Tatsächlich Wachstumsschmerzen

Tatsaechlich Wachstumsschmerzen

Tatsächlich Wachstumsschmerzen? Schon beim Junghund an orthopädische Probleme denken Wichtig: Orthopädische Erstuntersuchung im Alter von 5 – 6 Monaten! bwohl frischgebackene Hundehalter beim ersten Tierarztbesuch sehr oft die Frage stellen, was das Hundekind bewegungsmäßig tun darf und was nicht, damit es ihm nicht schadet, wird mit plötzlich auftretenden Störungen im Bewegungsablauf dann doch sehr locker umgegangen. So werden bei jungen Hunden im ersten Lebensjahr Bewegungsstörungen und Lahmheiten häufig einfach als „Wachstumsschmerzen“ abgetan und nicht weiter beachtet. Die Rechnung für diese Ignoranz müssen dann die erwachsenen Vierbeiner in Form schwerer Krankheiten des Bewegungsapparates zahlen. Wir vom Magazin „mein HAUSTIER“ haben daher einen Experten der Veterinärmedizinischen Universität Wien, Dr. Christoph Leichtfried, zu diesem Thema interviewt.

Frage: Herr Doktor Leichtfried, gibt es Aktivitäten, die für Welpen und Junghunde im Wachstum verboten sind?
Dr. Leichtfried: Welpen werden meist im Alter von acht bis zwölf Wochen an ihre neuen Besitzer vergeben. Die neuen Herrchen und Frauchen sollten sich nun bewusst sein, dass in diesem Alter die Knochen noch weich und Gelenksknorpel noch nicht belastungsfähig sind. Deswegen sollten so junge Hunde noch nicht Stiegen steigen. Auch beim Springen muss man vorsichtig sein; Die Welpen sollten nicht zum Springen ermuntert werden und auf keinen Fall hohe Sprünge ausführen. Vor allem bei Zwergrassen, wie z.B. Rehpinscher, Chihuahua oder Mini-Malteser, kann im ersten halben Lebensjahr schon ein Sprung vom Sofa gravierende Folgen – Brüche der Unterarme oder ein gebrochenes Ellbogengelenk – haben. Die Bruchgefahr ist bei Zwergrassen bis zum Alter von sechs Monaten sehr hoch, dann wird es besser.

Frage: Wie viel an Bewegung kann man Hunden im Wachstum zumuten
Dr. Leichtfried: Bewegung in einem normalen Ausmaß ist auch für Welpen und Junghunde wichtig und auch von Orthopäden erwünscht. Extrembelastungen müssen jedoch vermieden werden. Dazu zählt stundenlanges Wandern mit Junghunden, Joggen und auch zu frühes Training in Hundesportarten. So ist zum Beispiel das beliebte Frisbee-Spiel für Hunde im Wachstum äußerst gefährlich: Die Vierbeiner springen viel zu hoch, verrenken sich in der Luft nach der Frisbee-Scheibe und kommen oft nur auf einem Bein auf. Knochen- und Gelenksschädigungen können die Folge sein. Wenn man mit jungen Hunden unbedingt Frisbee spielen will, darf man die Scheibe nur ganz flach werfen, damit die Vierbeiner nicht danach springen müssen. Auch zu frühes Agility-Training ist abzulehnen – manchmal wird ja schon im Welpenkurs damit begonnen über Hürden zu gehen und ähnliches. Wenn das schon sein muss, dann darf es nur spielerisch, ganz ohne Leistungsdruck, erfolgen. Ganz allgemein kann man sagen, dass bei Hunden im Wachstum Extrembelastungen vermieden werden müssen und echtes Training für Hundesportarten noch verboten ist. Die körperliche Belastung des Hundes soll mit zunehmendem Alter schrittweise erhöht werden.

Frage: Hunde sind heutzutage Familienmitglieder. Und so wie die Hundehalter mit ihren Kleinkindern zum Kinderturnen gehen, möchten Sie auch dem Hundekind eine gesunde körperliche Betätigung bieten. Was können sie da tun? 
Dr. Leichtfried: Dafür haben Tier-Physiotherapeuten die „Aktive Bewegungstherapie für Junghunde“ entwickelt. Dabei wird auf schonende Weise die Muskulatur trainiert und damit die Gelenke stabilisiert. Auch die Koordination wird gefördert.

