Orthopädische Probleme bei Katzen

Wir vom Magazin „mein HAUSTIER“ haben festgestellt, dass in Medien für Tierhalter stets sehr viel über orthopädische Erkrankungen beim Hund und eigentlich nur sehr wenig über dieselben Erkrankungen bei der Katze geschrieben wird. Und den Tierärzten in unserem Team ist aufgefallen, dass selbst auf Fachtagungen hauptsächlich über orthopädische Probleme des Hundes referiert wird. Wir haben daher bei der Leiterin der Kleintier-Orthopädie der Veterinärmedizinischen Universität Wien nachgefragt, aus welchem Grund die Katzen-Orthopädie allgemein so stiefmütterlich behandelt wird.

Frage: Frau Dr. Schnabl-Feichter, warum hört man – selbst von Katzenhaltern – so selten etwas über orthopädische Probleme bei Samtpfoten? Kommen diese bei Katzen so viel seltener vor als bei Hunden?

Dr. Schnabl-Feichter: Es gibt bei Katzen nicht weniger orthopädische Erkrankungen als bei Hunden, aber Katzen können diese besser kaschieren, weil sie leicht und sehr geschickt sind und oft etwas geduckt gehen, so dass man eine Lahmheit mit freiem Auge häufig nicht erkennt. Das kann mit ein Grund sein, weshalb wir weniger Katzen als Hunde mit orthopädischen Problemen in der tierärztlichen Praxis sehen, aber sicherlich nicht deswegen, weil es diese bei Katzen nicht gibt.

Bei Hunden gibt es viele rassespezifische Erkrankungen des Bewegungsapparates, die auch vererbbar sind. Wie ist das bei Katzen?

Dr. Schnabl-Feichter: Rassebedingte orthopädische Erkrankungen sind bei Katzen eher selten – obwohl man bei sehr großen Rassen, wie zum Beispiel der Maine Coon, häufiger Hüftgelenkdysplasien findet. Leider ist die Vererbbarkeit solcher Störungen bei diversen Katzenrassen noch nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht, weshalb es im Gegensatz zum Hund auch noch kein verpflichtendes Zucht-Screening bei der Katze gibt.

Was sind die häufigsten Ursachen für orthopädische Probleme bei Katzen?

Dr. Schnabl-Feichter: Die Fälle, die hier an der Klinik vorgestellt werden, sind meist Trauma-Patienten; sehr häufig nach Fensterstürzen oder Autounfällen. Das Ergebnis dieser Unfälle sind diverse Knochenbrüche und ausgekegelte Gelenke. Besonders Autounfälle führen immer wieder zudem zu Wirbelsäulenverletzungen wie Wirbelbrüchen. Aber es gibt auch weniger aufregende Auslöser für Verletzungen am Bewegungsapparat: wenn zum Beispiel ungeschickte, übergewichtige Samtpfoten vom Kratzbaum fallen. Auch dies kann zu Bänderrissen – besonders im Knie – und zu ausgekegelten Gelenken an Hüfte und Schulter führen, vor allem bei Tieren mit zu flachen Gelenkspfannen. Solche Unfälle bezeichnen wir dann als Bagatelltraumen.

Was geschieht bei der medizinischen Versorgung der armen vierbeinigen Unfallopfer?

Dr. Schnabl-Feichter: Neben Verletzungen, die durchwegs auch mit Verbänden behandelt werden können, müssen zum Beispiel Bänderrisse – meist im Knie – immer operiert werden. Komplizierte Brüche der Gliedmaßen oder der Wirbelsäule bedürfen ebenso einer Fixierung durch Schrauben, Platten oder Drähte. Bei ausgekegelten Gelenken hingegen versucht man zuerst, diese manuell zu reponieren und erst wenn dies nicht funktioniert, wird operiert. Bei schwerwiegend verletzten Hüftgelenken gibt es seit einigen Jahren auch bei Katzen die Möglichkeit einer Endoprothese, sprich eines künstlichen Hüftgelenks. Leider sind Gelenkstraumen sehr häufig die Ursache für spätere Arthrosen.

Wie häufig sind Arthrosen bei Katzen?

