Erhöhte Verletzungsgefahr für Hunde und Katzen im Sommer

Worauf Tierhalter achten sollen

Die schöne Jahreszeit steigert die Unternehmungslust bei Mensch und Tier. Sowohl die Zweibeiner als auch die Vierbeiner streben hinaus in die Natur – Bewegung ist angesagt. Das ist gesund und macht Spaß, birgt aber auch die Gefahr spezieller Verletzungen in sich. Da viele Menschen diese bei ihren Haustieren unterschätzen und nicht angemessen darauf reagieren, hat „mein HAUSTIER” Dr. Armin Pirker von der Veterinärmedizinischen Universität Wien dazu befragt.

mein HAUSTIER: Herr Dr. Pirker, was sind die häufigsten Verletzungen, die Sie in den Sommermonaten in der chirurgischen Ambulanz sehen?

Dr. Pirker: Es gibt sehr viele Bissverletzungen bei Hunden und Katzen, weil die Tiere im Sommer mehr im Freien sind. So treffen die Vierbeiner vermehrt auf Artgenossen, und da sich nicht alle gleich gut riechen können, kommt es zu Raufereien, die oft mit bösen Verletzungen enden.

Leider sind immer noch viele Katzenbesitzer der Meinung, dass Samtpfoten ein unfehlbares Gleichgewichtsempfinden haben und auch in großen Höhen nicht absturzgefährdet sind. Besonders in der Stadt besteht die Unsitte, Katzen mangels eines Gartens auf der Terrasse und am Dach spazierengehen zu lassen oder ungesicherte Fenster in oberen Stockwerken offen stehen zu lassen. Katzen werden daher häufig zum Opfer eines Fenstersturzes oder fallen vom Dach in die Tiefe. Lebensgefährliche Verletzungen sind das Resultat. Besonders im Spätsommer häufen sich die Komplikationen durch in Ohren oder Pfoten eingespießte Grannen der Mäusegerste, eine Grasart, die an Wegrändern, in Gärten und auf Sommerwiesen wächst.

Wie sollen sich Tierbesitzer verhalten, wenn ihr Hund in eine Rauferei gerät oder ihre Katze gebissen wurde?

Tierbesitzer sollten nur im Notfall Trennungsversuche unternehmen. Die Gefahr, dabei selbst gebissen zu werden, ist hoch. Wenn die Rauferei vorbei ist, müssen die beteiligten Tiere genauestens inspiziert werden, ob Einbisse gefunden werden können. Denn die Problematik der Bissverletzungen liegt ja oft darin, dass sie nicht gleich entdeckt werden, weil die Reißzähne zwar tiefe, verkeimte Wundkanäle verursachen, äußerlich jedoch nur eine sehr kleine Öffnung zu sehen ist. Besonders Katzenzähne verursachen oft nur winzige und dementsprechend schwer zu findende Wundöffnungen. Da sich kleine Hautwunden schnell verschließen, ist kein adäquater Wundausfluss möglich, und in der Folge können sich auch aus kleinen Wunden große Abszesse entwickeln. Blutverklebte Stellen des Felles sollten am besten ausrasiert werden. Dadurch kann das Ausmaß der Verletzung festgestellt und auch ein verbesserter Wundabfluss gewährleistet werden.

Sollte nach Beißereien in jedem Fall ein Tierarzt aufgesucht werden?

Ein Tierarzt kann sicherlich besser als der Laie abschätzen, ob eine Wundsanierung notwendig ist. Normalerweise werden Bisswunden nicht genäht, sondern offengelassen. Je nach Lage und Wundcharakter müssen Bissverletzungen auch drainagiert werden, was bedeutet, dass das Wundsekret mit einem kleinen Schlauch aus der Wunde abgeleitet wird. Bei größeren Bissverletzungen wird die Wunde gereinigt und gespült, um Schmutz und kleine Fremdkörper zu entfernen und das Tier mit Antibiotika versorgt. Auch bei größeren Hautdefekten darf die Wunde in der Regel nicht gleich genäht werden, da darunter eine Infektion entstehen könnte, wodurch noch mehr Gewebe zugrunde ginge. Bis zur Bildung von Granulationsgewebe (zell- und blutgefäßreiches Bindegewebe, das bei der Heilung entsteht) wird die Wunde mit Verbänden versorgt. Granulationsgewebe ist sehr widerstandsfähig und eine natürliche Barriere. Daher reicht es ab dem Vorhandensein dieses Gewebes, die Wunde mit einem T-Shirt zu schützen. Zweimal täglich sollte die Wunde gespült werden, um das Gewebe feucht zu halten. Erst wenn ausreichend Granulationsgewebe gebildet wurde, können große Hautdefekte mit einer Hautplastik verschlossen werden.

