Schlafende Hunde weckt man nicht

Schlaf und Traum beeinflussen Gedächtnisleistung und vieles mehr

In dem altbekannten Sprichwort, dass man keine schlafenden Hunde wecken sollte, steckt einiges an Wahrheit, denn der Schlaf ist für unsere vierbeinigen Freunde ebenso wie für uns selbst unverzichtbar und die wichtigste Regenerationsphase des Organismus.

Dass Hunde weit länger schlafen als Menschen, ist allgemein bekannt. 17 bis 20 Stunden Ruhe und Schlaf pro Tag sind unseren Vierbeinern ein natürliches Bedürfnis – für Welpen und betagte Senioren sind 20 Stunden sogar eher ein Mindest- denn ein Höchstmaß der Ruhezeit, die nur von kurzen Aktivitätsphasen unterbrochen wird. Darin ist das für Mensch und Hund gleichermaßen entspannende gemeinsame Kuscheln auf dem Wohnzimmersofa ebenso enthalten wie der echte Tiefschlaf und die Zeit lebhafter Traumsequenzen.

Manch zweibeinige Hundeeltern fragen sich auch immer wieder, wovon ihr Liebling wohl gerade träumen mag oder welche Bilder in seinem Kopf entstehen, wenn seine Bewegungen im Schlaf an den Spurt einer Jagdsequenz erinnern oder ein sanftes Jaulen uns wie die zufriedene Antwort auf Zuwendung und Anerkennung scheint.

Schlafphasen und Traumsequenzen

Tatsächlich hat die Wissenschaft bis heute bereits einige Antworten auf Fragen rund um das Schlafverhalten unserer Hunde und die Funktion ihrer Traumsequenzen. Bereits 1977 konnten Forscher nachweisen, dass Hunde ganz ähnlich wie Menschen den Schwerpunkt ihrer Schlafphasen während der Dunkelheit erleben und dabei mehrfach verschiedene Schlafphasen durchlaufen. Aufzeichnungen der Hirnaktivität zeigten schon damals, dass Hunde im Verlauf von 24 Stunden 44% der Zeit im Wachzustand, 21% in einer Leicht-Schlafphase, 23% im Tiefschlaf und 12% im REM-Schlaf verbrachten. Die Abkürzung REM steht dabei für die englische Bezeichnung Rapid Eye Movement (dt. schnelle Augenbewegungen) und bezeichnet die Schlafphase, in der die Augen bei geschlossenen Lidern hin und her wandern und in der zugleich Atemfrequenz und Blutdruck ansteigen – beim Menschen die Zeit der bizarren Träume in der zweiten Nachthälfte, an die wir uns beim Aufwachen oft erinnern.

Dass auch Hunde während der REM-Schlafphase lebhaft träumen, davon ist nicht nur Stanley Coren, Psychologie-Professor der University of British Columbia, überzeugt, sondern auch Forscher des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge konnten schon 2001 an schlafenden Ratten dokumentieren, dass ihre Hirnaktivitäten denen des Menschen beim Träumen sehr ähnlich sind. Zudem fanden die Forscher während der REM-Schlafphasen der Ratten Aktivitätsmuster in ihrem Gehirn, die denen entsprachen, die sie auch während der Bewegungsaktivitäten in ihren Wachphasen zeigten. Die Forscher schlossen daraus, dass die Tiere ihre Wachaktivitäten im REM-Schlaf wieder erlebten, und werteten ihre Ergebnisse als Hinweis, dass Träume natürlicher und häufiger Bestandteil der Hirnaktivität schlafender Säugetiere sind. Dass sich die Aktivitätsmuster dabei zwischen dem Tiefschlaf- und der REM-Schlafphase deutlich unterschieden, werteten die Wissenschaftler als Bestandteil des Lernens und der Gedächtnisbildung, die im Schlaf gefördert wird. Demnach scheint der Tiefschlaf die Aktivitäten des Tages zu ordnen und zu speichern, während das Gehirn in der REM-Phase versucht, Verbindungen zwischen Dingen und Erinnerungen zu finden, die bisher in keinem Zusammenhang standen. „Das bizarre Schlafbild von REM-Träumen könnte eine Manifestation dieses tieferen Prozesses sein“, sagen die Forscher.

„Hunde träumen Hundethemen“

Coren zufolge dauert die REM-Schlafphase bei Hunden etwa zwei bis drei Minuten. Aufmerksame Besitzer können jetzt beobachten, dass die Atmung des Tieres unregelmäßiger wird, und vor allem bei Welpen und sehr alten Hunden sind nun deutliche Muskelzuckungen zu bemerken. Dafür ist bei Hunden ebenso wie beim Menschen ein Teil des Hirnstamms, unter anderem die sogenannte Brücke, verantwortlich, die die Muskulatur während des Schlafes hemmt und so verhindert, dass wir unsere Träume ausleben. Dieser Teil des Gehirns ist bei Welpen noch in der Entwicklung begriffen und funktioniert bei alten Hunden möglicherweise nicht mehr so effizient, vermutet der Wissenschaftler – genau wie bei sehr jungen und sehr alten Menschen. Studien, in denen die hemmende Funktion der Brücke vorübergehend deaktiviert wurde, waren bisher die einzige Möglichkeit, in hundliche Träume zu schauen, denn wenn die Brücke ausgeschaltet ist, beginnen Hunde ihre Träume auszuleben – ganz ähnlich wie Menschen mit einer REM-Schlafstörung. „Im Grunde haben wir gefunden, dass Hunde von Hundethemen träumen“, sagt Coren und verweist auf die Ähnlichkeit der Traummuster bei Hunden und Menschen. Deirdre Barrett, Psychologie-Professorin an der Harvard Medical School, geht noch einen Schritt weiter: „Da Hunde im Allgemeinen extrem an ihren menschlichen Besitzern hängen, ist es wahrscheinlich, dass der Hund von ihrem Gesicht und ihrem Geruch träumt“, vermutet die Schlafforscherin, die im Bereich der Evolutionspsychologie arbeitet und sich dabei auch mit dem Schlaf nicht-menschlicher Säugetiere beschäftigte.

