Multitalent Haut

Viele Aufgaben – viele Feinde

Das Organ mit der größten Ausdehnung bei Tier und Mensch ist die Haut. Sie besteht aus Oberhaut, Lederhaut und Unterhaut. Die Oberhaut bildet die Grenze zur Außenwelt und besteht aus verhornten Zellen, die regelmäßig abgestoßen und wieder neu gebildet werden. Festes Bindegewebe bildet die darunter liegende Lederhaut, die der Haut Festigkeit und Elastizität verleiht. Darin eingebettet sind Talg- und Schweißdrüsen, Haarwurzeln und Pigmente. Das Verbindungsglied zwischen Haut und darunterliegendem Gewebe ist die aus lockerem Bindegewebe und Fett bestehende Unterhaut.

Die Aufgaben der Haut sind vielfältig: Schutzhülle gegen Parasiten und Krankheitserreger, Aufrechterhaltung der Körpertemperatur, Speicherorgan für Wasser und Elektrolyte sind einige davon. Aber auch Sinneswahrnehmungen wie Wärme, Kälte, Schmerz, Juckreiz, Druck und Berührung werden über die Haut aufgenommen. Und nicht zuletzt sind Haut und Fell ein für den Hund unverzichtbares Kommunikations- und Ausdrucksmittel. So drücken bürstenartig aufgestellte Haare am Rücken Unsicherheit und Angst aus, wohingegen gesträubte Nackenhaare als Drohgebärde aufzufassen sind.

Warum gestresste Hunde manchmal stinken

Die apokrinen Schweißdrüsen produzieren ein Sekret, das auf der Körperoberfläche individualspezifische Duftstoffe entwickelt, die der Reviermarkierung dienen. Deren Abgabe wird über das vegetative Nervensystem gesteuert. Die Produktion steht im Zusammenhang mit dem Stresshormon Adrenalin. Steht der Hund unter Stress, wird das Sekret vermehrt produziert und der Hund stinkt.

Haben Hunde Schweißdrüsen?

Wie alle Tiere haben auch Hunde Schweißdrüsen in der Lederhaut. Aber im Vergleich zu anderen Tieren viel, viel weniger. Und wie bei allen Tieren gibt es auch beim Hund apokrine und ekkrine Schweißdrüsen. Einzig der Schweiß der ekkrinen Drüsen dient der Thermoregulation. Ekkrine Schweißdrüsen finden sich beim Hund jedoch nur an den Pfotenballen, Hunde schwitzen daher ausschließlich an den Pfoten, während die Thermoregulation hauptsächlich beim Hecheln über die Zunge erfolgt. Sind Hunde gestresst, dann schwitzen sie an den Pfoten und hinterlassen nasse Tapser. Im Gegensatz zu den ekkrinen Schweißdrüsen finden sich die apokrinen auf der gesamten Körperoberfläche mit Ausnahme des Nasenspiegels. Der apokrine Schweiß dient zwar nicht zur Thermoregulation, hat aber ebenfalls eine wichtige Funktion: Er verbindet sich mit dem Talg und verstärkt so die Barriere der Haut gegen Allergene und Krankheitserreger.

Ungebetene Gäste auf der Haut

Bekanntlich quälen Flöhe, Milben und nun auch schon Zecken unsere Hunde während des ganzen Jahres. Aber nach dem heurigen heißen Sommer ist der Befall mit diesen Parasiten besonders hoch. Abgesehen davon, dass Zecken und Flöhe gefährliche Krankheiten übertragen, erzeugen Flöhe und Milben hochgradigen Juckreiz, weshalb sich die Vierbeiner Tag und Nacht – in der Nacht sogar noch mehr – heftig kratzen. Blutig aufgekratzte Stellen sind dann die Eintrittspforten für Eitererreger und andere Infektionen.

● Flöhe: Abgesehen vom heftig juckenden Flohekzem entwickeln Hunde mit Flohbefall mit der Zeit eine Allergie gegen den Flohspeichel und leiden dann an Allergischer Floh-Dermatitis (FAD), die bei jedem Neubefall wieder ausbrechen kann.

● Grabmilben verursachen Sarcoptes-Räude. Sie leben auf der Körperoberfläche und ernähren sich von den obersten Hautschichten. Die Weibchen graben zur Eiablage tiefe Gänge in die Haut. Das Herumkrabbeln der Milben verursacht heftigen Juckreiz, vor allem in der Nacht und in wärmerer Umgebung. Schuppige, krustig-borkige Hautveränderungen – bevorzugt an Ohrrändern, Ellbogen und Bauch – sind typisch für den Befall mit Grabmilben.

