Herzkrankheiten bei Kaninchen, Frettchen & Co

Herzkrankheiten bei Kaninchen, Frettchen & Co

Die ideelle Bedeutung und Wertschätzung kleiner Heimtiere ist in letzter Zeit stark gestiegen. Wurden zum Beispiel Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster & Co bis vor wenigen Jahren noch hauptsächlich als erste tierische Gefährten für Kinder gekauft und leider häufig wie Spielzeug behandelt, so sind sie heutzutage in den Rang von Familienmitgliedern aufgestiegen. Auch viele berufstätige Erwachsene, für die aus Zeitgründen die Haltung eines Hundes oder einer Katze nicht möglich ist, haben erkannt, wie viel Freude diese possierlichen Hausgenossen schenken. Kein Wunder, dass der Wunsch besteht, den kleinen, vierbeinigen Gefährten ein möglichst langes Leben bei guter Lebensqualität zu ermöglichen. Aber leider streikt auch bei kleinen Heimtieren manchmal das Herz, wodurch die Lebensqualität gravierend eingeschränkt wird. Dr. Sabine Riesen von der Veterinärmedizinischen Universität Wien gibt im Interview Auskunft über die Möglichkeiten der Untersuchung und Therapie von Herzkrankheiten bei kleinen Heimtieren.

Kann man Erkrankungen des Herzens bei kleinen Heimtieren überhaupt feststellen?
Dr. Riesen: Herzkrankheiten bei kleinen Heimtieren kann man genauso diagnostizieren wie bei Hund und Katze, da das Herz bei allen diesen Tierarten prinzipiell gleich gebaut ist. Jedoch stellt die Untersuchung dieser kleinen Individuen an den Tierarzt noch höhere Anforderungen, weil diese Tierchen meist unruhiger sind und noch dazu eine extrem hohe Herzfrequenz, also extrem viele Herzschläge pro Minute haben.

Welche kleinen Heimtiere werden an der Klinik am häufigsten wegen Herzproblemen vorstellig?
Dr. Riesen: Am häufigsten werden Meerschweinchen, Kaninchen, Frettchen, Chinchillas und neuerdings auch afrikanische Weißbauchigel zur Herzuntersuchung gebracht. Aber auch Mäuse, Ratten und Hamster gehören zu unseren Patienten. Meist werden die kleinen Patienten von der Abteilung für kleine Heimtiere der Vetmeduni oder auch vom Haustierarzt auf die Abteilung für Kardiologie überwiesen.

Welche Herzkrankheiten gibt es bei kleinen Heimtieren?
Dr. Riesen: Sie leiden an den gleichen Herzkrankheiten wie Hund und Katze. Dies gilt sowohl für die angeborenen Herzkrankheiten, wie auch für die erworbenen. So finden wir zum Beispiel beim Frettchen häufig eine angeborene Herzerweiterung, bei der sich der Herzmuskel zusehends verdünnt, wodurch die Pumpkraft des Herzens abnimmt. Diese Herzmuskelschwäche zeigt sich in der Regel erst ab dem mittleren Lebensalter. Ist die Krankheit in einem fortgeschrittenen Stadium, fallen den Tierbesitzern Beschwerden in Form von Kurzatmigkeit, offenem Fang, Apathie und Appetitlosigkeit auf. Daneben können beim Frettchen aber auch öfters Veränderungen an den Herzklappen gefunden werden. Bei Meerschweinchen und Kaninchen diagnostizieren wir hin und wieder ein angeborenes Loch in der Herzscheidewand. Wie schnell dabei Beschwerden auftreten hängt von der Größe des Lochs ab. Meist werden die betroffenen Tierchen im Alter von ein bis zwei Jahren deswegen zur Untersuchung gebracht. Glücklicherweise sind diese Defekte meist sehr klein, so dass sie die Lebenserwartung kaum beeinflussen. Viel häufiger als angeborene Herzkrankheiten sind bei Kaninchen und Meerschweinchen jedoch die im Lauf des Lebens erworbenen, wie die degenerativen Veränderungen der Herzklappen zwischen Vorhof und Herzkammer. Genau wie bei Hund und Katze kommt es dadurch zur Schlussunfähigkeit der Klappen und zum Rückstau des Blutes entweder in den Körper oder in die Lunge. Auch hier fällt dem Tierhalter auf, dass der kleine Liebling nicht mehr fressen will, inaktiv ist, sich versteckt und schnell mit offenem Mäulchen atmet.

