Hühnertraining im „Chicken Camp“

Eine Lehrstunde zu den biologischen Gesetzen des LernensDas „Chicken Camp“ im Animal Training Center im steirischen Rohrbach bei Graz – wer einmal in diese in Österreich einzigartige Lernwerkstatt für Mensch und Tier hin- eingeschnuppert hat, wird sicher nie wieder vom sonst gemeinhin üblichen sprichwörtlichen „dummen Huhn“ reden. Das Training der Hühner im „Chicken Camp“ bietet Tiertrainern und Haustierhaltern die Möglichkeit, unabhängig von einer emotionalen Bindung an den eigenen Hund oder Tiere, zu denen eine engere Beziehung besteht, die eigenen Fertigkeiten und das Wissen rund um Lernverhalten, Konditionierungen und Clickertraining zu verbessern. Gleichzeitig lernen Teilnehmer des „Chicken Camp“ allgemein gültige biologische Gesetze des Lernverhaltens kennen, die bei allen Lebewesen gleich sind, ob Hund oder Huhn, Schildkröte oder Fisch – ob Mensch oder Tier. Die gefiederten Schüler stammen allesamt aus Freilandhaltung von Biobauernhöfen, werden während der Seminare artgerecht untergebracht und genießen ihr nachfolgendes Leben liebevoll umsorgt in Privathaltung. „mein HAUSTIER“ besuchte das Animal Training Center und sprach mit der Verhaltensbiologin Barbara Glatz über Sinn und Zweck des „Chicken Camp“.

Frage: Hört man zum ersten Mal vom „Chicken Camp“, macht sich zunächst Verwunderung breit. „Chicken Camp“ – Was ist das? Welche Idee steht hinter dieser Einrichtung?

Barbara Glatz: Die Idee selbst stammt von Bob Bayley, einem bekannten amerikanischen Tiertrainer, der bereits lange mit Hühnern arbeitet. Sein „Chicken Camp“ ist wesentlich ausführlicher als un- seres und geht sehr genau auf bestimmte Problemstellungen ein. Wir haben unser „Chicken Camp“ nach seiner Vorlage entwickelt, in einer adaptierten Form, die den Inhalt in zwei Levels von jeweils zwei Tagen zusammenfasst. Während dieser Zeit bietet das „Chicken Camp“ einen Gesamtüberblick über das Thema Tiertraining mit positiver Bestärkung. Wir versuchen, den Menschen sozusagen das Werkzeug in die Hand zu geben, um danach als Tiertrainer oder mit dem eigenen Tier gezielter und somit erfolgreicher zu trainieren. Die Arbeit mit den Hühnern lehrt die Grundzüge des Lernverhaltens und zeigt, wie Tiertraining allgemein funktioniert. Natürlich muss man später auf jedes Tier einzeln eingehen, aber das Lernverhalten selbst verändert sich nicht.

Wie läuft dieser grundlegende Lernprozess ab, der bei jedem Lebewesen gleich ist?

Barbara Glatz: Im Prinzip geht es um Konditionierungen. Das ist kein Flüstern, kein Schweigen, sondern ganz unmystisch einfach Lernen. Lernen ist ein Naturgesetz, nichts anderes. Am Anfang des Trainings steht die klassische Konditionierung, wir trainieren ein Markersignal, meist ist das der Klicker. Das Tier muss zuerst lernen, was der Klicker bedeutet, deswegen wird es klassisch konditioniert, das heißt, wir verbinden einen neutralen mit einem bedingten Reiz. „Klick“ – das ist der neutrale Reiz, der dem Tier erst einmal gar nichts sagt. Verbinde ich ihn aber mehrmals hintereinander mit Futter, lernt das Tier, dass dem Klick Futter folgt. Der Klick wird zum konditionierten Reiz. Diesen Schritt verstehen die Tiere sehr schnell, und nun arbeitet man meist mit operanter Konditionierung weiter, also Lernen auf der Basis von Versuch und Irrtum, Lernen aus Konsequenzen. Einer Aktion des Tieres folgt eine positive oder negative Konsequenz – entsprechend wird die Häufigkeit dieses Verhaltens steigen oder sinken. Erwünschtes Verhalten wird belohnt, negatives ignoriert – wobei das beim Exotentraining funktioniert, beim Hund jedoch reicht ignorieren nicht, da müssen wir auch klare Grenzen setzen. Zusammengefasst versuchen wir, mit Hilfe eines sehr klaren Konditionsmittels wie des Klickers, das Lernverhalten zu nützen und dem Tier so alles, was in seinen anatomischen und physiologischen Möglichkeiten liegt, beizubringen.

