Plötzlich geht er auf drei Beinen…

Plöltzlich geht er auf drei Beinen… Eine nahezu alltägliche Situation: Der Vierbeiner genießt den gemeinsamen Ausflug mit uns, läuft fröhlich über die Wiese. Plötzlich tritt er mit einem der Hinterläufe nicht mehr auf und humpelt hilfesuchend auf drei Beinen in unsere Richtung. Wie bei uns der erste Schreck, so legt sich auch bei ihm bald der erste Schmerz, und zuhause angekommen, scheint alles nur mehr halb so schlimm. Dennoch fällt uns in den nächsten Tagen immer wieder eine leichte Lahmheit auf. Unruhe macht sich breit, denn wir wissen, dass der Kreuzbandriss beim Hund zu den häufigsten Verletzungen gehört. „mein HAUSTIER“ sprach mit Prof. Britta Vidoni von der Kleintierchirurgie der Vetmeduni Vienna über Diagnose- und Therapiemöglichkeiten.

Für den Hundebesitzer ist es schwierig, einzuordnen, ob es sich bei einer plötzlich auftretenden Lahmheit des Hundes um eine harmlose Zerrung handelt, oder ob mit einem Kreuzbandriss eine ernsthaftere Verletzung dahinter stehen könnte. Wann ist der Weg zum Tierarzt angezeigt?
Prof. Britta Vidoni: Jede Lahmheit, die nach einigen Tagen Medikamentengabe weiterhin besteht, muss genauer abgeklärt werden. Die Diagnostik eines Kreuzbandrisses ist mitunter relativ schwierig. Generell zeigen die betroffenen Hunde eine Lahmheit an der Hinterextremität. Je chronischer diese Lahmheit bereits ist, desto schwieriger ist es für den Tierarzt, einen Kreuzbandriss festzustellen. Ein erster Hinweis ist eine Schwellung des Kniegelenks durch eine vermehrte Gelenksfüllung. Dann wird das Gelenk mit speziellen orthopädischen Provokationsproben untersucht.

Gehört dazu auch der „Schubladengriff“, von dem man oft in Zusammenhang mit dem Kreuzbandriss hört?
Prof. Britta Vidoni: Ja! Die „kraniale Schublade“ ist eine dieser Provokationsproben, bei der man den Unterschenkel- gegen den Oberschenkelknochen nach vorne verschieben will. Das geht nur, wenn das vordere Kreuzband gerissen ist und seine Aufgabe, die Stabilität im Kniegelenk zu garantieren, nicht mehr erfüllen kann. Bei chronischen Prozessen im Gelenk, aber auch bei schweren Hunden ist diese Schublade oft äußerst schwierig auszulösen. Eine andere Art der Provokation ist die „Tibiakompressionsprobe“, bei der die Belastung des Fußes nachgeahmt wird. Damit hat der Unterschenkelknochen, die Tibia, wiederum die Möglichkeit, nach vorne auszuweichen, was nur dann passiert, wenn das Kreuzband gerissen ist.


Tibia ist die medizinische Bezeichnung für den Unterschenkelknochen (Schienbein). Das Tibiaplateau ist die gesamte obere Fläche des Knochens, die im Kniegelenk liegt. (Anmerkung der Redaktion)


Ein Röntgenbild hilft bei der Diagnose des Kreuzbandrisses nicht weiter?
Prof. Britta Vidoni: Auf dem Röntgenbild sieht man lediglich die sekundären Zeichen eines Problems im Kniegelenk. Wenn eine etwa sechs bis acht Wochen andauernde Instabilität besteht, erkennt man erste Arthrosen, die sich sehr schnell entwickeln. Zudem sieht man am Röntgenbild eine vermehrte Kniegelenksfüllung, aber das gerissene Kreuzband selbst sieht man natürlich nicht, weil ein Röntgenbild nur die Knochenstrukturen bzw. bei Weichteilen Verdickungen und Veränderungen zeigt. Diese sekundären Zeichen geben uns zusätzliche Hinweise, dass im Kniegelenk etwas nicht stimmt, der Kreuzbandriss bleibt aber immer noch ein Fragezeichen. Eine sichere Diagnose bieten nur die Magnetresonanztomographie oder die Arthroskopie, ein minimalinvasiver Eingriff, bei dem wir in das Kniegelenk hineinschauen und das Kreuzband ebenso wie die Menisken beurteilen können.

Dient dieser Eingriff nur der Diagnose oder ist mit der Arthroskopie gleichzeitig eine Therapie möglich?
Prof. Britta Vidoni: Im Kniegelenk kann man mit Hilfe der Arthroskopie einen eingerissenen Meniskus behandeln. Man kann das Gelenk spülen und gewisse Bandreste entfernen, aber eine Stabilität im Knie kann man primär mit einem arthroskopischen Eingriff nicht erreichen. Das ist aber das Ziel! Ein gleichzeitiger Darstellung der Messung des Tibiaplateauwinkels Einsatz der Arthroskopie zur Diagnose und Therapie wie beispielsweise bei einer OCD (Osteochondrosis dissecans), wo ein lokaler Knorpel-Knochendefekt diagnostiziert und im selben Arbeitsgang diese Knorpel-Knochenschuppe arthroskopisch entfernt wird, ist im Knie bei einer vorhandenen Instabilität in dieser Form nicht möglich. Sie wird jedoch unterstützend bei Bandersatztechniken verwendet.

