Herausforderung Hundekind

So wird aus dem kleinen Fellbündel ein angenehmer Lebenspartner

Sooo süüß! Die ganze Familie ist entzückt, als sie das acht Wochen alte Hundemädchen nach Hause holt. Weil „sooo süüß“, wird das vierbeinige Mischlingskind Sweety genannt. Der kleine Hund und die tapsigen großen Pfoten – gibt´s was Herzigeres?

Gar nicht süß finden es die frisch gebackenen Hundebesitzer allerdings, als sie kurz darauf im Schlafzimmer Sweetys Häufchen vorfinden. Andererseits – Kinder müssen eben erzogen werden. Leider machen die Besitzer der kleinen Hündin es grundfalsch: Die Kleine wird tüchtig geschimpft und mit der Schnauze in ihre Hinterlassenschaft gesteckt. Damit sie sich das merkt! Als Folge setzt Sweety ein Angstlackerl ab – da ist dann aber schon ein kleiner Klaps angebracht, meinen die zweibeinigen Erzieher. Doch die „Tortur“ der  enttäuschten Adoptiveltern geht noch weiter. Die Hündin fürchtet sich vor jedem Geräusch, flüchtet vor den Kindern, die mit ihr spielen wollen, unters Sofa, und beim Spazierengehen legt sie sich nach ein paar Metern einfach auf den Gehsteig und will nicht weitergehen.

Und als die neue Familie das Hündchen für ein paar Stunden allein lässt, beschweren sich hinterher die Nachbarn über das Jaulen und Bellen des Tiers. Von der zerkratzten Tür gar nicht zu reden…

„Da haben wir wohl einen Problemhund erwischt“, konstatieren die Besitzer, bauen aber darauf, dass die Kleine mit der Zeit schon von selbst vernünftiger werden wird. Doch anstatt „vernünftiger“ wird Sweety in den folgenden Monaten nur – viel größer! Der nächste Schritt: Sweety übersiedelt ins Tierheim.

Das genannte Beispiel ist leider kein Einzelfall. Allzu oft verlieben sich wohlmeinende, aber unerfahrene Zweibeiner in ein süßes kleines Fellbündel und wissen nicht damit umzugehen. Ihnen ist nicht klar, dass Welpen nicht nur herzige Streichel- und Spielobjekte sind, sondern Lebewesen mit existenziellen Bedürfnissen, Unsicherheiten und Ängsten, und zu 100 Prozent vom Menschen abhängen; und dass man von einem Hundekind (und später dem erwachsenen Hund) nur das erwarten kann, was man ihm als Mensch liebevoll und geduldig beigebracht hat. Wer diese Liebe und Geduld nicht aufbringen kann und dafür auch zu wenig Zeit hat, sollte unbedingt die Hände von einem Welpen lassen. Wer sich jedoch der Herausforderung stellen möchte, erfährt in diesem Artikel, was Hundekinder brauchen, wie der Alltag mit ihnen Spaß macht und wie man sie zu glücklichen und angenehmen Lebenspartnern erzieht.

Liebe, Bindung, Sicherheit

Die Liebe seiner Menschen ist für den kleinen Hund die Basis für eine gesunde Entwicklung. Schließlich fühlt sich der Welpe, der gerade erst von seiner Mama und den Geschwistern getrennt wurde, allein gelassen und voller Angst in einer fremden Welt. Erst durch die Bindung zu seiner neuen Familie kann er ein Urvertrauen entwickeln. „Einem Hund, der ohne Bindung aufwächst, wird stets die innere Sicherheit fehlen. In der Folge wird er immer zu Flucht und Verteidigung bereit sein“, schreiben die Verhaltensforscher Heinz Weidt und Dina Berlowitz in ihrem Buch „Das Wesen des Hundes“ (Natur Buch Verlag). „Seine chronische Angst kann letztlich zur Grundlage für aggressives Verhalten werden“.