Der Klicker gelangt also auch im „Chicken Camp“ zum Einsatz…?

Barbara Glatz: Ja! Wichtig ist aber nur, dass wir mit einem klaren Markersignal zu einer klaren Kommunikation gelangen. Typische Markersignale wären auch Lichtreize für Fische, beispielsweise mit einer Taschenlampe, oder die Pfeife im Delphintraining. Wie kann man sich nun den Ablauf des „Chicken Camp“ vorstellen?

Was geschieht da mit den Hühnern?

Barbara Glatz: Jeder Teilnehmer bekommt ein Huhn, das bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht trainiert ist. Diese Hühner kommen direkt von einem Bauernhof, sind 22 Wochen alt und gerade legereif. Abgesehen vom Alltag auf dem Bauernhof haben sie noch keinerlei Erfahrungen gemacht, kommen dann aber ca. ein bis zwei Wochen vor dem „Chicken Camp“ zu uns und lernen erst einmal, dass Menschen sehr nett sein können. Konkret lernen sie während dieser Zeit ausschließlich aus der Hand zu fressen, sonst nichts. So haben alle Teilnehmer die gleichen Voraussetzungen, auch wenn die Hühner natürlich unterschiedliche Charaktere haben. Am ersten Tag des „Chicken Camp“ lernen alle Hühner das gleiche, nämlich auf einen roten Punkt picken. Am zweiten Tag lernt dann jedes Huhn etwas anderes, wobei wir natürlich ein paar Verhaltensweisen vorgeben, beispielsweise eine Glocke läuten, also eine Glocke anpicken, oder einen Kegel umwerfen oder eine Farbe diskriminieren, d.h. aus vier verschiedenen Farben eine raussuchen und diese immer anpicken.

Das Huhn sieht also mehr Farben als beispielsweise der Hund?

Barbara Glatz: Ja, in jedem Fall, auch mehr als wir! Hühner haben vier verschiedene Zapfenpigmente, wir nur drei… Darüber hinaus gibt es auch immer sehr viel Spielzeug für unsere Tiere. Wir haben zum Beispiel ein Huhn, ein Pferd und einen Wolf, und das Huhn kann lernen, immer den Wolf herauszupicken.

Das bedeutet, das Huhn lernt das Wort Wolf?

Barbara Glatz: Nein, es lernt, den Wolf zu erkennen. Wir arbeiten bei den Hühnern nicht mit verbalen Kommandos. Das wäre innerhalb dieser zwei Tage nicht möglich. Das meiste funktioniert über Sichtzeichen, mit dem Finger auf irgendwas deuten oder ähnliches. Im Prinzip versuchen wir, das Verhalten zu formen, und belohnen das Huhn auch für jeden kleinen Schritt in die gewünschte Richtung. Ein Hinschauen auf den Gegenstand wird belohnt, ein Annähern, den Kopf senken… Wir warten nicht darauf, dass das Tier uns das gesamte Verhalten anbietet, sondern belohnen alles auf dem Weg dorthin. So behält das Huhn seinen Spaß an der Sache und ist nicht so schnell frustriert. Es geht darum, MIT dem Tier zu arbeiten, und genau das lässt sich beim Huhn sehr schön zeigen. Hunde halten sehr viel aus. Man kann sehr ungerecht Hunden gegenüber sein, und trotzdem arbeiten sie noch mit. Das geht beim Huhn nicht. Wenn ich dort einmal Druck anwende, macht es nie wieder etwas mit mir, denn das Huhn ist ein Fluchttier und wird sich darauf nicht einlassen. Also muss ich mich vollkommen auf das Tier einstellen und einen Weg suchen, wie ich ihm klarmachen kann, was ich von ihm möchte. Das eigene Tier und der Besitzer kennen sich gegenseitig oft so gut, dass kein objektives Training mehr möglich ist. Dann kommt noch die emotionale Bindung hinzu. Die meisten Teilnehmer im „Chicken Camp“ haben aber vorher noch nie ein Huhn angegriffen, sie haben keinen Bezug zu diesem Tier.

Für das Training ist das ein unschätzbarer Vorteil…?

