Der Papagei als Patient

Der Papagei als Patient

Neben Hund, Katze und kleinen Heimtieren sind Papageien die am häufigsten beim Tierarzt vorgestellten Haustiere. Ganz vorne in der Haltungsstatistik liegen Wellensittiche und Nymphensittiche. Aber auch größere Papageien wie Graupapagei, Amazonen, Kakadus und Aras werden als Haustiere gehalten. Wobei die Haltung sich in den letzten Jahren deutlich verbessert hat, da die Haltungsrichtlinien im Österreichischen Tierschutzgesetz verankert wurden. So wurde die Käfighaltung wesentlich verbessert und die vorgeschriebenen Ausmaße für Volieren vergrößert. Und ganz wichtig: Die Einzelhaltung dieser sehr sozialen Tiere wurde verboten. Obwohl die Bedingungen gesetzlich verbessert wurden, sehen wir in unserer auf Exoten spezialisierten Praxis doch immer wieder haltungs- und fütterungsbedingte Erkrankungen, die sich durch Sachwissen vermeiden bzw. minimieren lassen würden. Auch bieten unsere österreichischen klimatischen Bedingungen nicht die optimalen Lebensumstände für Vögel, die natürlicherweise im Urwald von Afrika, Asien, Südamerika oder Australien leben. Neben Infektionskrankheiten leiden Papageien am häufigsten an Erkrankungen, die durch schlechte oder falsche Fütterung bzw. Haltung hervorgerufen werden. Unausgewogenheit von wesentlichen Nahrungsbestandteilen, wie z.B. ein Überangebot an Fetten sowie schlechte Mineralstoffverhältnisse verursachen über kurz oder lang Stoffwechselstörungen, deren Symptome dem Vogelhalter häufig erst sehr spät auffallen. Ein Kardinalfehler ist, dass viele Vögel nach wie vor eine ausschließliche Körnerdiät vorgesetzt bekommen. Daraus picken sie sich meist nur die Sonnenblumenkerne oder Erdnüsse heraus, da diese fett sind und daher gut schmecken. Vor allem Sonnenblumenkerne haben aber ein schlechtes Kalzium-Phosphor-Verhältnis, was zu schwerwiegenden Mangelerscheinungen und daraus resultierenden Krankheiten führen kann.

Hypocalzämie der Afrikanischen Graupapageien (Hypoparathyreodismus)
Die oben angeführten Fütterungs- und Haltungsfehler können Afrikanische Graupapageien zu in akuter Lebensgefahr schwebenden Notfallpatienten machen: Nicht nur, dass das Verhältnis von Kalzium zu Phosphor in der Fütterung nicht stimmt, werden die Vögel auch noch in Innenräumen ohne UV-Licht gehalten. Und damit beginnt der Weg in die Krise: Durch den Mangel an UV-Licht fehlt den Tieren ein wesentlicher Faktor in der Vitamin D-Synthese, so dass aus den ohnehin schon kalziumarmen Sonnenblumenkernen noch weniger Kalzium aus dem Magen- Darmtrakt in den Organismus aufgenommen wird. Die Folge davon ist, dass der Graupapagei zu krampfen beginnt, von der Stange hinunterfällt und schreiend in einer Käfigecke liegt (Foto 1). In dieser Situation hat der Besitzer nicht lange Zeit zuzuwarten, sondern muss schnellstens tierärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, wenn das Leben seines Tieres noch gerettet werden soll. Um diese Erkrankung in Zukunft zu verhindern und dem Tier das Bestmögliche an Futter und artgerechter Haltung zu bieten, ist viel Aufklärungsarbeit von Seiten des Tierarztes und entsprechende Einsicht des Besitzers nötig.

