Moralfähigkeit und Empathie

Aktuelle Fragestellungen in der Tierethik

Immer öfter hört man Menschen auf der Hundewiese oder in den sozialen Medien von einer besonderen Fähigkeit ihrer Lebenspartner auf vier Pfoten schwärmen: „Niemals hab ich einen Vierbeiner gehabt, der über eine so ausgeprägte Empathie verfügt wie Xeli“, berichtet zum Beispiel eine Hundebesitzerin und spricht damit eine Eigenschaft an, die man Tieren lange nicht zugetraut hätte. Der Begriff Empathie bezeichnet die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in andere Lebewesen einzufühlen und ist eine der wichtigsten Grundlagen von sozialem Verhalten. Tierbesitzer sind zumeist zutiefst überzeugt, dass ihre Vierbeiner dies ganz selbstverständlich können und täglich tun. Auch die Wissenschaft geht dieser Frage nach und thematisiert Empathie als Teil moralischen Handelns von Tieren weit über den Haustierbereich hinaus. „mein HAUSTIER“ sprach mit der Tierethikerin Dr. Judith Benz-Schwarzburg vom Messerli Forschungsinstitut über aktuelle Diskussionen zur Moralfähigkeit und Empathie von Tieren.

Frau Dr. Benz-Schwarzburg, können Tiere Empathie empfinden? Was sagt die Tierethik aktuell zu dieser Frage, die so viele Haustierbesitzer bedingungslos mit „ja“ beantworten?

Dr. Judith Benz-Schwarzburg: Bei uns geht es in einem neuen Projekt ganz aktuell um diese und die etwas allgemeinere, damit verbundene Frage, ob Tiere moralfähig sein können. Dafür arbeiten wir an der Schnittstelle von Kognitionsbiologie, Philosophie und Ethik. In den letzten Jahrzehnten werden Charakteristika, die wir bisher dem Tier abgesprochen und nur dem Menschen als Alleinstellungsmerkmale zugesprochen haben, zunehmend hinterfragt. Das gilt für Kultur, Sprache, die Fähigkeit, die mentalen Zustände anderer zu verstehen, und vieles andere. Verhaltensbiologische Studien zeigen zunehmend, dass Tiere diese Fähigkeiten zumindest teilweise, manche auch vollständig besitzen.

Im deutschsprachigen Raum haben wir Moralfähigkeit in der Kantischen Tradition lange als eine hoch intellektuelle Leistung verstanden: Moralisches Handeln basiert auf der vollen Einsicht in moralische Prinzipien, und als vernünftiges Wesen hat man gar keine andere Möglichkeit, als sich diese Prinzipien zu eigen zu machen. Diese Vorstellungen berücksichtigen aber nicht, wie wir in unserer eigenen individuellen Entwicklung eigentlich zu dieser Moralfähigkeit kommen. Ab wann zeigen auch Kinder schon moralisches Verhalten? Eventuell beginnt die Moralfähigkeit ja auf einer sehr viel einfacheren Ebene, vielleicht bei der gegenseitigen Fürsorge, oder bei einem von Empathie getragenen Miteinander. Moral ist mehr als die jahrhundertealte Ethik Kants, die manche Aspekte wie etwa die Rolle von moralischen Emotionen vernachlässigt hat. Die Überbetonung des autonom gedachten, vernunftbegabten moralischen Subjektes wurde zurecht, beispielweise in der feministischen Ethik, sehr stark kritisiert. Alternative Konzepte davon, was moralisches Handeln ausmacht, wurden vorgeschlagen, wobei  Bindung ein zentraler Moment ist: Bindungen werden gestärkt durch Interaktionen zwischen Lebewesen, die füreinander da sind. Und in Bindungen drückt sich moralisches Verhalten aus. So kommen wir heute immer mehr zu einem anderen theoretischen Moralverständnis. Man könnte bei der Urzelle von Moral beginnen, der Mutter-Kind-Interaktion: Das Sorgen von Muttertieren für ihre Jungtiere ist nicht nur evolutionär über Instinkte erklärbar, sondern ist auch ein komplexes erlerntes und in der Interaktion geübtes Sozialverhalten.

Unser Fokus gilt dann der Fähigkeit, mit anderen mitfühlen und prosoziales Verhalten in den verschiedensten Varianten zeigen zu können. Das alles sind Verhaltensweisen, die man auch zunehmend bei Tieren findet.

