Spazieren gehen? Ohne mich!

Was tun, wenn Ihr Vierbeiner die Gassirunde verweigert?

Wenn Sie Halsband und Leine zur Hand nehmen, ist das für Ihren Hund ein Signal zum Spazierengehen und er wird schon freudig angerannt kommen“. So stand es im Hunderatgeber, den ich damals als Erst-Hundebesitzerin konsultierte. Also nahm ich beides, winkte damit erwartungsvoll meiner kleinen Mira und rief „Komm! Gassi gehen!“ – Sie rannte tatsächlich los, allerdings fort von mir. Ein Hund, der nicht spazieren gehen will? Undenkbar.

Erst später wurde mir klar, dass Halsband und Leine ebenso wenig auf der Festplatte der kleinen Vierbeiner gespeichert sind wie die Freude am Gassi gehen. Beides muss erst programmiert, sprich: „erlernt“ werden. Und zwar durch positive Erfahrungen. Zunächst einmal mit Halsband oder Brustgeschirr und Leine.

Welpen haben einen instinktiv begrenzten Radius

Welpen, die von einem guten Züchter kommen, sind ja meist schon an Halsband und Leine gewöhnt. Ist dies nicht der Fall, rät Tierärztin und Verhaltenstrainerin Dr. Nora Marx-Dawid zu folgendem Vorgehen: „Man beginnt damit, dem Welpen vorne ein Leckerli darzubieten und dabei den Kopf anzugreifen. Im nächsten Schritt heißt es vorne Leckerli, gleichzeitig den Hals berühren“. Dann bringt man kombiniert mit der Leckerli-Gabe das Halsband ins Spiel, lässt den Hund aber gleich wieder frei. Schritt für Schritt arbeitet man sich solcherart bis zum Halsband Umlegen und Anleinen vor. Ähnlich verfährt man mit dem Anlegen eines Brustgeschirrs. Ist das geschafft, machen Sie sich mit Ihrem Hundekind nun also auf den Weg und wundern sich, dass es nur bis zur nächsten Ecke gehen will? Das sei normal, beruhigt die Tierärztin. Denn Welpen verlassen instinktiv zu ihrer Sicherheit  ihr Lager nur innerhalb eines begrenzten Radius, der mit zunehmendem Alter größer wird. Wie weit Ihr Kleiner sich gemeinsam mit Ihnen von seinem Zuhause entfernen will, hängt einerseits von der Rasse ab, andererseits von Temperament und Entdeckungsfreude der Mutter, vor allem aber, ob der Züchter bereits Ausflüge mit den Welpen unternommen hat.

Alles gut und schön, was sollte man aber tun, wenn der vierbeinige Familienzuwachs das Haus so gar nicht verlassen will? „Am besten man trägt ihn ein Stück vom Zuhause weg und geht dann mit ihm zurück“, empfiehlt Dr. Marx-Dawid. Andere Möglichkeiten sind, mit dem Auto ins Grüne zu fahren und dort spazieren zu gehen, bzw. sich mit einem Rudel befreundeter Hundebesitzer und deren Hunden zum Spaziergang verabreden, wobei die anderen Hunde voraus gehen sollten. Zu beachten ist dabei, dass ein Welpe am Stück nur so viele Minuten gehen sollte wie er in Lebenswochen alt ist. 12 Wochen = 12 Minuten am Stück, dann Pause.

Bei erwachsenen Tieren gesundheitliche Ursachen abklären

Allerdings kommt es auch bei erwachsenen Hunden immer wieder vor, dass diese den Spaziergang plötzlich verweigern bzw. abkürzen. Als erstes muss in so einem Fall beim Tierarzt abgeklärt werden, ob gesundheitliche Ursachen dahinter stecken.

Das können Herzprobleme sein, Schmerzen am Bewegungsapparat, eine Erkrankung der Atemwege. Vor allem auf Hunde kurznasiger Rassen muss man Rücksicht nehmen, sie leiden häufig unter Atemproblemen und sind für lange Spaziergänge nicht geeignet.

Ebenso muss auf ältere Hunde Rücksicht genommen werden. Selbst gesunde Vierbeiner sind im Alter mit ausgedehnten Wanderungen überfordert. „Überforderung in jeder Hinsicht ist überhaupt der häufigste Grund, wenn Hunde nicht spazieren gehen wollen“, weiß Verhaltensbiologin und Cheftrainerin des Wiener Tierschutzhauses Mag. Gudrun Braun.

Das trifft nicht selten sogar für junge Hunde zu. Trainieren, spielen, bespaßen, lange Spaziergänge – wer zu viel action in einen Hundetag hineinpressen will, der riskiert, dass der Hund nicht die nötige Ruhe bekommt und beim Spaziergang streikt. Siehe dazu auch das Buch „Allzu viel ist ungesund“ von Yvonne Adler und Gudrun Braun. Schließlich brauchen Hunde rund 18 Stunden Schlaf pro Tag! Ob alt oder jung: keinesfalls darf man ein Tier bei hohen Außentemperaturen einem langen Spaziergang aussetzen!

„Sehr häufig tritt die Spazierverweigerung bei den aus dem Ausland geretteten Hunden auf“, so die Trainerin. „Straßenverkehr und Lärm flößen diesen Hunden oft große Angst ein“. Dieses Problem löst man am besten durch anfangs kleine Runden immer auf der gleichen Strecke. Das gibt Sicherheit.

Streik aus Langeweile

Wenn das alles auf Ihren Liebling nicht zutrifft, dieser beim Gassi gehen aber trotzdem in Streik tritt, so sollten Sie überlegen, wie interessant der von Ihnen gewählte Weg für den Hund ist. Gibt es genug zu schnüffeln? Gehen dort auch andere Hunde? Gestalten Sie den Spaziergang für Ihren Vierbeiner abwechslungsreich  (Leckerlis, Suchspiele, kleine Trainingseinlagen)? Oder gehen Sie einfach nur die übliche Runde während Sie telefonieren, sich aber nicht um das Wesen am anderen Ende der Leine kümmern?

Eigene Route bevorzugt

Manche Hunde gehen zwar gern Spazieren, aber ihren eigenen Weg! Soll man sie zwingen, der von Ihnen gewählten Runde zu folgen, um die Dominanz nicht an das Tier abzugeben? „Das ist keine Frage der Dominanz, sondern eine Frage des Interesses“, betont Dr. Marx-Dawid. „Vielleicht lockt in der anderen Richtung etwas Aufregendes oder der Hund hatte auf dem üblichen Weg einmal ein negatives Erlebnis, das wir Menschen als solches gar nicht wahrnehmen – ein unangenehmer anderer Hund, ein gefährlicher Geruch oder für ihn beängstigender Lärm. Ich finde, da kann man als Mensch ruhig nachgeben. Schließlich soll der Spaziergang Spaß machen und nicht zur Machtprobe werden“.

Von Hannelore Mezei