Lebensqualität für Tiere mit Handicap

hunhd auf rädernAuch behinderte Tiere können ein durchaus lebenswertes Leben führen, wenn auf ihre besonderen Bedürfnisse eingegangen wird. Dies setzt allerdings voraus, dass der Tierhalter nicht nur in sehr spezifischen medizinischen Belangen, sondern auch in praktischen Fragen des täglichen Zusammenlebens kompetent und einfühlsam beraten und begleitet wird. Ist er dann auch noch bereit, etwas mehr Zeit und Geduld für das Tier aufzubringen, so kann das Zusammenleben mit einem behinderten Tier gerade wegen seines Handicaps zur besonders bereichernden Erfahrung werden. Sofern eine Behinderung weder unbehebbare Schmerzen noch offensichtliche Leiden verursacht und die Voraussetzungen für eine bedürfnisgerechte Haltung erfüllt sind, sollte daher in jedem Fall darüber nachgedacht werden, wie die Lebensqualität des Tieres erhöht werden kann. Die Erfahrung zeigt, dass es im Hinblick auf den Umgang mit behinderten Tieren einer deutlichen Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung bedarf.

Sari – die „Wackelkatze“
Der Begriff „Ataxie“ (griech. „Unordnung“) bezeichnet Bewegungs- und Koordinationsstörungen, die sehr unterschiedliche Ursachen haben können. Die typischen Symptome einer Ataxie, die im Volksmund auch als „Wackelkrankheit“ bezeichnet wird, können durch eine Verletzung der Wirbelsäule bzw. des Rückenmarks, also z.B. als Folge eines Unfalls oder einer Misshandlung, oder auch im Rahmen degenerativer Erkrankungen auftreten. Von „Feliner Ataxie“ wird auch gesprochen, wenn ungeborene Katzen durch ihre Mutter mit dem Felinen Parvovirus (FPV), dem Erreger der sog. Katzenseuche, infiziert werden. Dies kann u.a. zu einer Schädigung des Gehirns führen, die sich als Ataxie manifestiert, so bald die Kätzchen zu laufen beginnen. Je nach Ursache und betroffener Hirnregion treten nach Art und Ausmaß verschiedene Störungen auf. Charakteristische Anzeichen einer Ataxie sind z.B. Kopfzittern, eine Schiefhaltung des Kopfes, ein staksiger, unkoordinierter Gang und Gleichgewichtsstörungen. Mitunter treten aber auch Lähmungserscheinungen und epileptische Anfälle auf. Da die Symptome mitunter auf eine schwere Behinderung hindeuten, ist die Bereitschaft, eine von Ataxie betroffene Katze bei sich aufzunehmen und einem Tierarzt vorzustellen, bislang sehr gering. Viel zu häufig werden daher die scheinbar schwerbehinderten Katzen aus Unwissenheit oder Überforderung noch im Welpenalter von ihrem vermeintlichen Leiden „erlöst“. Da Ataxien als solche keine Schmerzen verursachen und auch das Wohlbefinden der Tiere häufig nicht beeinträchtigt ist, hat es sich der deutsche Verein „Feline Senses – Lebensfreude für Katzen mit Ataxie e.V.“ (www.ataxiekatzen.de) zur Aufgabe gemacht, Aufklärungsarbeit in Sachen Ataxie zu leisten und den Haltern betroffener Katzen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Bei der Haltung und im Umgang mit Ataxie-Katzen sind einige Besonderheiten zu berücksichtigen: So kommt unkontrollierter Freigang selbstverständlich nicht in Frage, und es muss unter anderem daran gedacht werden, dass erhöhte Liegeplätze (Kratzbaum!) oder auch Treppen z.B. durch eine Polsterung gegen die Gefahr eines Absturzes gesichert werden. Das Verrichten ihrer Geschäfte kann der Katze dadurch erleichtert werden, dass keine herkömmliche Katzentoilette, sondern ein Hundekorb aus Plastik mit einer möglichst großen Einstiegsöffnung verwendet wird. Schließlich ist bei der Vergesellschaftung darauf zu achten, dass Artgenossen auch für Ataxiekatzen eine Bereicherung darstellen, sofern es sich nicht um unverträgliche Tiere handelt. Babs Helferich, die Gründerin und Obfrau des Vereins „Feline Senses“ berichtet, dass die Katzen ihre Behinderung bei entsprechender Haltung offenbar überhaupt nicht wahrzunehmen scheinen und dass sie – sofern keine andere Erkrankung vorliegt – lange und vor allem gut leben können. Durch geeignete Maßnahmen, wie z.B. Physiotherapie, kann sogar eine Besserung der Symptome erreicht werden (vgl. dazu den Beitrag von Dr. M. Müller in diesem Heft). Sari, das „Vereinsmaskottchen“ von „Feline Senses“, ist das beste Beispiel dafür, dass sich Ataxie-Katzen keineswegs behindert fühlen und oft voller Lebensfreude sind!

