Kaninchen beim Zahnarzt

Ernste Probleme durch zu lange ZähneKaninchen gewinnen in der Heimtierhaltung zunehmend an Bedeutung. Schafft man ihnen von vornherein ein artgerechtes Umfeld, sind sie für berufstätige Menschen wesentlich leichter zu halten als Hund und Katze. Leider hat auch der Zustrom von Kaninchen als Patienten in die tierärztliche Praxis deutlich zugenommen. Schuld daran sind sehr oft Zahnprobleme. Wir vom Magazin „mein HAUSTIER“ haben beim Experten für Tier Zahnheilkunde, Mag. Matthias Schweda, nachgefragt, wo die Gründe dafür liegen.

Frage: Warum haben eigentlich so viele Kaninchen große Probleme mit den Zähnen?
Mag. Schweda: Es ist leider eine Tatsache, dass fast jedes Kaninchen irgendwann Probleme mit den Zähnen bekommt, manche subklinsch. Die Hauptgründe dafür sind lebenslang wachsende Zähne, falsche Fütterung und eine für den Tierhalter in ihrer Kleinheit kaum zugängliche Maulhöhle.

Inwiefern kann falsche Fütterung Zahnprobleme verursachen?
Mag. Schweda: Kaninchenzähne sind wurzellos und  wachsen lebenslang – nicht nur die Schneidezähne, sondern auch die Ba- ckenzähne. Sie bestehen aus der sichtbaren Zahnkrone und aus der
„unsichtbaren“ Reservekrone, die der Wurzel entspricht. Damit die Zähne nicht zu lang werden, müssen sie beim Kauen des Futters abgerieben werden. Kaninchen benötigen dafür langfaseriges Futter wie Heu und Gräser, damit die Zähne beim Kauen Mahlbewe- gungen ausführen und sich so gegeneinander abreiben. Obwohl versucht wird, den natürlichen Lebensraum der Kaninchen auch in der Fütterung zu imitieren, werden doch viele Fehler gemacht – so ist die Fütterung von Pellets (gepresstes Trockenfutter) weit verbreitet. Wissenschaftliche Studien haben jedoch gezeigt, dass Pellets bei Kaninchen ganz andere Kaubewegungen als langfaserige Gräser und Heu bewirken, was zur Folge hat, dass sich die Zäh- ne nicht mehr adäquat abreiben. Es kommt zur Verlängerung der sichtbaren (klinischen) Zahnkronen und dadurch zu einem erhöh- ten Kau-Druck, der auch nach unten wirkt, wodurch sich die Re- servekrone („Wurzel“) ebenfalls verlängert. Im Endeffekt weichen die Zähne leicht auseinander, so dass sich kleine Spalten bilden. Da der Kieferknochen versucht, die Verlängerung der Reservekronen zu kompensieren, kommt es zu blasenartigen Auftreibungen am Unterkiefer, die man tasten kann. Wird die Reservekrone jedoch noch länger, kann dies vom Knochen, der anfangs praktisch mit- gewachsen ist, nicht mehr kompensiert werden und die Reserve- krone bricht ins Weichteilgewebe durch. Das heißt, die Reserve- krone wird nicht mehr von Knochen umgeben, sondern steckt im Weichteilgewebe und es bildet sich in der Folge ein Abszess. In den meisten Fällen bemerkt der Kaninchenhalter erst jetzt im weit fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung, dass mit seinem Tier etwas nicht stimmt.

Wie gefährlich ist ein derartiger Kieferabszess für das betroffene Tier und wie kann der Tier-Zahnarzt helfen?
Mag. Schweda: Diese Erkrankung beim Kaninchen ist wirklich ernst zu nehmen – besonders wenn das Kaninchen bereits zu fressen aufgehört hat – und erfordert eine komplizierte Operation. Hier auf der Zahnklinik wird beim Vorliegen eines Kieferabszesses immer eine Computertomographie (CT)  gemacht, um heraus- zufinden, welcher Zahn die Ursache für den Abszess ist – häufig sind es auch mehrere Zähne. Die Operation wird dann anhand der dreidimensionalen Rekonstruktion im CT geplant. Sowohl der Abszess als auch der Zahn müssen entfernt werden, und zusätzlich wird ein lokales Antibiotika-Präparat  in das Zahnfach eingebracht. Wenn mehr als drei Zähne beteiligt sind und das Kaninchen nicht mehr frisst, wird in manchen Fällen auch die Euthanasie des Tieres in Erwägung gezogen. Die Wunde muss nach der Operation zwei bis drei Wochen lang offen gehalten werden, damit der Eiter immer wieder entfernt werden kann. Das Kaninchen erhält selbstverständlich schmerzstillende  Medikamente und Antibiotika für diesen Zeitraum.

