Stress macht krank – auch Tiere!

Chronischer Stress von Vierbeinern  bleibt oft unbemerkt

Ununterbrochen klingelt das Telefon, noch mindestens 40 Emails liegen unbeantwortet im Posteingang. Der Kühlschrank ist leer, und der Supermarkt schließt in einer hal- ben Stunde. Und nicht zuletzt: Rex muss dringend raus!!! – In „hündisch“ übersetzt: „Keine Ahnung, mit wem sie wieder redet, mit mir jedenfalls nicht… Alles wichtiger als das Spielzeug, das ich ihr seit Stunden anbiete… Fressen in Ruhe? Fehlanzeige! Schnell-schnell, sie will ja noch einkaufen… Dabei muss ich längst raus, wenigstens fürs Notwendigste. Ein wenig draußen schnuppern, meine ‚Zeitung‘ lesen? Vielleicht die Hundedame von nebenan treffen? Sie riecht so wunderbar seit einigen Tagen… Nein! Keine Zeit!“ – Spätestens jetzt sollten wir genauer hinschauen, ob sich für Rex daraus eine chronische Stresssituation aufbaut. Wann und wie Stress unsere Hunde und Katzen krank machen kann, darüber sprach „mein HAUSTIER“ mit Dr. Michael Leschnik von der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

Frage: „Nur kein Stress“ – Manchmal scheint es, als gelte dieser gute Rat auch für den Alltag unserer Haustiere. Stress – was ist das aus medizinischer Sicht?

Dr. Leschnik: Stress ist in erster Linie eine Reaktion des Organismus auf äußere Umstände, bei denen die Notwendigkeit besteht, dass der Körper in eine erhöhte Leistungs- und Reaktionsbereitschaft versetzt wird und in einer erhöhten Geschwindigkeit reagieren kann. Die Auslöser dafür, die sogenannten Stressoren, sind überall in der Natur vorhanden: beim Jäger ebenso wie bei der Beute, oder als Folge von Hunger und Durst und damit als Antrieb zur Nahrungs- und Wassersuche. Stress tritt in Zusammenhang mit Territorialverhalten auf und begleitet das Sexualverhalten – sowohl bei der Verteidigung eines Rudels durch das Männchen als auch bei der Suche der jeweiligen Partnertiere. Stress findet sich in weiterer Folge bei den Muttertieren, wenn der Körper sich während der Trächtigkeit verändert. Und Stress ist letztlich der Mechanismus, der die Geburt auslöst und das Verhalten während der Aufzucht und Säugezeit bestimmt.

Das bedeutet, dass Stress eigentlich lebensnotwendig ist …

Dr. Leschnik: Ja, unbedingt! Meist verstehen wir unter Stress den Zustand, in dem wir uns befinden oder die Faktoren, die dazu geführt haben, aber im Grunde ist es nichts anderes als eine notwendige Reaktion des Körpers, die dem Überleben dient.

Wie sieht diese Reaktion des Organismus aus? Was passiert im Körper?

Dr. Leschnik: Das ist ein sehr enges Zusammenspiel zwischen Nerven- und Hormonsystem. Zunächst wird die Wahrnehmung der äußeren Umstände vom Nervensystem verarbeitet und führt im selben Moment zu Veränderungen der Nervenfunktion. Die geweiteten Pupillen, weit geöffnete Augen, erhöhte Herz- und Atemfrequenz – das alles sind Reaktionen, die direkt über das Nervensystem gesteuert werden und damit auch sofort und unmittelbar funktionieren. Gleichzeitig wird über das Nervensystem aber auch das Hormonsystem aktiviert: Über die Hirnanhangdrüse werden Steuerungshormone in den Blutkreislauf entlassen und gelangen auf diesem Weg beispielsweise in die Nebenniere, die nun das Stresshormon Cortisol produziert und ausschüttet. Die erste Reaktion auf einen Stress auslösenden Faktor ist also der reine Nervenimpuls, der die Veränderungen im Körper hervorruft, die zweite Reaktion ist nachfolgend die Ausschüttung dieser Stresshormone. Das sind normale physiologische Vorgänge, die zur – der jeweiligen Situation angepassten – erhöhten Leistungsbereitschaft führen. Man versucht heute oft zwischen sogenanntem gutem und schlechtem Stress zu unterscheiden, denn gewisse Stressfaktoren empfinden wir als angenehm, andere als unangenehm. Das ist bei unseren Haustieren ganz genauso. Aber auch, wenn die Empfindungen unterschiedlich sind, die Vorgänge im Körper bleiben die gleichen.

