Pflanzenheilkunde stark im Trend

PflanzenheilkundeDie Nachfrage nach natürlichen Behandlungsmethoden ist auch in der Tiermedizin in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Immer mehr Tierbesitzer wünschen sich für ihre Vierbeiner eine wirksame Alternative zu künstlichen synthetischen Arzneimitteln, deren mögliche Nebenwirkungen sie fürchten. Sehr beliebt sind pflanzliche Arzneien; viele Menschen glauben nämlich, dass man damit auf keinen Fall schaden könne – aber ganz so einfach ist das nicht. Auch für die Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) ist ein umfassendes Wissen erforderlich, um dem Patienten zu nützen und nicht zu schaden. Die „mein HAUSTIER“- Redaktion hat bei Frau Prof. Dr. Karin Zitterl-Eglseer von der Veterinärmedizinischen Universität Wien nachgefragt, worauf es bei der Pflanzenheilkunde ankommt.

 

Frage: Wo ist die Phytotherapie, die Pflanzenheilkunde, eigentlich angesiedelt? Gehört sie zur Schulmedizin oder zur Alternativmedizin?

Prof. Dr. Zitterl-Eglseer: In Österreich ist die Pflanzenheilkunde ein schulmedizinischer Zweig und nach naturwissenschaftlichen Prinzipien ausgerichtet. Sie hat auch ihren festen Platz in den schulmedizinischen Lehrbüchern der Pharmakologie.

Was macht den Unterschied zwischen pflanzlichen und synthetischen Arzneien aus?

Prof. Dr. Zitterl-Eglseer: In der Phytotherapie werden immer nur Wirkstoffgemische eingesetzt, keine Einzelsubstanzen. Das Wirkprinzip der Phytotherapie liegt im Gesamtextrakt, nicht in der Einzelsubstanz der Pflanze. Ein chemisch-synthetisches Arzneimittel hingegen besteht meistens aus einer Einzelsubstanz. Es gibt ja auch viele synthetische Arzneimittel, die sich von Naturstoffen, also Pflanzen herleiten. Ich denke da an Morphin, Codein, Chinin aus der Chinarinde und Digitalisglycoside aus dem Fingerhut; oder die neuen Zytostatika, wie zum Beispiel Stoffe aus der Eibe und die Alkaloide des Immergrüns. Aber diese genannten Mittel bestehen eben nur aus einer Einzelsubstanz. Das Arzneimittelgesetz macht jedoch keinen Unterschied zwischen pflanzlichen und synthetischen Arzneimitteln, es behandelt beide gleich. Die Konsequenz daraus ist, dass für pflanzliche Arzneien genauso teure Zulassungs-Prozeduren nötig sind wie für alle synthetischen Arzneien. Das ist der Grund, warum es für Tiere derzeit weniger als zehn zugelassene pflanzliche Arzneimittel am Markt gibt. Und das ist auch der Grund dafür, dass so viele Ergänzungsfuttermittel mit pflanzlichen Wirkstoffen am Markt sind. Denn diese sind keiner derart teuren Zulassung unterworfen, obwohl sie gleiche Inhaltsstoffe haben und gleiche Wirkung zeigen. Aber sie dürfen nicht als Arzneimittel verkauft werden.

Sie sagen, in der Phytotherapie werden immer Wirkstoffgemische eingesetzt, aber können sich die einzelnen Wirkstoffe nicht auch widersprechen? Dass zum Beispiel ein Wirkstoff des Gemisches fürs Herz gut, aber für die Leber schlecht ist ?

Prof. Dr. Zitterl-Eglseer: Prinzipiell könnte das schon so sein, weil in Pflanzenextrakten ja Hunderte von Stoffen enthalten sind. Es werden auch sehr viele schon charakterisiert – es gibt analytische Verfahren, mit denen man eine ganze Fülle von Arzneistoffen in einem Extrakt feststellen kann und da gibt es natürlich welche, die zusammenwirken, also synergistisch wirken und andere, die entgegengesetzt, also antagonistisch wirken. Aber grundsätzlich betrachtet man dann den gesamten Pflanzenextrakt, das heißt die Gesamtwirkung des Extraktes und nicht die Einzelsubstanz. Und diese Gesamtwirkung ist positiv.

Es gibt ja von ein und derselben Pflanze Extrakte von verschiedenen Firmen. Sind die dann alle identisch?

Prof. Dr. Zitterl-Eglseer: Nein, die Extrakte der unterschiedlichen Firmen unterscheiden sich. Die Hersteller verwenden zum Beispiel verschiedene Lösungsmittel, häufig Wasser-Alkohol-Gemische, aber in unterschiedlicher Konzentration. Es können aus dem Extrakt auch Stoffe herausfiltriert werden, so dass nur mehr bestimmte Wirkstoffe enthalten bleiben. Auch der Wirkstoffgehalt variiert von Hersteller zu Hersteller.

Gibt es noch andere Verabreichungsformen als Extrakte?