Das bestätigt auch die Tierärztin und Verhaltenstherapeutin Dr. Nora Marx-Dawid: „Gemeinsames Spiel mit ihren Menschen, Streicheln, sonstiger Körperkontakt, zwischendurch Füttern mit der Hand vermittelt den Kleinen jene Berührungsbehaglichkeit, die zur Entwicklung ihrer Sicherheit beitragen.“

Ihr „Baby“ wird stubenrein

Das eine oder andere Lackerl in den eigenen vier Wänden bedeutet keineswegs, dass der Welpe „schlimm“ ist. Welpen sind rein körpertechnisch noch nicht in der Lage, Harn und Stuhl bewusst zurück zu halten, weil ihr Schließmuskel noch nicht voll entwickelt ist. Wie aber soll man sich bei einem Malheur verhalten? „Unbedingt cool bleiben!“ appelliert Verhaltensbiologin und Hundetrainerin Mag. Gudrun Braun an Hundehalter. „Wischen Sie alles wortlos und in Ruhe weg. Schimpfen Sie aber auf gar keinen Fall! Erstens kann der Hund nichts dafür, und zweitens hat er dann das Gefühl, er wird für´s Pinkeln geschimpft. Viele Hunde lernen so, dass sie sich nur in Abwesenheit von Frauchen oder Herrchen lösen dürfen – also nachts oder wenn sie allein zuhause sind. Wird dann wieder geschimpft, entwickelt sich eine ganz schlimme Negativspirale aus Schimpfen, Stress und Angst.“

Daher ist von Seiten des Menschen Vorbeugung angesagt.

„Gehen Sie prophylaktisch insgesamt rund zehn Mal am Tag mit ihm hinaus“, rät Dr. Marx-Dawid. „Nach jedem Fressen, nach jedem Trinken, während des Spiels und unmittelbar nach dem Aufwachen. Sie sollten den Kleinen aber nicht schon im Haus anleinen, sondern hinaustragen, weil er sonst vielleicht drinnen auf dem Fußboden seinem Bedürfnis nachgibt“.

Anfangs geht man alle zwei Stunden Gassi. Funktioniert das gut, kann man die Abstände langsam vergrößern. Allmählich wird Ihr Hundebaby mehrere Stunden durchhalten. Da es inzwischen daran gewöhnt ist, draußen alle Geschäfte zu erledigen, wird es außerdem bald melden, wenn es hinaus muss.

Allein zuhause…

Hunde sind als Rudeltiere immer zusammen. Alleinsein ist für einen Vierbeiner daher völlig unnatürlich und muss erst durch Training erlernt werden. Am besten schon im Welpenalter. Dr. Marx-Dawid: „Welpen wissen, dass sie sterben, wenn sie sich selbst überlassen sind. Daher rufen und heulen sie, wenn man sie allein lässt, um dem Rudel zu signalisieren, wo sie sind.“ Sie müssen also von Anfang an lernen, dass das Weggehen von Herrchen und Frauchen etwas Normales, Unspektakuläres ist, das ihnen keine Angst machen muss, weil sie ja wiederkommen.

Und so sollte das Training aussehen:

● Gehen Sie kurz zur Toilette, schließen Sie die Tür und kommen sofort wieder zurück – noch bevor der Welpe zu weinen anfängt. Steigern Sie die Zeit der Abwesenheit schrittweise ganz langsam – aus Sekunden werden Minuten. Sie sollten aber immer zurück sein, bevor der Kleine weint.

● Dann verlassen Sie kurz die Wohnung, warten vor der Tür und kommen wieder zurück.

● Schließlich gehen Sie zur Nachbarin oder tragen den Müll hinunter.

● Dann könnte schon ein kleiner Spaziergang um den Häuserblock eingeplant werden, während dessen der Hund allein bleibt.

● Wenn mehrere Personen in Ihrem Haushalt wohnen, erlebt der Welpe ein ständiges Kommen und Gehen und lernt dadurch, dass Menschen immer wieder zurückkehren. Diese Hunde entwickeln weniger Trennungsprobleme als Hunde mit nur einer Bezugsperson.

