„It’s Showtime“– Tiere als Belustigungsobjekte

Eine Gratwanderung zwischen Tierschutz und EntertainmentTiere als Schau- und Belustigungsobjekte – so fremd uns diese Vorstellung im ersten Moment auch scheinen mag und so eigenartig sie uns berührt, so alltäglich verbreitet ist der Einsatz der verschiedensten Tiere im Schauwesen. Dabei weichen die wirklichen Intentionen und realen Gegebenheiten nur allzu oft von einer vielleicht durchaus sinnvollen ursprünglichen Idee ab. Abgesehen von vielen offensichtlichen gesundheitlich und verhaltensbiologisch relevanten Problemen der Tiere stellen sich insbesondere ethische Fragen, inwieweit bei derartigen Veranstaltungen der Eigenwert und die Würde des Tieres an sich gewahrt bleiben. Dass Schönheitswettbewerbe in großen Messehallen mit höchstem Stresspegel und hygienisch fragwürdiger Problematik verbunden sind, steht dem Argument der Notwendigkeit einer Hunde- oder Katzenrasseschau gegenüber. Der Zoo, der sich heute als wissenschaftliche Institution versteht, die der Arterhaltung, Bildung und Forschung dient, ist Entertainment- und Merchandising- Konzepten, an denen die Tiere beteiligt sind, nicht immer abgeneigt. Und „Europas letzte Schimpansenshow“ in einem süddeutschen Freizeitpark scheint die Grenzen einer noch zeitgemäßen Präsentation von Tieren endgültig zu überschreiten. „mein HAUSTIER“ sprach mit Dr. Judith Benz-Schwarzburg von der Ethik-Abteilung des Messerli Forschungsinstituts über die Problematik von Tieren als Belustigungsobjekten.

Frage: Frau Dr. Benz-Schwarzburg, wie sind derartige Veranstaltungen aus ethischer Sicht zu beurteilen?

Dr. Judith Benz-Schwarzburg: „Große Menschenaffen gehören zu denjenigen Arten, die besonders in der Gefahr stehen, von einem Unterhaltungstrend auf Kosten der Tiere erfasst zu werden. Als hochintelligente Tiere sind sie für Shows gut trainierbar, in Vorführungen erfolgreich einsetzbar und gewinnbringend zu vermarkten. Kostümierte Tiere, die schuhplattelnd und squadfahrend als Clowns inszeniert werden, als Indianer verkleidet ums Lagerfeuer sitzen, telefonieren oder sich im Schlafanzug ins Bett legen, werden hochgradig vermenschlicht. In ihrer Nachahmung typisch menschlicher Tätigkeiten wirken sie ungelenk, das Tier verhält sich nicht natürlich, sondern grotesk und komisch. Sein Eigenwert als ein Lebewesen mit arttypischem Verhalten spielt keine Rolle mehr. Dies ist aus ethischer und pädagogischer Sicht hochgradig problematisch.“

Wie lässt sich diese ethische Problematik von Tieren im Show- und Veranstaltungswesen zusammenfassen?

Dr. Judith Benz-Schwarzburg: „Am Beispiel der Schimpansenshow sehen wir, wie Tiere für einen bestimmten Zweck verwendet werden, ich möchte da durchaus von Instrumentalisierung sprechen. Der Zweck derartiger Veranstaltungen findet sich nicht im Tier selbst, sondern die Zurschaustellung der Tiere dient hier ausschließlich unserer Unterhaltung. Das ist an sich ein Problem, denn das Tier selbst würde sich keine Lederhose anziehen und Schuhplatteln. Das ist nicht nur ein Verhalten, das wir antrainieren, sondern wir verwenden das Tier entsprechend unserer Vorstellungen dahingehend, dass es ein Verhalten zeigt, das mit seinen natürlichen Anlagen nichts zu tun hat. Im Gegensatz dazu könnte ich mir eine Show denken, in der ein Tier sein artgemäßes Verhalten zeigt, das kann auch unterhaltend sein: Tiertrainer können ein natürliches Verhaltensrepertoire abrufen. Wenn ich aber an einen Seehund denke, der dem Trainer Küsschen gibt oder an einen Delphin, der eine Sonnenbrille tragend durch bunte Reifen springt, nimmt das einen anderen künstlich wirkenden Charakter an. Dann kann der Trainer auch nicht mehr glaubhaft versichern, es ginge darum, den Wert des Tieres vorzuführen, die Besucher mit Blick auf das natürliche Verhalten zu bilden und die Leute zum Artenschutz anzuregen, sondern dann geht es um etwas ganz anderes, um Entertainment. So etwas möchten wir in einem modernen Zoo eigentlich nicht sehen.“

Wie aber stellen wir uns einen modernen Zoo vor?

