Der Wolf im Wohnzimmer

Ein vorprogrammiertes Problem

Trifft man die Entscheidung sich einen Hund zu nehmen, dann übernimmt man eine große Verantwortung – unter Umständen für die nächsten 16 Jahre! Es ist daher unerlässlich, sich vorher gut zu informieren und Beratung von kompetenter Stelle in Anspruch zu nehmen. Ein schlechtes Kriterium für die Auswahl eines Hundes ist der Wunsch nach einem seltenen, ausgefallenen und besonders beeindruckendem Tier. Hat dieser Wunsch doch zu der neuen Mode der Haltung von Wolf-Hund-Mischlingen geführt. Sie werden Wolfshunde, Wolfhunde oder auch Wolfshybride genannt. Ihr beeindruckendes Erscheinungsbild, der Reiz des Ursprünglichen und der hohe Anspruch, den diese Hunde an ihre Haltung stellen, wirken auf Menschen sehr anziehend. Ein „Wolf“ an der Leine durch die Stadt geführt, sorgt auf jeden Fall für Aufmerksamkeit.

Was ist ein Hybrid?

„Als Hybrid bezeichnet man eine Kreuzung zwischen verschiedenen Arten, Unterarten oder Zuchtstämmen“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Kurt Kotrschal, Mitbegründer des Wolf Science Center in Ernstbrunn. Eine einheitliche Begriffsverwendung findet man in der Literatur allerdings nur schwer. Auf jeden Fall sind Wolfhunde eine Kreuzung zwischen Wolf und Hund. Den Begriff Wolfshybrid muss man jedoch sensibel verwenden, um nicht zu implizieren, dass alle freilebenden Wölfe Hybride sind. Und streng genommen ist der Begriff nur für die ersten 4 Generationen anzuwenden, ab der 5. Generation sind diese Kreuzungen als Hunde zu benennen. So ist der Tschechoslowakische Wolfhund, ursprünglich 1955 aus einer Kreuzung von Karpatenwölfen mit deutschen Schäferhunden entstanden und inzwischen eine von der Fédération Cynologique Internationale, kurz FCI, anerkannte Hunderasse mit der FCI Nr. 332. Ebenso der Sarloos Wolfhund, eine Kreuzung von Sibirischen Wolf mit Deutschem Schäferhund mit der FCI Nr.311.

Der größte Unterschied zwischen Wolf und unseren Haushunden liegt aber nicht in der Genetik, sondern in der etwa 30.000 Jahre langen Domestikation unserer heutigen Haushunde. In der Natur zufällig entstandene Wolfhybride werden aus Artenschutzgründen – und nicht wie oft propagiert, weil sie durch ihren Hundeanteil weniger Scheu vor dem Menschen zeigen und daher gefährlicher sind – aus den Wildbeständen nach Möglichkeit entfernt.

