Mädels sind anders, Rüden auch…

Unterschiede teils schon im Mutterleib  durch Hormone festgelegt

Zickig und vif oder raubeinig und charmant? Kommen die einen vom Mars und die anderen von der Venus? Die einen von Pluto, die anderen vom Leckerli-Stern? Bei Men- schen wissen wir seit Allan und Barbara Pease wie es mit den Geschlechtern läuft: SIE kauft Schuhe, ER lügt – SIE tut sich schwer mit dem Einparken, ER mit Zuhören. Nun, bei Hunden liegt die Sache etwas anders. Da sie weder einparken noch Schuhe kaufen, manchmal zwar (geschlechtsunabhängig) ein kleines bisschen lügen und praktisch immer geduldig zuhören, lassen sich Hündinnen und Rüden nicht mit diesen Eigenschaften differenzieren. Allerdings gibt es bei unseren geliebten Vierbeinern sehr wohl geschlechtsspezifische Unterschiede. „Mädels sind zickiger, Burschen raubeiniger“, weiß die Wiener Tierärztin und Hundetrainerin Dr. Nora Marx-Dawid aus der Beobachtung ihrer Schützlinge. Dafür sind die Herren der Hundewelt meist auch charmanter, wie die Tierärztin (selbst Rüden-Besitzerin und daher völlig objektiv) meint. Die vierbeinigen Damen sind allerdings vifer, „sie kriegen viel mehr mit“. Letzteres wurde kürzlich sogar durch eine wissenschaftliche Studie bestätigt. Im Zuge einer Untersuchung des Departments für Kognitionsbiologie und des Clever Dog Labor an der Veterinärmedizinischen Universität Wien kam folgendes überraschendes Resultat zutage:

Hündinnen haben eindeutig eine höhere Wahrnehmungsfähigkeit als Rüden!

Eine Gruppe von Verhaltensbiologen um Dr. Corsin Müller ließ 25 weibliche und 25 männliche Hunde zwischen den Beinen ihrer Besitzer Platz nehmen. Während Frauerl und Herrli mit verbundenen Augen da saßen, wurde vor den Augen der Vierbeiner ein blauer Ball dahin gerollt, verschwand kurz hinter einer Leinwand, bevor er wieder sichtbar wurde. Jedes zweite Mal wurde allerdings ein doppelt so großer Ball verwendet. Was taten die Hunde? Die Rüden schauten jeweils 17 Sekunden lang dem wieder aufgetauchten Ball nach, egal ob groß oder klein. Den Unterschied schienen sie gar nicht zu bemerken. Wen wundert´s? Registrieren doch auch männliche Menschen kaum je veränderte Outfits (z.B. an ihrer Partnerin). Ganz anders dagegen die vierbeinigen Mädels: Sie schenkten dem Wiederauftauchen des gleich großen Balls nur 11 Sekunden Aufmerksamkeit, war er jedoch doppelt so groß, so schauten sie ihm irritiert und interessiert ganze 25 Sekunden lang nach. „Das Ergebnis war für uns unerwartet und sehr interessant“, so Dr. Corsin Müller. Verursacht werden diese Abweichungen in der Wahrnehmung höchstwahrscheinlich durch jene männlichen und weiblichen Geschlechtshormone, die bereits im Welpenalter die differenzierte Gehirnentwicklung bei Hündinnen und Rüden mitbestimmen. Daher ist auch nicht anzunehmen, dass diese speziellen Unterschiede in der Aufmerksamkeit mit einer Kastration verschwinden. „Die Ausprägung des Gehirns wird durch die Konzentration der Geschlechtshormone in diesem frühen Alter beeinflusst. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass diese geschlechtsspezifische Differenzierung des Gehirns mit einer Kastration in signifikantem Maße rückgängig gemacht werden kann“, so Dr. Corsin Müller. 

