Like me – Wie ich

Like_me-Wie_ich-verstehen_Hunde_unsere_Emotionen

Die meisten Hundebesitzer sind felsenfest davon überzeugt, dass das Zusammenleben mit dem geliebten Vierbeiner von absolutem gegenseitigem emotionalem Verständnis geprägt ist. Dies ist eine der wesentlichen Grundlagen unserer engen Beziehung zu Hunden und für deren Stellung in der Gesellschaft, aus der sich nicht zuletzt umfassende ethische Konsequenzen ergeben. Um diese Überzeugungen wissenschaftlich zu belegen, bedarf es über die individuell anekdotischen Erlebnisse des Alltags mit unseren Hunden hinaus aber handfester empirisch belegter wissenschaftlicher Ergebnisse. So erforscht das Team um Ludwig Huber am Messerli Forschungsinstitut seit drei Jahren unter dem Projekt- Titel „Like me – Wie ich“, ob Hunde sich in die Gefühlswelt von Artgenossen oder Menschen einfühlen können. „mein HAUSTIER“ sprach mit Univ. Prof. Dr. Ludwig Huber über die Fragen, Ergebnisse und Konsequenzen dieser Forschungsarbeit.

Like me – wie ich… Welche Fragestellung verbirgt sich hinter diesem Titel?

Prof. Ludwig Huber: „Like me“ geht auf ein EU-weites Forschungsprojekt zurück, das ich geleitet habe und das sich mit den Fähigkeiten von Imitation und sozialem Lernen bei Tieren im Vergleich zum Menschen beschäftigte. Wir haben damals mit Affen gearbeitet, bis meine Mitarbeiterin Friederike Range ihren Hund mitbrachte, der gerade als Welpe bei ihr eingezogen war. Ihr Vorschlag, diese Fragestellung auch in Bezug auf Hunde zu untersuchen, war der Auslöser, dass wir 2005 begonnen haben, auch mit Hunden zu arbeiten und das Clever Dog Lab gründeten, das zunächst an der Universität Wien und heute am Campus der Vetmeduni Vienna beheimatet ist. Unsere Frage lautete damals, wie Hunde vom Menschen und voneinander lernen. In dem sogenannten Doas- I-do-Experiment lernte der Hund den abstrakten Befehl „Do it“ – „Mach es“… wie ich. Wir verwendeten dafür acht Trainingsaktionen, und der Hund musste immer genau das wiederholen, was gerade vom Menschen vorgezeigt wurde: beispielsweise eine Drehung im Kreis. Dann kamen neue Aktionen hinzu und damit die Frage, welche davon der Hund beim ersten Sehen in eine eigene ähnliche Aktion umsetzen kann. Das ist aus neurobiologischer Sicht eine äußerst spannende Frage. Wir stellten fest, dass der Hund sich bei Aktionen ohne Objekt, bei pantomimischen oder auch sinnlosen Willküraktionen wesentlich schwerer tat als bei solchen mit Objekt, also beispielsweise einen Ball in einen Korb zu werfen oder auf ein Podest zu steigen.

Welche Erklärung gibt es für diesen Unterschied?

Prof. Ludwig Huber: Mit Vorsicht gesagt, geht es darum, dass jede Aktion eine Bedeutung hat, nicht nur um die Aktion als motorische Ausführung, sondern um eine zielgerichtete Aktion! Dabei ist die Ausführung weniger wichtig als das Ziel. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Emulation statt Imitation. Hier geht es darum, ein Ziel zu erkennen und es zu erreichen, selbst wenn die Aktion dafür eine andere ist. Eine internationale Forschergruppe unter der Leitung von Gyorgy Gergely konnte beim Menschen zeigen, dass der Kontext und die Umstände einer Aktion für deren Imitation wichtig sind: Ich versetze mich in den anderen hinein, verstehe, in welchen Umständen er ist und warum er gerade in einer bestimmten Weise handelt. Wenn ich aber in einer anderen Situation bin, hat es keinen Sinn, es sklavisch nachzumachen. Dieses Verständnis zeigen bereits einjährige Kinder. Ein entsprechendes Experiment mit Hunden hat zum gleichen Ergebnis geführt: Die Hunde haben genauso selektiv in den Situationen, in denen die gezeigten Aktionen für sie keinen Sinn ergaben, in ihrer eigenen Art und Weise agiert, um das Ziel zu erreichen.

