Notfälle im Herbst

Achtung Kastanien - Vorsicht Rauferei!

Schöne sonnige Herbsttage mit milden Temperaturen verlocken Herrchen, Frauchen und Vierbeiner zu ausgedehnten Spaziergängen im Grünen. Die Hundeschulen haben den Betrieb wieder aufgenommen und auch Hunderassen, wie z.B. Mops oder Bulldoggen, die während der Sommerhitze eher zu Hause geblieben sind, bevölkern wieder Hundezonen und Grünlandschaft. Kein Wunder also, dass bei so viel Betriebsamkeit auch Probleme auftreten; zum Beispiel wenn sich zwei nicht riechen können. Ist dann der eine Hund sehr groß und der andere sehr klein, kann dies für den Schwächeren dramatische Folgen haben. Doch Raufereien sind nicht das einzige Problem – vor allem jüngere, verspielte Hunde sind durch am Boden liegende Kastanien sehr gefährdet: Kann man diese doch wie ein Bällchen mit der Pfote rollen, mit der Schnauze hochwerfen und wieder fangen. Leider endet dieses Spiel häufig mit dem Verschlucken der Kastanie und mit einem Darmverschluss. Da sowohl die Beißerei unter ungleichen Partnern als auch der Darmverschluss tödlich enden können, haben wir vom Magazin „mein HAUSTIER“ Frau Dr. Degasperi von der Veterinärmedizinischen Universität Wien gefragt, was im Fall der Fälle zu tun ist.

Immer wieder kommt es vor, dass kleine Hunde, nachdem sie von großen gebissen wurden, zuerst den Anschein erwecken, dass nicht viel passiert ist. Häufig geht es den kleinen Vierbeinern erst nach einigen Tagen sehr schlecht und im schlimmsten Fall sterben sie. Warum erkennt der Tierbesitzer nicht früher, dass sein kleiner Liebling ernsthaft verletzt wurde?

Dr. Degasperi: Wenn ein großer Hund mit einem sehr kleinen Hund rauft, erfasst der Große den Kleinen meist im Bereich des vorderen Brustkorbes mit den Zähnen, hebt ihn hoch und schüttelt ihn. Die Hundehalter fahren dazwischen, der Große lässt den Kleinen fallen und der Besitzer des kleinen Vierbeiners atmet zuerst einmal auf, weil außer kleinen Ritzern in der Haut keine größeren Verletzungen sichtbar sind. Bei manchen Rassen wie z.B. Zwergspitz ist auch das dicke Fell daran schuld, dass die Verletzungen übersehen werden. Erst Tage später wird der kleine Hund zum Tierarzt gebracht, weil es ihm plötzlich schlecht geht. Der Grund, warum nicht gleich nach dem Biss die Schwere der Verletzung erkannt wurde, ist folgender: Die Einbisse sind von außen kaum sichtbar, weil sich die Haut am Brustkorb verschiebt, wenn der kleine Hund losgelassen wird. Die kleinen Ritzer, die der Besitzer außen sieht, sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs – die schweren Verletzungen liegen in der Tiefe.

Was bewegt den Hundehalter dann, das Tier Tage nach dem Biss doch noch zum Tierarzt zu bringen?

Dr. Degasperi: Dem Besitzer fallen Schwellungen am Brustkorb auf, häufig auch Atembeschwerden des Tieres oder dieses verhält sich extrem ruhig,weil es Schmerzen hat. Wenn – wie in solchen Fällen sehr häufig – die Lunge verletzt wurde, werden die Tiere schon früher gebracht, weil den Besitzern auffällt, dass der Hund im Brustkorbbereich aufgebläht ist und manchmal ist auch ein Knistern unter der Haut bemerkbar. Die Ursache dafür ist, dass aus der verletzten Lunge Luft ausströmt und sich teils in der Brusthöhle und teils unter der Haut ansammelt oder dass von aussen Luft unter die Haut angesaugt werden kann.

Wie gehen Sie hier an der Klinik vor, wenn so ein Fall eingeliefert wird?