Viele Schwestern machen Rüden sanft

Hormone können auch schon im Mutterleib Einfluss auf den Charakter der ungeborenen Welpen nehmen. Dr. Marx-Dawid: „Befinden sich mehr Weibchen als Rüden in der Gebärmutter, so dominiert offenbar auch bei Rüden der Einfluss der weiblichen Hormone und sie werden sanfter. Umgekehrt werden Hündinnen mit einer Überzahl an männlichen Geschwistern durch vermehrtes Testosteron im Mutterleib geprägt“. Das kann sich dann später in Dominanz und besonderer Impulsivität zeigen. Zu verstärkter männlicher und weiblicher Prägung kommt es dann natürlich ab der Pubertät des Tieres. Testosteron macht den Mann im Vierbeiner draufgängerisch, muskulöser, oft auch ruppiger. Fremden Welpen gegenüber legen Rüden jedoch mehr Rücksicht und Toleranz an den Tag als die Hundedamen. Schließlich wissen die Herren auf vier Pfoten ja nie so genau, ob es sich bei den Welpen nicht etwa um den eigenen Nachwuchs handelt. Hündinnen hingegen verhalten sich bei fremden Welpen oft unfreundlich und streng und weisen die Kleinen zurecht, wenn diese sich nicht extrem höflich benehmen. Außerdem, so Dr. Marx-Dawid, sei der viel zitierte Welpenschutz eine Mär. Den gibt es unter Hunden nicht. Gut, die Damen keifen also ein bisschen mehr, dafür sind sie ausdauernder und konstruktiver in ihren Lösungsansätzen – weil sie weniger männliches Hormon (Testosteron) und damit einen höheren Serotoninspiegel haben. Schließlich wird der Gehirn-Botenstoff Serotonin durch den Einfluss von Testosteron reduziert. Rüden, bei denen das männliche Hormon stark dominiert, haben keinen Sinn für konstruktive Lösungsansätze und ähnlichem weiblichem „Humbug“. Sie sind männlich, impulsiv, zielgerichtet. Sie wollen nur das Eine… jedenfalls wenn sie irgendwo eine läufige Hündin wittern. Das ist auch die einzige Schwierigkeit, die geschlechtsspezifisch in der Erziehung auftritt. „Rüden sind praktisch immer irritierbar, Weibchen nur während der Läufigkeit bzw. wenn sie scheinträchtig sind. In dieser Phase ist bei ihnen Erziehungsarbeit völlig sinnlos“, weiß Marx-Dawid aus Erfahrung. Fallen solche Ablenkungen beispielsweise durch eine Kastration weg, so sind Rüden und Weibchen besser auf die Arbeit konzentriert und können leichter trainiert werden. Was allerdings keinen Einfluss auf die Menge der Wiederholungen hat. Bis ein Befehl tatsächlich im Tier manifestiert ist, braucht es zwischen 2000 und 3000 Wiederholungen! Beim Rüden hat Kastration noch weitere Vorteile: Keine Verlockungen weiblicher Natur lassen ihn weglaufen; außerdem ist der Umgang mit anderen Rüden unkomplizierter, weil diese ihn neutral einschätzen.

Alles klar bei der Partnerwahl

Wie verhält es sich aber mit der Kommunikation Rüde-Hündin? Reden sie aneinander vorbei wie wir Menschen? „Nein. Sie haben ja keine verbale Sprache, durch die es zu Missverständnissen kommen kann, sondern eine Körpersprache. Und Körpersprache ist immer klar und unmissverständlich“, betont die Tierärztin und Trainerin. Daher ist auch bei der Partnerwahl alles ganz eindeutig. Geflirtet wird nicht mit Worten, sondern die Hündin taxiert den Rüden im Hinblick auf seine Eigenschaften als zukünftiger Vater ihrer Kinder: Ist er zu ruppig? Dann könnte er ja die Kleinen damit verletzen. Also ab mit ihm auf Nimmerwiedersehen! Ist er beim Spielen und Laufen ausdauernd und fit? Dann sind Hüfte und Herz wohl in Ordnung und er wird gute Gene an den Nachwuchs weitergeben. Reagiert er auf Ihr Ankeifen (ein wichtiger Test!) frustriert und grob? Nein danke! Der Rüppel könnte ja die Babys totbeißen. Zeigt er sich dabei aber nett und besteht den Frusttest? Dann ist er durchaus brauchbar und man könnte sich zusammentun, um eine Familie zu gründen…