Im Notfall richtig handeln

Im Notfall richtig handeln

Erste Hilfe kann Leben retten – das gilt für Mensch und Tier gleichermaßen! Dabei sind es die unterschiedlichsten Notfälle, die eine schnelle Versorgung notwendig machen – bei kleinen Verletzungen, um das Wohlbefinden schnellstmöglich wieder herzustellen und schlimmere Folgen zu vermeiden, bei lebensbedrohlichen Situationen, um die Überlebenschance des Patienten zu erhöhen.

Den Hund auch nach kleinen Zwischenfällen genau beobachten

Manch kleine Zwischenfälle scheinen im Hundeleben fast alltäglich und werden von langjährigen Hundebesitzern oft kaum mehr als Problem wahrgenommen. Dazu gehören in der kalten Jahreszeit nicht zuletzt die häufigen Pfotenverletzungen durch Streusplitt und Salz, die ebenso schmerzhafte wie vermeidbare Probleme nach sich ziehen können. Durch die oft scharfen Kanten des Splitts oder auch durch gefrorenen Schnee entstehen an den Ballen der Hundepfote kaum sichtbare Mikroverletzungen, kleine Einrisse in der Ballenhornhaut, durch die in der Folge Salz eindringen kann. Versucht der Hund dann die brennenden Pfoten durch intensives Schlecken selbst zu „behandeln“, ist der Weg zu Schleckekzemen und Entzündungen im Zwischenzehenbereich nicht mehr weit. Verschiedene Pflegeprodukte und vor allem eine gründliche Pfotenreinigung nach dem Spaziergang sind effektive vorbeugende Maßnahmen und die optimale „erste Hilfe“ in diesen Fällen. Auch die „kleine Verstauchung“ nach dem gemeinsamen Eislauf im Freien sollte nach spätestens zwei Tagen keinerlei Lahmheitsanzeichen mehr erkennen lassen – anderenfalls ist der Weg zum Tierarzt in jedem Fall angezeigt. Und unabhängig von den Jahreszeiten: Das Ausmaß von oberflächlich manchmal nur wenig sichtbaren Bissverletzungen wird oft unterschätzt. Hundebisse aber ziehen immer eine infizierte Wunde nach sich, die einer antiseptischen Reinigung bedarf und die tierärztlich versorgt werden sollte! Ein besonders intensives Beobachten des Vierbeiners ist angezeigt, wenn die unkontrollierte Aufnahme von vermeintlich Essbarem nicht verhindert werden konnte. Vergiftungen können neben massiven Magen-Darm-Problemen auch neurologische Symptome hervorrufen, Fremdkörper können zu den unterschiedlichsten inneren Verletzungen führen, so dass bei der kleinsten Veränderung – dazu gehört insbesondere auch ein Blasserwerden der Schleimhäute im Falle innerer Blutungen! – der schnellstmögliche Gang zum Tierarzt notwendig ist.

Ruhe bewahren ermöglicht konsequentes Handeln

Um bewusste Entscheidungen zu treffen und konsequent das Richtige für das Leben des Vierbeiners zu tun, sind ein klarer Kopf und ein überlegener Umgang mit der Situation die mit Abstand wichtigsten Voraussetzungen. Angst und Panik sind immer schlechte Ratgeber! „Leicht gesagt“ mag man sich dabei denken, aber auch die Umsetzung dessen wird umso leichter und selbstverständlicher, je intensiver man sich im Vorfeld gedanklich mit der ein oder anderen möglichen Notfallsituation auseinandersetzt. Erste-Hilfe-Kurse verschiedener Tierkliniken bieten zudem eine hervorragende Gelegenheit, sich mit dem notwendigen grundlegenden Wissen vertraut zu machen und einige eventuell notwendige Handgriffe zu üben. Dabei steht zunächst einmal die Überprüfung der wichtigsten Lebensfunktionen im Mittelpunkt, die helfen können, den Gesamtzustand des Patienten einzuschätzen.

Vielzahl von akuten Notfallsituationen

Auf dem schnellsten Weg zum Tierarzt! – Das ist eine der Grundregeln, die in jeder Notfallsituation oberste Priorität haben. Aber die Zeit zwischen dem Ereignis und dem Eintreffen beim Tierarzt kann und muss genutzt werden, um den vierbeinigen Patienten zu schützen und seine Überlebenschancen zu erhöhen. So sollte beispielsweise bei starken Blutungen eine Erstversorgung mit einem Druckverband erfolgen. Eine Kühlung der betroffenen Körperstelle kann zusätzlich hilfreich sein. Offene Verletzungen, etwa ein offener Knochenbruch oder bei Augenverletzungen ein Vorfall des Augapfels, müssen während des Transportes zum Tierarzt mit einem sauberen feuchten Tuch abgedeckt werden. Der Transport des verletzten Tieres sollte in Seitenlage und insbesondere bei Lähmungen oder bei Verdacht auf Wirbelsäulenverletzungen auf einer festen unbeweglichen Unterlage, einem Brett oder einer Hutablage, erfolgen. Setzen Atmung und Herzschlag aus, können im Erste-Hilfe-Kurs trainierte Mund-zu-Nase-Beatmungen und Herzdruckmassagen lebensrettend sein. Dabei kann ein Wiederbelebungsversuch bis zu 30 Minuten lang erfolgreich und sinnvoll sein! Haben Herzschlag und Atmung wieder eingesetzt, muss der Patient unmittelbar zum Tierarzt gebracht werden! Die Magendrehung ist vielen Tierbesitzern als absoluter Notfall bekannt. Unruhe, vergebliche Brechversuche und ein zu Beginn auch nur ansatzweise aufgeblähter Bauch sind die wichtigsten Symptome, die sofortiges Handeln erfordern. Jede Minute zählt! Und gerade deswegen ist es bei diesem Notfall lebenswichtig, sofort eine Klinik aufzusuchen, in der unmittelbar ein OP-Team bereitsteht und wo der Patient nach der Operation idealerweise stationär betreut werden kann. Eine frühzeitige Auseinandersetzung mit der konkreten Möglichkeit, mit dem geliebten Vierbeiner in eine derartige Situation zu kommen, erweist sich im Ernstfall als lebensrettende Grundlage, ohne Zögern und nahezu automatisch die richtigen Entscheidungen zu treffen. Einen ebenfalls häufigen und oft mit akuter Atemnot verbundenen Notfall stellen Fremdkörper im Bereich des Mauls und des Rachens dar. Holz- und Knochenteile gehören hier ebenso zu den großen Gefahrenquellen wie Bälle, Kastanien oder Steine, die im Rachen- oder Kehlkopfbereich stecken bleiben. Fremdkörper sollten nur dann gleich entfernt werden, wenn dies leicht möglich ist oder akute Atemnot besteht. Ein Ball im Rachen kann von außen vom Hals aus nach vorne massiert werden. Eingespießte Fremdkörper wie etwa ein Stöckchen dürfen nur vom Tierarzt entfernt werden!

