Novemberblues und andere Stimmungstiefs

Was Hunde aus dem seelischen Gleichgewicht bringt

Wenn Novembergrau das Land im Griff hat und durch die Umstellung auf die Winterzeit auch noch eine Stunde Tageslicht verloren geht, ist Bella kaum aus ihrem Korb herauszulocken. Sie zieht sich zurück, möchte nicht spielen, wirkt apathisch und niedergeschlagen, und verweigert manchmal sogar das Fressen. „Es ist jeden Herbst das gleiche. Sie hat eine Dunkelheitsdepression“, klagt Frauchen.

Licht ist ein wichtiger Stimulator

Während viele Menschen über diese „Diagnose“ lächeln, nehmen Experten das Problem durchaus ernst. So bestätigt Privatdozent

Dr. Michael Leschnik von der Klinik für Kleintiere der Veterinärmedizinischen Universität Wien, dass Lichtmangel die Stimmungslage von Tieren sehr wohl negativ beeinflussen kann. „Licht ist bei allen Tieren an der Erdoberfläche ein wichtiger Stimulator – Licht gibt uns einen Tag-Nachtrhythmus vor und hemmt die Melatonin-Ausschüttung im Gehirn.“

Das Hormon Melatonin wird bei Dunkelheit ausgeschüttet und macht antriebslos und müde. Was für eine gesunde Nachtruhe ja Voraussetzung ist. Wird Melatonin „unplanmäßig“ tagsüber ausgeschüttet, so beeinträchtigt es das seelische Wohlbefinden – bei Mensch und Tier.

Was tun?

Gehen Sie mit Ihrem Liebling möglichst oft bei Tageslicht ins Freie und nützen Sie jeden Sonnenstrahl aus.

„Echte“ Depression?

Allerdings zeigen Hunde mitunter auch ohne ersichtlichen Grund  Symptome, die den Anzeichen einer menschlichen Depression gleichen. Sie sind desinteressiert an Aktivitäten, die ihnen sonst Freude bereiten, antriebslos, ungewöhnlich ruhig und haben häufig keinen Appetit. „Ob es sich hier um die psychische Erkrankung Depression handelt, die beim Menschen ja relativ genau definiert ist, lässt sich bei einem Tier schwer sagen“, schränkt Dozent

Dr. Leschnik ein. „Sofern es beim Hund wirklich eine Depressionserkrankung wie beim Menschen gibt, liegen die Ursachen sehr wahrscheinlich im Neurotransmitter-Stoffwechsel“. Sind die für die Stimmungslage wichtigen Botenstoffe (z.B. Dopamin, Serotonin) in einem Ungleichgewicht, dann gerät auch die Psyche außer Balance. In einem Aufsatz über seelische Störungen bei Tieren bezeichnet der deutsche Neurologe und Psychiater Prof. Dr. Volker Faust außerdem den frühen Mutterverlust als gravierendste seelische und psychosoziale Beeinträchtigung in einem Tierleben.

Das betrifft Säugetiere wie Hunde oder Affen, aber auch Vögel.

Wie bei Menschenkindern, die früher in Waisenhäusern und Findelanstalten ohne Liebe und soziale Bindung aufwuchsen, beobachtet man bei verwaisten Tierbabys später oft eine so genannte anaklitische Depression. Meist löst dann ein Zusatzstress das depressive Krankheitsbild aus.

Was tun?

Wie bei Menschen werden in der Veterinärmedizin bei Bedarf antidepressive Medikamente eingesetzt, vor allem bei genau definierten Verhaltensauffälligkeiten und weniger bei einem durch äußere Umstände ausgelösten Stimmungstief. Johanniskraut, die pflanzliche Alternative bei leichteren menschlichen Depressionen, kann auch beim Hund eingesetzt werden. Allerdings gibt es dazu keine gesicherten Studien. Zu beachten ist, dass sich die Wirkung erst nach einigen Wochen der Behandlung zeigt. Die Anwendung von Johanniskraut sollte jedoch unbedingt mit dem Tierarzt besprochen werden und nicht eigenmächtig erfolgen.