● Haarbalgmilben (Demodexmilben) leben und vermehren sich in den Haarwurzeln und den Talgdrüsen. Demodikose kommt vor allem bei jungen Hunden in lokalisierter Form vor und äußert sich in kleinen haarlosen Stellen an Oberlippe, Augenlidern, Nasenrücken und Stirnbereich. Die Demodexmilben werden meist schon vom Muttertier auf die Jungen übertragen. Lokalisierte Demodikose beim Junghund heilt häufig auch ohne Therapie. Beim erwachsenen Hund ist die Sachlage jedoch eine andere: Denn viele erwachsene Hunde sind Träger der Demodexmilbe ohne Symptome zu zeigen. Aber durch äußere Einflüsse wie falsche oder mangelhafte Ernährung, übertriebene Hautpflege und Stress oder durch Immunsuppression (z.B. bei längerer Kortisontherapie) kann die generalisierte Form der Demodikose ausgelöst werden, die in manchen Fällen kaum beherrschbar ist und im schlimmsten Fall zum Tode führt.

● Ohrmilben (Otodectes Canis) sind die Verursacher von Ohrräude. Die Milben bohren Gänge in die Auskleidung des äußeren Gehörgangs, was starken Juckreiz und Entzündungen zur Folge hat. Der entzündete Gehörgang füllt sich schließlich mit einem schwarzbraunen, stinkenden Sekret, das vom Tierarzt in langwierigen Sitzungen entfernt werden muss. In schweren Fällen der Ohrräude kann es ohne Behandlung zum Durchbruch des Trommelfells, Mittelohrentzündung und Taubheit kommen. Wichtig zu wissen ist, dass Ohrräude von Katzen auf Hunde und umgekehrt übertragen werden kann. Wenn beide Tierarten in einem Haushalt leben, müssen im Fall des Falles beide vom Tierarzt kontrolliert werden.

● Herbstgrasmilben legen ihre Eier am Boden ab, und nach wenigen Wochen schlüpfen daraus die Larven. Diese  sind winzig klein, nur bis zu 0,3 Millimeter groß und orangerot gefärbt. Die Larven erklettern Gräser und lassen sich von da auf ihre Opfer fallen. Sie ernähren sich von Zell- und Lymphflüssigkeit, nicht von Blut. Nach einem mehrtägigen Saugakt fallen sie vom Hund ab und entwickeln sich über drei Nymphenstadien zur erwachsenen Milbe. Hochsaison für Herbstgrasmilben ist von Juli bis Oktober. Man findet sie auf Wiesen und in Gärten. Befallene Hunde leiden unter starkem Juckreiz, kratzen sich heftig und an haarlosen Stellen – zum Beispiel am Bauch – kann man kleine Pickelchen finden. Besonders schlimm betroffen sind die Zehenzwischenräume, die Tasthaare oberhalb der Augen, die Ohren und der Leistenbereich. Hält man ein Blatt weißes Papier unter den Hund findet man darauf orangerote Punkte als Hinweis auf einen Befall. Herbstgrasmilben befallen auch Menschen und verursachen beim Zweibeiner die sogenannte Erntekrätze mit Juckreiz, Rötungen und Quaddeln.

Beliebt: Die Kautablette zur Vorbeugung und Therapie

Sehr beliebt zur Vorbeugung und Therapie von Parasiten sind Kautabletten, weil sie sehr einfach und effektiv in der Anwendung sind.

Es gibt inzwischen sogar eine Kautablette, die nicht nur gegen Flöhe und Zecken zugelassen ist, sondern auch gegen die wichtigsten Milbenarten wirkt. Monatlich verabreicht können so alle relevanten Hautparasiten bei Hunden zügig und zuverlässig abgetötet werden. Im Hinblick auf die Ansteckungsgefahr  reduziert eine regelmäßige Vorbeugung gegen Zecken, Flöhe und Milben beim Hund das Risiko für Gesundheitsprobleme nicht nur für den Vierbeiner, sondern auch für den Menschen.

Um den allergischen Juckreiz rasch zu stoppen, wurde in der Vergangenheit vom Tierarzt oft Kortison verschrieben. Da eine Kortisontherapie allerdings auch zahlreiche Nebenwirkungen mit sich bringen kann, greifen Tierärzte heute vermehrt auf kortisonfreie Tabletten zurück, die deutlich spezifischer wirken und damit ein besseres Verträglichkeitsprofil aufweisen.