Dr. Schnabl-Feichter: Über 60% aller erwachsenen Katzen leiden an Arthrosen, vorwiegend an Ellbogen, Hüfte, Knie und Schulter. Inwieweit angeborene Fehlbildungen der Gelenke als Ursache der Arthrose in Frage kommen, ist noch nicht erforscht – hier ist die Dunkelziffer noch sehr groß. Ganz allgemein kann man sagen, dass Arthrosen bei Katzen meistens eher aus traumatischen Ereignissen herrühren.

Welche Symptome zeigen Katzen mit Arthrose? Wie bemerkt der Katzenhalter, dass sein Tier Schmerzen hat?

Orthopaedische_Probleme_bei_Katzen-2Dr. Schnabl-Feichter: Katzen zeigen ihre Schmerzen nicht so deutlich wie Hunde; es erfordert eine gewisse Aufmerksamkeit des Tierhalters, um das durch die Schmerzen veränderte Verhalten der Katze zu bemerken. Eine Katze, die Schmerzen hat, schläft viel mehr, zieht sich häufig zurück und bewegt sich nur noch wenig. Wenn sie aufsteht, dann sehr langsam; sie will nicht springen und wirkt steif und kann auch aggressiv bei Berührung werden. Da meist mehrere Gelenke von der Arthrose betroffen sind, gehen die Tiere nicht lahm – Lahmheit tritt nur auf, wenn die Arthrose einseitig ist und ist immer ein Zeichen für Schmerz.

Wie diagnostiziert man Arthrosen bei der Katze, und wie kann man feststellen, wie ausgeprägt diese schon sind?

Orthopaedische_Probleme_bei_Katzen-3Dr. Schnabl-Feichter: An erster Stelle steht nach wie vor die sorgfältige klinische orthopädische Untersuchung. Zusätzlich werden neuerdings auch Katzen einer Bewegungsanalyse unterzogen, eine Methode, die beim Hund bereits fest etabliert ist. Mit der Bewegungsanalyse wird Lahmheit messbar gemacht. Die Katze muss dabei über eine im Boden eingelassene Druckmessplatte gehen und es wird die Gewichtsbelastung auf der Platte gemessen. Dies hilft die Lahmheit zu objektiveren. Die Ergebnisse sind sehr genau, da ein Computer die Bodenreaktionskräfte, also die Kraft, mit der die Katze auf die Platte steigt, analysiert. Die Diagnosestellung mittels Bewegungsanalyse wird unterstützt von der bildgebenden Diagnostik wie Röntgen und gegebenenfalls Computertomographie. Ein ganz wichtiger Aspekt der Bewegungsanalyse beim Hund ist auch, dass sie eine wertvolle Hilfestellung bei der Beurteilung des Therapie-Erfolges darstellt. Vielleicht ist dies in naher Zukunft auch bei der Katze möglich.

Wie werden Katzen mit Arthrose behandelt?

Dr. Schnabl-Feichter: Vor allem müssen sie abnehmen! Ebenso wie Hunde mit Arthrose werden auch arthrosekranke Katzen mit Mitteln gegen Entzündung und Schmerz behandelt, wobei Dauertherapien mit derartigen Mitteln bei Katzen oft nicht möglich sind, da die Samtpfoten darauf wesentlich empfindlicher reagieren als Hunde. Auch Futterergänzungsmittel können hilfreich sein, wobei es keine wissenschaftlichen „Beweise“ gibt, dass diese tatsächlich wirken, aber sie schaden auf alle Fälle der Katze nicht. Eine wichtige Rolle hat in Zukunft sicher auch die Physiotherapie inne, so kann zum Beispiel mit Elektrotherapie eine Schmerzbehandlung durchgeführt werden.

Gibt es etwas, was Sie Katzenhaltern noch besonders ans Herz legen möchten?

Dr. Schnabl-Feichter: Für jeden verantwortungsvollen Katzenhalter sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, Fenster und Balkone mit Katzengittern zu versehen, um Fensterstürze zu verhindern. Bei Verhaltensänderungen der Katze oder wenn ein Humpeln auffällt muss so schnell wie möglich ein Tierarzt aufgesucht werden. Und Katzenbesitzer sollten wissen, dass es auch bei orthopädischen Erkrankungen von Katzen mehr Therapiemöglichkeiten als nur die – sicherlich wichtige – Schmerztherapie gibt.

Frau Doktor Schnabl-Feichter, vielen Dank für das Gespräch.

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