Keine Angst vor „abnormalen“ Laborbefunden

Laboruntersuchungen sind ein fixer Bestandteil der modernen veterinärmedizinischen Diagnostik. Sie werden zur Bestätigung klinischer Diagnosen, zum Ausschluss von Differenzialdiagnosen, zur Therapieüberwachung oder im Rahmen von Gesundenuntersuchungen zum Aufspüren verborgener, sogenannter subklinischer Erkrankungen, durchgeführt. Reagenzien- und Gerätehersteller kommen dem steigenden Bedarf nach. Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht ein neuer Test oder ein neues Gerät vorgestellt wird, die ein noch schnelleres Aufspüren verborgener Erkrankungen möglich machen sollen. Technologischer Fortschritt ermöglicht mittlerweile sogar, dass Labortests nicht mehr nur von SpezialistInnen in Großlabors durchgeführt werden, sondern bereits viele Untersuchungen direkt in den Praxen mit einfach zu bedienenden Analyseautomaten durchgeführt werden können.

In wenigen Minuten ist damit ein umfangreicher Befund mit einer Fülle von Testergebnissen verfügbar. Diese werden graphisch aufbereitet und „abnormale“ Befunde, also Werte, die außerhalb des Referenzbereichs liegen, werden sogar durch Fettdruck, Pfeile, Sternchen oder auf Balkendiagrammen entsprechend hervorgehoben. Trotzdem darf man nicht annehmen, dass diese „kleinen Zauberkästchen“ mit ein paar Tropfen Blut binnen weniger Minuten Auskunft geben, ob Ihr Liebling gesund oder krank ist! Denn ganz so einfach ist das nicht! Und wie Sie gleich am Beispiel von Kater Murr verstehen werden, ist das auch gut so.

Kater Murr – gesund oder krank?

Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Der zweijährige, kastrierte Kater Murr ist verspielt, fröhlich, mit glänzendem Fell, bei bestem Appetit und auch im Katzenkisterl herrscht eitel Wonne (keine Überschwemmungen, kein Durchfall). Die behandelnde Tierärztin kann bei der jährlichen Routineuntersuchung keine Krankheitszeichen finden! Um ganz sicher zu gehen, wird von Murr auch noch Blut abgenommen um die Beobachtungen zu bestätigen. Zur Sicherheit werden gleich 10 verschiedene Tests gemacht. Eigentlich erwarten alle, dass kein einziger Wert abweicht – Murr ist ja gesund! Der Befund zeigt allerdings: 6 von 10 Werten sind als abweichend gekennzeichnet!

Ist Murr also doch krank? Eine Krankheit im Frühstadium? Gut, dass es Labortests gibt, so kann man sofort mit einer Therapie starten!

Halt!

Sehen wir uns die Werte doch einmal genauer an: Hämatokrit, Hämoglobin und die Erythrozytenzahl (Anzahl der roten Blutkörperchen) sind voneinander abhängig. Der Hämatokrit beschreibt den Anteil der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) am Gesamtblutvolumen, ist also eine grobe Schätzung der Erythrozytenzahl.

Der Hämoglobinwert beschreibt die Konzentration des roten Blutfarbstoffs im Blut, der bei gesunden an die roten Blutkörperchen gebunden ist. Das heißt, diese drei Werte sind voneinander abhängig, daher reagieren sie gleichsinnig – entweder sind alle erhöht oder alle erniedrigt. Also 3 der 6 veränderten Werte betreffen das sogenannte rote Blutbild. Der vierte abweichende Wert ist die Leukozytenzahl (Anzahl der weißen Blutkörperchen) – auch dieser liegt nur 10% über dem oberen Grenzwert. Ja und dann haben wir noch die Blutzuckerkonzentration (Glukose), dieser Wert ist ja ordentlich erhöht – 30% höher als der Grenzwert! Und zu allem Überfluss ist auch noch ein Leberenzym um 5 Einheiten höher als der „erlaubte“ Grenzwert! Hat Murr eine verborgene Lebererkrankung?

Nein – Murr ist gesund und muss nicht therapiert werden!

Um zu verstehen, warum dies so ist, muss man wissen, wie die Referenzwerte („erlaubte“ Grenzwerte) zustande gekommen sind.

Referenzwerte – was ist „normal“

Zur Beurteilung von Labortestergebnissen, die in der Mehrzahl der Fälle aus Zahlenwerten bestehen, werden sogenannte Referenzwerte herangezogen. Auf diese Referenzwerte beziehen sich die „Alarme“ in den Befunden. Wie kommen die Referenzwerte zustande: Referenzwerte werden an einer Gruppe gesunder Individuen der jeweiligen Tierart mit einer definierten Bestimmungsmethode mit spezifischen statistischen Verfahren ermittelt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als einen Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein als das Fehlen von Krankheit und Gebrechen. Diesem Anspruch kann (auch) die Tiermedizin nicht ganz gerecht werden: Ist ein Hund, der nicht ausreichend bewegt wird, keinen Kontakt zu anderen Hunden hat, im Sinne der WHO-Definition gesund? Ist eine Katze, die in einer kleinen Wohnung den ganzen Tag auf ihre Besitzer warten muss, dafür aber sehr viel fressen darf, gesund? Wir müssen uns vielfach mit dem Fehlen von Krankheit und Gebrechen zufrieden geben, weil das soziale Wohlbefinden der Tiere gar nicht so einfach sichergestellt werden oder gar überprüft werden kann! Aber auch beim Menschen ist es nicht ganz so einfach – daher sagen Zyniker: Gesund ist nur der, der nicht gut genug untersucht worden ist! Naturgemäß hat die Bestimmungsmethode einen großen Einfluss auf das Testergebnis, darum kann nicht einfach ein beliebiger Referenzwert, auch wenn er aus einem Lehrbuch stammt, für die Beurteilung des Testergebnisses herangezogen werden.