Dr. Judith Benz-Schwarzburg: „Es gibt zum Beispiel die Dachorganisation der WAZA (World Association of Zoos and Aquariums), die einen Ethikcodex herausgegeben hat, dem sich alle Mitgliederzoos verschreiben. Diese verstehen sich als wissenschaftlich geführte Zoos und haben u.a. den Anspruch, kein unnatürliches Verhalten vorzuführen und Delphine eben nicht mit Sonnenbrille irgendwelche Dinge machen zu lassen. Man möchte sich in erster Linie als Artenschutz- und Bildungseinrichtung präsentieren. Das ist das Spannungsfeld, in dem der Zoo sich seit jeher bewegt. Mit der Begründung der modernen Tiergartenbiologie gibt es vier Ziele: Artenschutz, Forschung und Bildung – darin spiegelt sich der Wissenschaftsanspruch wider –, und schließlich das vierte Ziel: die Unterhaltung. Dieser Aspekt gehörte immer zum Zoo und das wird sich nicht ändern, aber es kommt sehr stark darauf an, was in der Ausrichtung des Zoos die Oberhand gewinnt. Ein Indikator ist beispielsweise die Auswahl der Tierarten. Ein Zoo, der einen starken Schwerpunkt auf den Artenschutz legt, wird bedrohte Arten halten, könnte man erwarten. Er wird versuchen, sich an Zuchtprogrammen zu beteiligen und Auswilderungsprogramme erfolgreich durchführen. Dem gegenüber steht eine Auswahl der Tiere, die der Besucher gerne sehen möchte – und da gibt es einige beliebte Arten, die keineswegs vom Aussterben bedroht sind.

Für einen effektiven Artenschutz aber gäbe es ja durchaus Alternativen zum Zoo?

Dr. Judith Benz-Schwarzburg: Natürlich! Das wären beispielsweise Artenschutzprojekte, die abgeschottet von der Öffentlichkeit bedrohte Tiere nachzüchten und erfolgreich auswildern. Allerdings sind das Programme, bei denen man als Zoobesucher nicht mal kurz vorbeigehen und einen Samstagnachmittag verbringen kann. Oder man könnte an Wild- und Safariparks denken, wo die Tiere in sehr viel größeren Arealen leben, freier sind, sich besser zurückziehen können. Man könnte sich vorstellen, dass der Zoo im beengten städtisch begrenzten Raum von einem Naturreservoir oder Wildpark im Sinne eines Artenschutzparks abgelöst wird. Dort wäre es natürlich nicht wie im Zoo möglich, dass der Besucher das Tier auch tatsächlich immer zu sehen bekommt. Der Bronx Zoo in New York beispielsweise ist z.T. absichtlich so angelegt, dass der Besucher nicht sofort etwas sieht. Er muss einfach die Geduld haben, sich hinzusetzen, zu beobachten und zu warten – und wenn er Pech hat, sieht er den Panda an diesem Tag eben nicht.

Das hat ja durchaus auch einen pädagogischen Wert …

Dr. Judith Benz-Schwarzburg: Ja, es sorgt zwar bei manchen Besuchern für Frustration, aber man lernt, dass das Tier nicht präsentiert wird, sondern kommt und sich zeigt – oder auch nicht. Zudem könnte man argumentieren, dass eine gutgemachte Dokumentation weit mehr über das natürliche Verhalten von Tieren lehrt als eine nicht artgerechte Präsentation im Zoo. Warum sollten unsere Kinder hier in Mitteleuropa oder auch in Südeuropa das Recht darauf haben, einen Eisbären im Zoo zu sehen?

Aber beginnt die Problematik der Präsentation von Tieren nicht schon mit den diversen nahezu alltäglich stattfindenden Hunde- und Katzenausstellungen?

Dr. Judith Benz-Schwarzburg: Das wäre durchaus ethisch zu analysieren und eine der dringendsten Fragen ist, welche Interessen hier im Spiel sind. Ich habe den Verdacht, dass dabei sehr oft das Tier als Prestigeobjekt im Vordergrund steht. Es gibt zudem unendlich große Welfare-Probleme in diesem Bereich. Wie so oft in der Ethik stehen auch hier verschiedene Argumente zur Diskussion. Natürlich sind in all den angesprochenen Bereichen, in denen Tiere präsentiert werden, die Welfare-Argumente von enormer Wichtigkeit, also die Fragen, ob das Tier sich in dieser Situation wohlfühlt oder ob Verhaltensstörungen auftreten. Das sind die Themen, die sich mit der Empfindungs- und Leidensfähigkeit von Tieren auseinandersetzen. Und schon da können wir viele Praktiken als ethisch problematisch einstufen. Aber wir sehen auch Fälle, wo man objektiv zunächst einmal sagen muss, dass es dem Tier ja – relativ – gut geht. In der weiteren Betrachtung aber folgen die schwierigen und komplexen ethischen Konzepte der Würde, des Eigenwerts des Tieres und der Instrumentalisierung, die man nicht vergessen sollte. Diese Probleme der Entwürdigung sind begrifflich und konzeptionell weit schwieriger zu fassen als offensichtliche Welfare-Probleme.

Frau Dr. Benz-Schwarzburg, vielen Dank für das Gespräch!