Hüftgelenkdysplasie schon beim Welpen erkennbar

Beim gesunden Hund passt der Oberschenkelkopf genau in die Hüftgelenkspfanne. Bei vielen Tieren ist jedoch entweder der Oberschenkelkopf oder die Hüftgelenkspfanne oder auch beides fehlerhaft ausgebildet. Diese Fehlbildungen des Hüftgelenkes werden als Hüftgelenkdysplasie (HD) bezeichnet und sind bei Hunden großer Rassen sehr häufig, kommen aber auch bei kleinen Hunderassen immer wieder vor. Durch eine bestimmte Untersuchungsmethode (Ortolani-Methode) ist es möglich, schon beim Welpen die Veranlagung zur Hüftgelenkdysplasie zu erkennen und durch frühzeitige Behandlung den Krankheitsverlauf zu stoppen.

Um diese neue Methode möglichst vielen Tieren zugänglich zu machen, hat die Klinik für Kleintierchirurgie der Veterinärmedizinischen Universität Wien die „Initiative zur Früherkennung und Behandlung von Hüftgelenkdysplasie“ ins Leben gerufen. Ass. Professor Dr. Britta Vidoni erklärt im Interview die Vorgangsweise bei den Untersuchungen und die möglichen Therapien.

Frage: Hüftgelenkdysplasie, kurz HD genannt, ist bei Hunden ein sehr häufiges Problem. Was ist die Ursache dafür?

Prof. Vidoni: Die HD ist multifaktoriell bedingt; einerseits durch eine genetische Disposition, also Vererbung, andererseits durch Umwelteinflüsse wie zum Beispiel durch zu rasches Wachstum, zu energiereiche Ernährung oder übergewicht. Aber der entscheidende Faktor ist sicherlich die genetische Disposition.

Frage: Kommen Hundebabys schon mit fehlgebildeten Hüften zur Welt oder entwickeln sich diese erst?

Prof. Vidoni:Welpen kommen gesund auf die Welt; erst im Laufe des Wachstums entwickelt sich bei dafür prädisponierten Tieren ein Missverhältnis zwischen Hüftgelenkspfanne und Oberschenkelkopf. Die Gelenkspfanne kann eine falsche Neigung haben und zu flach sein, sodass der Oberschenkelkopf nicht ausreichend überdacht wird. Es kommt dadurch zu einer Gelenksinstabilität (Laxizität), aus der sich schlussendlich die Hüftgelenkdysplasie des ausgewachsenen Hundes entwickelt. Jede HD führt im Laufe der Zeit zur chronischen Hüftgelenksentzündung (Coxarthrose), die für den betroffenen Hund sehr schmerzhaft ist.

Hüftgelenkdysplasie

Frage: Es war und ist üblich, bei ausgewachsenen Hunden im Alter von 12 bis 18 Monaten ein HD-Röntgen zu machen, um nach den Richtlinien der FCI (Fèdèration Cynologique Internationale) das genaue Ausmaß der HD zu bestimmen und je nach Schweregrad in fünf Klassen von A bis E einzuteilen. Dies ist zwar vom züchterischen Standpunkt aus nützlich und wichtig, aber dem betroffenen Tier hilft es nicht mehr. Ab welchem Alter ist nun eine Früherkennung mit anschließender Behandlung möglich?

Prof. Vidoni: Die Untersuchungen zur Früherkennung der HD sollten im Alter von dreieinhalb bis vier Monaten gemacht werden. Denn in diesem Alter kann man schon feststellen, ob die Hüftgelenkspfannen korrekt ausgebildet werden oder nicht und ob eine erhöhte Instabilität des Gelenkes besteht.

Frage: Wie ist die Vorgangsweise bei der Untersuchung?

Prof. Vidoni: Zuerst wird in einem orthopädischen Untersuchungsgang das Gangbild und die Bemuskelung beurteilt. Für die weiteren Untersuchungen ist eine kurze Narkose des Welpen notwendig, damit die Muskeln gut entspannt sind und dem Tier nicht wehgetan wird. Dann wird geprüft, ob der Hund Ortolani-positiv ist. Dabei liegt der Welpe am Rücken und durch einen sanften manuellen Druck wird über den Oberschenkel Kraft auf den Oberschenkelkopf ausgeübt. Wenn dieser dabei aus der Gelenkspfanne springt, also eine Subluxation bzw. Luxation stattfindet, weist dies eine erhöhte Instabilität des Gelenkes nach. Bei der Bewegung des Beines nach außen, hüpft der Oberschenkelkopf mit einem typischen klickenden Geräusch wieder in die Gelenkspfanne, was bedeutet, dass der Welpe Ortolani-positiv ist. Im Anschluss an die klinische Untersuchung werden Röntgenauf- nahmen in verschiedenen Stellungen gemacht: Als Erstes wird in einer seitlichen Aufnahme der übergang von der Lendenwirbelsäule zum Kreuzbein begutachtet. Als nächstes folgt die sogenannte „Froschaufnahme“: Dabei liegt der Hund am Rücken und die Oberschenkel werden auseinandergeklappt, wodurch die Oberschenkelköpfe in die Gelenkspfanne gedrückt werden. Wenn der Oberschenkelkopf nicht tief genug in der Pfanne liegt, das heißt eine Verlagerung des Oberschenkelkopfes, also eine Subluxation bzw. Luxation vorliegt, ist die Pfanne vermehrt mit Bindegewebe gefüllt. Der Gelenksspalt ist dadurch größer und unsymmetrisch. Bei der darauffolgenden sogenannten „Distraktionsaufnahme“ liegt der Welpe in einer Lagerungshilfe und bekommt einen Keil zwischen die Oberschenkel geschoben, die dann gegen den Keil gedrückt werden. Bei einem instabilen Hüftgelenk bewirkt dies eine Subluxation oder Luxation, die messbar ist.

