Sind Tiere musikalisch?

Weltweit gehen Forscher dieser Frage nach

Wenn Frauchen sich anschickt, Klavier zu spielen, eilt Beagle Kasperl herbei, richtet sich zu entsprechender Größe auf und klopft mit seinen Pfoten auf die Tasten. Lustig, aber lästig. Daher ist das Musikzimmer neuerdings für ihn tabu.

Lillys Herrchen kann wiederum nur dann Saxophon üben, wenn sein Vierbeiner mit Frauchen unterwegs ist. Denn kaum hört Lilly die ersten Töne aus dem Instrument, beginnt sie mit zu heulen. Im Takt! Lillys Besitzer haben lange Zeit gedacht, die lauten Töne tun ihrem Liebling in den Ohren weh und sie heult deswegen. Doch andererseits hat Lilly in der Wohnung genug Rückzugsmöglichkeiten, um dem Saxophonspiel zu „entkommen“. Sie hingegen stellt sich direkt vor Herrchen mit seinem Instrument, um mitzumachen. Aus dem Internet bekannt ist Kakadu „Snowflake“, der zu Beatmusik tanzt. Dass er es tatsächlich ohne Einfluss seiner Menschen macht und entsprechendes Rhythmusgefühl hat, wurde inzwischen wissenschaftlich bestätigt. Und natürlich zählen Vögel zu den bekanntesten Sängern im Tierreich. Haben Tiere zu Musik also eine ähnliche Beziehung wie wir Menschen? Dieser Frage gehen Forscher weltweit nach. Was man bis jetzt weiß: Einerseits gibt es Tiere, die aktiv Musik ähnliche Lautfolgen produzieren oder im Rhythmus der Musik tanzen. Andererseits hat das Hören von Musik Einfluss auf das Wohlbefinden und das Verhalten vieler Tiere.

Musiker und Sänger im Tierreich

Zu den musikalisch aktiven Tieren zählen Vögel, Wale, Seehunde und manche Affenarten. „Singvögel, Kolibris, Papageien, aber auch Wale und Seehunde können komplexe Tonfolgen produzieren, die Liedern ähnlich sind. Manche Affenarten trommeln. Viele Tiere haben also ein gewisses Verständnis für Musik“, ist  die Kognitionsbiologin Marisa Hoeschele überzeugt. Sie arbeitet derzeit in Wien am Institut für Schallforschung der Akademie der Wissenschaften, wo sie die Musikalität der Wellensittiche untersucht und herausfinden will, ob und welche Tiere die gleichen Grundlagen für Musik haben wie Menschen.

„Dort untersuchen wir unter anderem, wie Wellensittiche Töne wahrnehmen, nach welchen Kriterien sie auf die Geräusche reagieren.“ Wenn Vögel singen, so ist das natürlich eine Form der Kommunikation. Männliche Vögel wollen weibliche mit ihrem Gesang beeindrucken. Marisa Hoeschele schließt aber auch nicht aus, dass sie mitunter einfach zum Spaß und ohne Zweck singen.

Im Rahmen dieser Studien können die Vögel aussuchen, was sie hören wollen. „Wir spielen aus mehreren Lautsprechern unterschiedliche rhythmische und unrhythmische Geräusche, konsonante und dissonante Akkorde. Die Tiere entscheiden, vor welchem Lautsprecher sie sitzen wollen“, so die Wissenschaftlerin. Das Ergebnis: die gefiederte Damenwelt scheint eine Vorliebe für Rhythmus zu haben, während die männlichen Vögel generell wenig Interesse am Zuhören zeigten und offenbar lieber selbst singen.

Instrumente für Papageien

Als musikalisch sind ja vor allem Papageien bekannt. „Sie haben zweifellos ein Gefühl für Rhythmus“, berichtet Mag. Nadja Ziegler, Zoologin und Papageienspezialistin in Wien. „Wir in der ARGE Papageienschutz erleben immer wieder, dass unsere Bewohner mittanzen, wenn wir uns zum Takt von Musik bewegen“.

Papageien wissen auch, dass sie selbst Töne erzeugen können. Im Rahmen eines wissenschaftlichen Projektes, das die ARGE Papageienschutz gemeinsam mit einem Künstlerkollektiv vor sieben Jahren ins Leben gerufen hat, wurden sogar spezielle Musikinstrumente für die Papageien gebaut. Mag. Ziegler: „Beispielsweise wurden außen an den Volieren kleine Kinderklaviere befestigt und die Tasten mit Stäbchen verlängert. Mit Hilfe dieser Stäbchen machten die Papageien dann Musik. Ein anderes Instrument bestand aus einem Karton, in dem sich ein Tonabnehmer befand. Jedes Mal, wenn die Papageien versuchten, diesen Karton zu zerstören, entstanden Töne“. Alle diese Klänge wurden aufgenommen und von der Künstlergruppe zu Musik verarbeitet.