Womit wir bei der Therapie wären… Ist der Bandersatz heute noch eine übliche OP-Methode?
Prof. Britta Vidoni: Man muss in der Therapie des Kreuzbandrisses zwei Ansätze unterscheiden: Wir haben zum einen die Gruppe der Rekonstruktionstechniken und zum anderen die große Gruppe der Operationen, die in die Mechanik des Gelenks eingreifen. Da gibt es wesentliche Unterschiede. Die Rekonstruktionstechniken sind fast durchwegs Bandersatztechniken. Dabei kommen entweder künstliche Bänder zur Anwendung oder Materialen, die aus dem Körper selbst stammen, z.B. Faszien, die man zu einem Band konstruiert, oder Teile von einem Sehnenband. Mit diesen Implantaten versucht man, die Zugrichtung des vorderen Kreuzbandes nachzuahmen, um so der durch einen vorderen Kreuzbandriss entstandenen Instabilität entgegen zu wirken. Früher hat man ausschließlich diesen Bandersatz durchgeführt, innerhalb oder außerhalb der Gelenkkapsel, es gibt extrem viele Variationen. Letztlich Sägeschnitt im Rahmen einer Umstellungsosteotomie arbeitet man damit aber gegen die Mechanik: Ein instabiles Gelenk wird mit einem Band fixiert, das eventuell nicht ewig halten wird, denn dieses eine Band arbeitet gegen eine ganze Körperkraft.

Die Körperkraft, dieursprünglich auch die Ursache für den Kreuzbandriss war?
Prof. Britta Vidoni: Nein, die Ursache ist eine andere – entweder eine traumatische oder eine degenerative. Beim Hund sind es meist Bagatelltraumen. Er springt wie jeden Tag aus dem Auto und geht plötzlich lahm. Im Laufe eines degenerativen Prozesses wird das Band sukzessive geschwächt, bis es reißt und dann seine Funktion als Stabilisator des Kniegelenkes nicht mehr erfüllen kann. Der Grund dafür liegt eventuell in den vielfältigen Bewegungsmöglichkeiten des Kniegelenks, die das Band enorm beanspruchen und ein Grund für die Degeneration sein könnten. Fettleibige Hunde sind eher betroffen. Zudem ist ein steileres Tibiaplateau sicher eine Prädisposition für einen Kreuzbandriss. Und damit kommen wir zu Ihrer Frage Therapie mittels Bandersatz zurück. Diese Bandersatztechniken funktionieren umso weniger, je steiler das Plateau ist. Denn da wirkt zuviel Kraft auf das Ersatzband ein, so dass es letztlich auch reißt. Deswegen wurden andere Techniken entwickelt: und zwar die Eingriffe in die Biomechanik, bei denen mit speziellen Sägeschnitten in den Knochen das Plateau umgestellt wird, um so eine Neutralisierung der Kraftachsen zu erreichen.

Zu diesen Eingriffen in die Biomechanik gehört die TPLO-Methode?
Prof. Britta Vidoni: Unter anderem! Es gibt aber über diese 30 mein Haustier Arthrotisch verändertes Kniegelenk nach einem Kreuzbandriss Umstellungsosteotomie, die Tibial Plateau Leveling Osteotomy (TPLO) hinaus die verschiedensten Möglichkeiten der Osteotomie. Allen gemeinsam ist das Ziel, die Kraftachsen im Kniegelenk bei Belastung zu neutralisieren und damit eine dynamische Stabilität zu erreichen. Bei der TPLO wird die mechanische Achse so umgestellt, dass eine Neutralisation der Kräfte im Kniegelenk entsteht: Wenn der Hund auftritt und das Knie belastet, kann die Tibia nicht mehr nach vorne ausweichen.


Die Osteotomie ist eine chirurgische Methode, bei der ein Knochen durchtrennt wird, um Fehlstellungen oder ein bestehendes Kräfteverhältnis zu korrigieren. (Anmerkung der Redaktion)


Die Entscheidung, welche OP-Methode die richtige ist, hängt also von der individuellen Anatomie des Patienten ab…
Prof. Britta Vidoni: Absolut. Vor allem kleinere Hunde mit einem flachen Tibiaplateau haben eine gute Chance, dass die Bandersatztechniken funktionieren. Bei einem steileren Plateau wird es mit der Zeit zu einer erneuten Verlagerung der Tibia kommen. Dann entscheidet man sich eventuell doch zu einer Umstellungsosteotomie.

Für Sporthunde wäre eine Umstellungsosteotomie die Methode der Wahl?
Prof. Britta Vidoni: Das wäre sicher zu empfehlen. Die TPLOMethode wurde vor über 20 Jahren in den USA speziell für Sporthunde entwickelt. Natürlich dauert die Rekonvaleszenzphase einige Monate. Man sägt einen Knochen auseinander und fixiert ihn in einer anderen Position – das muss heilen! Aber wenn alles gut geht, haben diese Hunde eine gute Chance, wieder Sport treiben zu können.

Wie bei allen Gelenksoperationen ist die Zeit nach der Operation sicher auch hier ganz entscheidend für den Erfolg?
Prof. Britta Vidoni: Unmittelbar nach der Operation sind kalte Umschläge wichtig, dann absoluter Leinenzwang und eine gute Schmerztherapie, das sind die ersten Schritte. Wenn die akute Schmerzhaftigkeit überstanden ist, kann mit einer gezielten Physiotherapie begonnen werden, denn Gelenke müssen bewegt werden. Monatelanges Schonen ist falsch. Die Bewegung muss langsam gesteigert werden, bis man schließlich wieder in eine normale Belastung übergehen kann.