Bufo – ein Hund auf Rädern
Auch wenn die Behinderung erst im fortgeschrittenen Alter eintritt, kommen Tiere bei entsprechender Betreuung und Haltung, auch mit erheblichen Einschränkungen erstaunlich gut zurecht: Bufo, eine Schäfer-Collie- Mischlingshündin, erkrankte im Alter von acht Jahren an einer erblich bedingten, fortschreitenden Veränderung des Rückenmarks („Degenerative Myelopathie“), die sich zunächst in einer Hinterhandschwäche manifestierte und, trotz Ausschöpfung aller therapeutischen Möglichkeiten, schließlich zur Lähmung der Hinterextremitäten führte. Als die früher äußerst bewegungsfreudige „Wasserratte“ (lat. bufo = Kröte) kaum noch gehen konnte, stellte sich für Bufos Frauchen, eine Wiener Tierärztin, die Frage, ob ein solches Leben für die Hündin überhaupt noch lebenswert sei. Als Dr. Ulrike Pohl von Bekannten auf die Homepage der amerikanischen Firma „Doggon Wheels“ (www.doggon.com) aufmerksam gemacht wurde, war die Lösung gefunden: Mit Hilfe eines individuell angefertigten, geländegängigen Rollwagens, der auch das Absetzen von Kot und Harn problemlos ermöglicht, wurde Bufo wieder mobil und konnte mit Frauchen und der mittlerweile angeschaffter „Zweithündin“ lange Spaziergänge unternehmen. Die Fotos, die Bufo bei zahlreichen Aktivitäten zeigen, vermitteln sehr deutlich, dass ein Hund trotz hochgradiger Bewegungseinschränkung ein hundegerechteres Leben führen kann als so mancher gesunde Artgenosse, dessen Aktivitätsradius auf das Umkreisen eines Häuserblocks und auf den gelegentlichen Besuch einer Hundezone beschränkt ist. Bufo hatte den Bemühungen seines Frauchens und dem Rollwagen gute drei Jahre erfüllten Hundelebens zu verdanken. Trotzdem sollte eine solche Gehhilfe keinesfalls ohne eingehende tierärztliche Untersuchung angeschafft werden, da sonst der Zeitpunkt für eine Therapie möglicherweise übersehen wird. Freilich berichtet Bufos Halterin auch über die Anstrengungen, die das Zusammenleben mit einem behinderten Hund mit sich bringt: „Es gibt keine Rad- oder Bergtouren mehr, und wenn ich abends müde ins Sofa falle und Bufo mir zeigt, dass sie durstig ist, dann habe ich die Wahl, entweder den Hund zur Wasserschüssel oder die Wasserschüssel zum Hund zu bringen.“ Auch werden Hund und Halter mit z.T. unverständlichen Reaktionen konfrontiert; die von Mitleidsbezeugungen bis hin zu Anfeindungen („Was wollen Sie denn mit dem Krüppel?“) reichen. Es bedarf also einer festen Überzeugung und einiger Nervenstärke, um das Leben mit einem behinderten Tier zu meistern. Von Wackelkatzen und Hunden auf Rädern können wir viel lernen: Die Lebensfreude, die sie ausstrahlen, zeigt, dass das Leben trotz körperlicher Einschränkungen lebenswert sein kann. Diese Tiere vermitteln die Einsicht, dass die Lebensaufgabe nicht darin besteht, um jeden Preis nach Perfektion und „Normalität“ zu streben, sondern darin, die Herausforderungen des Lebens bestmöglich zu bewältigen.