Das ist ja eine fast unglaubliche gedankliche Leistung?

Prof. Ludwig Huber: Absolut! Diese Arbeit war auch ein unglaublicher Erfolg und wurde in den großen naturwissenschaftlichen Zeitschriften besprochen crestor drug. Man hat die menschlichen Aktionen als ein Hineinversetzen in den anderen interpretiert, und wenn das wirklich bei Hunden genauso ist, dann ist das natürlich eine höhere kognitive Leistung.

Ihre Ausführungen lassen an so etwas wie „emotionale Intelligenz“ denken, an einen Zusammenhang zwischen einer wahrgenommenen Emotion, die eine bewusste Handlung nach sich zieht…

Prof. Ludwig Huber: Genau das ist die Grundlage des „Likeme“- Projektes: eine Beziehung auf der Verhaltensebene zwischen Imitation und Mitfühlen zu finden, zwischen Imitation und Empathie. Zum einen stellte sich die Frage, ob wir auch bei Hunden Empathieeffekte nachweisen können. Das zweite Ziel ist der Nachweis einer Beziehung zwischen Empathie und Imitation. Empathie bedeutet, dass der Empfänger genauso empfindet wie der Sender, und nun stellte sich die große Frage, wie man Emotionen, Empfindungen und Gefühle bei Hunden überhaupt wissenschaftlich nachweisen kann. Wir arbeiten dabei im Wesentlichen im visuellen Bereich und zeigen Bilder und Videos, und wollten in diesem Zusammenhang auch wissen, wie Hunde die Bilder überhaupt betrachten. Dafür arbeiten wir in unseren Studien mit einem Eye-Tracker, der die Augenbewegung des Hundes sehr genau zeitlich und räumlich misst. So können wir analysieren, wie der Hund ein Gesicht anschaut, ein Bild wahrnimmt. Daneben könnte man noch den Herzschlag, die Herzschlagvariation, die Ausschüttung von Kortisol im Speichel oder die Oberflächentemperatur des Körpers, die sich bei unterschiedlichen Empfindungen wie Furcht oder Angst ändert, messen. Zudem zeigten zwei Studien, dass das Schwanzwedeln des Hundes assymetrisch ist – und zwar entsprechend der Emotion. Wenn der Hund sich fürchtet, wird das Wedeln eher linkslastig, freut er sich, schlägt der Schwanz eher nach rechts aus.

Eine Frage der Hirnhälften?

Prof. Ludwig Huber: Ja, das Gehirn des Hundes lateralisiert wie das des Menschen vieles!

Ihre jüngsten Studienergebnisse zeigen, dass Hunde die Gefühle von Menschen einordnen können. Sind Sie soweit, dass sie sagen „einfühlen“?

