Die Welt aus der Sicht des Hundes

Die Welt aus der Sicht  des HundesIch wache aus einem Albtraum auf und blicke direkt in die liebevollen Augen meiner Hündin, ihr Gesicht ganz nah an meinem. Sie tapst mich mit der Pfote tröstend an – unter dem Motto „Mach Dir keine Sorgen, ich bin eh bei Dir“ – und legt sich dann zufrieden grunzend wieder auf ihren Polster. Ob sie meinen unruhigen Schlaf bemerkt und meine Angst im Traum gerochen hat? Hat sie mich bewusst aufgeweckt? Wieviel verstehen Hunde eigentlich von uns? Wie nehmen sie uns Menschen und unsere gemeinsame Umgebung wahr? Grundsätzlich setzen Hunde die gleichen Sinne ein wie wir Menschen. Auch ist ihr Gehirn vom Prinzip her genauso aufgebaut wie unseres. Allerdings sind bei den Vierbeinern manche Hirnareale und die damit verbundenen Sinneswahrnehmungen stärker ausgeprägt.

Hervorragender Geruchssinn

So ist ihr ausgezeichneter Geruchssinn legendär. 10 Prozent des Gehirns eines Hundes sind für das Riechen zuständig, beim Menschen ist es nur ein Prozent. Noch größer ist der Unterschied in Bezug auf die Geruchswahrnehmung. Privatdozent Dr. Michael Leschnik von der Veterinärmedizinischen Universität Wien: „Die Nase eines Schäferhundes hat eine 30 mal größere Riechschleimhaut als die menschliche, zudem verfügt sie über 30 mal so viele Riechzellen. Ein Hund braucht daher weniger Geruchsmoleküle, um Gerüche schon sehr früh wahrzunehmen und kann sie auch besser differenzieren“. Trotzdem ist die häufig vorherrschende Meinung, Hunde orientierten sich fast ausschließlich nach dem Geruchssinn und ihr Sehvermögen sei eher vernachlässigbar, falsch.

Hunde können Emotionen aus Gesichtern ablesen

Es sei ein Missverständnis, dass Hunde die Welt nur mit der Nase wahrnehmen, räumt Univ.-Prof. Dr. Kurt Kotrschal vom Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien mit diesem Vorurteil auf. „Wie Wölfe sind sie hochgradig optisch und mit dem Gehör orientiert. Sie können die Gesichter ihrer Besitzer von anderen Gesichtern unterscheiden und Emotionen daraus ablesen.“ In der Regel erfassen sie die Stimmung eines Menschen optisch aufgrund der Gesichtsmimik und Körpersprache sowie durch den Tonfall und reagieren entsprechend darauf. Prof. Kotrschal: „Hunde haben von ihren Vorfahren, den Wölfen, ein feines Sensorium, um abschätzen zu können, in welcher Stimmung ein Mensch ist. Bei schlechter Laune ziehen sie sich entweder zurück oder versuchen, ihn aufzuheitern“. Es waren also wohl ein paar verzweifelte Laute im Schlaf, unruhige Bewegungen und der Geruch nach Stresshormonen, die meinen Hund dazu bewogen haben, mich „aufzuheitern“. Denn Angst selbst können sie nicht riechen. Es gibt schließlich keine Angsthormone, wie Dozent Leschnik dazu bemerkt.

Hunde sehen Farben

Auch die althergebrachte Ansicht, die Welt stelle sich dem Hund in Schwarz-Weiß bzw. ohne Rot dar, ist längst überholt. „Hunde sehen die Welt in Farbe, ihr Farbspektrum ist jedoch ein wenig in Richtung Blau verschoben“, so Dozent Leschnik. „Die beste Wahrnehmung haben sie daher im Blaubereich. Wie gut sie gewisse Rottöne registrieren, weiß man nicht so genau. Es stimmt aber nicht, dass sie kein Rot sehen“. Ihr Gesichtsfeld entspricht in etwa dem des Menschen. Besonders gut ausgeprägt sind ihr Dämmerungs- und Nachtsehen.

Die Nase als Wärmekamera

Dass Hunde in der Nacht auch auf große Distanz Lebewesen erkennen können, liegt einer neuesten Erkenntnis zufolge aber nicht nur an Sehkraft und Geruchssinn. Prof. Kotrschal: „Erst kürzlich fand ein schwedischer Forscher heraus, dass ein feuchter Nasenspiegel für den Hund die Funktion einer Art Wärmekamera ausübt. Damit kann er Objekte erkennen, die Wärme abstrahlen“.

Hunde beobachten gut

Viele Hundebesitzer betrachten ihren Liebling als Orientierungsgenie, weil dieser beispielsweise nach einer längeren Fahrt noch im Auto erkennt, dass er sich statt zuhause in der Stadt auf dem Weg zum Wochenenddomizil der Familie auf dem Land befindet. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine wundersame Gabe, sondern um die Kombination mehrerer Faktoren, die der Hund ebenso deuten kann wie der Mensch: Die Vorbereitungen seiner Besitzer, unbewusste in dieser Situation immer wiederkehrende Signale seiner Menschen, die Länge der Fahrt, die Veränderung der Umgebung (Ja, Hunde schauen sich auch die Landschaft an und merken, wenn Häuser weniger und Wiesen und Wälder mehr werden!) und natürlich der Geruchscocktail.