Große Unterschiede zwischen Hund und Wolfhund

Laut der Expertise von Kurt Kotrschal unterscheidet sich der Haushund vom Wolfhund bereits in der Sozialisierungsphase. Wolfhunde sind in der frühen Entwicklung schneller als Hunde. Sie lernen früher, schneller und mehr, ganz besonders in der sensiblen Phase von der dritten bis zur zwölften Lebenswoche. Danach lernen sie etwas langsamer, und sie brauchen für die restliche Entwicklung bis zum Erwachsensein etwas länger als der Hund. Aus diesem Grund ist bei Wolfhunden der Sozialisierung in der sensiblen Phase ganz besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Dies ist umso wichtiger je größer der Wolfanteil ist. Das bedeutet, dass sie sehr intensiv sozialisiert werden müssen, täglich positive Interaktion mit Menschen, Artgenossen und allgemeinen zukünftigen Umweltreizen brauchen, um so eine bessere Vorbereitung auf das spätere Leben in einer für sie schwierigen Umwelt zu erhalten. „Was wir hier nicht an Grundvertrauen schaffen, können wir später nur mehr sehr schwer bis gar nicht aufholen“, verrät Kurt Kotrschal. Das Verhalten von Wolfhunden wird sich aber trotz aller Bemühungen von dem der Haushunde unterscheiden. Sie sind allgemein scheuer, vorsichtiger, aufmerksamer und schreckhafter. Der Wolfanteil in ihnen sorgt für ein ständiges Scannen der Umwelt. Und sie reagieren sehr schlecht auf Zurechtweisungen oder dominante Erziehungsversuche. Mit Härte im Training wird man gerade bei Wolfhunden keine guten Ergebnisse erzielen. Härte ist – genau wie bei Hunden – abzulehnen. „Nicht nur aus ethischen Gründen, sondern auch aus Sicherheitsgründen. Es wird keine Unterordnung ohne Gegenwehr geben“ warnt Kurt Kotrschal. So ursprünglich ihr äußeres Erscheinungsbild, so ursprünglich können auch ihre Reaktionen auf schwierige Situationen sein. Auf – aus ihrer Sicht – in die Enge getrieben zu sein und keine Wahl zu haben, können sie mit sehr explosiven, plötzlichen Abwehrreaktionen nach vorne antworten. Sie positiv zur notwendigen Kooperation zu bewegen ist eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe und erfordert weit mehr als Hundetraining-Standard-Wissen.

Lösungskompetent – reizempfindlich

Wolfhunde sind ausgezeichnete Beobachter und allgemein etwas besser im Nachahmungslernen als Hunde. Sie sind sehr lösungskompetent, was das Zusammenleben mit dem Menschen nicht unbedingt einfacher macht: Sie finden schnell heraus, wie man den Kühlschrank öffnet, Türen aufmacht und hohe Zäune überwindet. Das bedeutet, dass der Gartenzaun höher und stabiler sein muss und auch Türen bessere Sicherungen brauchen. Im Alltag werden die meisten Wolfhunde deshalb, trotz Sozialisierung, sehr anspruchsvoll bleiben. Mit der reizüberladenen Umwelt unserer Städte werden Wolfhunde nur schlecht bis gar nicht zurechtkommen und sich meist auch nicht daran gewöhnen können. Von der  Vorstellung eines entspannten Spaziergangs durch Einkaufsstraßen sollte man sich verabschieden. Da sind unsere Haushunde den Wolfhunden überlegen. Sie können sich mit uns an vielerlei Reize gewöhnen, sich den Umständen besser anpassen und mit ihnen leichter zurechtkommen.

Artgerechte Auslastung wichtig

Körperlich stellen Wolfhunde nicht den Anspruch an Auslastung, der ihnen oft unterstellt wird. Ganz ähnlich wie bei den Haushunden zählt Qualität vor Quantität, und die geistige Beschäftigung und Auslastung ist wichtiger als täglich kilometerweit zu laufen. Werden sie aber nicht richtig ausgelastet, schafft man sich weitgreifende Probleme im Alltag. Wolfhunde sind schnell gelangweilt und äußern dies dann in Zerstörungswut, Aggression oder mit „sich zurückziehen“ in teilweise extremen Ausmaßen. Die richtige und artgerechte Auslastung stellt also sehr hohe Ansprüche an unsere Zeit und Kreativität. Viel Zeit wird man generell mit ihnen verbringen müssen, da die meisten Wolfhunde große Probleme mit dem Alleinsein haben.

Sie leiden unter starkem Trennungsstress und äußern dies oft mit wahrer Zerstörungswut. Will man nicht regelmäßig seine Wohnung sanieren müssen, sollte man Wolfhunde nicht lange und oft allein lassen oder sie in einem sicheren Zwinger unterbringen, was unter Umständen schnell tierschutzrelevant wird.