Dr. Degasperi: Der Patient wird zuerst großflächig ausrasiert, damit der Einbiss und auch der Gegenbiss begutachtet werden können. Dann wird durch ein Röntgen vom Brustkorb abgeklärt, ob Rippenbrüche und Verletzungen der Lunge vorliegen. Die Wunde wird gespült und untersucht, um das Ausmaß der Verletzungen festzustellen. Auch ein Blutlabor wird gemacht. Erst dann kann die chirurgische Versorgung der Verletzungen beginnen.

Das sind die häufigsten Schäden, die durch so einen Brustkorb-Biss hervorgerufen werden?

Dr. Degasperi: Einfach oder auch mehrfach gebrochene Rippen sind ein häufiger Befund – kein Wunder, wenn man bedenkt, wie zart die Rippen von Zwergrassen sind und wie kräftig das Gebiss großer Hunde sein kann. Gebrochene Rippen sind sehr gefähr- mein Haustier 9 Foto: Klinik für bildgebende Diagnostik, Vetmeduni Vienna lich, da sie in die Lunge hineinstechen und diese schwer verletzen können. Aber auch Quetschungen der Unterhaut und Einrisse der Zwischenrippenmuskulatur machen dem Biss-Opfer zu schaffen. Weichteilquetschungen sind oft schon eitrig, wenn die Hunde zu uns an die Klinik gebracht werden. Auch Einbisse in die Lunge findet man immer wieder, aber auch Quetschungen der Lunge durch das Zubeißen des großen Hundes sind ein oftmaliger Befund.

Wie sieht die Therapie aus?

Dr. Degasperi: Die Therapie richtet sich nach dem Ausmaß der Schäden. Ist abgesehen von einer Lungenquetschung nicht viel passiert, heilt diese von selbst im Zeitraum von ein bis zwei Wochen. Bis der Hund wieder normal atmen kann, sollte er geschont werden und wenn es nicht unbedingt erforderlich ist, sollte bis dahin auch auf Narkosen verzichtet werden. Im Fall von Rippenbrüchen und/oder Lungenverletzungen – z. B. durch einen Einbiss oder eine eingebohrte Rippe – muss die Brusthöhle chirurgisch eröffnet werden. Gebrochene Rippen werden durch einen Nagel stabilisiert, damit sie nicht nochmals in die Lunge stechen. Freie Rippenstücke werden entfernt. Bei Lungenverletzungen wird meist nur ein kleines Stück Lunge entfernt, ein ganzer Lungenlappen wird selten weggenommen. Manchmal wird die Lunge auch nur genäht. Auf alle Fälle muss verhindert werden, dass aus der Lunge weiterhin Luft in den Brustkorb ausströmen kann. Bei Brustkorberöffnungen und bei sehr schweren Lungenschäden wird die Luft aus dem Brustkorb über einen Schlauch abgeleitet. In so einem Fall müssen die Tiere stationär an der Klinik aufgenommen werden. Da die kleinen BissOpfer meist nicht sofort zum Tierarzt gebracht werden, sind Teile des Weichteilgewebes schon abgestorben und müssen entfernt werden. Aus diesem Grund ist nicht ausreichend Gewebe zum Wundverschluss vorhanden, so dass eine offene Wundbehandlung mit Feucht-Trockenverbänden erfolgen muss. Ein ein- bis zweimal täglicher Verbandwechsel ist nötig. Die Patienten werden auch mit Antibiotika und Schmerzmitteln versorgt. Die Wunde wächst nur langsam zu – der Zeitraum kann zwei Wochen bis einige Monate betragen. Üblicherweise bleiben die Hunde drei bis fünf Tage im Tierspital und werden dann an den Haustierarzt zur weiteren Betreuung überwiesen. Selbstverständlich wird die weitere Behandlung von den Klinikärzten mit dem Haustierarzt abgesprochen.

Was raten Sie Besitzern von kleinen Hunden, wenn diese gebissen werden?

