Frühlingsgefühle bei Papageien

Warum sie trotzdem fliegen müssen …

Flieg‘, Vogel, flieg‘ – wer erfreut sich nicht an fliegenden Vögeln, sind sie doch Sinnbild für Freiheit und Unabhängigkeit; besonders im Frühling, wenn es draußen zwitschert und die Fortpflanzungszeit beginnt, das Grün sprießt und die Lebensgeister erwachen. Ganz anders stellt sich die Situation in der Vogelhaltung – vor allem in der Papageienhaltung – dar! So mancher Vogelhalter fürchtet sich geradezu vor der Balzzeit, vor allem dann, wenn er Amazonen oder Kakadus hält. Durch gesteigertes Aggressionsverhalten erinnern uns die Krummschnäbel daran, dass sie Wildtiere sind und wir uns in Acht nehmen müssen. Und da heißt es, im Sinne des Tierwohls und der Artgerechtigkeit zu reagieren und nicht aus reiner Bequemlichkeit.

Willi fliegt Attacken

Lola und Willi haben sich im Papageienschutzzentrum gefunden. Schon seit Jahren sind sie ein Paar: er, der Scheue und sie, die Zahme, die sich gerne auf die Schultern ihrer menschlichen PflegerInnen setzt. Willi sieht das gar nicht gern, belässt es jedoch meist dabei, jede Bewegung seiner Lola und die seines „Gegenspielers“ genau zu beobachten. Nur im Frühjahr wird alles anders. Wenn im Februar die Tage länger werden, kommen die beiden in Brutstimmung (auch ohne Nistkasten) und dann ist ein gemeinsamer Aufenthalt von PflegerIn und Kakadus in der Voliere nicht mehr möglich. Willi lässt keine Möglichkeit aus, Attacken zu fliegen – mitten ins Gesicht! Niemand darf seiner Lola näher kommen und umgekehrt. So ist das Füttern und Pflegen nur möglich, wenn die beiden inzwischen in einer Schleuse sind.

Frida wurde rasch zur „richtigen“ Amazone

Mülleramazone Frida ist noch nicht lange an der Station. Es ist ihr erster Frühling unter Artgenossen. Viele Jahre hat sie alleine gelebt, und das sieht man noch an ihrem zerrupften Gefieder, das sich erst nach der Mauser wieder glatt und makellos entwickeln wird. Die Hormone waren schneller. Frida ist in Brutstimmung und zeigt uns ihre gesteigerte Aggressivität durch Aufstellen des Nacken- und Schwanzgefieders und durch rasches Öffnen und Schließen der Pupillen.

Manche Papageien, so auch einige Aras im Papageienschutzzentrum, attackieren gerne die Füße, laufen uns regelrecht nach, wenn sie ihr Revier verteidigen.

Aggression gehört dazu

Papageien müssen also nicht unbedingt verpaart sein, um Frühlingsgefühle zu entwickeln. In jedem Fall ist die damit verbundene, gesteigerte Aggressivität normal und darf keineswegs dazu verleiten, die Schwungfedern zu stutzen, um Angriffe auf den Menschen zu verhindern! Leider wird das „Flügelstutzen“ immer noch angewandt, obwohl das Österreichische Tierschutzgesetz die dauerhafte Einschränkung der Flugunfähigkeit durch operative Eingriffe verbietet. Auch das Stutzen der Schwungfedern der Handschwingen darf nur aus tier- oder artenschutzrelevanten Gründen erfolgen, die jedoch nicht näher definiert werden. Auch Experten, die seit Jahrzehnten mit Papageien arbeiten, fallen keine ein. Denn die „Nebenwirkungen“ des flugunfähig-Machens können verheerend sein und wiegen die Vorteile (kein Entfliegen, keine Flugattacken) sicher nicht auf.

Flügelstutzen ist tierschutzwidrig!

Um einen Vogel flugunfähig zu machen, muss der Großteil seiner Schwungfedern stark gekürzt sein. Je nach Ausmaß der Kürzung kann der Vogel entweder flattern oder ist zur Gänze flugunfähig. Wird nur wenig gekürzt, so kann der Vogel bei entsprechenden Windverhältnissen doch wegfliegen.

In jedem Fall hat das Kürzen der Schwungfedern für das Tier auch massive psychische Konsequenzen, es verändert das subjektive Sicherheitsempfinden und damit das Selbstwertgefühl. Dem flugunfähigen Vogel wird rasch bewusst, dass er sich nicht gegen Angreifer wehren bzw. nicht ausreichend schnell flüchten kann. Deshalb wird diese Methode mitunter ganz gezielt bei aggressiven (z.B. in Brutstimmung befindlichen) Vögeln angewandt. Sie sollte jedoch nur die absolute Ausnahme in Situationen darstellen, die ad hoc nicht anders gelöst werden können (z.B. indem man aggressive Vögel extra unterbringt). Keinesfalls ist die Methode regelmäßig anzuwenden!

