Machen wirs den Hunden nach

Was wir von unseren Vierbeinern lernen können

Nach einer erholsamen Nacht beginnt der neue Tag mit ausgiebigem Stretchen und einem leichten Frühstück. Dann geht es in den Park zum Joggen. Dabei freut sie sich über ihren gut funktionierenden Körper, genießt dessen Bewegungen, trainiert spielerisch Muskeln und Ausdauer, und nimmt  achtsam die Natur um sich wahr. Ein paar soziale Kontakte runden einen befriedigenden Morgen ab.

Die Rede ist nicht von einer sportlichen, jungen Frau, die auf ihre Gesundheit achtet, sondern von unserem vierbeinigen Familienmitglied Lilly. Jedes Mal, wenn ich unsere Hündin beim Dehnen, beim Laufen, Spielen, Schnüffeln beobachte, denke ich, man müsste es den Vierbeinern nachmachen. Denn nicht nur wir bringen unseren Hunden Benehmen und viele Tricks bei, sie lehren uns Zweibeiner ebenfalls so manches.

Die Freude am funktionierenden Körper

Während sich viele von uns Menschen zu körperlicher Bewegung erst aufraffen müssen, gehört dies für Hunde zum Dasein wie Atmen. Auch die Freude an einem funktionierenden Körper können wir uns von  Bello & Co abschauen. Ein Bewegungsapparat, der uns schmerzfrei gehorcht, natürliche Biegsamkeit und Beweglichkeit sind für die meisten gesunden Menschen Selbstverständlichkeiten, über die man sich keine Gedanken macht – solange diese nicht abhanden kommen.

Neben der Freude an ihrer Beweglichkeit hören Hunde auch besser auf ihren Körper als wir Menschen. Ein kleiner Schnupfen? Verdorbener Magen? Der Mensch nimmt nur selten darauf Rücksicht. Selbst in der Freizeit wird wegen solcher Kleinigkeiten kaum etwas versäumt. Der Hund? Er hat keine Angst, etwas zu versäumen, sondern folgt den Bedürfnissen des Körpers: Er zieht sich zurück, lässt sich nicht einmal zum Spielen animieren, in seinem Körbchen schläft er sich regelrecht gesund.

Lektion Achtsamkeit

Eine andere Lektion im Hund-Mensch-Lehrplan: Achtsamkeit. In der Hektik des Alltags ist dies den meisten von uns verloren gegangen. Wer hört schon bewusst auf einen singenden Vogel, beobachtet ein Blatt im Wind, sieht einer Schneeflocke beim Aufkommen auf die Erde zu? Der Vierbeiner hingegen nimmt die Natur in all ihren Facetten in jeder Sekunde intensiv wahr. Er hält inne, um zu schnüffeln und freut sich einfach an dem, was er gerade über seine Sinne erlebt.

Auch in Sachen Treue und Ehrlichkeit sind unsere vierbeinigen Lieblinge ausgezeichnete Vorbilder. Oder haben Sie schon einmal einen Hund erlebt, der lügt oder sein Frauchen verlässt, weil sie an Attraktivität verliert?

Das sagt der Wissenschaftler

Alles gut und schön, werden Sie jetzt vielleicht denken. Aber was sagt ein Wissenschaftler dazu?

Mein Haustier fragte daher Verhaltensforscher Univ.-Prof. Dr. Kurt Kotrschal: „Was können wir Menschen von Hunden lernen?“

„Naja, Lesen und Schreiben können wir besser“, lacht Prof. Kotrschal. „Aber darüber hinaus können wir einiges von Hunden lernen. Vor allem in sozialer Kompetenz sind sie echte Experten.

Wir wissen, dass Kinder, die mit Hunden aufwachsen, sozial kompetentere Erwachsene werden. Das Leben mit Hunden fördert die emotionale, die geistige und die soziale Entwicklung sowie die Selbstständigkeit von Kindern.“

Und selbst im späteren Lebensalter können wir so manches von einem vierbeinigen Lebensgefährten profitieren. Laut Prof. Kotrschal sind Hunde das beste Mittel gegen Altersdepression. So lernen alte einsame Menschen durch einen Hund, wieder Sinn im Alltag zu finden, Freude zu empfinden, Liebe zu empfangen und zu geben. Zudem erleichtern Hunde den Umgang mit anderen Menschen, weil wir durch sie in sozialer Hinsicht mehr sensibilisiert werden.

Vierbeinige Sozialexperten

Prof. Kotrschal: „Ich habe manchmal den Eindruck, dass junge Männer, die zu emotionalem Analphabetismus neigen, empathischer und sozial sensibler werden, wenn sie mit einem Hund leben“.

Der Wissenschaftler bestätigt auch, dass Hunde uns zwingen, im Augenblick zu leben. „Ich kann ja meinem Hund nicht sagen, dass es jetzt keinen Spaziergang gibt, wir dafür aber im Sommer einen tollen Urlaub machen“.

Schließlich sind Hunde im Gegensatz zu uns Menschen stets authentisch. Daher irritiert sie Verstellung, Falschheit oder unkooperatives Verhalten. Dass sie uns hier gnadenlos einen Spiegel vorhalten, zeigt laut Prof. Kotrschal eine japanische Studie. „Für diesen Test hat man Hunde und mehrere Menschen gemeinsam in einem Raum versammelt. Die Menschen waren teilweise nett zueinander, teilweise unkooperativ. Die Hunde konnten diese Interaktionen beobachten. Am Schluss wurden den Tieren von den anwesenden Personen Leckerlis angeboten. Die Hunde haben diese Leckerlis allerdings nur von jenen Menschen angenommen, die miteinander nett im Umgang waren“.

Von Hannelore Mezei