Hüftgelenkdysplasie

Als letztes erfolgt noch eine Röntgenaufnahme in Bauchlage, die sogenannte“ DAR-View-Aufnahme“. Es wird dabei der Rand der Gelenkspfanne beurteilt und auch eine Winkelmessung durchgeführt. Alle Messergebnisse werden dann zusammengefasst und ergeben meist ein deutliches Bild, ob sich das Gelenk zu einer A, B, C, D oder E- Hüfte auswachsen wird. A bedeutet: Kein Hinweis für HD. B – fast normale Hüftgelenke, C – leichtgradige HD, D – Mittelgradige HD und E – schwere HD. Bei einem unklaren Ergebnis sollten die Hunde im Alter von fünf Monaten nochmals untersucht werden.

Hüftgelenkdysplasie

Frage: Welche Bedeutung und welchen Nutzen haben diese Ergebnisse für die Zukunft des Tieres?

Prof. Vidoni: Der Sinn der Früherkennung ist, die Entwicklung der Hüftgelenksdysplasie zu stoppen oder zumindest deutlich zu verbessern. Besteht zum Beispiel eine Tendenz zur Entwicklung einer B- oder C-Hüfte, dann kann durch eine Operation (Juvenile Pubic Symphysiodesis) die Ausbildung der HD verhindert werden. Dabei wird mit einem Thermokauter das Bindegewebe in der Schambeinfuge zerstört und dadurch ein frühzeitiger Schluss der Knorpelfuge bewirkt. Als Folge kommt es zu einer Absenkung der Gelenkspfanne, die dadurch den Oberschenkelkopf besser umschließt. Es bestehen gute Chancen, dass betroffene Hunde nach der Operation gesund heranwachsen und keine HD entwickeln. Diese Operation ist nur im Alter von vier bis fünf Monaten zielführend, da man später nicht mehr ausreichend ins Wachstum eingreifen kann. Besteht jedoch eine Tendenz zur D- oder E-Hüfte, so muss im Alter von fünf bis acht Monaten eine kompliziertere Operation, die doppelte Beckenschwenkung, durchgeführt werden. Nach dem achten Lebensmonat und bei bereits bestehenden Arthrosen ist die Operation nicht mehr sinnvoll.

Frage: Mit welchen Kosten für die HD-Frühdiagnostik müssen Tierbesitzer rechnen?

Prof. Vidoni: Die Kosten betragen je nach Größe des Hundes 200 bis 250 Euro.

Frage:Wie können Besitzer von Welpen dazu beitragen, dass sich die Gelenke ihrer Vierbeiner gesund entwickeln?

Prof. Vidoni:Besitzer von Welpen mittelgroßer bis großer Hunderassen sollten ihre kleinen Lieblinge auf alle Fälle zur HD-Frühdiagnostik bringen. Im übrigen rate ich zu einer ausgewogenen Ernährung. Heutzutage bedeutet dies vor allem, nicht zu viel des Guten zu tun. Also nicht extra Vitamine und Mineralstoffe zufüttern, wenn der Welpe ohnehin mit Junior-Spezialfutter ernährt wird. Es ist auch nicht zuträglich, das Juniorfutter zu lange zu verwenden; mit ungefähr acht Monaten kann auf Normalfutter umgestellt werden. In Bezug auf die Bewegung ist es wichtig, dass der junge Hund nicht überfordert wird. Radfahren, Agility und kilometerlanges Joggen ist für Hunde im Wachstum verboten. Stiegengehen schadet dem jungen Hund nicht. Bis das Tier ausgewachsen ist, soll es selbst bestimmen, wie viel Bewegung ihm gut tut. Das Spielen mit anderen jungen Hunden ist eine natürliche Form der Bewegung und fördert die Sozialisation.