Empathie ist definiert als die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in andere Wesen einzufühlen, und ist damit eine Grundlage von sozialem und moralischem Verhalten. Wir wissen, dass der weitaus größte Teil aller Tiere in funktionierenden Sozialverbänden lebt. Wie kann man dann überhaupt daran zweifeln, dass Tiere Empathie empfinden können?

Das ist eine wichtige Frage. Natürlich müssen wir unser Verhalten in der Gruppe irgendwie organisieren. Dazu stellen wir normalerweise wie andere soziale Tiere auch Regeln auf. Die Frage, ob es auch bei Tieren ein Verständnis von Normen und Regeln gibt, die befolgt werden sollten, wird heute vielfach bejaht. Aber nicht jedes (pro)soziale Verhalten ist auch moralisches Verhalten, sondern kann eventuell auch nur der Funktionalität der Gruppe dienen, ohne moralisch motiviert zu sein. Verhalten kann moralisch aussehen, aber um es wirklich zu sein, muss eine entsprechende Intention zu Grunde liegen: die Intention, helfen zu WOLLEN. Das bedeutet, dass wir in Versuchen zur Moralfähigkeit immer die Motivation der Tiere für ihr jeweiliges Handeln zeigen müssten, um von moralischem Handeln sprechen zu können.

Im Mittelpunkt steht also die Frage nach der Motivation, die ein Verhalten letztlich erst zu einem moralischen Verhalten macht …

Ja. Mark Rowlands beispielsweise hat ein wunderbares Buch über die Moralfähigkeit von Tieren geschrieben und sagt, dass ein Verhalten dann moralisch ist, wenn es durch eine moralische Emotion motiviert ist. Eine moralische Emotion kann beispielsweise Empathie sein, das kann Trauer sein, das kann auf der negativen Seite auch Eifersucht sein. Ein weiteres wichtiges Kriterium für moralisches Handeln ist, dass es verlässlich geschieht – anderenfalls ist es vielleicht nur eine Laune. Moralisches Verhalten hat aber etwas mit einer Einstellung zu tun. Das ist keine kurzweilige Meinung, sondern etwas, wozu man verlässlich motiviert ist. Der aktuelle Schwerpunkt der Betrachtung liegt also auf den moralischen Emotionen im Gegensatz zum vollständigen Durchdenken und Hinterfragen von Prinzipien im Sinne Kants. Man kann moralisch handeln, also Verhalten ausführen, dass wir als „gut“ oder „schlecht“ bezeichnen würden, weil man durch moralische Emotionen verlässlich dazu motiviert wird. Man kann dies auch dann tun, wenn man nicht voll versteht, WARUM und INWIEFERN das Verhalten moralisch ist. Die Frage ist: Haben wir es mit moralischen Emotionen zu tun, und sind diese in der Lage, verlässlich moralisches Handeln zu bewirken? Hier kommt ein zweiter wesentlicher Punkt hinzu: Wenn ein Tier, ein Kind oder ein geistig behinderter Mensch moralisch handeln können, weil sie Empathie empfinden, dann müssen wir Sorge dafür tragen, dass sie gleichzeitig für ihr Handeln nicht voll moralisch verantwortlich gemacht werden. Sonst hätten wir Fälle, in denen diese Akteure dann auch entsprechend wie gesunde, erwachsene Menschen bestraft würden. Das wäre nicht angemessen – und wird in unserem Rechtssystem so auch nicht gehandhabt. Gesundheitszustand, Entwicklungsgrad und Zurechnungsfähigkeit spielen immer eine Rolle. Im Mittelalter gab es angeblich Strafprozesse gegen Tiere, die z.B. gebissen haben und dann öffentlich gehängt wurden.

Wir trennen in der Philosophie derzeit konzeptionell das moralische Handeln aufgrund moralischer Emotionen – ohne ein intellektuelles Verständnis, WARUM es moralisch ist – von der vollen moralischen Verantwortung und damit auch von der vollen Schuldfähigkeit. Im Umgang mit Menschen finden wir das bereits, beim Tier haben wir das in dieser Form noch nicht betrachtet.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen neuen Denkansätzen?

