Epilepsie betrifft auch Vierbeiner

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Mitten in der Nacht schreckte Beagle Julians Frauchen aus dem Schlaf auf. Ein Aufschrei Julians hatte sie geweckt. Wie immer hatte der Beagle-Rüde ruhig in seinem Körbchen neben Frauchens Bett geschlafen, doch jetzt schüttelten ihn Krämpfe, seine Augen blickten ins Leere, und er speichelte extrem und verlor Harn und Kot. Nach knapp zwei Minuten, die Julians Besitzerin wie zwei Stunden vorkamen, war der Spuk vorbei. Julians Körper erschlaffte, er lag noch kurz auf der Seite und stand dann wieder auf, war jedoch noch sehr unruhig und lief hektisch im Kreis. Den Abschluss des Anfalls bildete eine Heißhungerattacke des Vierbeiners, der dabei sogar versuchte, die Türe des Futterschranks gewaltsam zu öffnen. Der noch in der Nacht zu Hilfe gerufene Haustierarzt diagnostizierte einen epileptischen Anfall, verabreichte dem Beagle eine Beruhigungsspritze und überwies Julian an eine Klinik zu weiterführenden Untersuchungen wie Harn- und Blutuntersuchungen, neurologischen Untersuchungen und – wenn nötig – Computertomographie oder Magnetresonanztomographie. Auch Kater Leo leidet unter epileptischen Anfällen, die sich jedoch wesentlich undeutlicher äußern als der Anfall bei einem Hund. Leo liegt dann plötzlich ganz ruhig mit weitgeöffneten Augen mit weiten, kreisförmigen Pupillen und speichelt stark. Er vollführt schmatzende Maulbewegungen, und die Schnurrbarthaare und Ohrspitzen zittern. In diesem Zustand reagiert Leo weder auf Geräusche noch auf andere Reize. Dann jedoch rennt er plötzlich los oder springt unkoordiniert herum. Es kam auch schon vor, dass so ein katzentypischer Anfall in Bewusstlosigkeit überging – einmal sogar in einen sogenannten „Status Epilepticus“. Davon spricht man, wenn der Anfall nach wenigen Minuten nicht von selbst endet. Damals musste Leo in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt werden, damit sich sein Gehirn und sein ganzer Körper wieder erholen konnten. Während des Tiefschlafs wurden die epileptischen Aktivitäten im Gehirn mit Hilfe eines Elektroenzephalogramms (EEG) gemessen, wodurch auch der richtige Zeitpunkt für die Beendigung der Narkose bestimmt werden konnte.

Krampfanfälle durch exzessive Entladungen im Gehirn

Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der es durch exzessive Entladung einzelner Nervenzellen zu spontanen und wiederholten Krampfanfällen mit oder ohne Bewusstseinsverlust kommt. Die gerne verwendete Bezeichnung „Gewitter im Gehirn“ ist zutreffend. Das Erscheinungsbild der Anfälle variiert. Bei vielen Hunden beginnt der Anfall im Schlaf, weil das Gehirn in der Einschlaf- und Aufwachphase am instabilsten ist. Je nachdem, ob die Entladungen auf einen bestimmten Bereich im Gehirn begrenzt bleiben oder sich über das ganze Gehirn verbreiten, spricht man von einem fokalen (herdförmigen) oder einem generalisierten Anfall. Da sich fokale Anfälle auf vielerlei Arten bemerkbar machen – zum Beispiel durch „im Kreis laufen“, Anbellen von eingebildeten Personen oder Gegenständen, vereinzelte Muskelzuckungen, ins Leere starren oder Fliegenschnappen – ist die Unterscheidung von Verhaltensstörungen oft schwierig. Generalisierte Anfälle hingegen sind durch eine deutliche Beeinträchtigung des Bewusstseins bis hin zum Bewusstseinsverlust gekennzeichnet. Meist dauert ein generalisierter Anfall nur wenige Minuten. Im Anschluss daran finden sich häufig die im Fall des Beagles Julian beschriebenen Erregungszustände und Zwangsbewegungen. Der Grund für den typischen Heißhunger nach einem Anfall ist folgender: Während eines Anfalls werden im Gehirn Hormone ausgeschüttet, die das Fresszentrum stimulieren. Es kann Stunden bis Tage dauern, bis die Tiere zu einem normalen Verhalten zurückfinden. Wenn jedoch sehr viele Anfälle knapp hintereinander auftreten, muss unbedingt mit Medikamenten, die die Erregungsüberleitung im Gehirn verzögern, eingegriffen werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Anfälle so rasch aufeinander folgen, dass sich das Tier dazwischen nicht mehr erholen kann und in den lebensbedrohenden Status Epilepticus fällt; eine Notsituation, die ohne tierärztliche Hilfe tödlich ausgeht.

Primäre und sekundäre Epilepsie

Prinzipiell unterscheidet man zwischen primärer (idiopathischer) und sekundärer (erworbener) Epilepsie. Bei der primären Epilepsie weiß man eigentlich nicht, wieso es zu den Anfällen kommt, da keinerlei organische Ursachen gefunden werden können. Die sekundäre oder erworbene Epilepsie tritt als Folge von anderen Grunderkrankungen auf. Zum Beispiel nach Unfällen mit Gehirntraumen, durch Infektionskrankheiten wie Staupe oder FSME (virale Gehirnentzündung), durch Stoffwechselerkrankungen und Gehirntumore. Bei Katzen sind sehr häufig Vergiftungen die Grundursache für die sekundäre Epilepsie. Die Symptome sind bei beiden Epilepsieformen gleich. Während jedoch bei der erworbenen Epilepsie je nach Ursache die Chance einer Heilung besteht, ist die primäre Epilepsie unheilbar und muss lebenslang therapiert werden.