Legenot
Viele Vogelhalter glauben, dass einzeln gehaltene weibliche Vögel keine Eier legen. Abgesehen vom tierquälerischen Aspekt der Einzelhaltung von Papageien, die ja inzwischen auch verboten ist, trifft dies nicht zu. Weibliche Vögel benötigen zur Eiablage nicht den Reiz und auch nicht die Befruchtung durch einen männlichen Vogel, weshalb immer – auch nach Jahren der völligen geschlechtlichen Isolation und Inaktivität – die Gefahr einer Legenot besteht. Ist man früher davon ausgegangen, dass ein zu großes Ei für die Legenot verantwortlich sei, weiß man heute, dass in den meisten Fällen (mehr als 90%) ein Mangel an Kalzium zu einer Störung beim Transport des Eies im Legedarm (beim Vogel wird üblicherweise nicht zwischen Eileiter und Uterus unterschieden, sondern beide gemeinsam als Legedarm bezeichnet) führt und es damit zu einem Festsitzen des Eies und den Symptomen der Legenot kommt. Es ist dies ein absoluter Notfall und muss so schnell wie möglich diagnostiziert und behandelt werden, um das Leben des Tieres zu retten.

Adipositas (Fettsucht)
Zu wenig Bewegung der Vögel in den Volieren und die fettreiche Ernährung sind Wegbereiter für Wohlstandserkrankungen wie Fettleibigkeit und Arteriosklerose und für die daraus resultierenden Krankheiten. So entgleist der Leberstoffwechsel sehr häufig auf Grund der fettigen Degeneration des Organs. Die Tiere zeigen oft ein schlechtes, stumpfes Federkleid, häufig Verfärbungen der Federn aufgrund von Ablagerung von Gallefarbstoff in den Federn und Juckreiz. Durch das erhöhte Körpergewicht kann es zu Gelenkproblemen kommen, was sich in Bewegungsunlust und Schonung der Extremitäten oder Flügel zeigt – ein wahrer Teufelskreis, da ein Vogel mit Schmerzen sich wenig bewegt und dadurch noch dicker wird. Durch die Gefäßveränderungen bei der Arteriosklerose kann es zu Kreislaufproblemen und leider auch zum plötzlichen Tod der Tiere durch Gefäßzerreißung kommen. Da die Gefäßwände ihre Elastizität verloren haben, können sie plötzlich reißen, was zum schnellen Verbluten der Tiere führt.

Aspergillose
Die Körnernahrung, die unsere Papageien angeboten bekommen, ist nicht nur sehr fett und unausgewogen in den Mineralstoffverhältnissen und Vitaminen, sondern enthält auch noch sehr häufig Schimmelsporen (Aspergilllus) und die Gifte der Schimmelpilze (Aflatoxine).< Die Vögel nehmen die Körner in den Schnabel und öffnen sie, gleichzeitig atmen sie jedoch ein und nehmen mit jedem Atemzug die Schimmelsporen auf, die sich in den Luftsäcken anlagern. Wegen des schlechten Immunsystems der Vögel – bedingt durch falsche, unausgewogene Ernährung und zu wenig Vitamine – können die Pilze sich dann an den Luftsäcken anlagern und zu schweren Atemwegserkrankungen führen (Foto 2). Die Tiere zeigen hochgradige Schweratmigkeit und sind – ähnlich wie die Afrikanischen Graupapageien mit Hypokalzämie – echte Notfallpatienten und benötigen Intensivtherapie (Foto 3). Die Gifte der Schimmelpilze schädigen Leber und Niere und verursachen schwere Stoffwechselvergiftungen, die ebenfalls eine intensive Therapie erfordern. Leider werden Tiere mit Aspergillose meist sehr spät und in äußerst schlechtem Zustand in der Ordination vorgestellt. Dies schägt sich negativ auf den Behandlungserfolg nieder, da die Organveränderungen oft bereits zu schwer sind und die medikamentelle Therapie sehr häufig erst im Endstadium – also zu spät – eingesetzt wird.

Gicht
Vitaminmangel, Schadstoffe wie Aflatoxine und schlecht ausbalanzierte Diäten können zu Nierenschädigungen mit daraus resultierender Gicht führen. Meist merkt der Besitzer vorerst gar nichts. Die Tiere sind manchmal etwas ruhiger und fressen weniger. Das am häufigsten wahrgenommene Symptom ist die viele Flüssigkeit in den Ausscheidungen. Leider werden auch die meisten Gicht-Patienten in einem sehr späten Stadium vorgestellt, wenn ein Großteil der Nierenzellen schon kaputt ist und sich nicht mehr regenerieren kann. Bei Gelenksgicht kommt noch die Schmerzhaftigkeit der Gelenke dazu, die man auch aus der Humanmedizin kennt.