Liebevolle Geste oder Bedrohung?

Liebevolle_Geste_oder_BedrohungWerner wundert sich, warum der Husky seiner Freundin immer vor ihm zurückweicht, wenn er sich liebevoll über ihn beugt und ihn am Kopf streicheln will. „Unser sanfter Labrador ist plötzlich aggressiv geworden! Der muss weg“, sind die Eltern der kleinen Laura überzeugt. Der Vierbeiner hat nämlich geschnappt, als das Kind ihn umarmen wollte. Was bei diesen beiden Mensch-Hund-Beziehungen schief läuft, ist die Kommunikation. Der Mensch meint „Ich hab dich lieb“, der Hund versteht „Hilfe, der bedroht mich“. Aus Hundesicht stellen viele vermeintliche Liebesbezeugungen eine einzige große Bedrohung dar. Die meisten Missverständnisse zwischen Menschen und Haustieren entstehen nämlich durch falsche Körpersprache. Auch im zwischenmenschlichen Umgang ist Körpersprache ja von großer Bedeutung, bei Tieren dominiert sie die Kommunikation sogar zu knapp 100 Prozent. „Das Gehirnareal für verbale Sprache beim Hund entspricht etwa der Größe einer Erbse, der Bereich für Körpersprache ist hingegen riesengroß“, erklärt die Wiener Tierärztin und Verhaltenstherapeutin Dr. Nora Marx-Dawid.

Zeigen wir den Hunden mehr Respekt!

„Hunde lesen unsere Körpersprache ununterbrochen“, bestätigt Univ.-Prof. Dr. Kurt Kotrschal vom Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien. „Erst kürzlich hat eine Studie unseres Clever Dog Lab bewiesen, dass Hunde sogar an unserem Gesichtsausdruck ablesen können, ob wir fröhlich oder wütend sind“. Allerdings stehen unsere Körpersignale oft in einem krassen Gegensatz zu dem, was wir mit einem liebevollen Tonfall kommunizieren wollen. Etwa wenn wir den Hund mit freudiger Stimme loben und uns gleichzeitig über ihn beugen, was für Vierbeiner ja eine Drohgeste bedeutet. „Der Hund hält uns dann zwar für schizophren, bemüht sich aber trotzdem, den Menschen zu verstehen“, so Dr. Marx-Dawid. Bei Fremden nicht immer mit Erfolg. Prof. Kotrschal plädiert daher dafür, unseren Vierbeinern mehr Respekt zu zollen. „Es gelten dieselben Höflichkeitsregeln wie im zwischenmenschlichen Umgang. Beispielsweise ist es absolut inakzeptabel, wenn ein Mensch über einen liegenden Hund hinweg steigt. Viele Hunde akzeptieren das wohl oder übel, doch nicht alle sind so tolerant und lassen diese krasse Unhöflichkeit über sich ergehen“.

Hund folgt nicht? Vielleicht stehen Sie falsch

Welche konkreten Auswirkungen haben unsere Gesten auf den Vierbeiner? Macht sich der Mensch groß, nimmt eine gespannte Körperhaltung ein und spricht mit tiefer Stimme, so vermittelt er dem Hund Dominanz. Etwas, das nicht unbedingt wünschenswert ist. Prof. Kotrschal warnt ausdrücklich davor, einem normal sozialisierten Hund gegenüber solches Macho-Gehabe zu zeigen. Der Mensch hat zwar die Führungsrolle, dafür genügen aber Konsequenz und in unklaren Situationen ein ruhiges und sicheres Auftreten. Sie wundern sich, dass Ihr Hund nie kommt, wenn Sie ihn rufen? Vielleicht stehen Sie einfach falsch. Dr. Marx-Dawid. „Es ist kontraproduktiv, wenn wir uns bildfüllend frontal vor den Hund stellen und ihn dann rufen“. So locken Sie ihren Hund hingegen richtig zu sich: Sie stehen seitlich und zeigen bzw. blicken in die Richtung, in die man mit dem Hund gehen möchte. So macht das auch Papa Wolf, wenn er mit seinem Nachwuchs auf Jagd geht. Freundlichkeit signalisiert man einem fremden Vierbeiner, indem man nicht frontal, sondern in einem Bogen auf ihn zugeht, den Kopf und den Blick seitlich wegdreht und den Hund nicht direkt anstarrt, dabei aber mit ihm entspannt plaudert. Das „Vokabel“, mit dem Sie beim Spaziergang einem ängstlichen Hund Sicherheit vermitteln, lautet „entspanntes Gehen“. In besonders kritischen Situationen (Briefträger geht vorbei) bleibt man einfach ruhig stehen. In menschlichen Augen ein wenig clownesk könnte die geeignete Spielaufforderung für Ihren Liebling wirken. Da wir zumeist keine hündische Körpertiefstellung einnehmen wollen (oder können), lautet die menschliche Alternative: auf die Oberschenkel klopfen und spielerisch seitlich weghoppeln. Viele Fehler passieren beim ersten Rendezvous. Wenn man in einen Hundehaushalt auf Besuch kommt, ist man natürlich versucht, den vierbeinigen Bewohner lieb zu begrüßen, ihn zu streicheln. Was aber, wenn der Hund sich misstrauisch und abwartend verhält? Dann sollte man ihn vorerst ignorieren. So schwer es auch fällt: Locken Sie ihn nicht und buhlen Sie nicht um seine Aufmerksamkeit, sondern richten Sie Ihren Blick auf etwas anderes in dem Raum. Wenn er nach einiger Zeit von sich aus Kontakt aufnehmen will, kann man ihm mit Einverständnis des Hundehalters auf der flachen Hand ein Leckerli anbieten. Auf diese Art hat schon so manche Freundschaft begonnen.