Wie gefährlich sind Bisse in den Brustkorb oder in den Bauch?

Wenn der Verdacht der Eröffnung einer Körperhöhle, also des Brust oder Bauchraumes besteht, ist dies stets als Notfall zu betrachten. Das verletzte Tier muss sofort zum Tierarzt gebracht werden.

Sie haben anfangs erwähnt, dass Katzenbesitzer auf Abstürze ihrer Vierbeiner vom Dach oder aus dem Fenster nicht angemessen reagieren, weil sie die Gefährlichkeit der Situation nicht erkennen. Wie können Sie sich das erklären?

Wie schon gesagt, einige Katzenbesitzer glauben einfach nicht, dass Katzen das Gleichgewicht verlieren und abstürzen können. Und wenn es schon einmal passiert, dann sollen sie bitte unversehrt auf ihren Pfoten landen. Aber so ist das leider nicht immer! Es reicht manchmal ein vorbeifliegender Vogel oder ein stärkerer Windstoß, dass die Katze abstürzt. Vor allem im städtischen Bereich landet sie dann meist auf Beton oder Asphalt, was oft zu massiven, lebensbedrohenden Verletzungen führt. Die häufigsten Verletzungsmuster sind Knochenbrüche der Extremitäten und Lungenquetschungen bzw. Lungenblutungen. Während der Besitzer bei Knochenbrüchen meist durch eine hochgradige Lahmheit auf die entstandene Verletzung aufmerksam wird, können Lungenverletzungen leicht übersehen werden. Selbst bei massiven Schädigungen des Lungengewebes können Katzen teilweise anfangs trotzdem weitgehend normal atmen. Tierbesitzer erkennen dadurch die Gefährlichkeit der Situation nicht. Ein höhergradiges Atemproblem bis hin zur Erstickung kann sich aber auch erst Stunden nach dem eigentlichen Unfall entwickeln. Durch den Aufprall aus großer Höhe kann es aber auch zu Verletzungen wie Harn- oder Gallenblasenriss, Gekröseabriss bis hin zu Bauchspeicheldrüsenverletzungen im Bauchraum kommen. Auch hier kann es Tage dauern, bis das Tier verfällt. Bei Verletzungen des Darms ist es meist so, dass die Katzen einige Tage nach dem Sturz matt und appetitlos werden, zum Teil auch erbrechen. Das sind Alarmsymptome, die Katze sollte umgehend einem Tierarzt vorgestellt werden. Risse in der Gallenblase oder in den Gallengängen zeigen sich teilweise sogar erst Wochen später. Auch in diesem Fall machen die Tiere zuerst den Eindruck, dass sich der Zustand gebessert hätte, aber die wirkliche Erholung bleibt aus. Nach ca. drei Wochen tritt dann wieder eine schleichende Verschlechterung des Allgemeinzustandes ein. Höchste Zeit für den Tierarzt! Wichtig ist es, dem Tierarzt auch noch Wochen danach vom Absturz der Katze zu berichten.

Wie verhält man sich als Tierbesitzer nach einem Sturz der Katze aus großer Höhe richtig?

Nach jedem Sturz aus großer Höhe muss die Katze möglichst schnell zum Tierarzt gebracht werden. Nach eingehender Untersuchung bzw. den eventuell notwendigen Notfallsmaßnahmen sollte in jedem Fall ein Lungenröntgen gemacht werden. Auch wenn Untersuchung und Röntgen keinen Hinweis auf eine Verletzung ergeben, sollte das Tier auf alle Fälle einige Tage durch den Besitzer verstärkt beobachtet werden, da sich innere Verletzungen – wie schon gesagt – oft erst später zeigen. Bei Vorliegen von Schocksymptomatik oder dem Verdacht von inneren Verletzungen sollten die abgestürzten Samtpfoten ein bis zwei Tage in der Klinik beobachtet werden. Dabei kann auch gleich die Schocktherapie erfolgen und der Kreislauf und die Atmung stabilisiert werden. Die Tiere erhalten intravenöse Infusionen und natürlich auch eine Schmerztherapie. Allgemein kann ich Katzenbesitzern nur anraten, sowohl Fenster als auch Balkone und Dachterrassen mit Netzen oder Gittern zu sichern und ihre Katzen nicht übers Dach spazierengehen zu lassen.