Frage: Wenn man Halter von Junghunden darauf anspricht, weshalb ihr Vierbeiner hinkt, bekommt man oft diese Antwort: „Das sind nur Wachstumsschmerzen, die vergehen von selbst wieder.“ Stimmt das?
Dr. Leichtfried: In den meisten Fällen ist das falsch. Den sogenannten Wachstumsschmerzen liegen fast immer sehr ernstzunehmende Ursachen zugrunde. Und es wäre ein katastrophaler Fehler, den Tieren mit den angeblichen Wachstumsschmerzen dann Mineralstoffergänzungen, wie etwa Futterkalk und Kalzium zuzufüttern – das passiert auch heutzutage noch. Selbst bei geringfügigen Veränderungen des Gangbildes oder Schmerzäußerungen sollte sofort der Tierarzt aufgesucht und eine orthopädische Untersuchung veranlasst werden. Leider ist es in vielen Fällen noch immer so, dass im ersten Lebensjahr der Tierarzt nach den Grundimpfungen nicht mehr aufgesucht wird. Aber genauso wie für menschliche Babys die Untersuchung der Hüfte obligat ist, sollte für Hundekinder eine orthopädische Untersuchung im Alter von fünf bis sechs Monaten obligat sein. Denn in diesem Alter kann man noch rechtzeitig einschreiten und bleibende Schäden des Bewegungsapparates verhindern.

Frage: Welche orthopädischen Erkrankungen kann man schon bei Hunden im Wachstum feststellen?
Dr. Leichtfried: Eine weit verbreitete Erkrankung ist die Hüftgelenkdysplasie. An der Veterinärmedizinischen Universität Wien wurde eine Methode zur Früherkennung der Hüftgelenkdysplasie(HD) entwickelt. Mit dieser Methode kann die Veranlagung zur HD bereits im Alter von dreieinhalb bis vier Monaten festgestellt werden und dementsprechend eingegriffen werden. (Hinweis der Redaktion: Lesen sie mehr über diese neue Methode auf unserer Homepage www.magazinmeinhaustier.at, Archiv-Ausgabe 11/12 2011.) Große Rassen, wie z.B. Labrador, Golden Retriever, Berner Sennenhunde, Deutscher Schäfer und Mischlinge dieser Rassen, leiden häufig an Ellbogen- und Schultergelenkdysplasie. Tritt die Ellbogengelenkdysplasie an beiden Vorderextremitäten auf, lahmen die Hunde nicht, sondern zeigen nur einen „komischen“ Gang, der von den Tierhaltern oft nicht beachtet wird. Die orthopädische Untersuchung im Alter von fünf bis sechs Monaten sollte daher wirklich Pflicht sein. Zwergrassen wiederum haben sehr oft Probleme mit der Kniescheibe und bleiben auch von Hüftgelenkdysplasie nicht verschont. Von Gliedmaßenfehlstellungen, wie z.B. dem Radius Curvus, sind große und kleine Rassen gleichermaßen betroffen. Dabei hört die Elle (Ulna) auf zu wachsen, weshalb sich die Speiche (Radius) verbiegt. Entdeckt man dies bereits im Alter von fünf bis sechs Monaten bestehen bessere Heilungsaussichten als später, da die Wachstumsfuge noch nicht so geschädigt ist.

Frage: Oft hört man auch von „Springenden Lahmheiten“. Die Tierhalter sagen dann oft ratlos: „Einmal hinkt er vorne, dann hinkt er wieder hinten, jeden Tag auf einem anderen Bein!“ Was ist die Ursache dafür?
Dr. Leichtfried: Das sind die typischen Symptome der Panostitis, einer sehr schmerzhaften Entzündung der Röhrenknochen, die leider gar nicht selten auftritt und immer mehrere Knochen und Extremitäten erfasst. Hunde im Alter von fünf bis acht Monaten sind besonders häufig davon betroffen. Panostitis im Anfangsstadi- um ist nicht leicht zu diagnostizieren, weil sich Veränderungen erst nach zwei bis drei Wochen im Röntgen zeigen. Die Krankheit ist prinzipiell gut zu behandeln und verschwindet, wenn die Hunde ausgewachsen sind. Panostitis kann auch in Schüben auftreten und ist dann oft schwer von einer Ellbogengelenk- und Schultergelenkdysplasie zu unterscheiden.

Frage: Manche Hundehalter glauben, dass selbst gekochtes Futter für Vierbeiner im Wachstum gesünder sei als Fertigfutter. Was ist Ihre Meinung dazu?
Dr. Leichtfried: Ich finde, dass es ein Blödsinn ist, für den Hund selbst zu kochen, weil es fast unmöglich ist, Vitamine und Mineralstoffe im richtigen Ausmaß und Verhältnis zueinander in der selbst gekochten Nahrung bereit zu stellen. Auch vom Barfen sollte man ohne Spezialausbildung lieber die Finger lassen. Ich bin der Meinung, dass im Handel und bei Tierärzten erhältliches, an die Rasse angepasstes Juniorfutter die Bedürfnisse des heranwachsenden Hundes am besten abdeckt.