Absolute Tabus

Die folgenden „Vokabel“ der Körpersprache werden von Hunden als Drohgesten interpretiert und sollten daher tabu sein:

  • Über den Hund beugen!
  • Laut schreiend frontal auf ihn zulaufen
  • Das Tier anstarren
  • Angespannte Muskulatur, wie dies bei Menschen oft der Fall ist, die Angst vor Hunden haben. Das Tier spürt dann entgegen einer weit verbreiteten Meinung zwar nicht die Angst, fühlt sich aber durch die Körperhaltung des Menschen bedroht. .
  • Den Hund fest umarmen.
    „Hunde mögen prinzipiell keine Umarmungen, weil dies in ihrer Welt Kampf bedeutet“, warnt Dr. Marx-Dawid. „Sie lassen es aber vom Besitzer teilweise zu.“ Vorsicht ist jedoch bei Kindern geboten. Umarmt ein Kind den Hund und wendet dieser daraufhin Kopf und Augen ab, so signalisiert er damit, dass er das nicht mag. Kinder erkennen diese Abwehrhaltung meist nicht, sondern fahren in der Umarmung fort. Dann kann es passieren, dass der Hund auf die nächste Abwehrstufe schaltet und leicht schnappt. Daraufhin beginnen Kinder meist zu schreien, was ihn vollends irritiert, und er beißt womöglich zu.

Solchen Situationen kann man allerdings vorbeugen. Denn es passiert immer wieder, dass unerfahrene Mitmenschen unserem Hund ihre Bewunderung und Zuneigung zeigen, indem sie sich mit einem „Soo lieb“ über ihn beugen und seinen Kopf streicheln. Oder Kinder umarmen spontan einen Hund. Durch gezieltes Training kann man den Vierbeiner an diese falsche Körpersprache gewöhnen und ihm signalisieren, dass die „Drohgeste“ durchaus liebevoll gemeint ist. Die Tierärztin rät, sich stets beim Anleinen Ihres Lieblings über ihn zu beugen und ihn für seine Toleranz mit einem Leckerli zu belohnen. „Nach 1000 bis 2000 Wiederholungen ist er so weit, dass er auch Fremden diesen Fehler verzeiht.“ Im Interesse der Sicherheit unserer und fremder Kinder ist es sogar noch wichtiger, den Hund an Umarmungen zu gewöhnen. Umarmen Sie ihn immer wieder und belohnen Sie ihn für seine Geduld! Allerdings sollte man auch einen solcherart gut trainierten Hund nicht mit einem kleinen Kind allein lassen!

Manchmal lächelt er…

Doch im Umgang mit unseren vierbeinigen Lebensgefährten gilt es nicht nur, Missverständnisse zu vermeiden, sondern auch, ihnen unsere Liebe auf die richtige Art und Weise unmissverständlich zu zeigen. Begeben Sie sich dafür auf die Ebene des Tieres, streicheln und massieren Sie den Hund sanft am ganzen Körper (nicht unbedingt am Kopf, wenn er das nicht mag) und sprechen Sie mit ihm in freundlichem hohen Tonfall. Im Übrigen freuen sich Hunde auch, wenn wir sie anlächeln. Wie bereits eingangs erwähnt, können sie fröhliche von zorniger Mimik unterscheiden und unser Lächeln richtig interpretieren. Wenn Sie Glück haben, lächelt Ihr Vierbeiner sogar zurück. Dieses Hundelächeln – oft mit voller Zahnpracht – ist eine Auszeichnung, die nur uns Menschen zu Teil wird. Denn im Umgang der Tiere untereinander existiert das „Vokabel“ Lächeln nicht. Wie so vieles haben sie es sich von uns Menschen abgeschaut.

von Hannelore Mezei