Müssen die Kaninchen nach der Operation zur Nachbehand- lung im Spital bleiben oder werden sie gleich entlassen?
Mag. Schweda: Beides ist möglich. Es besteht keine zwingende Notwendigkeit,  das Tier im Spital zu behalten, aber prinzipiell ist es von Vorteil, wenn das Tier zumindest über Nacht an der Klinik bleibt, da hier eine bessere Beobachtung möglich ist. Man weiß dann, wie stabil der Zustand des Tieres nach der Narkose ist, ob es frisst oder Zufütterung braucht.  Am nächsten Tag kann das Kaninchen nach Hause genommen werden.

Ist auch zu Hause noch eine Nachbehandlung nötig und worauf muss der Halter des operierten Kaninchens besonders achten?
Mag. Schweda: Da die Wunde eine Zeitlang offen gehalten werden muss, sollte der Tierhalter Wundpflege betreiben, also die Krusten und allenfalls Eiter entfernen (abbaden) und dem Kaninchen drei bis vier Wochen lang Antibiotika-Saft übers Maul verabreichen. Da Eiterbakterien übertragen werden können, müssen einige hygienische Auflagen befolgt werden: Bei der Wundpflege sollte der Kaninchen- besitzer Latexhandschuhe tragen und es muss darauf geachtet werden, dass Kinder mit dem operierten Kaninchen keinen Kontakt haben, solange die Wunde noch offen ist. Aber viele Tierbesitzer trauen sich die Wundpflege nicht zu und suchen als Alternative lieber jeden zweiten bis dritten Tag einen Tierarzt oder die Klinik auf. Ebenso wichtig ist es, keine normale Einstreu zu verwenden, solange die Wunde noch offen ist, sondern Zellstoff und Heu.

Dürfen die Tiere nach der Operation normal fressen?
Mag. Schweda: Die meisten Kaninchen fressen unmittelbar nach der Operation wieder. Trotzdem tragen wir den Tierbesitzern auf, darauf zu achten, ob das Kaninchen Appetit hat und frisst. Außer- dem geben wir den Tierbesitzern ein breiiges Alleinfutter  – eine Kräutermischung – mit, die entweder aus einem Schälchen ge- schleckt oder mit einer Plastikspritze eingegeben werden kann. Aber prinzipiell dürfen die Kaninchen von Anfang an normales Futter fressen. Für den Zahnabrieb ist es sehr wichtig, dass die Langohren nach der Operation möglichst bald wieder normal fressen, andern- falls werden die Zähne rasch wieder zu lang. Prinzipiell sollte ein Kaninchen nie lange fasten, da es zu einem Stillstand des Magen- darmtraktes kommen könnte. Genau aus diesem Grund müssen diese Patienten auch nicht nüchtern zur Operation kommen.

Wie können Kaninchenhalter vorbeugen?
Mag. Schweda: Sehr wichtig ist es, die Zähne regelmäßig beim Tierarzt kontrollieren zu lassen. Bei der Fütterung sollte darauf geachtet werden, möglichst wenig Pellets zu verabreichen, sondern langfaseriges und rohfaserreiches Futter und man sollte sich die Zeit nehmen, sein Tier beim Fressen zu beobachten.

Noch eine letzte Frage: Gibt es auch bei Kaninchen bestimmte Rassen, die besonders zu Zahnproblemen neigen?
Mag. Schweda: Kurznasige (brachiozephale) Kaninchenrassen und einige besonders rundköpfige Zwergkaninchen haben sehr oft eine Fehlstellung der Schneidezähne. Und zwar überlappen die Schneidezähne nicht mehr korrekt: Die oberen Schneidezähne stehen oft sogar hinter den unteren, wodurch ein ausreichender Zahnabrieb nicht mehr gewährleistet ist. Die Folge sind zu lange Schneidezähne und ein häufig groteskes Zahnwachstum; so können die Unterkieferschneidezähne schräg nach vorne wachsen – vergleichbar den Stoßzähnen eines Elefanten –, während sich die Schneidezähne im Oberkiefer widderhornartig einrollen und auf den Gaumen zuwachsen.
Um diesen Tieren zu helfen, gibt es zwei Möglichkeiten:  Die Zähne alle vier bis sechs Wochen vom Tierarzt kürzen lassen oder man zieht alle Schneidezähne. Ich persönlich bin eher für das Ziehen der Schneidezähne, da das regelmäßige Kürzen der Zähne für die Kaninchen auch in Sedierung  Stress bedeutet. Kaninchen brauchen die Schneidezähne nicht unbedingt, da sie das Futter mit den Lippen fassen und mit der Zunge nach hinten zu den Mahlzähnen befördern. Nach dem Ziehen der Schneidezähne sollte man den Patienten die Futteraufnahme erleichtern, indem man Grünfutter und Gemüse kürzer schneidet, da sie es nicht mehr selbst können.