Falsche Ernährung macht krank

Falsche-Ernährung-macht-krankDer Anblick von süßen, spielenden Hundewelpen zaubert meistens ein Lächeln in alle Menschengesichter – selbst wenn die Betreffenden wenig mit Hunden am Hut haben. Hundeliebhabern geht dabei aber so richtig das Herz auf, wenn sie die tollpatschigen Hundekinder beim Herumrennen und einander Nachlaufen beobachten. Die Gesundheit junger Hunde ist jedoch nicht selbstverständlich, und besonders die großen Rassen müssen einige nicht ungefährliche Lebensmonate hinter sich bringen, bis sie gesunde Junghunde werden. Die Möglichkeiten, im ersten Hundejahr krank zu werden, sind vielfältig. Neben Unglücksfällen wie überfahren zu werden, irgendwo hinunterzufallen oder eine gefährliche  Infektionskrankheit aufzuschnappen, spielt auch falsche Ernährung eine große Rolle für schwere Erkrankungen. Denn wenn Welpen über einen längeren Zeitraum das falsche Futter bekommen – auch wenn es im guten Glauben des Besitzers passiert – führt dies zu schweren Störungen im Skelettaufbau.

Patient Amadeus

Amadeus, ein 5 Monate alter männlicher Mischlingshund wurde vorgestellt, weil er seit einem Tag nicht mehr aufstehen wollte; seit ungefähr einer Woche hatten die Besitzer eine zunehmende Apathie und Antriebslosigkeit festgestellt, der Welpe wollte nicht mehr wie früher springen und spielen. Laut Vorbericht stammte der Hund aus einer privaten Zucht, war geimpft und entwurmt worden und seit 3 Monaten bei der Besitzerfamilie. Amadeus war der erste eigene Vierbeiner für den Besitzer, welcher mit besonderer Sorgfalt im Internet „alles über den Hund“ recherchiert hatte, um dem neuen Familienmitglied das Beste zukommen zu lassen. Die klinische Untersuchung zeigte einen müden jungen Hund, der sich nur mit Widerwillen auf die Beine zu stellen war. Herz und Kreislauf waren zwar unauffällig, doch erwies sich das Abtasten des Skelettes im Allgemeinen und insbesondere an den Extremitäten als sehr schmerzhaft. Für die diagnostische Aufarbeitung wurde eine Blutuntersuchung eingeleitet und Röntgenbilder von allen Extremitäten wurden angefertigt. Auf den Röntgenbildern zeigte sich eine Abnahme der Knochendichte auf allen abgebildeten Knochen. Zusätzlich hatte Amadeus einen Knochenbruch an je einem Vorder- und einem Hinterbein. Bei einer jetzt sehr genauen Hinterfragung der bisherigen Fütterung stellte sich heraus, dass die Besitzer im Bestreben einer möglichst gesunden und naturbelassenen Ernährung den Hundewelpen hauptsächlich mit Rohfleisch gefüttert hatten.

Manchmal gab es  zwar auch einen Knochen und etwas Gemüse und Flocken, doch eher selten. Aufgrund der festgestellten Veränderungen und des Vorberichtes der überwiegend reinen Fleischfütterung wurde die Diagnose „Sekundärer alimentärer Hyperparathyreoidismus“ gestellt: eine durch die Fütterung ausgelöste Überfunktion der Nebenschilddrüsen. Therapeutisch wurden Amadeus Schmerzmittel verabreicht, die Frakturen wurden mit gut gepolsterten Schienen- verbänden behandelt und eine Umstellung auf ein kommerziell erhältliches Hundefutter wurde angeraten. Um die Therapie ordnungsgemäß einzuleiten und den Krankheitsverlauf beurteilen zu können, wurde Amadeus eine Woche lang stationär aufgenommen. Die Umstellung auf eine kommerzielle qualitativ hochwertige Diät verlief problemlos. Beim Aufstehen und Sich-Hinlegen brauchte Amadeus anfänglich viel Unterstützung um nicht um- zufallen. Die Liegeunterlage war weich und angenehm. Er musste mehrmals am Tage auf die Wiese gebracht werden, um Kot- und Harnabsatz zu gewährleisten. Schon nach drei Tagen wurde der Welpe zunehmend lebhafter, und am Ende der Woche bewegte er sich zwar etwas unsicher und staksig, aber brav mit den geschienten Beinen. Amadeus konnte mit entsprechenden Anweisungen zur Verbandpflege und festen Kontrollterminen zum Verbandswechsel bzw. Röntgenkontrolle der Knochenbrüche in häusliche Pflege entlassen werden.