Dr. Degasperi: Auch wenn der Hund äußerlich kaum Anzeichen von Verletzungen zeigt, trotzdem sofort einen Tierarzt aufsuchen und den Vierbeiner röntgenisieren lassen. Je schneller das Ausmaß der Verletzungen festgestellt wird, desto eher wird der kleine Hund überleben und desto komplikationsloser wird der Verlauf der Heilung sein.

Vielen Dank für Ihre ausführlichen Antworten, aber jetzt zum zweiten Problem: Kastanienalleen sind ja sehr schön, aber im Herbst für unsere Hunde nicht ganz ungefährlich. Wie dramatisch ist es, wenn Bello eine Kastanie verschluckt?

Dr. Degasperi: Vor allem verspielten jüngeren Hunden passiert es leicht, dass sie eine Kastanie verschlucken. Bei älteren Hunden ist dies eher selten – der Spieltrieb ist nicht mehr so groß. Meist fällt es dem Hundehalter gar nicht auf, dass sein Liebling eine Kastanie verschluckt hat. Erst wenn das Tier das Futter verweigert, keinen Kot mehr absetzt und erbricht, wird der Tierarzt aufgesucht. Die Diagnose ist jedoch nicht immer leicht zu stellen, weil durch die verschluckte Kastanie zwar meist, aber nicht immer sofort ein vollständiger Darmverschluss ausgelöst wird. Bei einem unvollständigem Darmverschluss zeigt das Tier unspezifische Symptome, ähnlich wie bei einer Magen-Darm-Entzündung. Einen unvollständigen Verschluss des Darmes kann man im Röntgen nicht immer feststellen, weshalb auch immer eine Ultraschalluntersuchung gemacht werden sollte. Oft braucht es ein paar Tage bis der Darmverschluss vollständig ist. Der Hund hat Bauchschmerzen und es geht ihm immer schlechter und schließlich erbricht er auch das Wasser. Jetzt sollte schnell operiert werden, andernfalls kann das betroffene Darmstück absterben, die Kastanie in die Bauchhöhle durchbrechen und der Patient an Bauchfellentzündung sterben.

Ist die Operation sehr schwierig?

Dr. Degasperi: Wenn der Darm noch intakt ist, ist es eine Rou- tineoperation. Der Bauch wird eröffnet und das Innere der Bauchhöhle genau inspiziert. Der Teil des Darmes, in dem die Kastanie steckt wird auf das sterile Operationstuch vorgelagert und über der Kastanie eröffnet. Die Kastanie wird entfernt, der Darm wieder verschlossen, der Bauch gespült und wieder zugenäht. Die äußeren Bauchnähte werden nach zehn bis vierzehn Tagen vom Haustierarzt entfernt. Da eine schnelle Erholung nach der Operation angestrebt wird, dürfen die Tiere schnell wieder fressen – war die Operation am Abend, dann wird bereits am darauffolgenden Vormittag mit einer vorsichtigen Anfütterung des Patienten begonnen. Bei einem komplizierteren Operationsverlauf – wenn zum Beispiel Teile des Darmes bereits abgestorben sind – bekommen die Tiere noch im Anschluss an die Operation eine Nahrungsmittelsonde durch die Speiseröhre in den Magen eingeführt und werden so ernährt. Die Sonde wird sofort entfernt, wenn die Hunde wieder selbstständig Futter aufnehmen.

Warum ist es so wichtig, dass das operierte Tier möglichst schnell angefüttert wird? Könnte man nicht einfach Infusionen verabreichen?

Dr. Degasperi: Nein, Infusionen wären nicht gleich gut. Denn der Darm braucht zur Heilung Nährstoffe, die er selbst aufnimmt. Außerdem ist die Darmperistaltik (Bewegung des Darmes zum Weitertransport des Futters) für die Durchblutung und damit für die Heilung wichtig. Es wird nach der Operation auch das Eiweiß im Blut bestimmt. Ist zu wenig Eiweiß im Blut enthalten, muss es zugeführt werden, damit die Darmnaht nicht aufgeht und die Heilung gut voranschreitet. Der Klinikaufenthalt beträgt üblicherweise zwei bis drei Tage.