Epilepsie bei Vierbeinern

Epilepsie bei Vierbeinern

Als das Telefon kurz vor Mitternacht läutet, bleibt der Tierärztin kaum Zeit sich zu melden, da Timmys Frauchen ihr in Panik das Wort abschneidet: „Frau Doktor, ich habe gedacht der Timmy stirbt. Wie jede Nacht hat er ruhig im Korb neben meinem Bett geschlafen, aber plötzlich hat er aufgeschrien, ist zuerst ganz steif und dann von Krämpfen geschüttelt worden. Die Augen haben ins Leere geschaut, er hat extrem gespeichelt und Harn und Kot verloren. Knappe drei Minuten später war er wieder bei Bewusstsein. Jetzt läuft er wie verrückt im Kreis und kann sich nicht beruhigen. Ich bin total verzweifelt, kann ich gleich zu Ihnen kommen?“ Der vierjährige Spaniel-Rüde Timmy hat offensichtlich einen epileptischen Anfall erlitten. Seine verängstigte Besitzerin bringt ihn noch in derselben Nacht zur Tierärztin. Auf die von der Tierärztin verabreichte Injektion beruhigt der Vierbeiner sich rasch und die Frau Doktor kann nach der Vorgeschichte fragen. Es stellt sich heraus, dass noch zwei Wurfgeschwister von Timmy an Epilepsie leiden, die Krankheit also in der Zucht vererbt wurde. Leider sind bestimmte Rassen – z.B. Beagle, Pudel, Dackel – besonders häufig von Epilepsie betroffen; auch der Spaniel gehört dazu. Wobei männliche Tiere deutlich öfter an Epilepsie erkranken als weibliche.

Primäre Epilepsie – sekundäre Epilepsie

Die primäre Epilepsie wird oft vererbt und man weiß eigentlich nicht, wieso es zu den Anfällen kommt, da keinerlei organische Ursachen gefunden werden können. Im Gegensatz dazu gibt es die sekundäre (erworbene) Epilepsie nach Unfällen mit Gehirntraumen, durch Infektionskrankheiten, Stoffwechselerkrankungen, Vergiftungen und Gehirntumore. Die Symptome sind bei beiden Epilepsieformen gleich. Während jedoch bei der erworbenen Epilepsie die Chance einer Heilung nach Behebung der Grundkrankheit besteht, ist die primäre Epilepsie unheilbar und muss lebenslang therapiert werden.

Fokaler Anfall – generalisierter Anfall

Prinzipiell gilt: Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der es durch exzessive Entladung einzelner Nervenzellen zu spontanen und wiederholten Krampfanfällen mit oder ohne Bewusstseinsverlust kommt. Die gerne verwendete Bezeichnung „Gewitter im Gehirn“ ist zutreffend. Je nachdem, ob die Entladungen auf einen bestimmten Bereich im Gehirn begrenzt bleiben oder sich über das ganze Gehirn verbreiten, spricht man von einem fokalen (herdförmigen) oder aber generalisierten Anfall. Wie bei Spaniel Timmy beginnt bei vielen Hunden der Anfall im Schlaf. Der Grund dafür: Das Gehirn ist am instabilsten in der Einschlaf- und Aufwachphase.

Fokaler Anfall oder Verhaltensstörung?

Die Unterscheidung ist oft schwierig, da sich fokale Anfälle auf vielerlei Arten bemerkbar machen: Zum Beispiel durch „Im Kreis laufen“, Anbellen von eingebildeten Personen oder Gegenständen, vereinzelte Muskelzuckungen, Abwesenheiten („Ins Leere starren“), Fliegenschnappen und vieles mehr.

Bewusstseinsverlust bei generalisierten Anfällen

Eine deutliche Beeinträchtigung des Bewusstseins bis hin zum Bewusstseinsverlust kennzeichnet den generalisierten Anfall. Meist dauert dieser nur wenige Minuten. Danach erschlafft der Körper, die Hunde liegen auf der Seite, stehen aber bald wieder auf. Anfangs sind sie benommen, stoßen an Gegenstände und sind noch nicht ansprechbar. Auch Erregungszustände und Zwangsbewegungen, wie das „Im Kreis laufen“ des Spaniel-Rüden Timmy, kommen im Anschluss an einen Anfall häufig vor. Typisch ist auch Heißhunger nach einem Anfall; Die Vierbeiner versuchen fast gewaltsam, sich Futter zu verschaffen. Der Grund dafür ist, dass während eines Anfalls im Gehirn Hormone ausgeschüttet werden, die das Fresszentrum stimulieren. Es kann Stunden bis Tage dauern, bis die Tiere zu einem normalen Verhalten zurückfinden. Leider kommt es immer wieder vor, dass sehr viele Anfälle knapp hintereinander auftreten. Hier muss unbedingt mit Medikamenten, die die Erregungsüberleitung im Gehirn verzögern, eingegriffen werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Anfälle so rasch aufeinanderfolgen, dass sich das Tier dazwischen nicht mehr erholen kann. Mediziner sprechen dann vom „Status epileptikus“ – eine lebensgefährliche Notsituation, die ohne tierärztliche Hilfe tödlich ausgeht.

Lebenslange Therapie für Spaniel Timmy

Da sich nach gründlicher Durchuntersuchung gezeigt hat, dass Timmy an primärer Epilepsie leidet, verschreibt ihm seine Tierärztin Antiepileptika, um die Anfallshäufigkeit zu senken oder im – leider nur sehr seltenen – Idealfall sogar zu unterdrücken. Da Timmy sehr wahrscheinlich lebenslang therapiert werden muss, sind nun regelmäßige tierärztliche Kontrollen Pflicht, damit die Dosis der Medikamente seinem jeweiligen Zustand angepasst werden kann. Mehr über Epilepsie und den richtigen Umgang mit vierbeinigen Epileptikern erfahren sie im anschließenden Interview mit dem Neurologen der Veterinärmedizinischen Universität Wien.