So hören Hunde

Und wie nehmen unsere vierbeinigen Freunde ihre Umgebung akustisch wahr? „Grundsätzlich unterscheidet sich der Geräuschpegel, den der Hund aufnimmt, nicht von dem des Menschen. Allerdings ist aufgrund der Ohrengröße ihre Schallwahrnehmung intensiver“, erklärt Dozent Dr. Leschnik. „Hunde hören nicht ganz so tiefe Töne wie der Mensch, dafür aber wesentlich höhere. Während unsere obere Hörgrenze bei 20.000 Hertz liegt, ist die der Hunde im Bereich zwischen 32.000 und 52.000 Hertz. Das erklärt auch, warum sie das berühmte für uns lautlose Hundepfeiferl sehr gut hören. Beim Musikgeschmack richten sich Bello und Co üblicherweise nach dem von Herrchen und Frauchen. Was sie gewöhnt sind, empfinden sie meist als akzeptable bis angenehme Geräuschkulisse, anderes – vor allem sehr laute Musik – eher als unangenehm. Untersuchungen in amerikanischen Tierspitälern zeigten übrigens, dass sich leise gespielte, sanfte und gleichmäßige Musik positiv und beruhigend auf die vierbeinigen Patienten auswirkte.“ Die meisten Hunde empfinden jedenfalls sehr laute Geräusche als bedrohlich. „Lärm, lautes Klatschen und Trampeln, abrupte Bewegungen rufen in einem Hund Angst hervor, ebenso wenn wir uns über ihn beugen, ihn körperlich bedrängen“, bestätigt Mag. Gudrun Braun, zuständig für zoologische Assistenz und Schulung beim Wiener Tierschutzverein. „Vor allem sehr behütete Hunde, die keinen Stress gewöhnt sind, reagieren darauf sensibel. Der Hund sollte allerdings auch lernen, mit gewissen Bedrohungen zu Recht zu kommen. Daher wäre es sinnvoll, in Spiel und Training hin und wieder lauter zu sprechen, aufzustampfen und große Handbewegungen einzubauen“. Selbstverständlich verknüpft mit einem Leckerli, damit solche Gesten positiv belegt werden.

Worte sind für den Vierbeiner Klangmuster

Grundsätzlich lieben unsere Vierbeiner sanfte Stimmen, jedoch klare Aussagen. Was aber versteht der Hund, wenn wir mit ihm sprechen? „Er versteht gewisse Worte, aber nicht im Sinne ihrer Bedeutung, sondern in der Abfolge der Klangfarben“, berichtet Dozent Leschnik. „Buchstaben erzeugen ein gewisses Klangmuster, diese kann der Hund sich für bis zu 100 Kommandos merken. Daher ist die Klangfarbe sehr wichtig, wenn wir Kommandos geben. Man sollte die Worte immer mit der gleichen Betonung und in der gleichen Länge sprechen“. Untersuchungen haben gezeigt, dass Hunde ein und dasselbe Kommando, das sie kennen, nicht verstehen, nachdem der Besitzer beim Zahnarzt eine Betäubungsspritze erhalten hat und undeutlich spricht oder das Kommando beispielsweise von einer kindlichen Stimme gegeben wird. Unsere Vierbeiner erkennen bis zu einem gewissen Grad auch, ob die Bemerkung „Ach bist Du ein lieber Hund!“ von einem Fremden ehrlich gemeint ist. Mag. Gudrun Braun: „Sie merken, ob ein Mensch in seinen Emotionen klar und gefestigt ist oder eine Unsicherheit überspielen will.“ Wenn Emotionen, Körpersprache und Tonfall nicht zusammen passen, irritiert ihn das. Hingegen ist Mag. Braun überzeugt von der Tierkommunikation mittels Bildern und Emotionen. „So ist es beim Abruftraining hilfreich, wenn ich bereits das Bild meines zu mir zurückkommenden Hundes im Kopf habe. Denn Bilder und Emotionen können transportiert werden.“

Sympathisch – unsympathisch?

In der Wahl ihrer zweibeinigen Freunde haben auch Hunde Präferenzen. Manche Mitmenschen sind ihnen von vornherein sympathisch, andere nicht. „Hunde sind Gewohnheitstiere. Wenn ein Mensch sich ungewöhnlich verhält, anders riecht, sich für den Hund eigenartig bewegt, dann mag er ihn vielleicht nicht“, erklärt Prof. Kotrschal. „Das ist aber nicht immer der Grund. Oft weiß man einfach nicht, woran es liegt, und die persönliche Präferenz des Tieres ist wie bei uns Menschen rational nicht erklärbar. Hunde sind eben auch nur Menschen!“ In ihrer Treue sind die Vierbeiner uns Zweibeinern allerdings weit überlegen. Sie zeigen oft sogar jenen Besitzern gegenüber absolute Loyalität, von denen sie schlecht behandelt werden. Prof. Kotrschal erklärt dies mit dem „Bindungshormon“ Oxytocin, das bei Hunden sehr stark ausgeprägt ist. „Hunde sind ebenso wie Wölfe Bindungstiere. Während Wölfe stark dem eigenen Rudel verhaftet sind, binden sich Hunde eher an den Menschen. Im Gegensatz zu Wölfen, die nur im Welpenalter eine enge Bindung zu einem Menschen, der sie aufzieht, eingehen können, sind Hunde dazu fähig, sich auch nach Monaten oder einigen Jahren an einen neuen Besitzer umzubinden.“ Damit sich aus der Bindung auch eine gute Beziehung zwischen Mensch und Tier entwickelt, sind gemeinsame Aktivitäten wie Spaziergänge, Sport und Spiele wichtig.