Winterlicher Notfall: Unterkühlung

Der Hitzschlag im sommerlich überheizten Auto ist leider noch immer Realität und wird oft diskutiert. Ebenso aber kann es bei winterlichen Temperaturen unter besonderen Umständen zu einer Unterkühlung bzw. zu Erfrierungen kommen. Um einen Kreislaufkollaps zu verhindern, muss das Aufwärmen unbedingt langsam erfolgen: ca. 1 Grad Celsius pro Stunde! Ist bei einer leichten Unterkühlung die Körpertemperatur nicht unter 32 Grad gesunken, kann der Hund in Decken eingewickelt werden, um die körpereigenen Mechanismen zur Aufwärmung zu nutzen. Bei einer stärkeren Unterkühlung sollten zusätzliche Wärmequellen wie Wärmedecken oder eine Wärmelampe zum Einsatz kommen, wobei darauf zu achten ist, dass der Körper zuerst, also Brustkorb und Bauch vor den Gliedmaßen, erwärmt wird. Ist die Körpertemperatur unter 28 Grad Celsius abgesunken, benötigt der Patient warme Infusionen, Brust- und Bauchspülungen, und die Aufwärmung ist ausschließlich vom Tierarzt durchzuführen.

Die wichtigsten Lebensfunktionen:

„TAPS“ verhilft zu einem schnellen und für jeden leicht zu ermittelnden Überblick!

T – Temperatur: Die Körpertemperatur wird beim Hund rektal mit einem Fieberthermometer gemessen und liegt normalerweise zwischen 37,5 und 38,5 Grad.

A – Atmung: Der Brustkorb des Hundes sollte sich mit den Atemzügen heben und senken (nicht der Bauch!). Die Atemzüge sollten eine Minute lang gezählt werden. In Ruhe liegen dabei bei einem kleinen Hund 20 bis 40 Atemzüge pro Minute, bei einem großen Hund 10 bis 30 im Normbereich.

P – Puls: Der Puls ist beim Hund in der Mitte der Innenseite der Oberschenkel tastbar. Hier sollten die Pulsschläge (Herzschläge) eine Minute lang gezählt werden. Wiederum im Ruhezustand sind bei einem kleinen Hund 80 bis 120 Pulsschläge pro Minute normal, bei einem großen Hund 60 bis 80 Pulsschläge crestor medicine.

S – Schleimhäute: Durch Hochheben der Lefze kann die Farbe des Zahnfleischs kontrolliert werden. Es sollte rosa, feucht und glänzend sein. Zusätzlich kann mit einem kurzen Fingerdruck auf das Zahnfleisch die Kapillarfüllung (Füllung der kleinsten Blutgefäße) überprüft werden. Die durch den Druck weißgefärbte Stelle sollte nach maximal zwei Sekunden wieder eine gleichmäßige rosa Farbe angenommen haben.

All das beim eigenen gesunden Hund immer wieder zu überprüfen, ist eine gute Übung für den Ernstfall und hilft, Abweichungen vom Normalzustand entsprechend zu erkennen.

„Wir schaffen das!“

Erste Hilfe setzt ein Grundwissen über die wichtigsten Körperfunktionen, Entscheidungskraft und Handlungsbereitschaft voraus. Notwendige Handgriffe, die prinzipiell jeder durchführen kann, können lebensrettend sein. Sie erfordern vom Besitzer Mut und manchmal ein beherztes Zugreifen. Nein, keine Ausreden! Der Gedanke, dass das alles nicht machbar ist, und die Angst, dem vierbeinigen Freund eventuell gar zu schaden oder ihm Schmerzen zuzufügen, sind jetzt fehlt am Platz. „Wir schaffen das!“ ist der einzig zielführende Gedanke, wenn es darum geht, die Zeit zwischen einem lebensbedrohlichen medizinischen Notfall und dem Eintreffen beim Tierarzt zu nutzen – für das LEBEN! Die medizinischen Informationen des Artikels beruhen auf Unterlagen der Veterinärmedizinischen Universität Wien zum Kurs „Erste Hilfe beim Hund“. Zudem herzlichen Dank an Priv.-Doz. Dr. Eva Eberspächer für die Unterstützung bei der Erstellung dieses Beitrags.