● Wichtig! Bei jeder Rückkehr geht man ruhig durch das Zimmer ohne die stürmische Begrüßung des Tiers zu beachten. Das fällt zwar schwer, aber so lernt der Hund, dass Gehen und Kommen nichts Besonderes sind.

● Wenn Sie ihn bereits etwas länger allein lassen können, sollten Sie das Hundekind vorher füttern, dann mit ihm einen Spaziergang machen, damit es müde ist. Bevor Sie die Wohnung verlassen geben Sie ihm ein sicheres Kauspielzeug. Denn Kauen baut Stress ab.

Erst Ruhe, danach Action

In den ersten zehn Tagen nach seinem Einzug in das neue Zuhause sollten Sie dem Welpen Ruhe gönnen, damit er Gelegenheit hat, sich an das neue „Rudel“ und die fremde Umgebung zu gewöhnen. Also nur Familie, keine Besucher, keine Handwerker etc. „Danach sind Aktivitäten angesagt“, so Dr. Marx-Dawid. „Freunde treffen, Einladungen, fremde Wohnungen besuchen, Ausflüge in Geschäfte, Einkaufszentren, zum Bahnhof, zum Flughafen etc. Je mehr der Welpe erlebt umso besser ist das für seine Entwicklung.“

Wann beginnt die Hundeschule?

Sobald der kleine Hund die Impfungen hinter sich hat, ist Sozialisierung mit anderen Hunden angesagt. Welpenspielstunden eignen sich dafür hervorragend. Dort werden die Kleinen spielerisch auf das Hundeleben vorbereitet, sie lernen, die Körpersprache ihrer Artgenossen zu deuten und den richtigen Umgangston miteinander zu pflegen. Außerdem haben sie jede Menge Spaß. Auch beginnt bereits spielerisch die Erziehung, die grundsätzlich nur durch positive Verstärkung erfolgen soll. Dr. Marx-Dawid: „Wenn der Hund zufällig das gewünschte Verhalten zeigt, dieses als Kommando benennen und sofort belohnen. Mit Lob, Leckerlis, Streicheln.“  Wenn er beispielsweise vom Spiel aus eigenem Antrieb zu Ihnen zurückkommt, rufen Sie fröhlich „Hierher“ oder was Sie eben als Rückruf verwenden wollen, loben ihn überschwänglich und belohnen ihn mit einem Leckerli. Mit der Zeit verknüpft er den Befehl mit dem richtigen Verhalten und der Belohnung.

Macht der Hund etwas falsch, sollte dies hingegen ignoriert werden. Schimpfen und Bestrafen sind absolut kontraproduktiv.

An die Welpenspielstunden schließen sich dann der Junghundekurs und die normale Hundeschule an.

So werden Angsthasen mutiger

Die einen sind frech, neugierig, mutig, die anderen fürchten sich vor fremden Menschen, Kindern, Geräuschen. Wie ängstlich ein Hund ist, ist zum Teil angeboren und hängt vor allem auch davon ab, wie viel der kleine Welpe bereits beim Züchter erlebt hat. Ist er vielen liebevollen Menschen begegnet, hatte er positive Erfahrungen mit Kindern usw., so wird es leicht sein, ihn an das neue Umfeld zu gewöhnen. Anders bei schlechten Erfahrungen oder wenn das Tier in den ersten acht Wochen nichts kennengelernt hat.

Daher ist es gerade für kleine Angsthasen in den ersten Wochen und Monaten beim neuen Besitzer besonders wichtig, viel zu erleben und kennenzulernen und alle diese Begegnungen und Erlebnisse positiv zu verknüpfen. Also mit Lob, Belohnung etc.

Je öfter der Hund einem Angstauslöser begegnet und dies mit etwas Positivem verbindet, umso besser kann er sich daran gewöhnen und seine Angst verlieren. Fürchtet sich der Kleine beispielsweise vor Kindern, so rät Mag. Gudrun Braun, sich innerhalb seiner Wohlfühlzone (die Distanz zu Kindern, wo er noch keine Stressanzeichen zeigt) mit ihm hinzusetzen und Kinder zu beobachten. Wenn er entspannt ist, wird er mit Leckerlis belohnt. Zeigt er Stress und Angst, dann vergrößert man die Distanz und setzt die Belohnung aus. Allmählich kann man sich auf diese Art schrittweise an den Angstauslöser heranwagen.