Nuancierte Körpersprache

In ihrer Kommunikation sind Wolfhunde viel detaillierter und genauer als Haushunde. Ihre Körpersprache ist feiner und zeigt weit mehr Nuancen. Wolfhunde besitzen, wenn sie gut sozialisiert sind, eine hohe soziale Kompetenz. Das kann einerseits zu Problemen im Kontakt mit Artgenossen, die nicht gut sozialisiert sind oder sehr plump und unhöflich kommunizieren, führen. Es kann bei älteren, sozial kompetenten Wolfhunden aber auch beobachtet werden, dass sie dies unter Umständen gut kompensieren können und grobe Unhöflichkeiten einfach ignorieren. Vorsicht sollte beim Umgang mit sehr kleinen Hunden oder auch Kindern geboten sein. Diese können schnell den Beutegreifer-Instinkt auslösen.

„Je mehr Wolfanteil in dem Wolfhund steckt, desto schneller kann er von scheinbar absoluter Ruhe auf blitzschnelle, überraschende Reaktionen umschalten“, sagt Kurt Kotrschal. Wolfhunde gehen, entgegen mancher Meinungen, sehr starke Bindungen ein und benötigen diese auch. Nicht nur mit einer Person, sondern am besten mit dem ganzen Familienverband. Sie zeigen ihre Freude meist nicht so euphorisch nach außen getragen, wie beispielsweise ein Labrador, aber sie empfinden die Bindung deshalb nicht weniger intensiv.

Anspruchsvolles Training erforderlich

Der Wolfhund stellt auch höhere Ansprüche an seine Erziehung, an das Training mit ihm. Leopold Dekrout, Direktor der Hundeschule Hundefragen in Wien, hat Erfahrung mit dem Training von Wolfhunden. Auch er unterstreicht die enorme Bedeutung einer positiven und intensiven Sozialisierung. In vielen Punkten ähnelt das Training von Wolfhunden dem von unsicheren oder Angsthunden. Die Einheiten sollten kleinschrittig aufgebaut sein und viele Pausen eingelegt werden. Von immenser Bedeutung ist druckloses Arbeiten. Den Wolfhunden sollte auch die Möglichkeit der Selbstwirksamkeit aufgezeigt werden. Sie müssen zudem die Möglichkeit sehen, jederzeit den für sie notwendigen Abstand einzunehmen und Wahlmöglichkeiten erhalten. Rücksichtnahme auf die von ihnen angezeigten Bedürfnisse ist unerlässlich. Eine besondere Herausforderung in der Arbeit mit Wolfhunden ist es, ihnen die Scheu und Angst vor Reizen zu nehmen – in vielen Fällen wird es wohl eine unlösbare Aufgabe bleiben.

Wichtige Punkte sind klare Strukturen, das Lesen der feinen Körpersprache und die Fähigkeit, Orientierung geben zu können. Meine Trainerkollegin Melanie Kakuska lebt seit 6 Jahren mit

Chinook, ihrem Tschechoslowakischen Wolfhund zusammen. Sie beschreibt den Alltag mit ihm als Herausforderung und durchgehende Management-Aufgabe. Zu ihren größten Herausforderungen zählen der Trennungsstress und die Reaktionen auf Umweltreize. „Der Alltag wurde nach dem Wohlbefinden des Hundes eingerichtet und gestaltet, da er einerseits nicht alleine sein konnte, andererseits aber auch nicht überall hin mit konnte. Herausforderungen für uns sind großer Trubel und viele Begegnungen mit Mensch und Hund“, erzählt sie. Liest man auf der Homepage des Österreichischen Wolfhundeclubs (www.wolfhundeclub.at) nach, finden sich wiederholt ähnliche Erfahrungsberichte.

Warum überhaupt einen Wolfhund nehmen

Die Motive sich bei all den Schwierigkeiten und Herausforderungen eine solche Verantwortung aufzuerlegen, deutet Kurt Kotrschal folgendermaßen: „Unzureichende Informationen, falsches Einschätzen der Informationen und Unterschätzen der Aufgabe sind ebenso Gründe, wie der Reiz des Besonderen, des Außergewöhnlichen in Verbindung mit der Einstellung „Nicht für jedermann geeignet und sehr anspruchsvoll ist genau das Richtige für mich – ich schaffe das!“ Und immer wieder zählt leider das äußere Erscheinungsbild zu den Motiven. Wie schon erwähnt ist das kein guter Grund sich einen Wolfhund zu nehmen“. Schlussendlich schätzt Kurt Kotrschal den Anteil der Hundehalter, die große Begeisterung für Wölfe aufbringen, auf etwa 20%.