Barriere- und Schutzfunktion der Haut

Eine intakte Hautbarriere schützt gegen Schädigungen von außen, bietet Schutz vor dem Eindringen von Allergenen und Krankheitserregern und bildet eine Grenze, durch die Wasser, Mineralstoffe und andere lebensnotwendige Stoffe im Körper gehalten werden. Den Aufbau dieser Schutzmauer kann man sich folgendermaßen vorstellen: Die verhornten Zellen der Oberhaut sind wie Ziegelsteine ineinander verschoben und durch den zwischen den Zellen befindlichen Lipidkomplex befestigt. Lipide werden von den Talgdrüsen produziert und werden auch schlicht als Talg bezeichnet. Ist die Hautbarriere gestört, haben Allergene und andere Krankheitserreger leichtes Spiel.

Atopie – Juckreiz zumWahnsinnigwerden

Das erste und wichtigste Symptom bei Atopischer Dermatitis (AD) ist hochgradiger Juckreiz. Ein wahrer Teufelskreis von Juckreiz, Kratzen, Hautläsionen und wieder Kratzen beeinträchtigt die Lebensqualität von Hund und Hundehalter. Die Atopische Dermatitis, die beim Menschen als Neurodermitis bezeichnet wird, steht zwar in direktem Zusammenhang mit den allergischen Erkrankungen, ist aber eine bereits genetisch festgelegte Bereitschaft zu überschießenden Reaktionen des Immunsystems gegen Umweltstoffe, die entweder eingeatmet oder über die Haut aufgenommen werden. Darunter fallen Pollen und Hausstaubmilben, aber auch tierische oder menschliche Hautschuppen, Schimmelpilze und Putzmittel. Man hat festgestellt, dass bei atopischen Hunden die Barrierefunktion der Haut gestört und vermehrt durchlässig für Allergene ist, so dass Umweltallergene über die Haut aufgenommen werden können.

Juckreizzyklus als Ursache für therapieresistenten Juckreiz

Sind die Allergene erst einmal aufgenommen, erfolgt die Sensibilisierung der Immunzellen und beim nächsten Kontakt mit dem Allergen reagiert der Organismus mit einer überschießenden Reaktion des Immunsystems. Daran sind verschiedene Zellen des Immunsystems beteiligt, die untereinander mittels sogenannter Zytokine – das sind Botenstoffe zwischen den Zellen – kommunizieren. Diese Botenstoffe docken an verschiedenen Zellrezeptoren an, welche daraufhin spezielle Enzyme, die sogenannten Januskinasen, im Zellinneren aktivieren. Diese bewirken die Bildung von für die Immunreaktion wichtigen Eiweißkörpern und Botenstoffen. Januskinasen haben eine zentrale Rolle in der Funktion des Immunsystems, indem sie helfen, die Signale der verschiedenen Botenstoffe in bestimmte Aktionen umzusetzen. Zytokine wie zum Beispiel Interleukin IL 31 bewirken gemeinsam mit dem Enzym Januskinase eine Juckreizstimulation der Hautnerven und das Entstehen von Entzündungen. Die Folge davon ist heftiges Kratzen, wodurch die Hautbarriere weiter geschädigt wird, so dass noch mehr Allergene diese durchdringen können. Dies führt zur kontinuierlichen Freisetzung von Zytokinen, was wiederum zu weiteren Juckreizsignalen und zu noch mehr Kratzen führt. Der Juckreiz-zyklus ist in vollem Gang!

Neue Therapien stoppen Juckreizzyklus

In der Humanmedizin werden sog. therapeutische monoklonale Antikörper bereits seit vielen Jahren zur Therapie von Krankheiten eingesetzt. Bei der Verwendung von monoklonalen Antikörpern macht man sich zunutze, dass diese hochspezifisch und dabei gut verträglich bestimmte Molekülstrukturen erkennen und binden können.

Nun ist diese biologische Therapieform auch in der Tiermedizin angekommen: Unter die Haut des Hundes gespritzt, können monoklonale Antikörper das juckreizauslösende IL-31 abfangen und neutralisieren.

Noch bleibt abzuwarten, ob die gesetzten Erwartungen erfüllt werden können, aber mit Sicherheit werden monoklonale Antikörper – sowohl für Menschen als auch für Tiere – eine bedeutende Rolle in der Zukunft der Medizin spielen.

Von Dr. med.vet. Herta Puttner