Wie erfolgt die Untersuchung des Herzens?
Dr. Riesen: Zuerst erfolgt die klinische Untersuchung des Allgemeinzustands, dann folgt das Abhören von Herz und Lunge. Die weiteren Untersuchungen beinhalten EKG und Herzultraschall. Es werden dabei die gleichen Geräte wie für Hund und Katze verwendet. Auf die Röntgenuntersuchung von Herz und Lunge wird oft verzichtet, da diese für die kleinen Patienten ein Risiko darstellt: In Seitenlage wird nämlich die Atemnot verstärkt, was zu lebensgefährlichen Zuständen führen kann. Im Gegensatz dazu kann die Ultraschalluntersuchung des Herzens in jeder Körperposition erfolgen, ist also für das Tier weniger stressig.

Müssen kleine Heimtiere für die Untersuchungen sediert werden?
Dr. Riesen: Für die genannten Untersuchungen müssen die Tierchen nicht sediert werden und der Tierhalter kann während der ganzen Dauer der Untersuchungen – normalerweise eine Stunde – dabei sein. Die Anwesenheit des Tierhalters kann die Untersuchung erleichtern, wenn dieser seinen kleinen Vierbeiner mit Leckerbissen ablenkt. So sollten Besitzer von Frettchen Vitaminpaste dabeihaben, für Kaninchen empfiehlt sich die Mitnahme von Joghurtdrops oder Karotten. Bei manchen Tieren muss man während der Untersuchung auch zu Tricks greifen: Um zum Beispiel beim Weißbauchigel den Herzultraschall durchführen zu können, muss der stachelige Geselle in den Handstand gestellt werden, damit er sich nicht einrollen kann.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Dr. Riesen: Zur Therapie von Herzkrankheiten kleiner Heimtiere verwenden wir dieselben Medikamente wie für Hund und Katze; je nach Krankheitsbild Digitalispräparate, ACE-Hemmer und Lasix. Praktisch zum Eingeben sind Medikamente in flüssiger Form. Arzneimittel, die es nur in Form von Kapseln oder Tabletten gibt, sind so gut wie immer zu stark für kleine Heimtiere und müssen in der Apotheke in schwächere Kapseln umformuliert werden. Die meisten Apotheken verwenden zur Umformulierung Milchzucker, was dazu führt, dass die kleinen Patienten das Medikament gerne einnehmen. Es ergibt sich dann manchmal das nette Bild eines Kaninchens, welches die Kapsel mit dem Herzmittel zwischen den Vorderpfoten hält, die Gelatinekapsel annagt und genüsslich den Inhalt herausschleckt. Bei sehr widerspenstigen Tieren kann man flüssige Medikamente auf Karotten oder Apfelscheiben tropfen. Ganz wichtig ist es, Herzmedikamente regelmäßig zu verabreichen.

Wenn Hunde und Katzen über einen längeren Zeitraum Digitalispräparate verabreicht bekommen, wird ein Blutspiegel gemacht, um eine Anhäufung des Medikaments im Blut und damit eine Überdosierung zu verhindern. Macht man das auch bei kleinen Heimtieren?
Dr. Riesen: Nein, ein Blutspiegel wird kaum gemacht, da für die Digitalis-Bestimmung sehr viel Blut gebraucht wird und dies für die kleinen Patienten zu viel Stress bedeuten würde.

Wie gut sprechen kleine Heimtiere auf die Therapie mit Herzmitteln an?
Dr. Riesen: Wenn die Tierchen innerhalb von ein bis zwei Wochen auf die Therapie ansprechen, ist die Vorhersage für den Krankheitsverlauf gut. Es gibt eine Studie bei Frettchen, die belegt, dass die Hälfte der therapierten Tiere ein Jahr nach Beginn der Therapie noch am Leben ist. Dies ist auch insofern ein guter Erfolg, wenn man bedenkt, dass die meisten herzkranken Frettchen erst im Alter von fünf Jahren krankheitsauffällig werden und daher erst in einem für Frettchen schon hohen Alter mit der Therapie beginnen. Die Lebenserwartung von Frettchen beträgt fünf bis sieben Jahre. Ein Jahr länger leben, fällt da schon ins Gewicht.

Wann müssen die kleinen Herzpatienten wieder zur Kontrolle kommen?
Dr. Riesen: Patienten, die schon in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung zur Erstuntersuchung gebracht wurden, brauchen erst in drei bis sechs Monaten wieder zur Kontrolle kommen. Wenn die Erstuntersuchung jedoch in einem schon sehr fortgeschrittenen Stadium der Herzkrankheit erfolgt, muss in ein bis zwei Wochen nachkontrolliert werden.