Man hört auch immer wieder, dass Katzen in Kippfenstern hängen bleiben…

Die Gefahr, die für Katzen von gekippten Fenstern ausgeht, ist nicht zu unterschätzen. Für Katzen stellen gekippte Fenster eine Einladung für einen Spaziergang im Garten dar. Sie versuchen den Spalt an der weitesten Stelle mit einem Sprung zu durchqueren. Leider misslingt dieser Versuch häufig, und die Katze bleibt im Spalt hängen. Bei dem nachfolgenden Versuch sich selbst aus der misslichen Lage zu befreien, rutscht die Katze immer tiefer in den Fensterspalt und klemmt sich dabei immer mehr ein. Dabei werden sowohl Blutgefäße als auch Nerven massiv gequetscht. Je nach Dauer, in der sich der Vierbeiner in dieser ausweglosen Situation befindet, können die Folgen verheerend sein und auch zum Tod der Katze führen. Katzen, die aus dem Kippfenster befreit werden, sollten – auch wenn es ihnen augenscheinlich gut geht – jedenfalls einer/einem Tierärztin/Tierarzt vorgestellt werden.

Sie haben zu Beginn erwähnt, dass die Grannen der Mäusegerste gesundheitliche Komplikationen hervorrufen können. Worin bestehen diese?

Die Grannen der Mäusegerste, im Volksmund auch Schliefhansel genannt, sind die klassischen Fremdkörper im Spätsommer. Sie spießen sich in Nase, Ohr und im Zwischenzehenbereich ein. Je nach Lokalisation sind anhaltendes Nießen und einseitiger blutiger Nasenausfluss, heftiges Kopfschütteln oder Lahmheit mit Schwellung und Entzündung im Zwischenzehenbereich die Symptome. Werden Schliefhansel nicht gleich vom Tierarzt entfernt, wandern sie oft mit Hilfe ihrer Widerhaken immer tiefer ins Gewebe. Und kaum jemand weiß, dass so ein Schliefhansel von der Pfote bis ins Rückenmark oder von der Nase durch die Lunge in den Brustkorb wandern kann. Es können dadurch lebensbedrohende Zustände entstehen. Heilung ist dann nur mehr durch eine zum Teil aufwendige Operation möglich. So leicht die Diagnose des „frisch eingefangenen” Fremdkörpers ist – bei der Besichtigung von Nase und Ohr mittels Endoskop bzw. Otoskop, bei der Pfote mit dem freien Auge – so schwierig wird sie, wenn der Schliefhansel ins Gewebe eingewandert ist: Selbst mit Computertomografie entdeckt man diese oft sehr kleinen Fremdkörper nur selten, weil sie häufig von dichtem Entzündungsgewebe umgeben sind. Es ist daher ganz wichtig, Grannen noch an der Eintrittspforte zu entfernen.

Da sich Schliefhansel zuerst immer an den Haaren festsetzen, sind langhaarige Hunde besonders oft davon betroffen. Daher ist es empfehlenswert, nach jedem Spaziergang besonders pelzige Pfoten und Ohrmuscheln zu kontrollieren. Zur Vorbeugung sollte man die Haare im Pfotenbereich und an den Ohren kurz halten.

Herr Dr. Pirker, herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview geführt von
Dr. Herta Puttner


Das sagt die Tierschutzombudsstelle

KatzenhalterInnen sind verpflichtet, ihre Fenster und Balkone, zu denen die Katze Zugang hat und bei denen Absturzgefahr besteht, mit geeigneten Schutzvorrichtungen (Gitter oder Netz) zu sichern. Auch bei gekippten Fenstern ist darauf zu achten, dass die Katze nicht durchklettern und sich verletzen kann. Sowohl Fachhandel als auch eigens auf Absturzsicherungen spezialisierte Firmen bieten fertige Katzengitter/-netze bzw. individuelle Lösungen. KatzenhalterInnen, die ihre Fenster und Balkone nicht sichern, begehen Verwaltungsübertretungen und müssen mit Strafen bis zu € 7.500 rechnen. Kommen Katzen durch nicht gesicherte Fenster und Balkone zu Schaden, können sogar Strafen bis zu € 15.000 Euro verhängt werden.


Dr. Armin Pirker
Klinik für Chirurgie, Augen- und Zahnheilkunde
Veterinärmedizinische Universität Wien