Endstation Tierheim oder Euthanasie

Was passiert mit den Wolfhunden, wenn die Besitzer erkennen, überfordert zu sein? Nun, zunächst gibt es diese Erkenntnis leider nicht immer. Die Wolfhunde reagieren auf schlechte Haltung, reduzierten Familienanschluss, Zwingerhaltung, oder harte Trainingsmethoden häufig mit Aggressionsverhalten. Wurde ein anderes Tier oder gar ein Mensch verletzt, ist Euthanasie „aus Sicherheitsgründen“ ein wahrscheinlich nicht seltenes Schicksal dieser Rassen. Manche werden im Hinterhof in einem sicheren Zwinger verwahrt, was an sich schon eine artgerechte Haltung ausschließt, die Probleme noch verschärft und für die Tiere eine wahre Qual darstellt. Oder es kommt zur Abgabe an ein Tierheim. Man sieht nicht viele Wolfhunde in Tierheimen, was an der insgesamt zum Glück geringen Anzahl dieser Tiere liegen mag. „Zum Glück“, weil es ganz einfach nur sehr wenige Menschen gibt, die eine artgerechte Haltung und Beschäftigung über viele Jahre hinweg garantieren können und das notwendige Wissen über diese Hunde besitzen und auch umsetzten können. Elisabeth Platzky, Leiterin des Tierheims Ternitz in Niederösterreich, konnte keine generelle Zunahme an Wolfhunden in Tierheimen in den letzten Jahren bestätigen. Aber sie erzählte mir von Phasen, in denen Wolfhunde vermehrt abgegeben werden. Die verantwortungsvolle Vermittlung von Wolfhunden gestaltet sich schwierig, der Kreis der Menschen, die dafür in Frage kommen, ist sehr begrenzt.

Univ.Prof.Dr. Kurt Kotrschal, Leopold Dekrout und Melanie Kakuska haben nahezu idente Empfehlungen für Menschen, die mit dem Gedanken spielen, einen Wolfhund aufzunehmen: Informationen sammeln und nach Möglichkeit auch live erleben. Die Informationen wirklich ernst nehmen und sich ehrliche Gedanken darüber machen, ob man dem Anspruch dauerhaft gerecht werden kann und das auch will. Und ob man über Jahre hinweg ausschließen kann, den Wolfhund in für ihn unmögliche Situationen zu bringen. Ob man den Platz hat und die Zeit für dieses anspruchsvolle Tier aufbringen kann.

„Meiner Erfahrung nach ist ein Wolfhund kein Hund, der, wie viele andere Hunde, lockerflockig neben einem her lebt und den man problemlos überall hin mitnehmen oder jedem X-Beliebigen in die Hand drücken kann. Darüber sollte man sich im Vorhinein völlig im Klaren sein. Und dass es jede Menge Arbeit, Nerven, Konzentration und Geduld erfordert“, sagt Hundetrainerin Melanie Kakuska. Bestehen in einem Punkt Zweifel, lautet die deutliche Empfehlung, von der Haltung eines Wolfhundes Abstand zu nehmen.

Besonders eindringlich warnt Kurt Kotrschal vor sogenannten High-End Hybriden. Diese Importe, meist aus den USA, Tschechien oder der Slowakei haben etwa 80 Prozent Wolf und 20 Prozent Hund in sich und sind in keinem Fall für eine private Haltung, auch nicht in einem großen Garten, geeignet.

Marcus Killer
Assistenztrainer in der Hundeschule
„Hundefragen“ • www.hundefragen.at