Eine weitere wichtige Unterscheidung ist sicher auch die Frage, ob es sich um eine akute Stresssituation handelt oder um eine chronische…

Dr. Leschnik: Ganz genau, das ist der zweite wichtige Faktor! Ein Beispiel: Eine kleine Katze befindet sich in einer akuten Stresssituation, wenn ein vielleicht nicht gerade Katzen liebender Hund vorbei geht. Die Katze duckt sich, sie faucht, sie bekommt weite Pupillen. Geht der Hund weg, lösen sich diese Reaktionen relativ schnell in Wohlgefallen auf. Legt der Hund sich aber beispielsweise neben die Katze hin, kann man beobachten, dass der Stresslevel ein Ausmaß erreicht, mit dem die Katze nicht mehr normal umgehen kann. Entweder versucht sie zu flüchten oder anzugreifen. Wenn ihr beides instinktiv nicht sinnvoll erscheint, dann kommt es plötzlich zu sogenannten Übersprungshandlungen, die als Ventil dienen. Manche Katzen beginnen, sich in Stresssituationen zu putzen, obwohl das in diesem Moment überhaupt keinen Sinn macht. Von uns wird dieses Verhalten oft fehlinterpretiert, wir denken, die Katze hat sich an die Situation gewöhnt und keinen Stress mehr. Das ist falsch. Die Katze hat nur ein Ventil gefunden, um Stress abzubauen. Bei Hunden können wir diese Übersprungshandlungen ebenso beobachten, zum Beispiel, wenn wir einen Befehl geben, dem der Hund nicht folgen kann oder will. Das passiert häufig bei unklaren Befehlen, die nicht aus einem Wort, sondern aus einem ganzen Redeschwall bestehen, den der Hund natürlich nicht versteht. Zuerst wird er einmal brav da sitzen, vollkommen ahnungslos, was wir von ihm wollen. Wenn der Tonfall dann schärfer wird, hat er zwar noch immer keine Ahnung, was er soll, aber er beginnt auf einmal, sein Spielzeug zu suchen, sich auf den Rücken zu legen und den Bauch anzubieten. Mit diesen jetzt eigentlich für unser Empfinden sinnlosen Verhaltensweisen versucht er, den Stress, den er durch uns bekommen hat, abzubauen und zu beschwichtigen. Wenn wir genau beobachten, sehen wir diese Momente sehr häufig.

Wann ist der Punkt erreicht, dass Stress krank macht?

Dr. Leschnik: Wenn in kurzen Abständen viele hohe Stresslevels erzeugt werden, und das Tier keine Möglichkeit hat, diesem Stress auszuweichen, dann kommt es immer wieder zu kurzfristig hohen körperlichen Stressantworten und Belastungen, die früher oder später krank machen können. Der andere Aspekt ist der chronische – vielleicht nicht ganz so hohe, aber dafür permanente – Stresslevel. Denken wir nur an das Burnout-Syndrom beim Menschen, das ja nichts anderes ist als eine beständige Überlastung, die mit einem chronisch erhöhten Stresslevel einhergeht. Natürlich sehen wir beim Tier kein Burnout, aber chronischem Stress sind auch viele unserer Haustiere ausgesetzt – und zwar immer dann, wenn wir nicht ausreichend auf sie eingehen, ihre Bedürfnisse nicht ausreichend befriedigen. Im Klartext: wenn wir zuviel von ihnen wollen und zuwenig dafür geben. Das macht Stress! Genauso sehen wir in der klinischen Arbeit immer wieder, dass jagdlich oder sportlich geführte Hunde, bei denen auf Grund einer Verletzung eine Ruhigstellung erforderlich ist, einen hohen Stresslevel entwickeln, weil sie ihre „Arbeit“, ihren „Beruf“ für kurze Zeit nicht oder nur eingeschränkt ausüben sollten. Diese Hunde können dadurch tatsächlich krank werden. Bei der Katze betreffen diese chronischen Stressmomente vor allem den Magendarmtrakt und die Harnblase, es kann zu Harnblasenentzündungen und zu Harnverhalten kommen. Zudem wissen wir, dass bei all den Stressreaktionen im Körper neben dem Nerven- und Hormonsystem auch das Immunsystem eine entscheidende Rolle spielt. Es ist kein Zufall, dass wir in der Medizin Kortison in vielen klinischen Anwendungen als ein notwendiges Medikament verwenden, das das Immunsystem unterdrückt. Dieses synthetisch hergestellte Kortison ist im Prinzip das gleiche wie das Cortisol, das als Stresshormon im Körper ausgeschüttet wird. Also kommt es bei Tieren, bei denen permanent ein stressbedingter hoher Cortisollevel gegeben ist, zu einer eingeschränkten Funktion des Immunsystems.

Ist der Einfluss von Stress auf das Immunsystem somit letztlich auch der Grund dafür, dass Stress einen Einfluss auf die Tumorentstehung hat?

Dr. Leschnik: Stress ist vielleicht nicht tumorauslösend, aber eben auch nicht tumorverhindernd. Potenzielle Tumoren entstehen permanent im Körper, und unser Immunsystem wird in den allermeisten Fällen problemlos damit fertig und kann die defekten Zellen eliminieren. Arbeitet das Immunsystem aber wegen eines erhöhten Stresslevels dauerhaft auf einem niedrigeren Niveau, dann betrifft das nicht nur die Reaktion auf Erreger, die von außen eindringen, sondern auch den Umgang mit Veränderungen, die im Organismus vor sich gehen.