Ein durch Kürzen der Schwungfedern flugunfähig gewordener Vogel läuft Gefahr, abzustürzen und sich mitunter schwer zu verletzen (z.B. Verletzungen des Brustbeins, des Schnabels, der Beine). Häufig beginnen Vögel mit gestutzten Schwungfedern die Federn zu rupfen, was auf eine vermehrte Stressbelastung hindeutet. Tierschutzgründe FÜR das Kürzen der Schwungfedern können daher in der Praxis nicht festgestellt werden.

Zweifelhafte Freiheit im Garten

Der Mensch sieht im Allgemeinen nicht gerne Gitter. Außerdem benötigt man für Gartenvolieren Platz und Geld. Deshalb reden sich manche PapageienhalterInnen ein, die Vögel hätten es besser, würden sie frei im Garten sitzen – mit gestutzten Flügeln.

Flugunfähige Vögel, die frei im Garten sitzen, sind verstärkt Gefahren ausgesetzt (z.B. Greifvögel, Katzen, Marder, etc.), die vom Menschen empfundene Freiheit ist ein Trugschluss, der auf menschlichen Projektionen beruht und nichts mit Tiergerechtigkeit zu tun hat. Es ist der Mensch, der keine Gitter sehen mag, für einen Vogel in Gefangenschaft bringen die Gitter einer angemessen großen Voliere jedoch Sicherheit und Klettermöglichkeiten.

Papageien fliegen kilometerweit

Auch das Vorurteil, Papageien wären keine guten Flieger, sondern würden viel lieber klettern, hält sich hartnäckig. Papageien können jedoch täglich mehrere Kilometer mühelos zurücklegen. Die Aktivitätsmuster der meisten Papageienarten folgen einem Tagesgang. Sie brechen bald nach Sonnenaufgang von ihren Schlafplätzen zu ihren Nahrungsgründen auf und fliegen abends wieder retour.

Der Tagesgang – schwer nachzuahmen

Dies auf die Gefangenschaft zu übertragen ist schwierig bis unmöglich, dennoch kann man auch hier zumindest Ansätze eines Tagesgangs simulieren. Zum Beispiel kann man die Vögel in den Sommermonaten tagsüber in einer Gartenvoliere unterbringen und sie abends zur Übernachtung in den Wohnbereich bringen. Bewohnen die Vögel ein eigenes Vogelzimmer, sollte ihnen tagsüber stundenweiser Aufenthalt im Wohnzimmer bzw. dort, wo sich auch die Menschen aufhalten, gewährt werden. Werden die Vögel nur in einem Zimmer gehalten, so empfiehlt es sich, die verschiedenen Ecken des Zimmers unterschiedlich attraktiv zu machen, zum Beispiel können in einer Ecke Leckerbissen versteckt werden, in der anderen erfolgt die Fütterung und in der dritten Ecke wird frisches Nagematerial deponiert.

Fliegen oder Gehen – eine Kosten-Nutzen-Rechnung

Da Fliegen eine sehr energieintensive Fortbewegungsweise ist, führt der Vogel gewissermaßen eine „Kosten-Nutzen-Rechnung“ durch, bevor er entscheidet, ob er von A nach B fliegt oder geht. Kürzere Strecken werden daher oft zu Fuß zurückgelegt. Bieten sich in weiterer Entfernung keine attraktiven Ziele, besteht aus Sicht des Vogels kein Grund, zu fliegen – die Flugmuskulatur verkümmert so durch mangelnden Gebrauch, es beginnt ein Teufelskreis, der die Kondition und damit auch die Gesamtgesundheit des Vogels immer schlechter werden lässt.

Das Wichtigste

Daher können wir folgende Schlussfolgerungen ziehen: Wer sich für die Vogelhaltung entscheidet, muss in Kauf nehmen, dass Vögel fliegen! Daher sind entsprechende Vorkehrungen zu treffen, damit sie nicht entfliegen und bei gesteigerter Aggressivität nicht attackieren können (Fenster- und Balkongitter, Schleusen). Das Fliegen dient maßgeblich der Gesunderhaltung der Vögel – physisch und psychisch – und darf daher nicht eingeschränkt werden.

Das Flügelstutzen ist in Österreich seit 2005 verboten und dürfte ausnahmsweise nur aus tier- oder artenschutzrelevanten Gründen angewendet werden, die jedoch in der Praxis keine Relevanz haben. Daher muss auch dringend davon abgeraten werden, dass Tierärzte dies aus Gefälligkeit dem Tierhalter gegenüber durchführen.       n

Mag.a Nadja Ziegler
Präsidentin / Zoologin
Papageienschutzzentrum in Vösendorf bei Wien
Tel: 0676-4990506 • arge@papageienschutz.org
www.papageienschutz.org
fb: ArbeitsgemeinschaftPapageienschutz
Besuchszeiten: Freitag, 14-17 Uhr

Spenden an den Verein sind steuerlich absetzbar!
SPENDENKONTO: BAWAG PSK
Arbeitsgemeinschaft Papageienschutz
IBAN: AT51 6000 0000 9206 4164 • BIC: BAWAATWW