Neurologische Erkrankungen beim alten Tier

Demenz, senile Epilepsie und mehr

Das Nervensystem unserer Haustiere altert genauso wie alle anderen Körpergewebe, mit dem großen Unterschied, dass es besonders schlecht regenerieren und neue Zellen bilden kann. Was hier einmal geschädigt ist oder abstirbt, wird nur mehr in einem minimalen Ausmaß ersetzt. Während zum Beispiel Haut- oder Darmzellen mehrmals im Jahr durch neue Zellen ersetzt werden, leben Nervenzellen zwar länger, beginnen allerdings auch im gesunden Organismus schon nach wenigen Jahren zu degenerieren. Bereits kurz nach dem Erreichen der vollen Körpergröße mit dem ersten bis zweiten Lebensjahr beginnt das Nervensystem des Tierkörpers langsam zu altern und die Zahl der Nervenzellen nimmt ab. Lange Zeit ist dieser Vorgang von außen nicht erkennbar, da das Nervensystem die Fähigkeit behält, neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen zu bilden und damit die Funktion voll aufrechterhalten kann. Im Gegenteil, die Lernfähigkeit bei unseren Tieren bleibt wie auch bei uns Menschen bis ins hohe Alter erhalten, vorausgesetzt, sie wird wenigstens ein bisschen trainiert.

Demenz auch bei alten Tieren möglich

Am Ende der Gehirnalterung entsteht manchmal ein Zustand, der durch deutlich abnehmende Funktionen charakterisiert ist: kognitive Funktionen (das Erkennen und wieder Abrufen von Bekanntem und Erlerntem) lassen nach, und die höheren Sinne (Augen, Gehör und Geruchssinn) werden schwächer. Dadurch entstehen mitunter Situationen, in denen unser Tier scheinbar plötzlich Probleme mit der natürlichen Verarbeitung von normalen Reizen hat. Das Tier steht oder sitzt auf einmal mitten im Zimmer und scheint sich nicht mehr auszukennen. Personen, Befehle oder Abläufe im täglichen Leben werden nicht mehr erkannt. Manche Tiere schlafen nur mehr unter Tags und sind dafür die ganze Nacht unruhig – für jeden Besitzer eine Schlaf raubende Situation. Plötzliches Bellen oder Miauen ohne ersichtlichen Grund ist genauso schwer nachvollziehbar. Schwierig wird die Situation vor allem durch den Umstand, dass die Veränderungen zu Beginn immer nur als Episoden auftreten. Dazwischen scheint das Tier vollkommen normal zu sein. Diese senile Form der Gehirnalterung mit den daraus resultierenden Problemen für Tier und Mensch wird als Demenz bezeichnet. Ein Medikament gegen die Folgen der Demenz oder gar gegen das Fortschreiten gibt es nicht. Zwei Dinge allerdings kann man jedem Tierbesitzer empfehlen: erstens die Situation zu akzeptieren und zu lernen damit umzugehen. Geduld mit dem Haustier und liebevolle Unterstützung können das Zusammenleben deutlich vereinfachen. Schimpfen oder Bestrafen ist nie zielführend, da das Tier gar nicht weiß, was es falsch gemacht hat. Zweitens sollte man das Gehirn des Hundes und der Katze regelmäßig trainieren – nicht erst dann, wenn sich die Demenz schon deutlich bemerkbar macht. Beschäftigung sollte nicht nur körperlich erfolgen, sondern muss das Tier auch geistig fordern. Suchen, Verstecken, Spielen und das Erlernen von neuen Befehlen und Kunststücken kann ein alterndes Gehirn zumindest teilweise über längere Zeit frisch und jung halten.

Geriatrisches Vestibulärsyndrom

Neben der natürlichen Alterung können auch Erkrankungen des Nervensystems beim alten Tier zu Symptomen führen. Bei Hunden und Katzen wird oftmals ein plötzliches Symptom beschrieben, das dramatisch erscheint und manchmal wie ein Schlaganfall aussieht. Scheinbar über Nacht kann das Tier gar nicht mehr gehen oder fällt immer wieder zu einer Seite um. Der Kopf ist um die Längsachse gedreht und die Augen machen spontane rhythmische Bewegungen. Auch die Oberlider zucken dabei. Diese Kombination an Symptomen wird als geriatrisches (altersbedingtes) Vestibulärsyndrom bezeichnet. Das Vestibulärorgan ist das Gleichgewichtsorgan im rechten und linken Innenohr. Bei einem Ausfall auf einer Seite dauert es einige Tage bis die andere (gesunde) Seite die Funktion übernimmt. Solange muss man Geduld haben und sollte keine voreiligen Entscheidungen treffen – die Prognose ist grundsätzlich zumeist sehr gut. Es kommt zwar immer wieder vor, dass der Kopf etwas schief bleibt, aber das ist eigentlich nur ein kleiner Schönheitsfehler. Experten und Spezialisten sind sich noch nicht ganz einig, was dieses geriatrische Vestibulärsyndrom auslöst, ein Schlaganfall mit einem Blutgefäßverschluss ist es allerdings nicht.