Was bewirkt Adrenalin, das im Stressgeschehen ja auch eine große Rolle spielt?

Dr. Leschnik: Der Botenstoff Adrenalin wird ebenfalls von der Nebenniere produziert und ausgeschüttet. Während aber die Cortisol-Produktion über ein Hormon der Hirnanhangdrüse gesteuert wird – das ist ein etwas zeitversetzter, aber dafür länger wirkender Mechanismus –, wird das Adrenalin über einen Nervenimpuls aus der Nebenniere ausgeschüttet. Adrenalin und Noradrenalin wirken unter Umgehung des Blutsystems zum Teil auch direkt zwischen den Nervenzellen und auf das Herzkreislaufsystem. Das alles spielt sich im Millisekundenbereich ab und gehört zur Sofortreaktion des Nervensystems.

Somit hat Stress auch einen negativen Einfluss auf Erkrankungen des Herzkreislaufsystems?

Dr. Leschnik: Einerseits ja! Die Stressreaktion ist eine Aktivierung und Leistungssteigerung. Wenn ein Herzkreislaufsystem chronisch durch Stress überfordert wird, kommt es zu Veränderungen: Die Elastizität der Gefäßwände nimmt ab, der Herzmuskel wird dicker. Andererseits kann ein längerfristiger Stress bei alten Tieren, die aus anderen Gründen schon Veränderungen am Herzmuskel zeigen, die bestehenden Probleme verschlimmern, oder der Körper kann vielleicht gar nicht mehr angemessen auf Stress reagieren. Dann haben wir es mit einer ungenügenden Stressantwort zu tun. Der Organismus wird in dieser Situation bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit geführt. Diese Situation sehen wir bei Katzen und Hunden weniger, aber durchaus bei Hausvögeln, die durch sehr kurzfristige extreme Stressmomente einen Herztod erleiden können. Auch bei Kaninchen ist das hier und da der Fall.

Welche weiteren negativen Auswirkungen kann Stress noch haben?

Dr. Leschnik: Wir wissen heute, dass ein chronischer Stresslevel zu einer verkürzten Lebenserwartung und zu einem schnelleren Abbau von Nervenzellen führt. Natürlich spielt auch der normale Alterungsprozess eine Rolle. Ähnlich wie beim Menschen nimmt die Gehirnmasse auch bei Hunden und Katzen nach dem Ende der Wachstumsphase, wenn das Tier seine volle Reife erreicht hat, ab. Stresshormone und sämtliche Vorgänge im Zusammenhang mit Stress aber beschleunigen diesen Vorgang: Die Kapazität des Gehirns und des Nervensystems nimmt schneller ab.

Welche Symptome oder Erkrankungen können daraus resultieren?

Dr. Leschnik: Wenn Hunde und Katzen sehr alt werden, was ja immer häufiger der Fall ist, zeigt sich ein Phänomen, das wir umgangssprachlich als Demenz bezeichnen würden, der Fachausdruck lautet Cognitive Dysfunktion. Das sind z. B. alte Hunde, die epi- sodenhaft einfach nur im Raum stehen und sich scheinbar nicht mehr auskennen. Sie bellen die Wand an, wollen bei der Tür plötzlich an der falschen Seite hinaus, erkennen Personen nicht mehr, vergessen zu fressen oder werden unrein. Bei manchen Tieren sieht man schon in der Computertomographie, dass die Gehirnmasse tatsächlich kleiner geworden ist. Wenn diese Tiere versterben, und wir das Gehirn genauer untersuchen, dann lässt sich die Abnahme der Nervenzellen auch histologisch nachweisen – in einem Ausmaß, für das wir manchmal keine genaue Erklärung haben. Eine mögliche Ursache ist neben vielen anderen chronischer Stress.

Es wäre also interessant, diese Ergebnisse mit der Biographie des Tieres zu vergleichen …

Dr. Leschnik: Ja, wobei man vorsichtig bleiben muss. Umwelteinflüsse können genau das gleiche verursachen – aber der beständige Kontakt mit Umweltgiften stellt für den Körper ja auch eine Form von Stress dar. Auch wir erleben Stress nicht immer bewusst, sondern verarbeiten vieles, ohne es überhaupt mitzubekommen. Akuten Stress bei unseren Tieren zu erkennen, ist nicht schwer, aber wenn es darum geht, chronischen Stress auszumachen, dann versagen wir leicht. Dabei wäre es so wichtig, gerade diesen chronischen Stress zu erkennen und zu versuchen, das Leben des Tieres auch ein wenig aus dessen Augen heraus zu betrachten.

Herr Dr. Leschnik, herzlichen Dank für das Gespräch! (Interview geführt von Mag. Kerstin Piribauer)