Die Zeitumstellung schlägt sich auf die Psyche

Neben dem Neurotransmitter-Haushalt gibt es auch andere Ursachen für ein Stimmungstief bei Hunden. So werden viele Vierbeiner durch die Zeitumstellung „unrund“. Dozent Dr. Leschnik: „Tiere haben wie wir Menschen eine innere Uhr, die durch Stoffwechselvorgänge und Hormonschwankungen gesteuert ist. Da sie ein Zeitgefühl besitzen, kann auch die Zeitumstellung belastend sein. Der biologische Rhythmus benötigt einige Tage, mitunter sogar Wochen, um sich neu einzustellen. Unruhe, Schlafstörungen und Stress können die Folge sein. Bei sensiblen Tieren macht sich dann ein echter Jetlag bemerkbar.“

Was tun?

Ein geregelter Tagesablauf mit gewohnten Ritualen gibt dem Hund Sicherheit. Jede zusätzliche Belastung in dieser Zeit der Umstellung sollte man nach Möglichkeit meiden. Da Zeitumstellungen für unsere Vierbeiner genauso belastend sind wie Flugreisen, sollte man das Tier nur im äußersten Notfall in einem Flugzeug (womöglich noch in eine andere Zeitzone) transportieren.

Wenn Vierbeiner trauern …

Oft verursacht ein konkretes Ereignis wie ein Ortswechsel oder der Verlust des Besitzers  beim Vierbeiner eine depressive Verstimmung. Beispielsweise im Zuge einer Übersiedlung oder wenn der Hund von der vertrauten Familie zu neuen Besitzern oder gar in ein Tierheim kommt. Die häufigste Ursache für ein Stimmungstief bei Hunden ist allerdings die Trauer. „Trauer ist bei Tieren eine bereits gut beobachtete Verhaltensweise.

Hunde zeigen die genannten depressiven Symptome aber nicht nur beim Tod des Besitzers, oft kann schon dessen Abwesenheit allein dieses Verhalten auslösen“, so Dr. Leschnik. Der Tod von Herrchen oder Frauchen bedeutet für den Hund immer ein tragisches, einschneidendes Ereignis, das Angst, Verwirrung, Unsicherheit zur Folge hat. Häufig kommt es zu einer psychomotorischen Hemmung, das heißt, die Vierbeiner werden teilnahmslos bis hin zur Apathie. Fast schon klassisch ist die (in Einzelfällen als tödlich geschilderte) Verweigerung von Nahrung. Doch Tiere verstehen den Tod und trauern anders, wenn sie den toten Gefährten sehen können. Ist dies nicht möglich, dann sind sie im Unklaren, was passiert ist. Hat Herrchen sie verlassen? „Wenn das Tier nicht weiß, dass der Besitzer tot ist, kann es zu Angststörungen und chronischer Depression kommen“, betont Tierärztin und Verhaltenstherapeutin Sabine Schroll.

Was tun?

Ein Rat an die neuen Besitzer: Verhalten Sie  sich einladend abwartend und drängen Sie sich dem Hund nicht auf. Trauernde Tiere brauchen ähnlich wie Menschen Zeit, sich auf eine neue Beziehung einlassen zu können. Erfahrungsgemäß geht man von einer drei- bis sechswöchigen Trauerphase aus.

Stress und Ängste stören den Seelenfrieden

Darüber hinaus bringen Überforderung, Stress und Ängste die tierische Gefühlswelt aus dem Gleichgewicht. So können überforderte Hunde leicht in Stress geraten, mitunter sogar in ein Burn out abgleiten, das ja bekanntlich meist mit depressiver Stimmung einhergeht.