Wale singen in Dur

Der amerikanische Zoologe und Bioakustiker Roger Payne studiert seit Jahrzehnten die Gesänge der Buckelwale. Er entdeckte, dass der Stimmapparat von Walen mindestens sieben Oktaven umspannt und sie in Dur singen. Buckelwale verwenden sogar Refrains. Während der Paarungszeit kreuzen männliche Buckelwale sechs Monate im Jahr singend im Ozean. Dabei experimentieren sie mit verschiedenen Themen und „komponieren“ immer wieder neue Lieder. Dachte man anfangs, der Gesang der Buckelwale diene ausschließlich dem Anlocken von Weibchen, so häufen sich in letzter Zeit Studien, die darin nicht nur Balzverhalten, sondern sogar eine kulturelle Leistung wie beim Menschen sehen.

Musikalität schreibt man auch den Elefanten zu. Eine amerikanische Studie über tänzerische Darbietungen von Tieren zeigte, dass sich neben 14 Papagei-Arten auch ein Elefant im Takt bewegen konnte.

Hunde- und Katzenmusik zur Entspannung

Unter Hunden und Katzen hat man bisher keine aktiven Musiker gefunden – wohl mit Ausnahme der beiden eingangs genannten Vierbeiner… Allerdings übt das Hören von Musik auf unsere  Haustiere sehr wohl einen Einfluss aus. Auf ihr Wohlbefinden und auf ihr Verhalten.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden erste physiologische Studien zum Einfluss der Musik auf Hunde, Katzen und Kaninchen durchgeführt. Es zeigte sich, dass sich Musik unterschiedlich auf Blutdruck und Herzschlag der Tiere auswirkt. Weitere Studien im 20. Jahrhundert berichten von positiven körperlichen Veränderungen unter sanfter Musik, da sich Atmung und Herzfrequenz dem Tempo des akustischen Reizes anpassen.

An der University of Queensland in Belfast haben Wissenschaftler untersucht, wie Hunde auf unterschiedliche Musikrichtungen reagieren. Den Tieren wurden fünf verschiedene CDs vorgespielt: Popmusik, Heavy Metal, klassische Musik, menschliche Gespräche und eine stumme CD. Während Popmusik, Gespräche und stumme CD keine Verhaltensänderung bei den Hunden hervorrief, reagierten die vierbeinigen Probanden auf Heavy Metal äußerst unruhig, bellten vermehrt. Die Hörer von klassischer Musik (Chopin, Mozart und Bach) hingegen  entspannten sich sichtbar. Sie waren ruhig, lagen gelassen da und dösten vor sich hin.

Der Musik für Katzen hat sich schon vor Jahren der Veterinärmediziner Dr. Hermann Bubna-Littitz im Rahmen einer Studie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien gewidmet und eigene Klänge für Katzen kreiiert, die dem Herzschlag in der Ruhephase gleichen. Dabei konnte im Umgang der Katzen untereinander eine leichte Abnahme von aggressivem Verhalten durch die „Katzenmusik“ beobachtet werden. Die Musik ist mittlerweile auf CDs erhältlich. Auch der amerikanische Cellist David Tee komponiert Klänge speziell für Katzenohren: hohe Harfentöne, die an zwitschernde Vögel erinnern, unterlegt mit einer Art Katzenschnurren als Bass.

Mehrere Studien haben auch gezeigt, dass sanfte klassische Musik ebenso auf Kühe und Elefanten beruhigend wirkt. Die vermehrte Milchproduktion der Kühe unter musikalischen Klängen dürfte hingegen ein Mythos sein.

Musiktherapie bei Verhaltensstörungen

Aufgrund dieser Erkenntnisse wird heute nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren Musiktherapie eingesetzt, um Verhaltensstörungen zu mildern. Besonders stark profitieren gestresste und ängstliche Hunde von der Musiktherapie. Da die Vierbeiner mit ihrem feinen Gehör deutlich höhere Frequenzen als wir Menschen wahrnehmen können, stellt eine laute Umwelt für sie oft einen enormen Stressfaktor dar. Ein dauerhafter Lärmpegel mit einem Schalldruck über 80 dB kann sogar zu Veränderungen im Blut und Hormonhaushalt führen. Insbesondere kommt es zu einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen. Diese Überforderung des Nervensystems kann Verhaltensstörungen wie Ängste oder Aggressionen zur Folge haben.

Neben einer Verringerung des Lärmpegels kann hier Musik einen positiven Einfluss auf das Verhalten der Tiere ausüben. Herzschlag, Blutdruck und Atmung passen sich dem Rhythmus der Musik an, was bei sanften Klängen zur Entspannung führt. Als besonders beruhigend stellte sich bearbeitete Klaviermusik mit verlangsamtem Tempo heraus.

Schon vor einigen Jahren wurden zu Therapiezwecken daher CDs mit psychoakustisch arrangierter Musik „Through a Dog´s Ear“ herausgebracht.

Wenn Kasperl und Lilly auch nicht zu Profi-Musikern werden, so profitieren sie dennoch von der richtigen Musik. Und wer weiß, was zukünftige Forschungen noch bringen…

Von Hannelore Mezei