Das ist die Frage … Auf der einen Seite beschäftigen wir uns mit den empirischen Erkenntnissen, die uns eine Antwort darauf geben, ob Tiere moralisch handeln können. Die andere Frage ist: Wenn ja, was bedeutet das dann für unseren Umgang mit Tieren? Grundsätzlich werden wir immer mehr darauf gestoßen, dass Tiere ein hochkomplexes Sozialverhalten und komplexe Fähigkeiten haben, die wir tendenziell unterschätzen. Und speziell unter dem Blickwinkel der Moralfähigkeit, der Fähigkeit, anderen helfen zu wollen oder Fürsorge zu zeigen, haben wir viele Situationen, in denen wir Tieren gar nicht erlauben, solches Verhalten zu entwickeln oder auszuüben. Denken wir nur an den klassischen Kastenstand. Es ist nicht nur aus dem Welfare-Gedanken heraus ein Problem, dass die Sau sich kaum drehen und wenden kann. Wenn sie nun auch das Bedürfnis hat, mit anderen moralisch zu interagieren – sich ihnen zum Beispiel zu nähern und sie zu trösten, wenn sie leiden – dann könnte es problematisch sein, wenn restriktive Haltungsbedingungen dies physisch nicht erlauben. Es wäre denkbar, dass nebenan ein anderes Tier leidet – vielleicht weil es gerade betäubungslos kastriert wird. Die Sau im Kastenstand hört die Laute, leidet womöglich, da sie empathiefähig ist, mit dem anderen Tier mit und wird durch ihr Empathiegefühl auch dazu bewegt, das andere Tier trösten zu wollen, Barrieren halten sie aber davon ab. Somit erleidet die Sau einen doppelten Schaden. Auf dieser Basis ergeben sich natürlich mit vielen Haltungssystemen Probleme. Rowlands schreibt in seinem Buch sehr klar: Wenn Tiere moralisch agierende Subjekte sind, reicht es nicht aus, allein ihr Wohlbefinden zu berücksichtigen, sondern wir müssen Tiere als Subjekte begreifen, die eine Persönlichkeit haben, die an sich einen Wert hat. Dies führt dazu, dass bestimmte Dinge, die man mit diesen Subjekten tut, per se falsch sind.

Dann sind wir bei den Persönlichkeitsrechten …

Ja. Die Folge wäre, dass wir diesen Tieren eine bestimmte Form von Respekt schulden, und damit sind wir sehr nah an den Tierrechten. Diese gesamte Problematik betrifft noch viele weitere Bereiche, beispielsweise auch die Präsentation von Tieren in Shows – oder Tiere, die in Hundekämpfen eingesetzt werden. Hier kann man über Training oder Zucht das moralische Profil von Tieren verändern und aus einem Hund, der eigentlich nicht aggressiv gegen andere wäre, ein aggressives Tier machen. Wenn wir das moralische Verhalten des Tieres verändern, ist das mit Blick auf die Würde des Tieres oder seine Integrität ein Problem. Es gibt in diesem Zusammenhang selbst im Heimtierbereich das ein oder andere Beispiel – ich denke etwa daran, den Hund zu kostümieren –, das man als Tierethiker auf unterschiedlichen Ebenen betrachten kann. Es ist nicht immer der unmittelbare physische oder psychische, SUBJEKTIV vom Tier erlebte Schaden, sondern es gibt auch Formen von OBJEKTIVEM Schaden. Dieser ist eher auf der Ebene der Würdeverletzung angesiedelt. In der aktuellen Diskussion stellt sich somit die Frage, ob wir Tieren, die moralfähig sind, auf besondere Weise schaden können. Dabei geht es nicht darum, dass das der einzig relevante Schaden sei, sondern darum, mit einem immer größeren Wissen um die Komplexität von Tieren auch immer komplexere Form von Schädigungen zu identifizieren. Wir müssen die Verbindung von dem, was Tiere sind und was sie brauchen, zu dem, wie wir Tieren schaden können, herstellen. Das ist ein sehr komplexes philosophisches Thema …

Frau Dr. Benz-Schwarzburg,
herzlichen Dank für das Gespräch!
Interview geführt von Mag. Kerstin Piribauer

 

Dr. phil. Judith Benz-Schwarzburg
Ethik der Mensch-Tier-Beziehung
Messerli Forschungsinstitut
Veterinärmedizinische Universität Wien