Barbara Glatz: Ja! Wir schreiben unseren Hautieren oft menschliche Charaktereigenschaften zu, die den Tieren gegenüber nicht fair sind. Der Hund ist nicht eifersüchtig oder stur! Er ist nicht stur auf die Welt gekommen, sondern er hat gelernt, sich so zu verhalten. Das klassischste Beispiel in diesem Zusammenhang ist das Betteln. Wir arbeiten mit den Hühnern am Tisch, und wenn sie zum ersten Mal dort stehen, haben sie keine Ahnung, was passiert. Sie wissen nicht, dass eine Futterbelohnung kommt. Trotzdem werden 50% der Hühner spätestens nach der 4. oder 5. Übungseinheit „betteln“. Weil sie gelernt haben, damit etwas zu bekommen! Manche Menschen erschrecken zunächst einmal, wenn das Huhn plötzlich gegen die Hand pickt, die das Futter hält, und reagieren. Hühner lieben Reaktionen! Jede Reaktion ist belohnend für das Huhn. Dann fällt vielleicht noch ein wenig Futter aus dem Becher raus, und schon ist das eine tolle Belohnung. Der Ursprung des Bettelverhaltens lässt sich so sehr schön zeigen, beim eigenen Hund ist man da oft betriebsblind. Ein weiterer entscheidender Vorteil der Arbeit mit den Hühnern ist, dass man Dinge ausprobieren kann, auch Fehler machen kann ohne schwerwiegende Konsequenzen. Für den Hund sind Unklarheiten im Training zutiefst verwirrend mit allen eventuell nachfolgenden Problemen, beim Huhn können wir damit keinerlei Schaden anrichten: Das kommt nach dem Training zu Privatleuten, um dort auf der Wiese sein Leben zu genießen… Hat nun der Tiertrainer oder Hundebesitzer im „Chicken Camp“ viel über Lernverhalten erfahren, werden Trainingseinheiten zu speziellem Problemverhalten wesentlich erleichtert. Ob es sich um das häufige Problem der Leinenaggression oder um eine Angstproblematik handelt, immer geht es darum, ein neues, der Situation angemessenes, erwünschtes Verhalten beim Hund zu formen.

Wie begegnet man im Animal Training Center z.B. der Angstproblematik beim Hund?

Barbara Glatz: Das hängt sehr stark vom Grund für die Angst ab. Ist irgendetwas vorgefallen? Ist der Hund schlecht sozialisiert? Hunde aus dem Ausland beispielsweise kommen von der Straße und sind viele Dinge einfach nicht gewohnt. Andere sind überfordert oder in bestimmten Situationen schlecht geführt. Angst kann auch gesundheitliche Gründe haben. Nach der Ursache richtet sich die Therapie. Am einfachsten ist es, wenn wir es nur mit einer Fehlverknüpfung zu tun haben, eine schlechte Sozialisierung hingegen lässt sich kaum mehr aufholen. Man kann ängstliche Hunde auch mit Nahrungsergänzungsmitteln unterstützen und Tryptophan beigeben, um die Serotoninproduktion anzukurbeln, oder Zylkene, Milchsäuren, die das Wohlbefinden über neurophysiologische Prozesse steigern können. Sehr oft muss man dem Hund auch zeigen, dass er mit seiner Angst- oder Fluchtreaktion keinen Erfolg hat. Wenn der Hund Angst vor dem Auto hat und jedesmal flüchtet, lernt er, dass die Flucht erfolgreich ist, denn das Auto verschwindet. In diesen Fällen muss das Training so aufgebaut werden, dass Flucht sofort dazu führt, dass das Auto stehenbleibt. Sobald der Hund sich beruhigt hat, fährt das Auto langsam weiter. Das Denken muss umgelenkt werden…

…also wie im „Chicken Camp“ ein neues Verhalten geformt werden. Zeigen Hühner auch Angst?

Barbara Glatz: Ja, durchaus! Wir haben deswegen immer Reservehühner da, denn bei zwölf Teilnehmern sind immer ein oder zwei Hühner dabei, die mit der Situation nicht zurechtkommen. Die werden wir natürlich nicht durch das Training zwingen. Mit den braunen Legehühnern machen wir die besten Erfahrungen, mit Rassehühnern gar nicht so gute, die ganz normalen Legehühner sind die verlässlichsten…