Epilepsie kann bei Hunden vererbt werden

Bei Hunden gibt es bei der primären Epilepsie eine vererbliche Form. Besonders häufig von primärer Epilepsie betroffen sind Beagle, Cocker Spaniel, Pudel, Dackel, Retriever und Schäferhunde. Die Züchter dieser Rassen sollten in die Pflicht genommen werden, Epilepsie in ihrem Zuchtprogramm zu berücksichtigen und sich an den entsprechenden genetischen Forschungsprojekten durch das Einsenden von Blutproben zu beteiligen. Aktuell werden an der Universität München Blutproben aus dem deutschsprachigen Raum für die genetische Forschung zur idiopathischen Epilepsie gesammelt. Kontakt: Medizinische Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians- Universität München, Prof. Dr. med. vet. Andrea Fischer, Veterinärstraße 13, 80539 München, Deutschland. E-Mail: andrea.fischer@med.vetmed.uni-muenchen.de.

Richtiges Verhalten wahrend des Anfalls

„I Schauen Sie sofort auf die Uhr, damit Sie wissen, wann der Anfall begonnen hat und wie lange er andauert. Wenn ein Anfall langer als funf Minuten dauert, befindet sich das Tier im Status Epilepticus und benotigt sofortige tierarztliche Hilfe. „I Greifen Sie niemals mit der Hand zum Maul des krampfenden Vierbeiners! Das Tier hat keine Kontrolle uber seine Bewegungen und konnte unvermittelt und heftig zubeisen. „I Versuchen Sie eine eventuelle Verletzung des Tieres zu verhindern, indem Sie spitze oder zerbrechliche Gegenstande aus dem Weg raumen oder einen Polster zwischen den Kopf des Tieres und einen harten Widerstand (z.B. ein Heizkorper) schieben. Katzen, die sich auf einem erhohten Platz befinden, sollten in eine Decke gewickelt und auf den Boden gelegt werden. „I Suchen Sie am Tag nach dem Anfall unbedingt den Tierarzt auf.

Gute Lebensqualität durch exakt dosierte antiepileptische Therapie

Obwohl man bei der erworbenen Epilepsie auch versuchen wird, die auslösende Grundkrankheit zu behandeln, ist die Therapie der Epilepsie selbst bei beiden Epilepsieformen gleich, da ja auch die Funktionsstörung im Gehirn bei beiden Formen gleich ist. Grundsätzlich wünschenswerte Eigenschaften von antiepileptischen Medikamenten sollten neben der raschen und guten Wirkung gegen Anfallsattacken auch keine bis wenige Nebenwirkungen, praktikable Verabreichungsintervalle (ein bis zweimal täglich) und ein niedriger Preis sein. Diese ideale Kombination bei einem antiepileptischen Medikament gibt es derzeit leider nicht. Daher muss man Kompromisse eingehen und für jeden Patienten eine individuelle Therapie erstellen, die den Bedürfnissen des Patienten, aber auch unbedingt den Anforderungen an den Besitzer genügt. Beispielsweise kann ein berufstätiger Besitzer seinem Haustier nicht viermal täglich ein Medikament verabreichen, und einem Patienten mit Magenbeschwerden muss ein möglichst magenschonendes Antiepileptikum verabreicht werden. In der Veterinärmedizin hat sich Phenobarbital als Standardmedikament schon seit langem bewährt, da es bei allen Tierarten – auch bei Katzen – einsetzbar ist. Daher wird Phenobarbital auch heute noch als das Therapeutikum erster Wahl eingesetzt. Waren vor 20 Jahren nur 2-3 Substanzen in der Veterinärmedizin in Verwendung, so hat sich diese Zahl auf zehn verschiedene Präpararate gesteigert, die teilweise als Alternative zur Standardtherapie eingesetzt werden. Aber auch hier gilt: „Never change a winning team!“ Denn Phenobarbital (bekannt z.B. auch als Luminal) ist sehr gut dosierbar, – vom Mini-Kätzchen bis zur Riesen-Dogge. Und die genaue Dosierung macht den Unterschied zwischen einem gut eingestellten, normal lebhaften Tier und einem schlecht eingestellten, im Alltag deutlich gedämpften Vierbeiner. Daher ist es wichtig, Tabletten zu wählen, die groß genug sind, dass man sie gut teilen und damit gut dosieren kann. Das Teilen sehr kleiner Tabletten führt häufig zu ungenauer Dosierung. Zusätzlich zu den spezifischen Präparaten mit ihren Epilepsie-reduzierenden Eigenschaften können auch andere Therapiemaßnahmen als Unterstützung empfohlen werden. Jede therapeutische Maßnahme zur Verminderung von Schmerz, Unwohlsein und generellem Stress verbessert das Wohlbefinden des Patienten und reduziert die Anfälligkeit gegenüber Epilepsie. Insgesamt ist Epilepsie als Symptom heute in vielen Fällen schon erfolgreich therapierbar und muss einer guten Lebensqualität von Tier und Mensch nicht mehr im Wege stehen.

Von Privatdozent Dr. Michael Leschnik
Veterinärmedizinische Universität Wien
und Dr. Herta Puttner
Fachtierärztin für Kleintiere