches Hindernis: das Fell. Bei kurzhaarigen Hunden und Pferden mit glattem Sommerfell hält das Tape recht gut und kann gute Effekte erzielen. Auf dem Fell eines langhaarigen Hundes oder eines Pferdes mit Winterfell hält der Acrylkleber aber leider gar nicht. Das Fell abzurasieren ist aber keine Option. Die kleinen Wunden und Hautirritationen, die der Rasierer verursacht, führen zusammen mit dem Tape zu Reizung der Haut und Entzündungen. Als Kompromiss kann man langes Fell auf einige Millimeter Länge scheren, wenn eine Behandlung mit Tape sinnvoll erscheint. So erreicht man auf jeden Fall die beste Wirksamkeit am Tier. Dennoch hält auch ein optimal angebrachtes Tape am Tier nicht länger als wenige Stunden. Deshalb muss man in der Anwendung beim Tier immer Kompromisse eingehen. Statt das Tape mehrere Tage zu belassen, kann man es zum Beispiel häufiger bis zu täglich anbringen. Mit kleinen Tricks wie Bandagen oder Decken kann man die Dauer der Anwendung evtl. verlängern. Möchte man das Taping allerdings zu Trainingszwecken anwenden, sollte es mindestens 20 Minuten vor Trainingsbeginn aufgebracht werden, damit sich das Nervensystems „daran gewöhnen“ kann. Doch alles hat ja auch Vorteile: Auf Grund des Fells kommt es bei Tieren nie zu allergischen Reaktionen auf den Kleber, denn dieser kommt ja nicht mit der Haut in Berührung.

Kann jeder das Tape anwenden?

Da es mittlerweile überall Sporttapes zu kaufen gibt, wenden es viele Menschen mehr oder weniger fachmännisch an sich selbst oder ihren Haustieren an. Aber hier ist durchaus Vorsicht geboten. Einerseits gibt es viele Billiganbieter, die Kunstfasern statt Baumwolle und minderwertige Kleber für ihr Tape verwenden. Besonders beim Menschen kann das zu unangenehmen Nebenwirkungen wie Allergien und Entzündungen führen. Andererseits ist die Technik des Tapings eine sehr fein abgestimmte Therapie. Jeder Therapiegrund erfordert eine andere Dehnung des Tapes. Dabei macht ein Unterschied zwischen 10 und 20% Dehnung in der Wirkung schon einen sehr großen Unterschied. Techniken mit starker Dehnung über 50% müssen mit äußerster Vorsicht eingesetzt werden, da sie unerwartete Reaktionen des Nervensystems hervorrufen können. Um das Tape wirklich fachmännisch und korrekt anzuwenden, ist also auf jeden Fall Basiswissen über das Taping notwendig. Zudem sollte der Anwender auch grundlegende Kenntnisse über Anatomie, Physiologie sowie über Funktion und Aufbau des Nervensystems besitzen. Sonst kann eine angeblich entspannende Technik schnell zu Schmerzen und Verspannungen, oder ein Sehnentape zu Durchblutungsstörungen führen. Anders gesagt sollte eine Taping Therapie nur von einem Arzt oder Physiotherapeuten verordnet und durchgeführt werden. Da aber die kurze Haltbarkeit am Tier bei der Empfehlung täglicher Anwendung zu immensen Kosten führen würde, ist es im Einzelfall manchmal möglich, den Tierbesitzern bestimmte Anwendungsarten genau zu zeigen und die entsprechende Körperstelle durch Scheren oder anders zu markieren. Dennoch: Auch das scheinbar einfache Aufkleben eines bunten Klebestreifens ist eine therapeutische Anwendung, die nur in die Hand verantwortungsvoller Menschen gehört, die die Wichtigkeit der absolut korrekten Anwendung verstehen und bereit sind, sich mit dem fremden Material auseinanderzusetzen. Dann aber kann das Kinesiotaping für Mensch und Tier eine wertvolle Unterstützung der Selbstheilungsfunktion des Körpers sein und helfen, das biologische Gleichgewicht wiederherzustellen.

Tierärztin / Chiropraktikerin Ilka Brummenbaum
Dozentin an der International Academy
of Veterinary Chiropractic
praxis@dein-tier.de