Die Referenzwerte für die jeweilige Tierart müssen auf dem Laborbefund ausgewiesen sein, um eine optimale Beurteilung zu ermöglichen. Werden Verlaufsuntersuchungen bei einem Patienten mit verschiedenen Methoden durchgeführt, so dürfen die Zahlenwerte keineswegs direkt verglichen werden, sondern es muss die prozentuale Abweichung vom jeweiligen Referenzwert beurteilt werden. Das ist wichtig, wenn Sie Untersuchungen bei verschiedenen Labors durchführen lassen!

Die statistischen Verfahren zur Referenzwertermittlung schließen nur 95% der bei einer gesunden Population gefundenen Werte in den Referenzbereich ein. Das heißt, 2.5% der niedrigsten Messwerte und 2.5% der höchsten Messwerte, werden aus dem Referenzbereich ausgeschlossen – obwohl die Tiere gesund sind! Was bedeutet das? Das bedeutet, wenn wir bei 20 gesunden Tieren einen Test durchführen, ist zu erwarten, dass zumindest 1 Tier ein Testresultat außerhalb des Referenzbereichs aufweist, obwohl es gesund ist!

Ist Murr dieser eine von 20?

Ja, kann sein – zumindest was Hämatokrit, Hämoglobin, die Anzahl der roten und weißen Blutkörperchen und den Leberwert betrifft. Diese Werte weichen nur minimal vom Referenzbereich ab. Es gibt aber auch noch eine andere Erklärung für diese Abweichungen: Stress! Murr fährt nicht so gerne Auto, dann glotzt auch noch ein Hund im Wartezimmer in seinen Container – und Tierarztbesuche sind sowieso nicht so ganz das seine! Schon tut Adrenalin, ein Stresshormon, seine Wirkung – es zieht die Gefäße zusammen, weiße Blutkörperchen und rote Blutkörperchen werden in das strömende Blut mobilisiert und schon sind die Werte erhöht. Stress ist auch die Ursache für den hohen Blutzuckerwert (Glukose), den wir bei Murr gemessen haben.

Bei Katzen kann die Stressreaktion zu höheren Blutzuckeranstiegen führen als bei anderen Tierarten. Was ist nun mit dem erhöhten Leberenzymwert? Ist Murr „leberkrank“? Nein, denn auch hier beträgt die Abweichung nur wenige Einheiten, sodass er auch bei diesem Test der eine von 20 sein kann!

Geringfügig abweichende Befunde durch „analytische Varianz“

Es gibt noch eine Erklärung für geringfügig abweichende Laborbefunde – die sogenannte analytische Varianz. Bei den meisten Labortests handelt es sich um komplizierte, empfindliche Verfahren, die eine gewisse Schwankungsbreite aufweisen.

Wenn man ein und dieselbe Blutprobe mehrmals hintereinander untersucht, so sind immer leichte Schwankungen der Ergebnisse zu erwarten – für die meisten Tests liegen sie so um die 10%. So kann auch dieser Mechanismus ein Grund sein, dass ein Wert aus dem Referenzbereich herausfällt, ohne dass ein krankheitsbedingter Vorgang im Patienten etwas damit zu tun hat.

Laborbefunde immer gemeinsam mit klinischen Befunden bewerten

Zusammenfassend kann man festhalten: Auch bei einem völlig gesunden Tier können Labormesswerte außerhalb des Referenzbereichs auftreten. Diese Abweichungen sind meist nur geringfügig und können durch drei verschiedene Mechanismen, die auch zusammenwirken oder einander abschwächen können verursacht werden: Stress, statistischer Ausreißer (der eine aus 20!) oder die analytische Varianz.

Darum ist es wichtig, dass Ihr Liebling von einer/einem Tierärztin/Tierarzt untersucht wird und die Laborbefunde in Zusammenschau mit den klinischen Befunden interpretiert werden.

„Dr.Google“ und Internet-Foren sind nicht die richtigen Quellen für Befundbesprechungen.

Denn vergessen Sie eines nicht: Wir TierärztInnen behandeln Patienten – keine Laborwerte!

Ass.Prof. Dr. Ilse Schwendenwein
DECVCP
Leiterin Plattform Labordiagnostik/Zentrallabor
Veterinärmediznische Universität Wien
A-1210 Veterinärplatz 1, Tel:01 250 77 5110