Schlaf fördert Gedächtnisleistung

Wir alle kennen den guten alten Rat, die Lerninhalte am Vorabend einer Prüfung nochmals zu rekapitulieren und dann frühzeitig und entspannt schlafen zu gehen. Dass Schlaf die Gedächtnisleistung nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Hund nachhaltig verbessert, ist das Ergebnis einer Studie aus Ungarn, die mittels verschiedener nicht-invasiver Aufzeichnungsmethoden die Hirnaktivität schlafender Hunde analysierte, um Inhalt und Funktion ihres Schlafes zu erforschen. Hier wurde vor allem der Einfluss des Schlafs auf die Gedächtnisleistung und das Lernen untersucht – auf die sogenannte „Gedächtniskonsolidierung“, die im Gehirn Informationen zusammenführt und in Erinnerungen packt, die künftig als Erfahrungspotenzial verwendet werden können. Das Forscherteam rund um Anna Kis von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften kam zu zwei bemerkenswerten Ergebnissen: Der Schlaf beeinflusste nicht nur das Lernen der Hunde, sondern die gemessenen Hirnaktivitäten sprachen auch für eine Zunahme der Schlaftiefe nach dem Lernen. „Dies deutet darauf hin, dass die neu gewonnenen Informationen im Schlaf erneut verarbeitet und konsolidiert werden“, erklärt Kis und erkennt in der Korrelation zwischen der Leistungsverbesserung nach dem Schlafen und bestimmten ElektroEnzephaloGraphie (EEG)-Mustern „einen starken Hinweis darauf, dass die Veränderungen im Schlaf-EEG, die wir nach dem Lernen beobachten, funktionell mit der Gedächtniskonsolidierung zusammenhängen“.

 

Wie beim Menschen so scheinen auch beim Hund während des Schlafens neue Verbindungen zwischen den Hirnzellen zu entstehen, wodurch sich gelernte Gedächtnisinhalte festigen.

Diese Erkenntnisse in die Hundeausbildung einzubeziehen, könnte sich für den Trainingserfolg durchaus als vielversprechend erweisen, und die Forscherin empfiehlt: „Um langfristig den höchsten Erfolg zu erzielen, sollte dem Lernen eines neuen Befehls eine Aktivität folgen, die diese neue Erinnerungsspur nicht beeinträchtigt, z.B. schlafen, laufen oder spielen – aber nicht andere Dinge lernen.“ Dass spielerische Aktivität nach dem Lernen die Gedächtnisleistung verbessert, konnte auch die Verhaltensmedizinerin

Dr. Nadja Affenzeller (Veterinärmedizinische Universität Wien) in einer aktuellen Studie mit Labrador Retrievern nachweisen.

Guter Schlaf hält gesund …

Darüber hinaus beeinflusst ein gesunder und erholsamer Schlaf auch andere Regelsysteme des Organismus positiv. So unterstützt eine gute Steuerung der inneren biologischen Uhr auch die nächtliche Arbeit des Immunsystems, Zellschäden zu beseitigen und mögliche Kopierfehler, die sich während der Zellteilung in die DNS (Biomoleküle, die die gesamten Erbinformationen eines Organismus enthalten) eingeschlichen haben, zu reparieren. Ein lebenswichtiger Mechanismus, denn eine  optimale Funktion der Reparaturgene gehört zu den wirkungsvollsten körpereigenen Schutzmechanismen vor der Entstehung einer Krebserkrankung. Ausreichend erholsamer Schlaf lässt zudem den körpereigenen Cortisolspiegel absinken und steigert die Stoffwechselrate, womit Appetit und Hungergefühle reguliert werden.

… und jung!

Zudem hat sich die Forschung in den vergangenen beiden Jahrzehnten intensiv mit dem Einfluss von chronischem Stress und verminderter Schlafqualität auf die Zellalterung beschäftigt, die letztlich das biologische Alter des gesamten Organismus bestimmt. Dabei steht sie wiederum in engem Zusammenhang mit dem Immunsystem, dessen Zellen schneller altern und damit weniger effizient arbeiten, wenn sie dem Stresshormon Cortisol ausgesetzt sind. Ein erholsamer Schlaf aber reduziert das Cortisol im Organismus!

Auch wenn es in diesen Bereichen noch kaum Forschungsarbeiten gibt, die sich unmittelbar mit dem Hund beschäftigen, so kann man wegen der biologischen Ähnlichkeiten bei Mensch und Hund doch von einer Vergleichbarkeit dieser Mechanismen ausgehen. Zweifellos Grund genug, das Schlafbedürfnis unserer Hunde zu beachten und in unsere Tages- und Aktivitätsplanung einzubeziehen!

von Mag. Kerstin Piribauer