Ähnlich verfährt man bei der Begegnung mit fremden Erwachsenen. Mag. Braun nennt diese Strategie „Spazierensitzen“. Man setzt sich in einer ruhigen Straße, die dem Hund schon bekannt ist, auf eine Gartenmauer und beobachtet gemeinsam mit ihm die Passanten. Sobald ein Mensch in Sicht, aber noch weit entfernt ist, bekommt der Angsthase besondere Leckerlis. Ist die Bedrohung wieder außer Sichtweite oder zeigt der Hund Stress und Angst, dann hört man auf zu belohnen und entfernt sich etwas weiter von dem Angstauslöser, bis der Hund wieder entspannt ist.

Die Sache mit dem Spaziergang…

Man geht automatisch davon aus, dass Hunde gerne Spazieren gehen. Daher macht sich bei vielen Neo-Hundebesitzern Verwunderung breit, wenn das kleine Wesen am anderen Ende der Leine so gar nicht vom Platz kommen oder nach einer kurzen Strecke bereits umdrehen will.

Dr. Marx-Dawid erklärt, dass dies durchaus normal ist. „Welpen entfernen sich anfangs instinktiv zu ihrer Sicherheit nicht sehr weit von ihrem Zuhause/Wurflager. Es ist daher logisch, dass der Kleine diese Distanz nicht überschreiten will“. Außerdem muss man auf den Körperbau des Welpen Rücksicht nehmen. Er sollte pro Lebenswoche nicht mehr als eine Minute am Stück gehen. Also mit zehn Wochen höchstens zehn Minuten. Dann ist wieder Pause angesagt. Mit zunehmendem Alter werden Hunde entdeckungsfreudiger und gehen auch schon etwas weitere Strecken. Man sollte sie aber nicht überfordern. Sehr bald tritt dann allerdings das gegenteilige Problem auf: Der Kleine zieht an der Leine. In diesem Fall am besten stehen bleiben und sich nicht von der Stelle rühren. Zieht der Hund weiter, so ist ihm dies unangenehm und er wird ebenfalls stehen bleiben oder ein Stück zu Ihnen zurückkommen. Ist die Leine nicht mehr gespannt, können Sie den Spaziergang fortsetzen. Das muss viele Male geübt werden. Aber dann wird Ihr Welpe an lockerer Leine bei einem entspannten Spaziergang mit Ihnen Schritt für Schritt die aufregende neue Welt entdecken.

Problem Tierarztbesuch

Die meisten Welpen stehen anfangs einem Tierarztbesuch neutral gegenüber. Schließlich haben sie noch keine bösen Erfahrungen gemacht. Damit das auch so bleibt, sind vorbeugende Maßnahmen sinnvoll.

  • Gehen Sie mit dem Kleinen auf einen Freundschaftsbesuch zum Tierarzt: Der Welpe betritt mit ihnen die Ordination, bekommt ein Leckerli, eine Streicheleinheit und geht wieder.
  • Beim nächsten Mal wird er vielleicht gewogen, wieder mit Leckerlis belohnt und fertig. Je mehr Freundschaftsbesuche umso besser.
  • Bevor die ersten Impfungen oder Untersuchungen anstehen, ist es ratsam, dies schon zuhause zu üben: Hochheben auf einen Tisch, den Fang öffnen, Berührungen am ganzen Körper, spielerisch ins Ohr schauen. Natürlich immer mit Belohnung verbunden, wenn er sich das gefallen lässt.
  • Wiederholen Sie diese Maßnahmen möglichst oft. Gibt es dabei keine Probleme, so kann man beginnen, mit einer Salbentube oder einer Spritze (ohne Nadel) zu üben.

Von Hannelore Mezei