Eine ursächliche medikamentelle Therapie dagegen ist nicht bekannt und so kann der Tierarzt nur die Übelkeit und den Drehschwindel etwas lindern. In der Nacht sollte man dem Haustier ein kleines Nachtlicht anlassen, damit die Augen einen Orientierungspunkt im Zimmer haben solange Hund oder Katze noch nicht schlafen. Hochheben ist ebenfalls eher zu vermeiden. Die vier Pfoten sind der letzte Orientierungspunkt für das Tier um den Boden zu tasten und damit zu erkennen wo unten ist. Beim Hochheben fällt auch diese Orientierung weg und die Symptome (Drehschwindel und Kopfverdrehung) können schlagartig schlechter werden. Wenn das Hochheben unbedingt notwendig ist (z.B. für den Transport zum Tierarzt) dann bitte immer zuerst den Kopf des Patienten am eigenen Körper fixieren, damit das Tier wieder einen neuen Orientierungspunkt spürt. Wenn nach einigen Tagen die Symptome langsam verschwinden, ist das Tier zumeist relativ bald wieder voll einsatzfähig. Schwimmen kann aber auch später nicht ganz ungefährlich sein, da kaltes Wasser im Ohr einen plötzlichen Rückfall und rasch einsetzenden Drehschwindel erzeugen kann. Das kann im tiefen Wasser zum Untergehen und Ertrinken führen und es sollte daher immer eine Person in der Nähe sein, die bereit ist, dem Tier zu helfen.

Unterschiedliche Symptome bei Tumoren des Nervensystems

Zu Recht gefürchtet sind Tumore im Nervensystem des alten Tieres; ihre Prognose ist leider nicht so gut. Es können sowohl langsam fortschreitende Symptome auftreten aber auch plötzlich einsetzende epileptische Anfälle. Die langsam fortschreitenden Symptome können Lähmungen, zwanghafte Kreisbewegungen oder auch permanenter Bewegungsdrang ohne Ziel sein. In so einem Fall darf aber nie eine voreilige Verdachtsdiagnose gestellt werden, da auch viele andere, mitunter harmlose Erkrankungen, mit ähnlichen Symptomen einhergehen können. Eine neurologische Untersuchung und – wenn notwendig – eine Magnetresonanztomografie können hier Klarheit bringen. War vor 20 Jahren diese Diagnose leider zumeist ein Todesurteil, so gibt es heute zahlreiche Möglichkeiten der Therapie. Ziel dabei ist es immer, eine Verbesserung der Lebensqualität zu erreichen – sowohl für das Tier als auch  für den Tierhalter. In ausgewählten Fällen kann eine chirurgische Entfernung des Tumors durchgeführt werden, je nach Größe und Lokalisation. Voraussetzung dafür ist eine gute chirurgische Erreichbarkeit des Tumors ohne dabei gesundes Gewebe zu schädigen. Sollte eine Operation keine sinnvolle Option sein, kann mittels Bestrahlungstherapie das Tumorwachstum verlangsamt, gestoppt, oder sogar eine Tumorverkleinerung für Monate bis Jahre angestrebt werden. Sind beide Therapieoptionen nicht einsetzbar, aber trotzdem eine Verbesserung der aktuellen Symptome erwünscht, können Kortison und Gehirndruck senkende Medikamente eine kurzfristige Erleichterung bringen.

Senile Epilepsie

Eine wichtige Differentialdiagnose zu Tumoren des Nervensystems ist zum Beispiel die senile Epilepsie. Hierbei kommt es in fortgeschrittenem Alter durch den natürlichen Abbau der Nervenzellen zu einer plötzlichen Destabilisierung der Funktion. Das kann in seltenen Fällen dann auch einmal in einem epileptischen Anfall münden. Eine dramatische Situation bei der vielfach eine schlechte Prognose vermutet wird. In jedem Fall muss hier zuerst einmal Ruhe bewahrt werden und möglichst rasch tierärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Genauere Untersuchungen bringen dann aber keine strukturellen Veränderungen im Gehirn zu Tage, sondern ein scheinbar normales Aussehen in der Magnetresonanztomografie. Sofern Vergiftungen oder Infektionen ausgeschlossen werden können, verbessert sich die Prognose sofort. Mit geeigneten Medikamenten gegen diese epileptischen Anfälle kann eine stabile Lebensqualität erreicht werden sodass einem weiteren  Leben mit guter Lebensqualität auch in höherem Alter nichts mehr im Wege steht.

Privatdozent
Dr. Michael Leschnik
Ambulanz für Neurologie, Abteilung für Interne Medizin,
Department für Kleintiere und Pferde, Veterinärmedizinische Universität Wien