Schaf wird Haustier des Jahres 2018

Neuartige Begegnungen mit spannenden Tier-Persönlichkeiten

Haustier des Jahres 2018“ wird das Schaf! Nach Huhn (2016) und Hund (2017) hat die deutsche Stiftung „Bündnis Mensch & Tier“ sich nun für das Schaf entschieden, und wird in den kommenden Monaten mit zahlreichen Aktivitäten und anschaulichen Aktionen zeigen, welche Bedeutung der natürlichen Umwelt für alles Leben auf dieser Erde zukommt und dass wir mit dem gemeinsamen Lebensraum von Mensch & Tier sorgsam umgehen sollten.

Die Stiftung „Bündnis Mensch & Tier“ unter Leitung von

Dr. Carola Otterstedt engagiert sich seit vielen Jahren für eine entspannte Beziehung zwischen Mensch und Tier. Unterschiedliche Projekte und Veranstaltungen machen dabei auf die Bedürfnisse der Tiere aufmerksam und zeigen, wie artgemäße Tierhaltung und ein tiergerechter Umgang mit Huhn und Hund, Schaf & Co verwirklicht werden können. Die Aktion „Haustier des Jahres“ steht dabei alljährlich für einen neuen Blickwinkel auf scheinbar bekannte Tiere, der neue Perspektiven öffnet und zu einem informierten und artgerechten Miteinander von Mensch und Tier einlädt.

Das Schaf als Lehrer

Dass das Schaf als Teil der christlich geprägten abendländischen Kulturgeschichte einen besonderen Platz einnimmt, daran erinnert der Moraltheologe Prof. Dr. Michael Rosenberger von der Katholischen Privatuniversität Linz und erklärt: „Das vermutlich älteste Bild des Christentums für Christus zeigt einen jungen Hirten, der ein Schaf auf seinen Schultern trägt. Es findet sich als Fresko an den Wänden und Decken der römischen Katakomben, als Relief auf steinernen Sarkophagen und besonders eindrucksvoll als nahezu einen Meter große Steinskulptur der Domitilla-Katakombe, die sich heute in den Vatikanischen Museen befindet. Das Bild ist keine christliche „Erfindung“, sondern ist den Menschen im griechisch-römischen Kulturkreis längst vertraut. Denn dort propagiert man in vorchristlicher Zeit vor allem zwei Tugenden: Frömmigkeit und Menschlichkeit. Und für die Menschlichkeit steht symbolisch der junge Hirte mit dem Schaf auf seiner Schulter. Wo jemand sich um jedes schwache oder verlorene Schaf liebevoll kümmert, dort ist Menschlichkeit verwirklicht.“

Schafe aber sind noch viel mehr. Über dieses christlich-humanistische Bild gelebter Menschlichkeit hinaus erkennt Carola Otterstedt in ihnen durchaus auch ein Vorbild für unsere Gesellschaft: „Das Sozialsystem der Schafherde ist ein bisher noch zu wenig beachtetes Vorbild für die menschliche Gesellschaft: So leben in der Schafherde viele sehr unterschiedliche Schaf-Persönlichkeiten, die auch ihren eigenen Interessen nachgehen, sich jedoch jederzeit aktiv dem Schutz der Herde und ihrer Mitglieder unterordnen. Gemeinsam handeln für das Gemeinwohl, ein wunderbarer Gedanke, den wir von den Schafen lernen können.“

Eingeengter Lebensraum bringt nachhaltige Veränderungen mit sich

Der angestammte Lebensraum von Weidetieren hat sich mit der Ausprägung des westlichen Lebensstils zunehmend verändert: Weideflächen fielen der wachsenden Infrastruktur zum Opfer. Damit veränderte sich nicht nur die Landschaft, sondern auch die Mensch-Tier-.Beziehung und nicht zuletzt unsere eigene Kulturgeschichte. Traditionelle Berufe wie Schäfer und Gerber gehen verloren, und gleichzeitig verlieren wir alle überliefertes Wissen, wenn wir diesen Tieren nicht mehr begegnen: Wie sehen Schafe aus? Wonach riechen sie? Wie fühlt sich ihre Wolle an? Carola Otterstedt verweist auf den wertvollen Beitrag, den Schafe und Schäfer beispielsweise zum Arten- und Kulturschutz leisten: „Schafe sind wunderbare Landschaftspfleger, die helfen, dass wir eine Pflanzenvielfalt bewahren und damit vielen Wildtierarten Nahrung und Brutgebiete bieten können. Mit dem Einsatz von alten Schafrassen können wir die Vielfalt alter Haustierrassen bewahren, sichern so regionale, kulturelle und ökologische Werte. Es ist gut, wenn wir den Beruf des Schäfers z.B. durch den Kauf von Schafmilchprodukten fördern und so einen alten, aber ökologisch wie kulturell wichtigen Berufsstand unterstützen.“

Auch für die Schafe bringt die Beschränkung ihres Lebensraums auf engen Weiden nachhaltige Veränderungen mit sich: Sie verlernen, fressbare von giftigen Pflanzen zu unterscheiden, und auch die Evolution bleibt nicht stehen: Die eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten werden ihre Anatomie und Physiognomie verändern, ritualisierte und technisierte Tagesabläufe in Großbetrieben wirken sich auf das angestammte Sozialverhalten aus.

Private Schafhaltung als Brücke zum ländlichen Leben

Braucht eine Gesellschaft heute noch Schafe, wenn die synthetische Kleidung doch auch taugt? Welchen Wert haben Schafe heute noch für uns? Brauchen wir heute noch Schafe in ihrer Rassen-Vielfalt? Diesen Fragen stellt sich die Initiative der Stiftung im kommenden Jahr, denn zunehmend werden Schafe auch ohne kommerziellen Nutzen als Haustiere gehalten. Dabei sind sie kein Heimtierersatz, sondern schlagen ähnlich wie die private Hühnerhaltung eine Brücke zum ländlichen Leben und sind damit Teil eines neuartigen Denkprozesses in unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Denn Schafe können mehr als „kuschelig“ sein, sagt Carola Otterstedt und verweist auf die unzähligen positiven Aspekte derartiger Begegnungen: „Schafe sind spannende Persönlichkeiten mit eigenen Bedürfnissen, die man im direkten Kontakt auf Begegnungshöfen (www.begegnungshoefe.de) oder im Rahmen tiergestützter Angebote (www.tiergestuetzte-therapie.de) erleben kann. Die Begegnung mit Schafen kann soziale und kommunikative Kompetenzen fördern. Eine Wanderung mit Schafen bringt dem Menschen Ruhe, Entspannung und neue Perspektiven für den natürlichen Lebensraum von Mensch und Tier.“

Von Mag. Kerstin Piribauer