Sehr oft sind es – vom Besitzer nicht immer erkannte – Ängste, die dem Hund zu schaffen machen. Auslöser für die Angst können viele Faktoren im Umfeld des Tieres sein: laute Kinder, Fahrräder, Jogger, der enge Eingang zu einem Geschäft, viele Menschen, bestimmte Gerüche, die mit einem zeitgleichen negativen Erlebnis verknüpft werden, Lärm, Gewitter, Feuerwerke…

Anzeichen für Stress und Angst

Verhaltensbiologin Mag. Gudrun Braun nennt als häufigste Symptome, die darauf hinweisen, dass Ihr Hund sich in einer bestimmten Situation nicht wohl fühlt folgende: Schuppen, vermehrter Speichelfluss, vermehrter Haarverlust, schwitzende Pfoten, erweiterte Pupillen, Zittern, Rückzug, manchmal auch Hyperaktivität.

Vorgänge im Gehirn

Was bei Angst im Gehirn des Hundes passiert, erläutert der Wissenschaftler James O´Heare in seinem Buch „Die Neuropsychologie des Hundes“: Durch Angstauslöser wird das limbische System im Gehirn mit Reizsignalen bombardiert, wodurch Notfallprozesse (als Vorbereitung für Kampf oder Flucht) in Gang gesetzt werden: Adrenalin wird ins Blut ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller, Durchblutung wird zu den Muskeln gelenkt, um Flucht und Abwehr vorzubereiten. Es werden vermehrt die Neurotransmitter (Botenstoffe) Noradrenalin und Dopamin ausgeschüttet. Gleichzeitig wird jener Teil des Gehirns, der für höhere Denkprozesse zuständig ist, ruhig gestellt. Stress und Angst heben daher vorübergehend rationales Handeln auf. Konzentration und Wahrnehmungsfähigkeit sind eingeschränkt.  Der Hund hört Befehle gar nicht mehr.

Was tun?

Um dieses chemische Ungleichgewicht im Gehirn wieder in Balance zu bringen bedarf es einer angemessenen Ruhezeit, in welcher der Hund mit so wenig Stressfaktoren wie möglich konfrontiert wird, und schon gar nicht mit dem Angstauslöser selbst. Wichtig ist während dieser Zeit eine verlässliche Routine im Tagesablauf. Sie können Ihren Liebling aber auch mental positiv stimulieren. Wenn die Konzentration des Hundes auf etwas Erfreuliches gerichtet ist, verhindert das nämlich die Entstehung problematischer Emotionen. Ein Hund, der sich auf eine Tätigkeit konzentriert, die ihm Spaß macht, wird nicht so leicht von negativen Gefühlen überwältigt. Gemäßigte Ausdauerbewegung (lange Spaziergänge) regt außerdem die Produktion des Neurotransmitters Serotonin an, der für positive Emotionen eine wichtige Rolle spielt. Bei Depressionen besteht ja oft ein Mangel an Serotonin.

Mag. Gudrun Braun rät außerdem, dem Hund eine Komfortzone zu schaffen und ihn dort nicht zu stören. „Das ist ein Platz, an den er sich zurückziehen kann, um sich sicher zu fühlen. Diesen Platz suchen sich unsere Vierbeiner in der Regel selbst aus“.

Treten Ängste immer wieder auf, so empfiehlt sich gezieltes Anti-Angsttraining, idealerweise unter professioneller Anleitung. Der Hund sollte in kleinen Schritten an den Angstauslöser gewöhnt werden – immer unter Einhaltung seiner Wohlfühldistanz.

Auch körperliche Beschwerden zeigen sich als „Depression“

Wenn ein Hund „unrund“ ist und vermeintlich depressives Verhalten zeigt, so können dahinter natürlich auch organische Ursachen wie Schmerzen, Schwindel oder Übelkeit stecken.

Was tun?

Dr. Leschnik: „Der Hund muss zunächst einmal gründlich auf organische Ursachen für dieses Verhalten untersucht werden. Zugrunde liegende Krankheiten müssen natürlich umgehend behandelt werden.

Von Hannelore Mezei