KnochenWarum reine Fleischfütterung  krank macht

Der Körper eines Hundes wird vom Skelett und den Muskeln geformt und getragen. Die Festigkeit der Knochen ist durch die Mineralstoffe gegeben, welche etwa zwei Drittel der gesamten Knochenmasse ausmachen. Das Kalziumphosphat stellt ungefähr 85% dieser wichtigen Mineralstoffe dar. Kalzium und Phosphor stehen im Körper in einem bestimmten Gleichgewicht zueinander, und die Nebenschilddrüse achtet darauf, dieses Gleichgewicht auf- recht zu halten. Wenn von außen durch falsche Fütterung (reine Fleischfütterung!) ein Überangebot von Phosphor besteht, schüttet sie vermehrt Hormone aus und bewirkt, dass das im Knochen vorhandene Kalzium abgebaut wird, um das Phosphat-Überangebot auszugleichen. In der Niere werden zusätzlich vermehrt Phosphate ausgeschieden. Reines Muskelfleisch ohne Knorpel, Fisch ohne Gräten und Innereien wie Herz, Leber und Nieren enthalten einen sehr hohen Phosphatanteil. Wenn über längere Zeit zu viel Phosphor oder eben zu wenig Kalzium gefüttert wird, kommt es zu einer Entkalkung der Knochen. Die Knochen verlieren ihre Festigkeit, werden dünner und können sich verformen. Spontane Knochenbrüche können auftreten, welche beim jungen Tier glücklicherweise oft ohne grobe Verlagerung auftreten, da die noch sehr starke Knochenhaut den Knochen in seiner äußeren Form halten kann. Man spricht dann von „Grünholzfrakturen“ – auch ein saftiger junger Zweig ist schlechter zu brechen als ein alter trockener Ast.

Die Therapie

Therapeutisch steht in erster Linie eine ausgewogene Ernährung unter Wahrung eines Kalzium-Phosphor-Verhältnisses von fast 1:1. Die entstandenen Knochenbrüche müssen nur selten chirurgisch versorgt werden, gepolsterte Schienenverbände sowie eventuell die Unterbringung auf kleinem Raum und eine adäquate Schmerzbehandlung reichen meist aus. Einmal entstandene Deformationen von Knochen können jedoch in den meisten Fällen nicht mehr ausgeglichen werden und können zu einem späteren Zeitpunkt im Beckenbereich zu Schwierigkeiten beim Kotabsatz und speziell bei weiblichen Tieren zu Geburtsschwierigkeiten führen. Solche Folgeschäden müssen bei Bedarf operativ behoben werden.

Amadeus  hatte Glück

Im Gegensatz zu vielen anderen falsch ernährten Hundekindern hatte Amadeus Glück; nach der Umstellung auf hochwertiges kommerziell erhältliches Hundefutter wurde er wieder ganz gesund und hatte keine bleibenden Schäden. Die Anhänger des Rohfleischfütterns unter den Hundebesitzern müssen sich bewusst sein, dass dies eine problematische Fütterungsmethode ist und dass eine fachliche Überprüfung der Futterzusammenstellung durch den auf Ernährung spezialisierten Tierarzt nötig ist. Die Mineralstoffversorgung – insbesondere Kalzium und Phosphor – muss ausgeglichen sein, und der Spurenelement- und Vitamingehalt des Futters müssen an Größe und Rasse des Hundes angepasst sein.