Prof. Dr. Zitterl-Eglseer: Es gibt verschiedene Verabreichungsformen für Pflanzenzubereitungen. Neben den Extrakten gibt es auch noch Dragees, Tabletten, Tropfen und Salben. Eine sehr milde Form der Verabreichung ist der Tee. In der Tiermedizin werden jedoch sehr oft Trockenextrakte verwendet, da man diese einfach dem Futter zusetzen kann und außerdem für Tiere auch keine alkoholischen Flüssigextrakte verwendet werden könnten. Zur Herstellung des Trockenextraktes wird zuerst ein alkoholischer Extrakt gemacht, dem anschließend der Alkohol wieder entzogen wird und der dabei anfallende Rückstand ist dann der Trockenextrakt. Dieser kann in Tabletten gepresst oder in Kapseln gefüllt werden, aber auch als Granulat dem Futter zugesetzt werden.

Tierbesitzer glauben häufig, dass pflanzliche Heilmittel weniger schädliche Nebenwirkungen haben als synthetische Arzneien und dass man sie gefahrlos auch ohne Rücksprache mit dem Tierarzt verabreichen kann. Wie sehen Sie das?

Prof. Dr. Zitterl-Eglseer: Nein, das kann man so nicht sehen, weil auch Pflanzen nicht immer nur sanft sind, es gibt schließlich auch Giftpflanzen, und es gibt stärker wirkende Substanzen oder Extrakte und weniger stark wirkende – man muss die Dosis wissen! Und pflanzliche Wirkstoffe können vom Laien falsch angewendet werden und sind dadurch wirkungslos; Vergiftungen durch pflanzliche Heilmittel können auch passieren, sind aber glücklicherweise selten. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass pflanzliche Arzneien weniger Nebenwirkungen haben als chemisch-synthetische. Das kommt wohl daher, weil ja auch die Wirkung pflanzlicher Arzneimittel nicht so drastisch ist. Sie sind für die Anwendung über einen längeren Zeitraum gedacht, also für die Behandlung chronischer Erkrankungen und nicht für Akutfälle. Im Akutfall muss ein stärkeres chemisch-synthetisches Medikament eingesetzt werden. Denn es ist sicherlich wichtig, die Möglichkeiten der Pflanzenheilkunde zu sehen, aber man muss auch ihre Grenzen erkennen. Nicht alles kann damit geheilt werden, bei einer ernsthaften Erkrankung muss vom Tierarzt zu einem stärkeren Medikament gegriffen oder auch operiert werden. Der Tierarzt soll entscheiden, welche Therapie im speziellen Fall angebracht ist und das entsprechende Medikament verschreiben – dies gilt, abgesehen von einigen wenigen Hausmitteln, auch für die Pflanzenheilkunde.

Können Sie uns ein paar dieser Hausmittel nennen?

Prof. Dr. Zitterl-Eglseer: Kamille kann in jeder Form verwendet werden. Auch Ringelblume (Calendula) bei Hautentzündungen und Wunden. Bei Blähungen oder der Trommelsucht bei Kaninchen und Meerschweinchen helfen Fenchel, Anis und Kümmel. Bei Atemwegserkrankungen von Hunden und Pferden lindert das Inhalieren mit Thymian, Kamille, Fichtennadelöl, Anisöl und Latschenkieferöl die Beschwerden. Käsepappeltee hilft bei Erbrechen und Durchfall sowie bei Magengeschwüren bei Pferden und trägt zu einer besseren Wundheilung bei, was sogar durch eine Studie hier an der Universität bewiesen wurde. Auch Johanniskrautöl wirkt bei schlecht heilenden Wunden gut, darf aber bei sehr hellhäutigen Tieren nicht angewendet werden, da die Lichtempfindlichkeit zunimmt und dadurch Hautentzündungen entstehen können.

Wirken im Hausgärtlein gezogene Heilpflanzen gleich gut wie in der Apotheke erhältliche Medizinalpflanzen?

Prof. Dr. Zitterl-Eglseer: Vom Ursprung her handelt es sich um die gleiche Pflanze, aber trotzdem kann die Wirkung unterschiedlich sein. Denn schon der Standort spielt eine Rolle für den Wirkstoffgehalt. So gibt es zum Beispiel verschiedene Sorten von Kamillen mit völlig unterschiedlichem Wirkstoffgehalt. Und es gibt Medizinalpflanzen, die auf einen sehr hohen Gehalt an Wirkstoffen gezüchtet wurden, damit sie als Arzneimittel verkauft werden dürfen.

Gibt es tierartliche Unterschiede in der Reaktion auf Phytotherapie?

Prof. Dr. Zitterl-Eglseer: Ja, die gibt es; allein schon deswegen, weil der Stoffwechsel von Pflanzenfressern und Fleischfressern unterschiedlich ist. Reine Pflanzenfresser verstoffwechseln, sprich verarbeiten pflanzliche Arzneimittel besonders gut. Bei kleinen Heimtieren, wie Meerschweinchen und Kaninchen kann man daher bereits bei der Futterzusammenstellung auf die speziellen Probleme eingehen. Katze und Frettchen hingegen haben als extreme Fleischfresser nur geringe Fähigkeiten, pflanzliche Stoffe abzubauen. So wirken ätherische Öle bei diesen Tierarten giftig und dürfen keinesfalls angewendet werden – auch nicht zur Inhalation.

Frau Professor Zitterl-Eglseer, vielen Dank für das Gespräch.