Hund als Kind/Partner-Ersatz?

Wir lieben sie. Wir umsorgen sie. Wir erfreuen uns an ihrer bedingungslosen Zuneigung. Sie sind unsere Gefährten und lassen Einsamkeit erst gar nicht aufkommen. Was liegt daher näher, als in unseren Hunden auch den Ersatz für das nie gehabte Kind, für den verlorenen Partner zu sehen? Hunde als Kindersatz, als Partnerersatz – für die einen unvorstellbar, für die anderen eine Selbstverständlichkeit. Tun wir damit uns und unseren Hunden wirklich etwas Gutes?

Das sagt die Paar-Therapeutin
„Zunächst muss einmal gesagt werden, dass das Zusammenleben mit einem Tier für den Menschen absolut positiv zu sehen ist“, betont die Psychologin und Paar-Therapeutin Prof. Dr. Gerti Senger. „Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass Menschen mit einem Haustier seltener an Depressionen erkranken, weniger gestresst sind und ein sechsmal (!) geringeres Risiko haben an einer Herzkrankheit zu sterben als Menschen ohne Tier.“

Darüber hinaus bereichern Hunde das Leben ihrer Besitzer in emotionaler Hinsicht enorm und können hier so manche Lücke schließen. „Beispielsweise ist es für ein Paar wichtig, den Blick nicht nur aufeinander zu richten, sondern auch gemeinsam auf etwas zu schauen – auf ein Kind, oder eben auf ein Haustier“, erläutert Dr. Senger die Vorteile des vierbeinigen „Ersatzkindes“.Gerti Senger „Dieser gemeinsame Blick auf etwas anderes verbindet Paare ungemein.“ Wenn ein Paar also keine Kinder haben kann oder die Kinder bereits aus dem Haus sind, können ein Hund oder eine Katze diesen enorm wichtigen Aspekt durchaus abdecken. Ebenso erhalten einsame Menschen durch ein Tier einen Lebensinhalt, finden Sinn in ihrem Dasein und leben wieder in einer sozialen Bindung. Da man gerade mit Hunden auf Spaziergängen ja sehr leicht Kontakte zu anderen Hundebesitzern knüpft, fördern die Vierbeiner auch die zwischenmenschlichen Beziehungen und wirken der Einsamkeit somit in doppelter Hinsicht entgegen.

Wer Probleme hat, Gefühle zu zeigen, erhält mit der Liebe zu einem Tier zweifellos eine große Chance. Man lernt, ohne Angst vor Zurückweisung zu lieben, zu vertrauen. „Das ist wunderbar, wenn die Bindung zum Tier in der Folge auch zwischenmenschliche Beziehungen möglich macht, ein erster Schritt ist, auf jemanden zuzugehen. Es besteht jedoch auch die Gefahr, dass ein Mensch dadurch erst recht in Isolation gerät“, warnt Dr. Senger. „Gefährlich wird es, wenn zwischen Hund und Besitzer eine Dualunion entsteht, quasi unter dem Motto: Mein Hund und ich gegen den Rest der Welt. Dann lebt man in der Illusion, Tiere sind besser als Menschen, man entfernt sich noch mehr von anderen und manövriert sich in eine Isolation“.

Ob dies passiert oder der Hund ein „Sprungbrett“ für das Lieben an sich darstellt, hängt von der Persönlichkeit und vom Alter des betreffenden Menschen ab. „Je jünger jemand ist, umso flexibler ist er noch und kann auf andere eingehen. Hier kann die Liebe zum Tier eine Brücke sein, über die man zur zwischenmenschlichen Liebe gelangt. Für manche alte, verbitterte Menschen kann es jedoch auch den totalen Abriss sozialer Beziehungen bedeuten. Obwohl unsere Vierbeiner großartig sind und die Bindung zu ihnen in allen Lebenslagen eine enorme Bereicherung bis hin zur Therapie ist, sollten wir allerdings deswegen nicht auf menschliche Bindungen verzichten wollen“, meint abschließend die Paartherapeutin.

Hunde sind keine Menschen
Sie haben viele ähnliche, aber auch viele andere Bedürfnisse als Menschen. Und im Interesse der psychischen Gesundheit unseres Hundes und im Interesse seines Wohlbefindens sollten wir diese Bedürfnisse daher auch berücksichtigen. Hunde(kinder) haben mit zweibeinigen Kindern vieles gemeinsam: Sie brauchen Liebe, Geborgenheit, Nähe, Körperkontakt, Sicherheit durch den Menschen, dem sie anvertraut sind. Erst auf der Basis dieses Urvertrauens haben junge Hunde den inneren Freiraum, ihre Umwelt eigenständig mit Vorsicht zu erkunden, Erfahrungen zu sammeln. Und dies sollte man ihnen auch ermöglichen. Wird ein Hund nämlich als „Baby“ überbehütet, so führt dies zu einer „erlernten Hilflosigkeit“, wie die beiden Autoren Heinz Weidt und Dina Berlowitz in ihrem Buch „Das Wesen des Hundes“ (Natur Buch Verlag) ausführen. Sie warnen vor falsch verstandener Fürsorge im Sinne von Überbehütung, die dem Hund Angst macht und die Entwicklung einer ausreichenden Selbstsicherheit verhindert.

PartnerersatzZweifellos sind es in erster Linie Ignoranz, Gleichgültigkeit oder gar Ablehnung, durch die Hundeseelen verkrüppelt werden. Allerdings kann auch missverstandene und übermäßige Tierliebe, die gar nicht dem Tier selbst, sondern einem imaginären Kind oder Partner gilt, den Hund zutiefst irritieren. Weidt/Berlowitz sprechen hier von dem Phänomen des „psychischen Kettenhundes“ mit gravierenden Anhänglichkeitsproblemen.

Ein besonderes Problem stellt sich für den Hund, wenn er als Ersatz für den verlorenen Partner herhalten muss. In einer Partnerschaft herrscht üblicherweise Demokratie. Wird dies auf das Zusammenleben mit dem Hund übertragen, so geht das natürliche sozial geordnete System, in dem der Hund sich wohlfühlt, verloren. Es werden ihm kaum Grenzen gesetzt, er wird mangels Führung verunsichert, kann die Anforderungen an ihn nicht erfüllen und gerät in eine Stresssituation. Mit dem Stress gehen aber auch unerwünschte Verhaltensweisen einher, für die er dann meist bestraft wird. Irritation, Respektlosigkeit, Ignoranz, ja mitunter sogar Aggression von Seiten des Hundes können die Folgen sein. Und auf Seiten des Besitzers die große Enttäuschung über seinen unberechenbaren „Partner“. Jede Mensch-Hund-Beziehung ist einzigartig, und es wäre vermessen, hier Vorurteile walten zu lassen. In beiderseitigem Interesse sollte die Beziehung jedoch, wie übrigens auch die Beziehung zu Kindern, von folgenden Faktoren geprägt sein: Liebe, Geborgenheit, Konsequenz und klare Regeln.

Hannelore Mezei