Prof. Ludwig Huber: Nein! Wir konnten zeigen, dass Hunde die auf Emotionen beruhenden Gesichtsausdrücke des Menschen unterscheiden können. Wir haben dazu zwei einfache Emotionen genommen, ein fröhliches und ein zorniges Gesicht, haben das nebeneinander gezeigt und die Hunde trainiert, jeweils nur die Gesichter einer Emotion auszuwählen. De Hälfte der Hunde war trainiert, nur das fröhliche Gesicht auszuwählen, die anderen das zornige. Wenn die Hunde das gelernt haben, folgt der entscheidende Test, ob sie dieses Wissen auf ganz neue Gesichter anwenden können, die sie nie gesehen haben. Wir müssen sichergehen, dass sie die Trainingsbilder nicht einfach auswendig gelernt haben, sondern sie müssen es generalisieren können. Wir sind auch weiter gegangen als vergleichbare Studien: Die Hälfte der Hunde sah im Training nur die Mundpartie, die andere nur die Augenpartie, niemals das ganze Gesicht. Im Test zeigten wir ihnen dann jeweils die andere Gesichtshälfte. Sie sind also auf Augen trainiert und sehen jetzt plötzlich die Mundpartie. Diese Aufgabe können sie nur lösen, wenn sie tatsächlich auf Basis der Emotionen unterscheiden, wenn sie sich sozusagen erinnern, wie menschliche Gesichter in diesen beiden Emotionen aussehen – und zwar das ganze Gesicht, das sie als Repräsentation eines fröhlichen Gesichtes eines Menschen im Kopf haben. Daraus kann man aber noch nicht automatisch schließen, dass sie diese Emotionen auch als solche erkennen und richtig einordnen. Das ist damit noch nicht gezeigt. Allerdings haben wir schon einen Hinweis, dass die Hunde die Gesichter tatsächlich interpretieren, denn im Training haben wir einen sehr großen Unterschied festgestellt: Die Hunde, die das fröhliche Gesicht auswählen sollten, haben die Aufgabe dreimal so schnell gelernt wie die Hunde, die das zornige wählen mussten. Die Aufgabe selbst ist die gleiche, und es kann nur damit zusammenhängen, dass sie die Gesichter wirklich interpretieren. Es liegt also nahe, zu sagen, dass Hunde Probleme haben, auf ein zorniges menschliches Gesicht mit der Schnauze zu drücken. Dazu braucht es offenbar Überwindung.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus Ihren bisherigen Ergebnissen?

Prof. Ludwig Huber: Das sind mehrere Aspekte. Man sagt immer, Hunde seien Nasen- und Ohrentiere, die gut riechen und hören, aber im visuellen Bereich gibt es Defizite. Sie sehen physiologisch siebenmal schlechter als der Mensch. Offenbar reichen ihre visuellen Fähigkeiten aber aus, derart feine Unterschiede zu erkennen. Sie können den Menschen identifizieren. Der Grund dafür könnte sein, dass der Hund im Laufe der Domestikation der letzten 20.000 Jahre tatsächlich ein Sensorium entwickelt hat, um sich in der visuell geprägten Welt des Menschen zurechtzufinden. Wir Menschen kommunizieren durch Gestik und Mimik sehr viel im visuellen Bereich – Gesichtausdrücke sind visuelle Kommunikation. Spekulativ könnte man sagen, dass Hunde ihre visuelle Aufmerksamkeit im Laufe der Domestikation weiter entwickelt haben. Spannend ist und bleibt die Frage, ob sie Emotionen des Menschen richtig erkennen, deuten und interpretieren und dementsprechend auch ähnliche Emotionen zeigen…

Ergeben sich daraus auch Konsequenzen aus ethischer Sicht?

Prof. Ludwig Huber: Natürlich würden derartige Ergebnisse die ethische Implikation verstärken, mit Tieren wie mit fühlenden Wesen umzugehen und nicht wie mit Objekten. Die Sensibilität des Hundes gegenüber dem Menschen wäre faszinierend unter diesen Voraussetzungen. Aber wir brauchen gute Experimente, um das wissenschaftlich nachzuweisen. Bei den Nutztieren ist dieses Thema noch viel bedeutsamer als bei den Haustieren. Deswegen arbeiten wir seit einiger Zeit auch mit Schweinen hinsichtlich der Fragen um Kognition, Emotion, Empathie und des sensiblen Umgangs mit Artgenossen. Man rennt offene Türen ein, wenn man sagt, behandelt Eure Hunde gut, aber man rennt gegen gut verschlossene Türen, wenn man sagt, behandelt die Nutztiere gut. In der Massentierhaltung zählt nicht das Individuum, die Emotion oder das Sozialverhalten. Aber es geht nicht nur um die richtige Raumtemperatur, genügend Futter und Wasser, sondern gerade bei sozialen Tieren, wozu auch die meisten Nutztiere gehören, um soziale Gemeinschaft. Da liegen die wirklichen Probleme …

Herr Professor Huber, herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview geführt von Mag. Kerstin Piribauer.